Efeu - Die Kulturrundschau

Von Verzückung bis Erheiterung

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06.05.2015. Der ganze Aufbruch im Museum - Berliner Zeitung und FAS besuchen die große Fassbinder-Ausstellung in Berlin. Die NZZ steht bewundernd vor dem Krauthobel aus der Küchenlade Adalbert Stifters. In der Polar Gazette denkt Thomas Wörtche über "Pulp" nach und blutige Steaks. America is hard to see, lernt die NZZ in der Inaugurationsausstellung des neuen Whitney Museums.

Film


Bild: Peter Gauhe, Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main.

Dieser Tage wäre Rainer Werner Fassbinder 70 Jahre alt geworden. Die Berliner Festspiele ehren den deutschen Autorenfilmer mit einer großen Schau im Martin-Gropius-Bau. Grund für Harald Jähner, in der Berliner Zeitung nochmal die spezifische Fassbinder-Filmästhetik aufzuarbeiten. Aber auch über die Ausstellung selbst, in der unter anderem auch zeitgenössische, von Fassbinders Filmen inspirierte Arbeiten zu sehen sind, verliert er ein paar Zeilen: Vor allem staunt er über ein einzelnes Blatt Papier. Darauf "brachte Fassbinder einen kompletten Drehplan über 30 Tage mit 27 Schauspielern handschriftlich in Kolonnen unter. Dieses scheinbar animalische Instinktwesen, das sich so gern in seinem räudigen Charisma suhlte, war ein echtes Organisationsgenie."

Ein "leises Unbehagen" befiel Peter Körte, so "ein Leben & Werk in Vitrinen, Ausschnitten, Objekten geordnet und stillgestellt zu sehen", schreibt er in der FAS (nachträglich online gestellt). "Der ganze Aufbruch und die Melancholie des Scheiterns, alles in einer Zeitkapsel luftdicht verpackt. Man kann das gar nicht den Machern der sehenswerten Ausstellung anlasten. Bei Temperamenten wie eben Pasolini und Fassbinder fällt es einem nur noch schmerzhafter auf, was passiert, wenn der Film ins Museum kommt."

Für die taz spricht Dietmar Kammerer mit der Kulturwissenschaftlerin Karin Harrasser, die zu Science Fiction forscht und eine bedauerliche Tendenz in diesem Genre identifiziert: "Niemand traut sich mehr, positive Zukunftsszenarien zu lancieren. Außer vielleicht die Marketingabteilung von Apple."

Weitere Artikel: In der Welt berichtet Daniel Kothenschulte von den Oberhausener Kurzfilmtagen, die sich den experimentellen Möglichkeiten der 3-D-Filmtechnik widmeten. Claudia Lenssen porträtiert in der taz die Schauspielerin Laura Tonke, die ab heute in Sonja Heiss" "Hedi Schneider steckt fest" im Kino zu sehen ist. Uwe Schmitt schreibt in der Welt zum 100. Geburtstag von Orson Welles. In der FAZ berichtet Bert Rebhandl von Kurzfilmtagen in Oberhausen, deren 3D-Schwerpunkt Dunja Bialas von Artechock sichtlich ermüdete. Und im Pulp-Schwerpunkt der Polar Gazette wirft Sonja Hartl nochmal einen genauen Blick auf Quentin Tarantinos "Pulp Fiction", der vor 21 Jahren ins Kino kam und damit die Filmgeschichte umkrempelte.

Besprochen werden der deutsche Episoden-Horrorfilm "German Angst" von u.a. Jörg Buttgereit (critic.de), Jennifer Kents Horrorfilm "Der Babadook" ("ein Meilenstein", feiert Dietmar Dath in der FAZ),Ula Stöckls und Katrin Seybolds Interviewfilm "Die Widerständigen" (Filmlöwin), Joanna Kos-Krauzes und Krzysztof Krauzes "Papusza - Die Poetin der Roma" (Filmlöwin), die österreichische Serie "Vorstadtweiber" (FR, ZeitOnline), Margarethe von Trottas "Die abhandene Welt" (Berliner Zeitung), die Miniserie "P"tit Quinquin" (Standard), eine Ausstellung zu Ehren der Brüder Lumière im Grand Palais in Paris (Standard), Marjane Satrapis Horrorkomödie "The Voices" (Standard) und Benoît Jacquots "3 Herzen" (Standard).
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Literatur


Der erste Blick ins Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek Wien. Foto: Österreichische Nationalbibliothek/APA-Fotoservice/Daniel Hinterramskogler

In der NZZ stellt Georg Renöckl beschwingt das neue österreichische Literaturmuseum in Wien vor: "Wie es sich für ein Museum gehört, sind dort allerlei Devotionalien zu besichtigen, die im Betrachter Gemütszustände von Verzückung bis Erheiterung auslösen können, etwa ein Krauthobel aus der Küchenlade Adalbert Stifters, Heimito von Doderers Morgenmantel, Peter Handkes Wanderschuhe oder ein Regiestuhl, auf dem Ernst Jandl gesessen ist. Doch natürlich geht es hier nicht nur um mehr oder weniger auratische Gegenstände, sondern vor allem um die viel schwerer einzufangende "Vielfalt und Vielstimmigkeit" der österreichischen Literatur, die abzubilden und erfahrbar zu machen Bernhard Fetz unternommen hat, der neben dem österreichischen Literaturarchiv nun auch das der Nationalbibliothek zugeordnete Literaturmuseum leitet."

In der aktuellen Polar Gazette denkt Thomas Wörtche über Bedeutungsverschiebungen des Begriffs "Pulp" nach und schließt am Ende schlicht: "Pulp ist das ethisch, moralisch, ästhetisch und erkenntnistheoretisch satisfaktionsfähige Vergnügen an schmutzigen und deswegen spannenden und guten Dingen: wie große blutige Steaks, Pommes, Rotwein, Orujo und Kartoffelchips."

Weiteres: In der Welt berichtet Thomas Schmid über den Staatsakt im italienischen Senat zu Ehren des 750. Geburtstages Dante Alighieris. Friedmar Apel (FAZ) schreibt zum Tod des Literaturwissenschaftlers Eberhard Lämmert.

Besprochen werden Barbara Honigmanns "Chronik meiner Straße" (FR), Arthur Conan Doyles Arktis-Tagebuch "Heute dreimal ins Polarmeer gefallen" (FR), Annika Reichs "Die Nächte auf ihrer Seite" (ZeitOnline), Aike Arndts Comic "Das Nichts und Gott" (Tagesspiegel), Kristine Bilkaus "Die Glücklichen" (SZ) und Heinz Reins wiederaufgelegter Weltkriegsroman "Finale Berlin" (FAZ).
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Bühne

Mit einer großen Würdigung verabschiedet sich tazlerin Esther Boldt von Choreograf William Forsythe, der nach der laufenden Spielzeit seine Company verlassen wird: "Immer wieder neu stellt sich Forsythe die Frage, was Tanz ist und was Choreografie, der Zukunft zugewandt und neugierig, ja hungrig nach dem suchend, was er noch nicht kennt, noch nicht versteht."

Und: In der SZ porträtiert Cornelia Fiedler den Newcomer-Regisseur Thom Luz, der mit seiner Inszenierung von Judith Schalanskys "Atlas der entlegenen Inseln" zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist.

Besprochen werden eine Lübecker Bühnenbearbeitung von Fassbinders "Welt am Draht" (taz) und das Stuttgarter Tanzprogramm "Infinity" von Gauthier Dance (SZ).
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Musik

Nadine Lischick unterhält sich für die Berliner Zeitung mit Martin Gore von Depeche Mode über dessen neues Solo-Album, auf dem es auch eine Europa-Hymne zu hören gibt. Dazu Gore: "Ich rede nicht gerne über die Songs, weil ich es eigentlich sehr schön finde, den Leuten lediglich den Titel und die Musik hinzuwerfen und sie damit auf eine Reise in ihre eigene Fantasie zu schicken. Aber ich sage mal so: Ich hatte das Gefühl, dass Beethovens Europahymne etwas zu fröhlich für das moderne Europa ist. Es brauchte ein paar mehr Moll-Akkorde."

Weitere Artikel: In der taz porträtiert Jens Uthoff den Berliner Underground-Musiker und Musikverleger Guido Möbius. Und für The Quietus spricht Annette Barlow mit Brian Shimkowitz, der auf Awesome Tapes of Africa verschollene Preziosen afrikanischer Popmusik wieder zugänglich macht. Hier eine Hörprobe von Hailu Mergia, eine seiner liebsten Wiederentdeckungen:



Besprochen werden das neue Album der Alabama Shakes (Standard), eine szenische Aufführung von Händels Oratorium "Il trionfo del Tempo e del Disinganno" am Landestheater Linz (Standard), ein Brahms-Konzert von David Garrett und den Wienern Symphonikern (SZ) und ein Konzert zu Ehren des im Februar gestorbenen Musikkritikers Gerhard Rohde bei den Badenweiler Musiktagen (FAZ).
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Kunst


Mary Ellen Bute (1906-1983), Synchromy No. 4: Escape, 1937-1938. 16mm film, color, sound, 4 min. Whitney Museum of American Art, New York; purchase, with funds from the Film, Video, and New Media Committee 2014.101 © Estate of Cecilie Starr

Andrea Köhler besucht für die NZZ in New York Renzo Pianos Neubau für das Whitney Museum, den sie perfekt findet für die große Inaugurationsausstellung: ""America is hard to see" - die nach einem Gedicht von Robert Frost überschriebene Schau widerlegt und bestätigt das Diktum des Dichters, nach dem das Gefundene - wie die Entdeckung Amerikas, auf die sich die Verse beziehen - mit dem Gesuchten nicht immer identisch ist. Allem voran aber ist die Ausstellung, die rund 600 Werke aus der Sammlung zeigt, eine grandiose Bestandsaufnahme der über Jahrzehnte ungesehen in den Depots gelagerten Kunst. Thematisch gebündelt und chronologisch geordnet, erstreckt sie sich über fünf Etagen des achtstöckigen Gebäudes und führt exemplarisch vor, welch ingeniösem Impuls der Architekt in der Vollendung seiner Mission gefolgt ist, das Erlebnis der Kunst in den Mittelpunkt zu stellen, ohne den urbanen Herzschlag der Umgebung zu ignorieren."

Weiteres: In der taz berichtet Brigitte Werneburg, im Tagesspiegel Nicola Kuhn von der Eröffnung der Biennale in Venedig.

Besprochen werden die Ausstellung "Der doppelte Kirchner" in der Kunsthalle Mannheim (NZZ) und eine Ausstellung der jüngsten Bilder von Hubert Schmalix im BA-Kunstforum in Wien (Presse).
Archiv: Kunst