9punkt - Die Debattenrundschau

Texte von und zu

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.06.2015. Hilft der internationale Druck? Raif Badawi wurde gestern nicht ausgepeitscht, berichtet die FAZ. Nach dem Richtfest des Humboldt-Forums hoffen die Medien, dass am außereuropäischen Wesen Deutschland genesen wird. Libération berichtet über die Erfolge der Israel-Boykottbewegung unter Popmusikern. In der Welt lotet Wolfgang Schivelbusch Napoleons Waterloo aus. Und Surrealismus: Bei der Verleihung eines Preises für Zeitdiagnostik an Enzensberger wird Morozov Schirrmacher rezitieren.

Politik

Die Peitschenhiebe für Raif Badawi sind am Freitag nach internationaler Kritik ausgesetzt worden, berichtet Markus Bickel im FAZ.Net. Unter dem neuen König Salman hat sich Badawis Lage im Lauf des Jahres durch die Bestätigung der Strafe trotzdem verschärft. Und "Badawis Anwalt, Walid Abu al Kheir, wurde im Februar in eine Haftanstalt tausend Kilometer von seiner Familie entfernt verlegt. Im Februar hatte ein Gericht die Strafe von 15 Jahren Haft und Zahlung von umgerechnet 47.000 Euro bestätigt, die ein Jahr zuvor gegen al Kheir gefällt worden war, weil er sich auf dem Kurznachrichtendienst Twitter und gegenüber ausländischen Medien kritisch geäußert hatte."

Die Idee des Israel-Boykotts wird unter Popmusikern immer einflussreicher, schreibt François-Xavier Gomez in Libération. Selbst Gegner der Boykott-Bewegung BDS wie der malische Sänger Salif Keita haben aus Angst vor Druck Konzerte abgesagt. "Im Lauf der Jahre haben sich Elvis Costello, Vanessa Paradis, Carlos Santana, Annie Lennox, Neil Young oder Brian Eno einer langen Liste boykottierender Künstler angeschlossen. In Großbritannien hat die Bewegung eine besondere Tragweite bekommen, die hier mit Roger Waters von Pink Floyd ihren militantesten Aktivisten hat." Die inzwischen 88-jährige Juliette Gréco hat sich allerdings trotz dringender Boykottaufforderungen nicht einschüchtern lassen und ist im Mai in Tel Aviv aufgetreten!

Die Presse meldet, dass die Pussy-Riot-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa gestern festgenommen wurde: "Sie und ihre Mitstreiterin Katrin Nenaschewa gingen am Freitag in einer Häftlingsuniform auf den Bolotnaja-Platz im Zentrum Moskaus und nähten dort demonstrativ eine russische Flagge."
Archiv: Politik

Kulturpolitik

Im Tagesspieges schreibt Bernd Scherer vom Haus der Kulturen der Welt mit Blick auf das kommende Humboldt-Forum und seinen außereuropäischen Fokus: "In dem Moment, in dem nicht europäische Künstler, Kuratoren, Kritiker und gesellschaftliche Akteure die Bühne des Museums betreten, werden ihre Perspektiven endlich wahrgenommen. Aus den "Gesammelten" werden "Handelnde". Mit den Documentas von Catherine David und Okwui Enwezor gelangen ihre Stimmen in die Weltöffentlichkeit. Heute ist die Einbeziehung von Künstlern, Denkern und Akteuren aus anderen Weltteilen längst nicht mehr nur moralisch geboten, sie ist überlebenswichtig geworden."

In der Welt berichtet Hannah Lühmann vom Richtfest. In der SZ erinnert Lothar Müller daran, dass es es sich bei "Kultur" keineswegs um eine harmlose Sache handelt.

Geschichte

Auch wenn Napoleons Schicksal auf dem Wiener Kongress so gut wie besiegelt war, bleibt für Cord Aschenbrenner in der NZZ Waterloo eine der ganz großen Entscheidungsschlachten der Geschichte. Für alle, die es noch nicht wussten: "Die Kämpfe gehörten zu den härtesten und zähesten der Napoleonischen Kriege, über dem Stunden dauernden Gemetzel lag undurchdringlicher grau-weißer Pulverdampf aus Kanonen und Musketen. Bis zum Nachmittag war der Ausgang der Schlacht ungewiss, dann erschienen Blüchers Preußen auf dem Schauplatz. Sie waren nach den Kämpfen bei Ligny dem sie verfolgenden französischen Marschall Grouchy entkommen. Die Grande Armée zerfiel unter dem Ansturm der Alliierten, weder heroische Kavallerieangriffe des Marschalls Ney noch Napoleons legendäre "Alte Garde" vermochten das Blatt zu wenden."



"Paris - Dôme des Invalides - Tombeau de Napoléon" von Thesupermat - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Welt-Autor Marc Reichwein spricht mit Wolfgang Schivelbusch, der gerade ein Buch über die Kultur der Niederlage verfasst hat, über Napoleons Waterloo: "Die Völkerschlacht von Leipzig 1813 war entscheidend, aber nicht rückgratbrechend. In Frankreich galt immer noch das Credo vom zwar blutsäuferischen Wohltäter, aber immerhin Wohltäter. Nur deswegen konnte die Rückkehr Napoleons nach seiner ersten Verbannung auf Elba zum Triumphzug werden. Und nur so konnte es passieren, dass Napoleon, obwohl er in weiten Teilen Frankreichs und außerhalb als Verbrecher bezeichnet wurde, 1840 dennoch zurückgeführt wird. Seither liegt er im Pantheon, dem französischen Kyffhäuser." Das stimmt nicht ganz: Er liegt, prächtig dargeboten, aber doch nicht als "grand homme", im Invalidendom.

Der Historiker Frank Rexroth rühmt in der NZZ die vor achthundert Jahren unterzeichnete Magna Carta, stellt aber auch klar, dass sich die "Große Urkunde der Freiheiten" nicht als Argument für eine britische Sonderstellung gegenüber Europa eignet: "Lange schon gilt die Erzählung von der "quality of uninterruptedness", ja vom britischen Exzeptionalismus als ideologisch und überholt."
Anzeige
Archiv: Geschichte

Kulturmarkt

In der Welt fallen Konstantin Richter eine ganze Reihe von Gründen ein, warum die Verlage mit ihren E-Book-Singles nicht bei Leserinnen und Lesern landen. Zum Beispiel das fantasielose Angebot: "Da ist die Short Story, die jahrelang auf dem Harddrive gelegen hat, weil kein Verlag sie haben wollte. Der Professorenvortrag, dessen Manuskript ohnehin schon vorhanden war. Die Seite-3-Reportage, die mit Bonusmaterial zur Maxiversion erweitert wird. Von den enormen Möglichkeiten, die das E-Book hinsichtlich Hyperlinks und Bild- und Videomaterial bietet, macht die Buchsingle noch kaum Gebrauch. Sie führt kein Eigenleben, ist kein neues Genre, bloß ein zusätzlicher Absatzkanal."
Archiv: Kulturmarkt
Stichwörter: E-Book-Singles

Internet

Manche Tweets dürfen ab Juli bis zu 10.000 Zeichen lang sein, berichtet Denise Bergert bei heise.de unter Bezug auf das Twitter-Blog. Das gilt allerdings nur bei Direktnachrichten zwischen Twitter-Nutzern: "An der Länge herkömmlicher Tweets soll sich auch in Zukunft nichts ändern. Die beliebten Textbeiträge seien auch weiterhin auf 140 Zeichen begrenzt. Die Direktnachrichten sollen durch die Anhebung der Zeichenmenge offenbar einen höheren Stellenwert erhalten, um bei privaten Unterhaltungen mit Messaging-Konkurrenten wie Facebook oder WhatsApp gleichziehen zu können."

Für Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen ist das Internet mindestens so unheimlich wie Atomkraft, berichtet Daniel Hawiger in Netzpolitik und zitiert Äußerungen Maaaßens bei einer Tagung über Internetsicherheit: "Man habe mit Nordkorea einen Angreifer, welcher nicht einmal einen einzigen Geldautomaten besitze, gleichzeitig aber sei es ein Land, welches Cyberangriffe ausübe. Maaßen sagte weiter, es bereite ihm größte Sorge, wie unbekümmert die Bevölkerung das Internet wahrnehme, während andere das Netz für Propaganda und Sabotage nutzen. Anders als bei der Atomkraft, bei der es eine Ausstiegsmöglichkeit gäbe, sei das Internet Realität."

Gawker, einst ein Vorreiter der digitalen Medienrevolution, sieht heute schon ein bisschen alt aus und hat mit denselben Problemen zu kämpfen wie Traditionsmedien, schreibt Jonathan Mahler in einem New York Times-Blog: Wie die Traditionsmedien "muss Gawker sich in einem frenetischen Ökosystem behaupten und sich fragen, in welchem Ausmaß seine Inhalte den sozialen Medien angepasst werden, die immer mehr bestimmen, was die Leute lesen und gucken. Und anders als seine Wettbewerber - BuzzFeed, Vice, Vox - verfügt Gawker nicht über Dutzende Millionen Dollar Risikokapital."

Google droht in einem Brief an die Verleger, das österreischische Google News einzustellen, falls Österreich ein Leistungsschutzrecht nach deutschem Vorbild einführt, melden der Wiener Kurier (hier) und heise.de (hier). Und in Frankreich streitet Google laut Politico.eu weiter um das Recht auf Vergessen, weil französische und europäische Behörden fordern, dass Google umstrittene Suchergebnisse nicht nur in Europa, sondern weltweit löscht.
Archiv: Internet

Medien

In der FAZ mokiert sich Jürgen Kaube unter häufigem Gebrauch des in der taz beliebten Wörtchens "Staatsknete" darüber, dass die taz für ein Bauprojekt Wirtschaftsförderung erhält und dem Kenntnisstand Kaubes nach nicht darüber berichtet.

Denkbar mies sei seit dem Tod von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher die Stimmung im Feuilleton des Blattes, schreibt Kai-Hinrich Renner in seiner stark beachteten Medienkolumne beim Handelsblatt: "Wichtige Redakteure wie Nils Minkmar und Volker Weidermann, die Schirrmacher nahe standen, haben die Zeitung verlassen." Nun berichtet Renner, dass der Jahreszeiten-Verlag für seine Zeitschrift Architektur und Wohnen den FAZ-Redakteur Niklas Maak gewinnen wolle.

In der FAZ wird unterdessen gemeldet, dass der erste Schirrmacher-Preis für brillante Zeitdiagnosen an den Überraschungskandidaten Hans Magnus Enzensberger geht. Bei der Preisverleihung gibt"s auch eine Performance: "Der Netztheoretiker Evgeny Morozov wird Texte von und zu Frank Schirrmacher lesen."

Weiteres: Jens-Christian Rabe fragt in der SZ allen Ernstes: "Kann man im Zeitalter der Zerstreuung mit Late-Night-Comedy den öffentlichen Diskurs retten?"
Archiv: Medien