9punkt - Die Debattenrundschau

Löwe seyn, um die Wölfe zu schrecken

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.02.2015. In der NZZ beschreibt die Psychologin Anna Schor-Tschudnowskaja, wie Putins Russland die Intellektuellen und Oppositionellen in den "moralischen Burnout" treibt. Im FAZ-Nachruf erzählt Thomas Karlauf, wie Richard von Weizsäcker den Mauerfall verpasste. Im Magazine littéraire spricht Bernard-Henri Lévy über den Wahn Louis Althussers. Bild meldet, dass der Iran einen neuen Wettbewerb für Holocaust-Karikaturen auslobt.

Europa

Die Psychologin Anna Schor-Tschudnowskaja schildert in der NZZ in einem erschreckenden Text, wie Putins Russland die Intellektuellen und Oppositionellen in den "moralischen Burnout" treibt: "Der Politstratege Gleb Pawlowski, dem gute Verbindungen zu Präsident Wladimir Putin nachgesagt wurden, stellt fest, dass es sich dabei nicht mehr nur um "einfache Propaganda" handle, denn sie stehe jenseits aller Moral. Und: "Eine Wanne voller Blut jeden Abend im russischen Fernsehen ist eine politische Norm geworden." Damit meint Pawlowski keine Spielfilme, sondern die allabendlichen Nachrichtensendungen und politischen Talkshows, deren Zynismus und deren Brutalität der politischen Klasse Russlands als "sicheres Zeichen" ihrer Stärke gelten. In Russland regieren heute die Macht der Lüge und die Ohnmacht des Faktischen."

Sehr pathetisch schreibt der russische Oppositionspolitiker Lew Schlosberg in der Welt gegen den Kriegstreiber Putin: "Für die Rettung darf das Friedensvolk nicht schweigen. Das Volk darf nicht im Kriegszustand bleiben. Das Feuer des Krieges darf nicht weiter angefacht werden."

Franz Haas erzählt in der NZZ als Königsdrama, wie Matteo Renzi bei der Präsidentenwahl in Italien Silvio Berlusconi ausspielte und damit den Pakt aufgekündigte, den er noch vor einem Jahr mit ihm geschlossen hatte: "Sergio Mattarella siegte beinahe mit einer Zweidrittelmehrheit. Noch heller aber strahlte als Sieger Matteo Renzi, "schlau und stark zugleich", wie sein Mentor Machiavelli vor 500 Jahren über den idealen Politiker schrieb: "Er muss daher Fuchs seyn, um die Schlingen zu erkennen, und Löwe seyn, um die Wölfe zu schrecken." Er hat mit einem Schlag seine zerstrittene Partei wieder geeint und der Rechten und Berlusconi noch einen Dämpfer versetzt. Der böse Wolf aus dem italienischen Albtraum der letzten zwanzig Jahre wird eine Weile brauchen, um den Schreck zu verkraften." Im FAZ-Feuilleton porträtiert Andreas Rossmann den neuen italienischen Präsidenten.

In der taz porträtieren Kersten Augustin und Anne Fromm junge französische JüdInnen, die nach Israel ausgewandert sind. Zum Beispiel Sophie Taïeb, die ihre Koffer packte, nachdem ihr junge Typen an ihrer Pariser Wohnungstür ein "Morgen schicken wir dich ins Gas" zugerufen hatten: "Taïeb glaubt, dass viele Juden die Auswanderung nach Israel romantisieren: "Man sollte sich das gut überlegen." Trotz der Probleme ist für Taïeb ihr Leben in Frankreich abgeschlossen, an eine Rückkehr denkt sie nicht. Nur den guten Käse vermisst sie."

Außerdem: In der FAZ am Sonntag bekennt Geert Mak sein Verständnis für die Positionen der neuen griechischen Regierung.
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Politik

Richard von Weizsäcker ist am Samstag gestorben. Ein paar Aspekte über den üblichen Nachruf hinaus trägt Stefan-George-Biograf Thomas Karlauf in der FAZ zusammen. Zum Beispiel, dass Weizsäcker, der die berühmte Rede zum 8. Mai gehalten hatte, den Tag des Mauerfalls nicht begriff: "Während Helmut Kohl am nächsten Morgen seinen Staatsbesuch in Polen abbrach und am Nachmittag des 10. zusammen mit Brandt und Genscher auf den Balkon des Schöneberger Rathauses trat, begriff der Bundespräsident offenbar weder die Bedeutung dieses Tages noch die Tragweite der Ereignisse. Vielleicht war es schlicht nur Angst vor dem unüberschaubaren Durcheinander. Weizsäcker war in Süddeutschland unterwegs, und auch am Samstag, als bereits die halbe Welt nach Berlin strömte, war nichts von ihm zu sehen und zu hören."
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Ideen

Das Magazine littéraire produziert eine Nummer über Louis Althusser, jenen dunklen kommunistischen Philosphen, der unterschiedlichste Denker beeinflusste, selbst Bernard-Henri Lévy, der einst an der Ecole normale supériere bei ihm lernte. Auf seiner Website präsentiert Lévy das Interview des Magazine littéraire, in dem er auch über Althussers Wahnsinn spricht: "Althusser hat nicht trotz, sondern mit seinem Wahnsinn ein Werk gebaut. Dieser Wahnsinn war kein Hindernis, sondern ein Brennstoff für sein Werk. Das ist schwierig einzusehen, wenn man sieht, bis zu welchem Grad dieses Werk, Wissenschaftlichkeit, Strenge, Verweigerung von Emotion und Misstrauen gegenüber Sinnlichkeit hochhält. Aber genau das war"s. Die althussersche Theorieproduktion war ein Effekt dieses Wahnsinns, der ihn auffraß und wie ein schwarzer Stern über seinem Werk schwebte." Und schließlich dazu führte, dass er seine Frau mit einem Kopfkissen erstickte!
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Gesellschaft

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt ist eine Verschärfung des Sexualstrafrechts in Kraft getreten, berichtet Joerg Heidrich bei heise.de, die - betrieben von Justizminister Heiko Maas - die Verbreitung von Bildern im Netz betrifft. Bilder von nackten Personen unter 18 dürfen nicht mehr verbreitet werden: "Dies gilt allerdings nur dann, wenn diese Bilder hergestellt oder angeboten werden, um sie "einer dritten Person gegen Entgelt zu verschaffen", oder jemand sich oder einer dritten Person solche Darstellungen gegen Bezahlung verschafft. Zwar verbot bereits Paragraf 184c StGB Aufnahmen von Jugendlichen unter 18 Jahren. Diese Regelung umfasste jedoch nur Bilder oder Filme mit pornografischem Inhalt. Die jetzt in Kraft getretene Verschärfung könnte erhebliche Auswirkungen etwa auf den Bereich der Modefotografie haben."

Im Tagesspiegel untersucht Wolfgang Prosinger das Prinzip der "Brothers in crime", das - wie bei den Attentaten auf Charlie Hebdo oder den Boston Marathon - besondere Loyalität bietet: "Zum einen entfällt damit das Alleinsein im Verbrechen. Zum anderen, sagt (die Autorin) Susann Sitzler, wird in Gesellschaften, in denen die Familie mehr gilt als der Staat, das schlechte Gewissen gegenüber diesem Staat verkleinert. Der Grad der Kriminalität wird gemindert, wenn sie in der Familie bleibt. Zugleich aber ist diese Bruderschaft oftmals eine Art Überhöhung. Ein männliches Prinzip erlebt dabei eine Feierstunde."

Im Interview mit Pascale Hugues spricht der französische Journalist David Thomson über die neue Generation der Cyber-Dschihadisten, die über das Internet und die sozialen Netzwerken rekrutiert werden. Die Brüder Kouachi gehörten allerdings noch der älteren Generation an und haben die sogenannte "irakische Filiale des 19. Bezirks von Paris" durchlaufen.

Weiteres: Dirk Schümer erklärt in der Welt, "warum kein Mensch kapiert, wie Geld funktioniert". In der SZ schreibt Karin Steinberger zum Tod von Carl Djerassi, der nicht nur als Miterfinder der Pille die Trennung von Sex und Fortpflanzung möglich machte: "Er sei ein "männlicher Feminist", sagte Carl Djerassi, da war er 87 Jahre alt. Ein Methusalem, der Zeit immer weit voraus."
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Medien

(via turi2) Laut der Bild-Zeitung hat der Iran einen neuen Holocaust-Cartoon-Wettbewerb ausgelobt. Die Zeichnungen sollen den Holocaust leugnen oder relativieren: "Als Begründung für ihren Wettbewerb führen die Iraner ausgerechnet die Ereignisse nach den brutalen islamistischen Anschlägen von Paris (17 Tote) an! Teheran war empört über den erneuten Abdruck einer Mohammed-Karikatur auf der Titelseite der von islamistischen Terroristen attackierten Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo. Masud Shojaei-Tabatabaii, der Organisator des geschmacklosen Wettbewerbs, sagte auf einer Pressekonferenz, die Aktion aus Teheran sei ein "Protest" gegen die Titelseite von Charlie Hebdo."

Der Tagesspiegel meldet unterdessen, dass die Zeichner von Charlie Hebdo für ein paar Nummern pausieren.

Die Katarer haben sich nicht nur eine Handballmannschaft zur Weltmeisterschaft zusammengekauft, sondern auch 680 Journalisten aus der ganzen Welt eingeladen, um sich Berichterstattung zu verschaffen, darunter haben zwanzig Deutsche die Einladung des Landes angenommen. Markus Völker von der taz findet das nicht ok: "Es heißt, die Einladung durch die Katarer und den Internationalen Handball-Verband habe ihre Haltung nicht verändert, sie seien jetzt vielleicht sogar noch kritischer eingestellt. Muss man den Katarern also dankbar sein, weil sie den kritischen Journalismus befördert haben und obendrein noch die Verbreitung des Handballsports in aller Welt?"

(Via kress.de) Kurz vor Weihnachten machte das Gutachten einer Beratergruppe des Finanzministeriums von sich reden, das den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in seiner jetzigen Form scharf kritisierte (unsere Resümees). Nun haben aber die Gremien des für sein Qualitätsprogramm bekannten Hessischen Rundfunks ("Die Lieblingswitze der Hessen") getagt und ganz klar Gegenposition bezogen. Bei HR-Online wird zitiert: "Der Beirat verkenne in erschreckender Weise die Marktmechanismen im Medienbereich und ignoriere das kontinuierliche Zeitungssterben in Deutschland ebenso wie die Pressekonzentration. Offensichtlich habe er sich nicht in angemessener Form mit dem Gesamtangebot des öffentlich-rechtlichen Rundfunks befasst und dieses auch nicht einer objektiven Bewertung unterzogen."

Weiteres über Medien: Der Umblätterer berichtet, dass Tex Rubinowitz, Autor des SZ-Magazins, einfach einige der amüsantesten Listen des Umblätterers ohne Quellenangabe kopiert hat.
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