9punkt - Die Debattenrundschau

Wir sind so crazy, wir sind so anders

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.05.2015. Die NZZ berichtet, dass Russland jetzt auch Wissenschaftler als feindliche Agenten aus dem Land jagt. In der Berliner Zeitung erkennt Götz Aly im Volksentscheid die Geheimwaffe zur neubürgerlichen Besitzstandswahrung. In der taz wünscht sich Barbara Muraca die Freiheit, ein langlebiges Smartphone kaufen zu können. Das Münkler-Blog übt öffentliche, aber immer noch anonyme Selbstkritik. Die New York Times meldet unterdes, dass Neil LaBute sein Stück "Mohammed Gets a Boner" zurückgezogen hat.

Politik

Unter Pseudonym berichtet ein Historiker in der NZZ, dass in Russland jetzt auch Wissenschaftler als Agenten ausgewiesen werden, die in Archiven forschen, wie es zuletzt der britischen Studentin Laura Sumner widerfuhr. Sumner wurde unter großem Jubel staatstreuer Medien als Spionin an den Pranger gestellt: "Das Muster ist immer das gleiche: Die Historiker arbeiten ein oder zwei Tage im Archiv und werden dann "in flagranti" ertappt. Juristisch gesehen ist das Vorgehen der Behörden korrekt. Es gibt spezielle Visa für "wissenschaftlich-technische Kontakte", deren Beschaffung indes nicht immer leicht ist. Bisher war die Einreise mit einem Geschäfts- oder Touristenvisum unter westlichen Forschern üblich und wurde nicht geahndet."

Robert Briest in der Berliner Zeitung befasst sich weiter mit dem anonymen Studentblog Münkler-Watch, das jetzt aber auch die öffentliche Selbstkritik wieder in ihr Recht setzt: Erklärung eines Mitautors: ""Münkler ist nicht mal besonders schlimm, sondern Abbild der Gesellschaft, in der Sexismus und Rassismus Alltag sind und nicht hinterfragt werden." Vieles sei Interpretation. Einige der Zitate, derentwegen Münkler Sexismus vorgeworfen wird, habe er selbst nicht als problematisch empfunden. Jedoch seien sich die Frauen in der Gruppe jeweils einig gewesen. "Das zeigt, dass vielleicht auch bei mir dafür nicht so das Bewusstsein da war.""

Weiteres: Das FR-Interview mit Ljudmila Ulitzkaja über Russlands Monokultur ist jetzt online. Eine große Zukunft prophezeit Jacques Schuster in der Welt der AfD nicht mehr: "Selbstsüchtige Nomaden, rechte Eigenbrötler, Murrköpfe und Zeloten gewinnen vielleicht eine Wahl - zwei nur sehr selten, drei hintereinander nie." Olaf Henkels Forderung, die AfD von rechten Mitgliedern zu "säubern", veranlasst Matthias Heine in der Welt, der unrühmlichen Geschichte des Wortes nachzuspüren.
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Gesellschaft

In der Berliner Zeitung lästert Götz Aly gegen das neubürgerliche Milieu der Besitzstandswahrer, das seine Interessen zunehmend mit Hilfe von Bürgerentscheiden durchsetzt: "Dort propagieren diejenigen, die zum Beispiel angenehmst am Mauerpark wohnen und deshalb Neubauten zu verhindern trachten, mit schalem Witz die "GeiselNahme" von Andreas Geisel, seines Zeichens Senator für Stadtentwicklung - nicht für eigennützigen Stillstand. Die Seite Leute am Teute führt zum Teutoburger Platz am Pfefferberg. Die "Leute am Teute", anderswo Gentrifizierer genannt, kümmern sich um "volle Windeln und freche Krähen", haben dem Bezirksamt einen Müllcontainer abgebettelt, den sie "Liselotte" tauften, und finden es schick, gegen weitere Luxuswohnungen nahe ihrem so bescheidenen "Teute-Quartier" mobil zu machen."

Im FAZ-Interview mit Melanie Mühl spricht der Psychiater Frank Urbaniok über Pathologien im Alltag und systemkonforme Aggressionen und die Dauerwut: "Menschen, die ständig unter Strom stehen und sich über alles aufregen: den Staat, die EU, die Justiz. Viele Medien, insbesondere Boulevardmedien, bewirtschaften diese Empörung bewusst mit ihrer Dauerpropaganda und Skandalisierung. Ein Beispiel ist die Beschimpfungswut im Internet - denken Sie an die Leserkommentare."
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Medien

Ganz so unabhängig wie angenommen war die 1971 erstmals veröffentlichte Spiegel-Serie "Pullach intern" über den BND wohl doch nicht, erfährt Andreas Förster in der Berliner Zeitung aus einer Studie des Historikers Jost Dülffer. Vom Kanzleramt und BND monierte inhaltliche Widersprüche wurden vom Spiegel berücksichtigt, im Gegenzug wurden Informationsgespräche zugesichert. Für Förster "ein Lehrbeispiel dafür, wie journalistische Unabhängigkeit geopfert wird, wenn man einen publizistischen Erfolg erreichen kann. Ein Konflikt, der auch im heutigen Journalismus noch aktuell ist".

Christian Meier ist in der Welt mit dem neuen ZDF-Format "Heute+" ganz zufrieden, sieht aber vor allem beim Informationsgehalt noch Luft nach oben: "So sehr es stimmt, dass die klassischen Nachrichten im Fernsehen zu institutionalisiert, zu verquast daherkommen - so sehr nervt auch die Attitüde: Hey, wir sind so crazy, wir sind so anders, das macht euch bestimmt ganz fertig, oder?"

Weiteres: In der FR berichtet Axel Veiel von den Verwerfungen bei Le Monde, die Zeitung steht gerade kopf- und führungslos da. Der BBC-Reporter Peter Lobel und drei seiner Kollegen sind in Katar festgenommen worden, weil sie angeblich "unbefugt Privateigentum betreten" hätten, berichtet Paul-Anton Krüger in der SZ. Dabei ist klar: "Lobel wurde offenbar von seiner Einreise an überwacht."
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Ideen

In der New York Times berichtet Jennifer Schuessler, dass Neil LaBute sein Stück "Mohammed gets a Boner" (Mohammed bekommt einen Steifen) zurückgezogen hat. Es sollte bei einem Festival gegen Zensur gezeigt werde, wurde jedoch von der katholischen Diözese abgesetzt, in deren Sheen Center das Festival stattfinden sollte. Aber auch am neuen Austragungsort will LaBute das Stück über einen Schauspieler namens Mohammed nicht mehr zeigen, um nicht die ganze Aufmerksamkeit auf sich und von anderen Stücken weg zu ziehen. Schuessler zitiert ihn: ""Ehrlich, ich will wirklich keinen Hass säen oder jemanden beleidigen", sagte er, "ich wollte mit meinem Stück zum Nachdenken anregen und ich glaube, diese Gelegenheit wurde vertan.""

Im Tagesspiegel beleuchtet Christiane Peitz die Hintergründe und stellt fest: "Offenbar reflektiert "Mohammed Gets a Boner" eben jenen psychologisch-politischen Mechanismus von Rücksichtnahme und (Selbst-)Zensur, dem LaButes Werk nun zum Opfer fiel."

Im taz-Interview mit Hannes Koch denkt die Philosophin Barbara Muraca über unsere Begriffe von Fortschritt und Freiheit nach: "Die heute propagierte Freiheit besteht bei genauer Betrachtung nur darin, einen Lebensstil auszusuchen. Diejenigen, die genügend Geld besitzen, genießen eine große Optionsvielfalt. Man kann in der Stadt oder auf dem Land leben, Berufe und zahlreiche Produkte auswählen... Die politische Freiheit, die ich meine, wäre weiter gefasst. Sie bedeutet, auch den gesellschaftlichen Rahmen der Produktion mitgestalten zu können. Wie kommen die Produkte zustande, die wir kaufen, decken sie unsere Bedürfnisse, brauchen wir sie überhaupt? Warum kann ich heute kein Smartphone erwerben, das 20 Jahre lang funktioniert?"
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