9punkt - Die Debattenrundschau

Mit stiller agnostischer Lust

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.05.2015. In der Zeit will sich Alain Finkielkraut nicht in die Lügentherapieschule schicken lassen. Außerdem streiten Patrick Sensburg und Constanze Kurz über die Macht der Geheimdienste. Die taz berichtet, wie Nahost-Experte Jürgen Todenhöfer die Prinzessin des Nahen Ostens hofierte. Der Guardian berichtet, dass Palmyra unter die Kontrolle des IS gefallen ist. Der Tagesspiegel lernt von Stephen Greenblatt, was uns eine Erektion des Augustinus eingebracht hat. In der FR versichert der Religionssoziologe Detlef Pollack: Auf lange Sicht vertragen sich Politik und Religion nicht. Und die Berliner Zeitung erkennt den tieferen Sinn von Katzenvideos.

Europa

Im Gespräch mit Georg Blume wettert der Philosoph Alain Finkielkraut in der Zeit gegen die geplante Reform des französischen Schulwesens: "Wir müssen die französische Geschichte nicht als patriotischen Roman lehren, aber mit ihrem Licht und Schatten. Die Reformer hingegen wollen eine Geschichte lehren, die aus unseren Verbrechen besteht, eine Weltgeschichte, die dem Islam größeren Platz einräumt, damit die Kinder arabischer Abstammung mehr Anerkennung spüren und die Einheimischen ihre Arroganz verlieren. Das ist nicht die Schule des Wissens, sondern eine Lügentherapieschule. Im Namen des Zusammenlebens der Kulturen führt man die Propaganda ein."
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Überwachung

Die Zeit bringt den CDU-Politiker und Vorsitzenden des NSA-Untersuchungsausschusses Patrick Sensburg mit der Netzaktivistin Constanze Kurz an einen Tisch. Dabei geht es um die Frage, worin eigentlich die Aufgabe von Geheimdiensten in einer Demokratie bestehen können. Sensburg: "Ich bin überzeugt, dass wir Geheimdienste brauchen, aber sie müssen nicht die gleiche Philosophie verfolgen wie die Amerikaner: erst einmal so viele Daten wir möglich zu sammeln und hinterher zu recherchieren. Wenn man nur auf Signalaufklärung setzt statt auch auf "Human Intelligence", dann steht man vor einem riesigen Berg von Daten, die kein Mensch mehr analysieren kann." Und Kurz: "Das stimmt nicht, die NSA kann diese Daten sehr wohl analysieren. Nur hat das Weiße Haus gerade selber einen Bericht vorgestellt, in dem nicht ein einziger Fall von effektiver Terrorbekämpfung bei dieser riesigen Sammelwut herausgekommen ist. Die NSA stand mit runtergelassenen Hosen da. Aber nicht, weil sie in den Daten ertrinkt. Sondern weil sie andere Interessen verfolgt. Es geht um Macht."

In der FAZ meldet Jürg Altwegg helle Freude bei den Schweizer Tourismusbehörden über die Neukartografierung des Landes durch Google Street View. Menschen, Autokennzeichen und sensible Orte - Frauenhäuser, Bordelle oder Psychiatrien - mussten nach Intervention des obersten Datenschützers unkenntlich gemacht werden. Bleibt "eine einzige Postkarte in 3D".
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Gesellschaft

Nichts verbindet die globale Welt so sehr wie Katzenvideos, weiß Dirk Pilz in der Berliner Zeitung und sucht nach einer Erklärung: "Das Katzenvideo ist so beliebt und das Katzenquälvideo so verpönt, weil das Erfreuen an Katzenfilmen respektive das Erregen über Katzenquälereien es einem erlaubt, wenigstens für ein paar Katzenvideominuten lang weder an sich selbst noch an all die anderen Menschen noch an das große Ganze denken zu müssen. Denn denkt man daran, muss man fürchten, verrückt zu werden."

Für ein großes Porträt in der Zeit trifft Uwe Jean Heuer Larry Page im Silicon Valley und erkennt in ihm den Homo Faber des Internetzeitalters, für den Effizienz und technischer Fortschritt höchster Ausdruck von Vernunft sind: "Verzichtet man auf Daten oder erschwert man deren Sammlung, geht Fortschritt verloren." Ähnlich sieht er die Sache mit dem Steuernzahlen.

Beim Global Summit of Women in Sao Paulo erfährt Alexandra Borchardt in der SZ nicht nur, dass nicht nur Frauen in Westen Schwierigkeiten haben, sich in Führungspositionen zu etablieren: "Mit genau denselben Themen ringen auch Frauen in Malaysia, Indien, Brasilien und Südafrika, die zusätzlich mit häuslicher Gewalt und fehlenden Bildungschancen für Mädchen zu tun haben."

Ebenfalls in der SZ spricht Cathrin Kahlweit mit dem Historiker Dean Vuletic über die politische Dimension des Eurovision Song Contest, etwa für Austragungsland Österreich: "Die Österreicher sagen immer, sie gewännen sonst nichts - außer Skirennen."
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Medien

In der taz berichtet Ambros Weibel von den herzlichen Beziehungen, die Nahost-Experte Jürgen Todenhöfer zum Assad-Regime unterhielt. Die Website NOW dokumentiert seine Mails an Assads Medienberaterin Sheherazad Jaafari, die er als "Dear princess of the Middle East" hofierte: "Am 18. Dezember schreibt Todenhöfer: "In Germany I am beeing heavily criticised for allegedly beeing to friendly about your president and not critical enough. But that"s live. I have some great ideas for you and your country." Und ergänzt hellsichtig: "But unfortunately emails are not very confidential.""

Nach all dem Gezeter um seine Berufung als Mitglied der Spiegel-Chefredaktion verlässt Nikolaus Blome das Unternehmen nun knapp zwei Jahre später wieder, berichtet Christian Meier in der Welt und lernt daraus: "Bei dem Nachrichtenmagazin mag man vielleicht durch seine Arbeit überzeugen, doch das überzeugt nicht alle Redaktionsmitglieder."

Auf Slate gibt es ein weiteres Interview mit dem Zeichner Luz über Charlie Hebdo, sein Buch "Catharsis" und die erste Nummer nach dem Anschlag: "Ich musste mich wirklich zwingen. Ich hatte allen gesagt, ich könnte nicht mehr zeichnen, aber am nächsten Tag fing ich gleich damit an. Ich lachte und weinte gleichzeitig." Auf Rue89 fordert Pierre Haski, Charlie Hebdo zu vergesellschaften, um zu verhindern, dass "einige wenige" dieses öffentliche Gut für sich allein reklamieren.
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Religion

Im FR-Interview mit Joachim Frank spricht der Religionssoziologe Detlef Pollack über Modernisierung, Säkularisierung und die Verbindung von Religion und Politik: "Die Verbindung mit nicht-religiösen Inhalten - wie etwa politischen oder nationalen - wirkt für die Religion vitalisierend, so lange die Menschen sie als zweckdienlich erachten. Aber auch nur so lange. Danach kommt es zu Abstoßungsbewegungen. In den USA etwa gehen viele gerade aufgrund der politischen Interpretation des Evangeliums auf Distanz zur Religion. Oder denken Sie an die Rolle der orthodoxen Kirche in Russland. Sie gilt als Stabilisatorin des Putin-Regimes. Aber damit ist sie Teil des Herrschaftsapparats."

Gregor Dotzauer berichtet im Tagesspiegel von Stephen Greenblatts Berliner Mosse-Lecture über die Bekehrung des Augustinus, die der amerikanische Literaturwissenschaftler "mit stiller agnostischer Lust" als Geschichte einer sehr weltlichen Erektion erzählte, die zur Lustfeindlichkeit im Christentum führte: "Wenn man aus der Verkettung ihrer biografischen Elemente etwas Universelles für das Semesterthema "Konversionen" lernen kann, ist es die Art und Weise, wie jemand einem zufälligen lebensgeschichtlichen Ereignis im Nachhinein Notwendigkeit verleiht: Autobiografische Konsistenz, legt Greenblatt nahe, gibt es nur um den Preis teleologischen Denkens - gerade in der radikalen Umkehr mitten im Leben."

Wie eng das Verhältnis zwischen Luther und den Fürsten wirklich war, erfährt Matthias Kamann in der Welt nicht in der gleichnamigen Torgauer Ausstellung, sondern beim Spaziergang durch die Stadt: "Torgau steht für das Bündnis zwischen administrativ beschlagenen, wortmächtigen und religiös wild entschlossenen Intellektuellen einerseits und Herrscherhäusern andererseits, die sich von jener Elite sowohl zu tieferer Frömmigkeit führen als auch dabei helfen ließen, ihre Gebiete effektiver zu verwalten und sich selbst mit neuen Befugnissen auszustatten. Somit fällt neues Licht auf das alte Problem, ob die Reformation von unten kam, von aufbegehrenden Volksmassen, oder von oben, von machtbewussten Fürsten. Entscheidend war wohl das Dazwischen."


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Geschichte

Im Freitag weist Erhard Schütz darauf hin, dass der Angriff auf das Passagierschiff Lusitania im Ersten Weltkrieg durch ein deutsches U-Boot in Großbritannien und den USA - anders als bei uns - nicht vergessen ist. Sven Felix Kellerhoff berichtet in der Welt, dass die Pferdestatuen von Hitlers Reichskanzlei bei einem Hehler entdeckt wurden.
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Politik

Im Guardian meldet Kareem Shaheen, dass Palmyra jetzt doch unter die Kontrolle des IS gefallen ist: "Aktivisten der Stadt und des syrischen Observatory for Human Rights erklärten, dass ein Großteil von Palmyra am Mittwoch gefallen sei, kurz nachdem Assads Regime die meisten Zivilisten evakuiert hätte und die Truppen in die westlichen Hochburgen zurückgekehrt seien."

Der Politologe Herfried Münkler hat den Begriff der asymmetrischen Kriegführung geprägt - nun ist er selbst das Opfer einer solchen. Im Gespräch mit Adam Soboczynski in der Zeit verteidigt er sich gegen die im Blog Münkler-Watch vorgebrachte anonyme Kritik an seiner Vorlesung "Politische Theorie und Ideengeschichte" an der HU Berlin: "Man wirft mir zum Beispiel vor, dass Frauen als Denkerinnen in der Vorlesung zu wenig Beachtung finden. Wenn ich die Ideengeschichte von Platon bis heute darstelle, sind intellektuelle Frauen eben in der Minderheit. Ich arbeite in dieser Einführungsveranstaltung einen relevanten Kanon ab und betreibe keine Postcolonial Studies. Es heißt dann, das sei eurozentristisch und rassistisch. Ich kann die Geschichte aber nicht nach Belieben verändern, damit sie ins politische Raster einiger Leute passt."

Doris Akrap unterhält sich mit dem kroatischen Philosophen Srecko Horvat über dessen marxistisches Subversiv-Festival und die Zukunft des Kapitalismus. Mit Straßenprotesten oder dem Dasein als Champagnerlinker will sich Horvat nicht mehr zufrieden geben: "Es muss ein neues Modell von Demokratie entwickelt werden. Und ich glaube nicht, dass es die Idee der Multitude von Antonio Negri und Michael Hardt ist. Es ist nicht verwunderlich, dass der Titel des neuen Buches der beiden "Leadership" sein wird. Beeinflusst von dem Erfolg von Syriza und Podemos wollen sie nun zeigen, dass die horizontale Demokratie mit einer Vertikalität verbunden werden muss."
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