9punkt - Die Debattenrundschau

Der gravierende Bedeutungsverlust des Schreibens

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.02.2015. In Huffpo.fr fragt der Journalist Mohamed Sifaoui: Was meinen jene, die sagen: "Ich bin nicht Charlie." In der Welt findet Richard Herzinger, dass sich Rinks und Lechts zum Verwechseln ähnlich sehen. In der FAZ bewältigt Marcel Beyer Pegida mit Dante. Bild meldet: Die Öffentlich-Rechtlichen kriegen jetzt soviel Gebühren, dass sie sparen können. Die NZZ berichtet über den Niedergang von al-Dschasira. Milo Rau setzt in der taz seine Serie über den Kongo fort.

Politik

Der Regisseur Milo Rau setzt in der taz seine Artikelserie über den Kongo und die dort stattfindenden Verbrechen fort. Diesmal berichtet er von dem Massaker im Dorf Mutarule, bei dem 35 Frauen und Kinder von Milizen ermordet wurden: "Die UNO-Truppen waren, trotz zahlreicher Warnungen, gerade mit einer ihrer üblichen Versöhnungsaktionen beschäftigt und trafen erst vier Tage nach dem Massaker in Mutarule ein. Die kongolesische Armee, die aus ökonomischen Gründen mit den Angreifern paktierte, hatte sich in der Nacht vor dem Angriff zurückgezogen. Die Mörder ihrerseits wurden gefasst und wieder freigelassen. Das Dorf, das auf einer zentralen Route des Coltan- und Goldschmuggels liegt, ist unterdessen von seinen Bewohnern verlassen worden."

Das Zusammengehen von Links- und Rechtspopulisten in Griechenland ist für Richard Herzinger in der Welt kein Betriebsunfall, sondern ein Zeichen der Zeit: "Ob es gegen den zur Quelle aller Weltübel dämonisierten "US-Imperialismus", die
"Nato-Kriegstreiber", das "internationale Finanzkapital" oder den "Zionismus" geht - in Inhalt und Terminologie sind Links- und Rechtsaußen schier ununterscheidbar geworden. Zwar hyperventiliert die Linke über Pegida. Parolen auf deren Kundgebungen wie "Wir sind keine Ami-Knechte", "Lügenpresse" oder "Putin hilf!" könnten aber ebenso gut auf der Seite linker Gegendemonstranten auftauchen."

In seiner Dankesrede für den Bremer Literaturpreis (heute in der FAZ abgedruckt, online hier zu lesen) versucht sich Marcel Beyer mit Dantes Höllengesängen über Pegida in seiner Heimatstadt Dresden zu beruhigen, kann aber folgende Vision nicht umgehen: "Allwöchentlich wird da ein Rednerwagen im öffentlichen Raum plaziert, ein eigentümliches, zwischen Kühlanhänger und Marktstand schwankendes weißes Gefährt, in dem man, wird seine Längsseite geöffnet, unwillkürlich erwartet, einem Wandermetzger beim Keulen eines Mastschweins zuzusehen."

Weiteres: Micha Brumlik erkennt in seiner taz-Kolumne in den Sympathien der AfD für Pegida ungefähr die heimliche Liebe des Bürgertums für politische Desperados, die auch schon bei der RAF wirkte: "Ausdruck der vor sich selbst verborgenen geheimen Lust zuzuschlagen." In der NZZ macht sich Joachim Güntner angesichts von AfD und Pegida Gedanken über den Dialog mit dem politischen Gegner, über Konsens und Ausgrenzung.
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Europa

Schon vorgestern brachte Vice ein Interview mit dem Karikaturisten Luz, der unter anderem erzählt, wie er am 7. Januar zu spät in die Redaktionskonferenz kam und seine Kollegen tot vorfand und warum er - trotz der temporären Pause von Charlie Hebdo - nicht aufhört zu zeichnen. Laut Standard soll Charlie Hebdo am 25. Februar wieder erscheinen. Für die Berliner Zeitung berichtet Jutta Harms vom Comicfestival in Angoulême, das ebenfalls im zeichen der Pariser Massaker stand. Berichte dazu auch in FAZ und SZ.



Mohamed Sifaoui hat in huffpo.fr nicht sehr viel Sympathie mit jenen, die ostentativ sagen "ich bin nicht Charlie". "Die Rhetorik hinter dem Satz "Ich verurteile die Attentate, aber ich bin nicht Charlie", der vor allem von dem islamistischen Guru Tariq Ramadan gewählt wurde und seine Anhänger flugs übenahmen..., bedeutet nichts anderes als "Wir verurteilen die Attentate, um die Öffentlichkeit einzuschläfern, aber wir haben nicht die geringste Empathie für die Opfer.""

Der Standup-Comedian Oliver Polak spricht im Interview mit Andreas Scheiner von der Berner Zeitung über die antisemitischen Attentate in Frankreich: "Wenn ich sehe, wie in Frankreich, wie in Europa jüdische Kinder vor Kindergärten erschossen, wie gezielt jüdische Menschen angegriffen werden - und immer seltener sagt jemand etwas... Oder man überhört Gespräche: "Ah, drei jüdische Kinder wurden erschossen, sind ja selbst schuld, weil was die da in Israel machen .." Diese Haltung, da wird einem natürlich schlecht. Auch als im Sommer die Demonstrationen waren wegen Gaza, wo Linke, Rechte und Weltverschwörungstheoretiker sich vereinten und Israelfahnen verbrannt wurden..."

Daniela Segenreich-Horsky tut sich im israelischen Küstenstädtchen Netanya um, wohin ein Großteil der französischen Juden in den vergangenen Jahren ausgewandert ist. Unter anderem spricht sie mit Roger Boukobza: "Er selbst kam schon vor zehn Jahren nach Israel, weil er sich in Frankreich nicht mehr wohl fühlte: "Doch heute herrscht dort nicht nur Angst, sondern eine echte Gefahr", sagt der heute 67-Jährige. "Wenn man mit einer Kippa geht, riskiert man, angegriffen zu werden." Das Argument, dass ja auch Israel kein ungefährliches Pflaster sei, ist für ihn nicht relevant: "Hier sind wir zu Hause, wir sind alle solidarisch, und die Armee ist stark.""
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Kulturpolitik

In der FAZ fürchtet Andreas Kilb nach einer Anhörung zum Thema, dass sobald nicht mit einem Museum der Moderne in Berlin zu rechnen ist.
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Urheberrecht

Vorsicht, das Popsternchen Taylor Swift hat sich ihre genialen Textzeilen markenrechtlich schützen lassen, warnt Felix Zwinzscher in der Welt: ""This Sick Beat" dürfen wir nicht auf Seife drucken, als Schlüsselring entwerfen oder in einen Spiegel ritzen. Aber diese kleine Göre, hätten wir fast gesagt, macht da noch lange nicht halt. "Party Like It"s 1989", "Could Show You Incredible Things" und "Nice To Meet You. Where You Been?", alles erfolgreiche Swift-Zeilen, sind mit den gleichen Beschränkungen versehen."
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Stichwörter: Taylor Swift, Urheberrecht

Geschichte

Als "gefühlsroh, gedankenfaul und wissenschaftlich uninformiert" attackiert Götz Aly in der Berliner Zeitung den FU-Präsidenten Peter-André Alt. Aly wirft ihm vor, dass dieser im vorigen Jahr sieben Säcke voller menschlicher Gebeine, die Bauarbeiter auf dem Gelände gefunden hatten, habe entsorgen lassen, obwohl sie möglicherweise aus Josef Mengeles anatomischer Sammlung stammen: "Dennoch verhinderte der FU-Präsident, dass die Reste dieser Menschen näher untersucht wurden. Er ließ sie stillschweigend einäschern und auf Anfrage erklären, "weitere Details" seien "aufgrund der langen Liegezeiten der Knochen" "leider" nicht zu erfahren gewesen. Das ist plump gelogen: Dazu hätte eine C14-Untersuchung (Radiokarbondatierung) genügt, Kosten: ein paar 1000 Euro." (Der FU-Präsident bestreitet die Vorwürfe).

Thomas Schmid würdigt in der Welt Richard von Weizsäcker: "Der Erzprotestant gehörte aber zu den Ersten, die versucht haben, das durch deutsche Schuld zerrüttete Verhältnis zum katholischen Polen zu verbessern, zu heilen. Unauffällig hat er die Unionsparteien mit der neuen Ostpolitik angefreundet und damit den letzten großen ideologischen Streit in der Geschichte der Bundesrepublik beendet."
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Gesellschaft

Lawblogger Thomas Stadler sieht sich das Neunundvierzigste Gesetz zur Änderung des Strafgesetzbuches an, das die Verbreitung vom Bildern im Netz strafrechtlich verschärft: "Problematisch erscheint mir weiterhin vor allen Dingen die Regelung des Abs. 2, der es unter Strafe stellt, eine Bildaufnahme Dritten zugänglich zu machen, die geeignet ist, dem Ansehen der abgebildeten Person erheblich zu schaden. Nachdem der strafrechtliche Begriff des Zugänglichmachens, anders als beispielsweise der urheberrechtliche, nach überwiegender Ansicht beispielsweise auch die Verlinkung umfasst, könnte diese Regelung gerade im Internetkontext weitreichende Konsequenzen haben."

In der SZ warnt die Juristin Monika Frommel vor einer Ausweitung des Verwaltigungsparagrafen ins Uferlose, wenn künftig "jede sexuelle Handlung gegen den Willen einer Person" darunter gefasst werden soll: "Woher kommt die Fixierung auf hohe Mindeststrafen? Sehen die Frauennetzwerke nicht, dass immer weiter gefasste Verbrechenstatbestände dem eigenen Anliegen mehr schaden als nützen? Denn wird der Täter nicht verurteilt, steht das Opfer dann möglicherweise schutzlos da."
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Medien

Mona Sarkis berichtet in der NZZ, dass al-Dschasira mit seinem Islamisten-freundlichen Kurs gegen die Wand gefahren ist: 86 Prozent Zuschauerrückgang hatte der von Katar geförderte Sender zu verzeichnen: "Die Mehrheit der Ägypter akzeptierte nicht die Muslimbrüder, die Mehrheit der Syrer nicht die Salafisten. Al-Dschasira büßte an Popularität ein, und das umso mehr, als bekannt wurde, dass der Sender in seiner Berichterstattung über Syrien wiederholt Bild- und Tonmaterial manipuliert hatte. Als schließlich der Islamische Staat (IS) auf den Plan trat und statt vom politischen nurmehr vom blutigen Islam die Rede sein konnte, wurde das Debakel für den Sender immer größer."

Focus
referiert eine Meldung der Bild-Zeitung, wonach ARD und ZDF durch die Haushaltsabgabe deutlich mehr Geld in den Kassen haben werden als vorgesehen, bis zu 1,5 Millarden Euro bis 2016. "Trotz der Zusatz-Millionen soll die Haushaltsabgabe ab April lediglich um 48 Cent auf 17,50 Euro monatlich für alle Haushalte sinken. Der restliche Überschuss soll einer Rücklage zugeführt werden."

Wolgang Michal denkt in seinem Blog über das neue journalistische Modewörtchen "Kuratieren" nach: "Journalismus wird "kuratiert", seit jüngere Verlagsmanager, die nicht aus dem "reinen" Journalismus, sondern aus der Content-Verarbeitung kommen, den Veredelungscharakter des Wortes "kuratieren" schätzen gelernt haben. Das Verb Kuratieren überdeckt den gravierenden Bedeutungsverlust des Schreibens und lädt das, was kompetente Presseausschnitt-Dienste, Empfehlungslisten, Aggregatoren und ähnliche Serviceagenturen leisten, mit neuer, schöpferischer Bedeutung auf."

Außerdem: In der FAZ warnt der Politologe Markus Linden vor dem populistischen Potenzial des Internets.
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