9punkt - Die Debattenrundschau

Wenn die Einschüchterung Erfolge hat

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.02.2015. In der französischen Huffpo erklärt Caroline Fourest, warum Blasphemie gerade jetzt sein muss. In der Welt plädiert die amerikanische Politologin Anne-Marie Slaughter dagegen für religiöse Selbstzensur nach amerikanischem Modell. Ausgerechnet in Ländern wie den USA und Australien wird immer mehr auch aus politischen Gründen zensiert, berichtet die Welt. Schuld an der Misere Griechenlands sind die Griechen, meint Bernard-Henri Lévy in seinem Blog. In der SZ spricht der nigerianische Schriftsteller Helon Habila über Kunst im Zeitalter von Boko Haram.

Europa

Caroline Fourest zählt in der französischen Huffpo ein halbes Dutzend Fälle von Selbstzensur aus religiösen "Respekt" auf (einer betrifft die Gefühle katholischer Fundamendalisten, ein anderer den Kölner Karneval). Aber Religionskritik muss sein, meint sie: "Einige werden sagen, dass dies vielleicht nicht der Moment sei, Öl aufs Feuer zu gießen", dass man "verantwortlich" agieren müsse und auf eine Beruhigung warten solle. Das Problem ist nur, dass diese Beruhigung nicht kommen wird, wenn die Einschüchterung Erfolg hat und das Gefühl entsteht, wir geben der Angst nach. Was wäre im übrigen noch der Sinn einer blasphemischen Ausstellung in einer Welt, in der die Fundamentalisten verloren haben und der Säkularismus regiert. Gerade weil sie provozieren, haben diese Stücke und Ausstellungen einen Sinn."

In der Welt plädiert Anne-Marie Slaughter von der New America Foundation für religiöse Selbstzensur nach dem Modell amerikanischer Medien: "Wir können das Recht der Menschen, ihre Meinung zu äußern, gewiss verteidigen, ohne ihren Ansichten beizupflichten oder diese zu vertreten. Im Fall von Charlie Hebdo kann die Entscheidung, ihre Karikaturen nicht weiterzuverbreiten, aus Respekt getroffen werden - nicht aus Angst."

Bernard-Henri Lévy wendet sich in La Règle du jeu gegen allzu einfache Schuldzuweisungen der neuen griechischen Regierung: "Seit einer Woche ist die Germanophobie zurück. Angela Merkel wird in der griechischen Presse von neuem zum Sündenbock gemacht. Noch einige Wochen und man wird komplett vergessen haben, dass nicht Merkel, sondern die Verschwendung, die Korruption, das unbürgerliche Verhalten der griechischen Eliten und leider auch der Mittelschicht Griechenland an den Rand des Ruins geführt haben und weiter führen werden, wenn es nicht seine seit langem aufgeschobenen Reformen in Angriff nimmt."

Weiteres: Sebastian Schoepp fühlt sich in der SZ von der neuen griechischen Regierung sehr an die neuen linken Regierungen Lateinamerikas erinnert: "Das smarte Auftreten, die zu Unbelehrbarkeit neigende Forschheit, die kritische Haltung zu gängigen wirtschaftspolitischen Dogmen, die Lust an der Provokation." In der FAZ berichtet Jürg Altwegg, dass in Frankreich unter dem Eindruck der Pariser Massaker nun eine Welle oftmals schlecht begründeter Prozesse wegen "Verherrlichung des Terrorismus" droht.
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Medien

Ausgerechnet angelsächsische Länder wie Großbritannien, die USA und Australien sind zur Zeit die Vorreiter nicht nur religiöser, sondern auch politischer Zensur. In den USA ist Barrett Brown für Jahre im Gefängnis, weil er geheime Informationen verbreitete, schreibt Anne Lachmann in der Welt: "In Australien ist investigativer Journalismus bereits illegal: Jede Art der Veröffentlichung oder Verbreitung von nicht autorisierten Informationen kann mit einer Haftstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden - zehn, wenn durch die Veröffentlichung auch Leben gefährdet werden."

Frank Nordhausen berichtet in der FR von der niederländischen Journalistin Fréderike Geerdink, der in der Türkei wegen angeblicher Propaganda für die PKK der Prozess gemacht werden soll: "Es gehe darum, eine kritische ausländische Stimme zum Schweigen zu bringen, erklärt die Journalistin. "Die Justiz in der Türkei ist nicht unabhängig. Aber ich lasse mich nicht einschüchtern. Ich bleibe in der Türkei.""

(Via turi2) Aron Pilhofer, einer der Digitalchefs des Guardian, hat sich auf einer Konferenz des Blogs newsrewired.com sehr deutlich für das Beibehalten von Leserkommentaren in Online-Medien ausgesprochen: "Digitaler Journalismus muss ein Gespräch mit den Lesern sein, das ist meine Überzeugung. Traditionelle Newsrooms ignorieren diese neue Dimension. Website für Website schließt die Kommentarfunktion und bewegt sich von der Community weg - das ist ein monumentaler Fehler. Jede Seite, die Kommentare aufgibt, ist ein Plus für Seiten wie unsere. Leser brauchen und verdienen eine Stimme. Sie sollten Teil unseres Journalismus sein."

Die Mehreinnahmen der Öffentlich-Rechtlichen durch die neue Zwangsabgabe werden einer sinnvollen Aufgabe zugeführt, schreibt Michael Hanfeld in der FAZ: "Schaut man in die Bilanzen, wird jedenfalls klar, wofür der Rundfunkbeitrag zu großen Teilen draufgeht - für die Altersversorgung der Festangestellten. Die Ausgaben fürs Programm steigen derweil nicht."
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Politik

Der pakistanische Politiker Ghulam Ahmed Bilour hat ein Kopfgeld auf die Eigentümer von Charlie Hebdo ausgesetzt, berichtet Hasnain Kazim in Spiegel Online: "Wer die Eigentümer von Charlie Hebdo töte, werde 200.000 Dollar von ihm erhalten, sagte er wörtlich. Dass bei dem Angriff zweier Extremisten am 7. Januar auf die Redaktion zwölf Menschen, darunter mehrere prominente Karikaturisten und Miteigentümer der Zeitschrift sowie der Herausgeber ermordet wurden, bekümmerte Bilour nicht. "Ich habe bereits erklärt, dass ich keine Angriffe auf unseren heiligen Propheten, Friede sei mit ihm, toleriere", erklärte Bilour."

Und die Huffington Post meldet: "Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas hat eine Untersuchung angeordnet, nachdem eine offizielle palästinensische Zeitung eine offenbar Mohammed darstellende Karikatur veröffentlicht hat. Diese Entscheidung fiel weniger als einen Monat nach der Demonstration für Redefreiheit in Paris, an der Abbas teilgenommen hatte."

Nach dem barbarischen Mord, den die IS-Miliz an einem jordanischen Piloten verübte, fürchtet Ian Black im Guardian, dass sich Jordanien aus der Allianz gegen die Miliz zurückzieht - aus Angst, den Extremismus im eigenen Land anzuheizen: "Jordanien war das Herkunftsland Abu Musab al-Zarqawis, des Gründers von al Qaida im Irak. Diese Organisation war der direkte Vorläufer von IS. Das Bombenattentat auf ein Hotel in Amman im Jahr 2005 mit 60 Toten, der sogenannte 11. September Jordaniens, ist ein furchtbares Beispiel für den heimischen Fanatismus."
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Ideen

Im Tagesspiegel erinnert sich der Verleger und Kritiker Steve Wasserman an Susan Sontag, die vor zehn Jahre gestorben ist: "Susan war eine getreue Anhängerin der Ernsthaftigkeit. Sie hielt es für die Pflicht von Kulturkritik, ihr Gewicht darauf zu verwenden, worauf es ankommt. Sie glaubte nicht, dass der erste Gedanke, den man hat, gleich der beste sei. Sie wusste, dass das, was mit Kulturkritik auf dem Spiel steht, nichts weniger als das Bild ist, das eine Gesellschaft von sich selbst hat. Und sie wusste, dass keine der aufregenden digitalen Neuerungen uns von der Notwendigkeit jener Strenge enthebt, die solch eine Abrechnung mit sich selbst ermöglicht."

Der nigerianische Schriftsteller Helon Habila spricht im Interview mit der SZ über Charlie Hebdo und Boko Haram, über doppelte Standards und die Unfreiheit des Künstlers angesichts des Terrors: "Letztes Jahr arbeitete ich an einem Roman, der Politik meiden sollte. Es sollte eine Familiengeschichte werden. Über Scheidung und Tod. Aber während ich daran schrieb, hörte ich dauernd von Boko-Haram-Anschlägen, einige davon ereigneten sich in der Nähe meiner Heimatstadt. Im vergangenen April, als ich gerade dort war, wurden mehr als 200 Schulmädchen im benachbarten Chibok entführt. Ich spürte, dass mein Roman immer belangloser wurde... Es heißt, wer angesichts von Tyrannei still bleibt, in dem stirbt der Mensch; das gilt erst recht für Künstler. Vielleicht ist in diesem Sinne kein Künstler wirklich frei."
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