9punkt - Die Debattenrundschau

Abgründe bodenloser Enttäuschung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.05.2015. In Libération empört sich Caroline Fourest über die Verkehrung von Opfern und Tätern in der Diskussion um Charlie Hebdo. In der SZ fragt die Charlie-Redakteurin Zineb El-Rhazoui, wie man ihr Islamophobie vorwerfen kann. In der NZZ sampelt DJ Spooky  Sun Ra, Apps und Open-Source-Kultur zu einem afrofuturistischen Rhizom. In der FAZ brandmarkt der Filmemacher und einstige Black Panther Jamal Jospeh die Umwandlung der amerikanischen Polizei in eine Besatzungsarmee. In der Berliner Zeitung schlägt Volkwin Marg vor, das Berliner Kulturforum zu untertunneln.

Ideen

Im Interview mit Libération empört sich Caroline Fourest über die Kritiker von Charlie Hebdo, die dem Blatt Rassismus vorwerfen, oder wie Emmanuel Todd und Régis Debray seinen Sympathisanten einen "totalitären Flash" oder "demokratischen McCarthyismus" vorwerfen: "Diese Intellektuellen haben die Umkehrung der Welt intellektualisiert. Mit gelehrten Worten, gepudert mit theoretischem Snobismus, wird die Veranwortung zwischen Täter und Opfer total umgedreht. Diejenigen, die mit friedlichen Mitteln die Freiheit verteidigt haben, werden zu Gewalttätigen, und diejenigen, die sie zensieren wollen oder milderne Umstände für die Täter verlangen, sollen die Opfer eines intellektuellen Terrorismus sein. Das ist unerhört. Ich habe Emmanuel Todd für sein Buch "Le destin des immigrés" bewundert. Heute frage ich micht, ob seine Methoden damals wirklich zuverlässig waren."

Im Gespräch mit Christian H. Meier in der SZ spricht die französisch-marokkanische Charlie-Hebdo-Redakteurin Zineb El-Rhazoui über die Grabenkämpfe in der Zeitschrift, ihre inzwischen zurückgenommene Kündigung, das von Anwälten übernommene Sagen und "Islamophobie" als Kampfbegriff: "Wir leben in einer säkularen Gesellschaft, jeder hat das Recht, Religionen zu kritisieren. Daher greifen die Radikalen zum Vorwurf der Islamophobie, um ihren Kritikern den Mund zu verbieten. In islamischen Theokratien haben sie andere Instrumente: Wer den Islam kritisiert, wird getötet oder ausgepeitscht wie Raif Badawi in Saudi-Arabien. Hier haben sie kein anderes Mittel, als von Islamophobie zu sprechen. Das Problem beginnt, wenn Leute wie ich ins Spiel kommen..."

In der NZZ verabschiedet der Multimediakünstler Paul D. Millier alias DJ Spooky Ideen von Urheberschaft und Einmaligkeit ins 20. Jahrhundert. Die Zukunft liegt für ihn im Sampeln, bei Sun Ra und dem Afrofuturismus: "Die afrikanische Idee einer Open-Source-Kultur stand doch Modell sowohl für I-Tunes und Google als auch für die ganze rhizomatische Art des Geschichtenerzählens im Internet. Marshall McLuhan sprach schon in den 1960er Jahren von einem "New Africa". Er meinte damit eine Kultur des geteilten Wissens, des ständigen Austauschens und Modifizierens. Hip-Hop ist vor vierzig Jahren aus diesem Geist entstanden, heute beflügelt er die App-Designer."
Archiv: Ideen

Kulturpolitik

Zur geplanten Neugestaltung des Berliner Kulturforums meldet sich der Hamburger Architekt Volkwin Marg mit einer echten Idee zu Wort, verkündet Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung: "Marg schlägt vor, dessen Hauptübel, den Autoverkehr, wenigstens ästhetisch verschwinden zu lassen, einen Tunnel für die Potsdamer Straße zu bauen, die Staatsbibliothek so an die Museen heranrücken und im Zentrum des Kulturforums einen luftigen Skulpturen- und Kunstgarten entstehen zu lassen. Dieser würde den Tiergarten erweitern, die Museen, die Philharmonie und die Staatsbibliothek regelrecht in Grün tauchen."

Politik

Jamal Joseph, einst inhaftierter Black Panther, heute Filmemacher und Professor, spricht mit Jonathan Fischer in der FAZ über die Situation von Schwarzen in Amerika, die Gefängnisindustrie und Polizeigewalt: "Das hat mit der Militarisierung unserer Polizei zu tun. Wir rüsten unsere Polizei mit derselben Gerätschaft aus wie unser Militär, sie bekommen dasselbe Training wie das Militär, und sie reagieren wie Militärs, wenn sie einen Krisenschauplatz betreten. Man denkt, sie sollten Bürger beschützen. Aber sie benehmen sich wie eine Besatzungsarmee, die den Feind bekämpft."

Völlig wahnwitzig findet in der taz die grüne Menschenrechtspolitikerin Barbara Lochbihler die geplanten europäischen Militäreinsätze gegen Schleuser: "So menschenverachtend das Gebaren der Schleuser auch sein mag: Sie zu einer derartigen Bedrohung für die kollektive Sicherheit hochzustilisieren, ist absurd."
Anzeige
Archiv: Politik

Internet

In der SZ macht Bernd Graff seinem Ärger über Online-Pranger Luft: "Die überreizte Aufmerksamkeit des Publikums weiß schon gar nicht mehr, wohin sie sich zuerst wenden soll. Denn nicht nur Münkler-Watch funktioniert in diesem Modus, auch fast alle "#Aufschreie" kommen so daher, die spontan ausgerufenen "Gates" bedienen die Empörung ebenso, die Hotel-, Ärzte- und Lehrerbewertungen sowieso, die Kommentarspalten von Online-Medien sind voll von Skandalparanoia ("Lügenpresse"), viele, viele Kundenrezensionen und Bewertungsportale führen so Beschwerde. Man kann keinen USB-Stick mehr kaufen, ohne auf Abgründe bodenloser Enttäuschung zu stoßen."

Am Rande der Ehrung von Joan Baez und Ai Weiwei durch Amnesty International macht sich der künftige Volksbühnen-Chef Chris Dercon Sorgen um die Freiheit des Internets, berichten Kerstin Krupp und Steven Geyer in der Berliner Zeitung: "Inzwischen wird kaum etwas so strikt überwacht und kontrolliert wie gerade dieses Internet. Es ist zu einem neuen Überwachungsinstrument geworden."
Archiv: Internet

Medien

Michael Hanfeld träumt in der FAZ mit dem Berliner Thinktank Prometheus des FDP-Politikers und Eurogegners Frank Schäffler von der Privatisierung von ARD und ZDF: "ARD und ZDF bekämen nicht mehr den inzwischen als "Demokratieabgabe" verbrämten Zwangsbeitrag, sondern müssten sich dem Publikum wirklich als besonders wertvoll erweisen."

Boris Herrmann beschreibt in der SZ, wie der venezolanische Fernsehsender Telesur zum absurd ideologischen Regierungssender verkommen ist. In der Welt verabschiedet Hannes Stein David Letterman: "Im Grunde handelt es sich bei all seinen Nachahmern aber um Geister, die aus dem dampfenden Kaffeebecher von David Letterman gestiegen sind."
Archiv: Medien

Geschichte

Beate Seel unterhält sich in der taz mit dem Archäologen Andreas Schmidt Colinet über Palmyra als multikulturelles Zentrum der Antike: "Schon in der Antike hat Palmyra den Welthandel zwischen den Römern und China kontrolliert und ist damit enorm reich geworden. Wir würden heute von globalisiertem Handel sprechen. Wir haben Seiden aus China gefunden, die bis nach Rom gehandelt wurden, und Kollegen in China haben Gläser aus Köln gefunden, die über Palmyra bis dorthin gebracht wurden. Daran können Sie erkennen, wie der Kulturaustausch und damit der Waren- und Ideenaustausch zwischen Ost und West seine Schnittstelle in Palmyra hatte."
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Palmyra