Efeu - Die Kulturrundschau

Der Bass. Der Bass. Der Bass

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.02.2015. Verdis "Räuber" als Pegida-Comic? Aber ja, warum nicht, ruft die taz. Die Berliner Zeitung schießt bei der Transmediale ins All. Die Welt bewundert die im Depot des Pariser Musee d'Orsay schlummernden Obsessionen. Große Bewunderung erregen auch zwei muskulöse nackte Rücken von Michelangelo.

Bühne


Die Räuber (I Masnadieri), Oper von Giuseppe Verdi in vier Akten nach Schillers Drama. Foto: Matthias Horn

Kann das wohl gut gehen? Eine Verdi-Oper im Comicstil? Und ob, meint Joachim Lange in der taz nach dem Besuch von Volker Löschs Inszenierung der "Räuber" in Weimar: "Diese Methode funktioniert fabelhaft. ... [Das Stück wird] bis zur Kenntlichkeit entstellt. Soll heißen: so konsequent nach Thüringen und in die unmittelbare Gegenwart verlegt und durch sie eingeholt, dass man selbst die Ausrufezeichen bestaunt, die mitunter in den Sprechblasen auftauchen. Es hätte auch schiefgehen können, doch in Weimar wird die Comicästhetik genau zu dem Scharnier, um Schiller und Verdi zu einer Vorlage für die unvermeidlichen Debatten über die Ängste und Bedrohungen der Gesellschaft am Beginn des Jahres 2015 zu machen."


L"Orontea, Dramma musicale von Antonio Cesti. Foto: Monika Rittershaus

Von ungeheuren Gefühlen berichtet unterdessen Eleonore Büning (FAZ) nach der selten aufgeführten und nun in Frankfurt gespielten Oper "L"Orontea", in der es prächtig sinnenfreudig zugeht: "Der Sieg der Liebe ist monothematisch Gegenstand dieser Oper: nicht der platonischen, sondern der haptisch-handgreiflichen. ... In permanenter Rolligkeit fallen mehr oder weniger alle Protagonisten früher oder später übereinander her." Jedoch, man staunt: "Noch nie war eine Unordnung so langweilig wie diese."

Das Theatertreffen möchte Frank Castorfs Münchner "Baal"-Inszenierung, gegen die Suhrkamp derzeit im Auftrag der Brecht-Erbe vorgeht (hier mehr) nach Berlin holen. Einen "Aufreger" hat das Festival damit sicher, meint Christine Dössel (SZ) und hat auch einen Vorschlag parat, wie die Wogen vielleicht zu besänftigen wären: "Als Castorf im Jahr 2000 bei "Endstation Sehnsucht" ähnlichen Rechte-Ärger hatte, (...) einigte man sich auf eine Änderung des Titels. Die Aufführung hieß dann "Endstation Amerika". Vielleicht gelingt eine solche Einigung ja auch in der Causa "Baal". Als Titel böte sich an: "Kanni-Baal" nach Bertolt Brecht."

Besprochen werden Sebastian Hartmanns "Dämonen"-Inszenierung in Frankfurt (FR), Falk Richters in Frankfurt uraufgeführtes Stück "Zwei Uhr Nachts" (FR) und Kevin O"Days am Nationaltheater Mannheim aufgeführte Choreografie "2 Gents" (FR).
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Musik

Am Wochenende ging in Berlin die Club Transmediale zu Ende - und das Beste kam am Schluss, wenn man Jens Balzers Bericht in der Berliner Zeitung vom Auftritt von Mumdance, Logos und Shapednoise glauben kann. "Der Bass. Der Bass. Der Bass", frohlockt der Popkritiker und fühlt sich dabei "wie ein Astronaut in einer Rakete, die gerade ins Weltall geschossen wird." Und ganz überhaupt, schreibt er weiter, waren bei der CTM "noch nie so viele tolle, tiefe, dominante, dramaturgisch leitende Bässe zu hören gewesen." Für den Tagesspiegel berichtet Volker Lüke vom Abschlusswochenende.

Weiteres: In Görlitz eröffnet ein Gedenkort für die Musik von Olivier Messiaen, meldet Michael Ernst in der Welt. Besprochen werden das neue, für Theater und Hörspiele entstandene Stücke versammelnde Album "Messier Objects" von The Notwist (Spex), das neue Album von Atari Teenage Riot (Spex), Bob Dylans Album "Shadows in the Night" (Welt),  und das neue Album von Feine Sahne Fischfilet (Freitag),

Außerdem: Das neue, farbenfrohe Video der reformierten Pop Group hat Asia Argento gedreht, berichtet Spex.

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Film

Beim Filmfestival in Rotterdam arbeitete man sich unter anderem munter am sich erweiternden Kinobegriff ab, berichtet Isabelle Reicher in der taz. Da konnte es bei einer Performance schon mal heiß hergehen: In "Black Smoking Mirror" "traktieren [Martijn van Boven und Gert-Jan Prins] eine in Cinemascopeformat aufgespannte Oberfläche so lange mit bunt tanzendem Laser, bis nicht wie einst der Filmstreifen, sondern die Projektionsfläche selbst (vorsorglich aus Stahlwolle) brutzelt, aufflammt und verglüht. Auch so geht ein einzigartiges Lichtspielerlebnis."

Weiteres: Sören Kittel (Welt) hat seinen Koreanisch-Lehrerinnen (beide aus Nordkorea) die Filmsatire "The Interview" vorgeführt. Auf Buzzfeed hat Nina Scholz die queeren Filme der kommenden Berlinale zusammengestellt. Besprochen wird Michael Manns Internet-Thriller "Blackhat" (Berliner Zeitung, SZ).
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Literatur

Stagnation beim Comicfestival in Angoulême, berichtet Christian Gasser in der NZZ. Charlie Hebdo bekamen einen Preis, aber eine Diskussion zum Thema musste "aus Sicherheitsgründen" abgesagt werden. Auch wirtschaftlich geht es den meisten Comiczeichnern nicht besonders gut: "Man hat den Eindruck, dass die Szene auf etwas Neues wartet, auf einen Aufbruch, ob er nun wirtschaftlich ist oder künstlerisch, aber niemand will der Erste sein, der etwas Neues wagt. Also macht man weiter wie bisher."

Besprochen werden Stephan Thomes "Gegenspiel" (taz), Lola Lafons "Die kleine Kommunistin" (Tagesspiegel), Cynan Jones" "Graben" (Tagesspiegel), Arno Geigers "Selbstporträt mit Flusspferd" (Tagesspiegel), Rocko Schamonis "Fünf Löcher im Himmel" (SZ) und Robert Edrics "In finsteren Himmeln" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Architektur

Schier fassungslos blickt Gottfried Knapp (SZ) auf die Pläne zweier Münchner Politiker, den akustisch wenig ansprechenden großen Konzertsaal aus dem Gasteig entkernen und neu verbauen zu lassen. Ein viel zu kostspieliges und kompliziertes Verfahren, moniert er: "Wie man diese hochgestemmte ungeheure Masse aus dem Rundbau heraussprengen will, ohne die Außenwand zu verletzten, bleibt das Geheimnis der beiden Politiker. Und warum wollen die beiden Herren ausgerechnet diese klotzige Hülle, die so gar nichts verrät vom musischen Inhalt des Baus, als einziges Element erhalten?"

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel stellt Bernhard Schulz den Architekten David Adjaye vor, den man derzeit im Haus der Kunst in München entdecken kann: "Am besten ist er, wo er seiner hybriden Architektur ohne ideologischen Überbau freien Lauf lässt." Außerdem bringt Paul-Anton Krüger (SZ) Hintergrundinformationen zur von Rem Koolhaas entworfenen, neuen Nationalbibliothek in Katar.
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Kunst

Der Kunsthistoriker Werner Spies hat über 100 "Depotgefangene" aus den Kellern des Pariser Musee d"Orsay befreit und für eine Ausstellung in die Wiener Albertina gebracht. Welt-Kritiker Hans-Joachim Müller steht vor einem "Bilderbuch des späten 19. Jahrhunderts", wie er es noch nie gesehen hat: "Die Ausstellung geht nicht den Oppositionen nach, lässt Romantiker nicht gegen Realisten antreten, die Symbolisten nicht gegen die "Peintres de la vie moderne", die Pleinairmaler nicht gegen die Atelierarbeiter, die Salonhelden nicht gegen die Abgewiesenen, Ausjurierten, Abtrünnigen. Eher sucht sie nach obsessiven Gründen und Abgründen, belauscht noch einmal die bildnerischen Selbstgespräche auf allen Seiten. Davon erzählt sie, von der denkbar intimsten Art, Kunst zu machen." (Bild: Odile Redon, Die freundliche Spinne, 1881. © Musée d´Orsay, Paris, Dist. RMN-Grand Palais, Jean-Gilles Berizzi)



Eine Sensation, wenn es denn stimmt, schreibt Swantje Karich in der Welt: Zwei Bronzestatuette können mit großer Wahrscheinlichkeit Michelangelo zugeschrieben werden: Das sprechen nicht nur die Ergebnisse wissenschaftlicher Scans, "ausschlaggebend ergab die Untersuchung der muskulösen Rücken der Bronzefiguren, dass sie nur von Michelangelo sein können - die Manier, in der die Muskeln gezeigt werden -, und dass die Drehung des Körpers für diesen Künstler charakteristisch ist. Die Konturen formen und umspielen anatomisch exakt und mit ungewöhnlicher Kraft und Schönheit eine Bewegungsstudie, wie sie zu jener Zeit niemand sonst vollbringen konnte." (Von vorne sind sie aber auch sehr anmutig, siehe Bild)

Besprochen werden eine Ausstellung mit Skulpturen von Ingeborg Hunzinger in der Galerie Alte Schule in Berlin (Berliner Zeitung) und die Ausstellung "New Frankfurt Internationals - Solid Signs" in Frankfurt und Wiesbaden (FAZ).

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