Efeu - Die Kulturrundschau

Staunen im Halbschlaf

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16.01.2015. In der FR spürt Alexander Kluge den Wurzeln des Techno nach und findet sie bei Monteverdi. In der Nachtkritik träumt Robin Detje vom Theater der Zukunft. Die taz erinnert an die Riot-Grrrl-Bewegung der Neunzigerjahre. Die israelische Schauspielerin und Regisseurin Ronit Elkabetz fasziniert die Kritik mit ihrem Scheidungsdrama "Get - Der Prozess der Viviane Amsalem". Und die Welt freut sich über Einzelausstellungen der "Malerfrauen" Sonia Delaunay und Sophie Taeuber-Arp.

Musik

In der taz schreibt Diviam Hoffmann anlässlich des ersten neuen Albums der feministischen Post-Punk-Band Sleater-Kinney seit Jahren (mehr dazu hier) über die Geschichte der Riot-Grrrl-Bewegung, die in den frühen Neunzigern die männlich geprägte Punk-Subkultur feministisch aufmischte: "Feministische Themen, die vorher stark wissenschaftlich diskutiert wurden, bezogen sich jetzt auf die Lebensräume einer jungen, kreativen Szene - auf Literatur, Kunst und Musik.... Die Bands, die damals entstanden - Bikini Kill, Sleater-Kinney, Bratmobile, Heavens to Betsy, Excuse 17, Skinned Teeth - thematisierten häusliche Gewalt, Sexualität, Selbstbestimmung, patriarchale Strukturen oder Vergewaltigung, verpackt in kraftvolle Musik, bei der es nicht um virtuoses Können, sondern um hierarchiefreie Kreativität ging." Dazu ein Klassiker:



Im Gespräch mit Max Dax (FR) sinniert Alexander Kluge über Kraftwerk und die Wurzeln des Techno, die er 1607 mit dem Beginn der Oper bei Monteverdi ansiedelt: "Sie haben stets einen Basso Ostinato, das heißt, sie haben eine Basslinie, einen hartnäckigen Bass. Diese Basis klingt wie Techno, ist eine Vorwegnahme von Techno im Barock... Dieser Anfang von Techno, der war so robust, dass er Jahrhunderte überdauerte und dann in Techno wiederkehrte. "Europa endlos" ist das beste Beispiel für den Basso Ostinato, den Kraftwerk - vielleicht gar nicht wissentlich - als Prinzip übernommen haben."

Weitere Artikel: Auf Pitchfork stellt Stuart Murdoch von Belle and Sebastian die Musik vor, die ihn am meisten geprägt hat. In der Jungle World porträtiert Michael Terbein die Punkband Feine Sahne Fischfilet, die so knuffig sympathisch ist, dass sogar der Verfassungsschutz zu ihren größten Fans zählt. Für Kapitalismus- und Staatskritik ist auch die Grindcore-Legende Napalm Death bekannt, mit deren "Sänger" Mark "Barney" Greenway sich Dan Franklin für The Quietus unterhält. Jan Kedves empfiehlt in der SZ die Veröffentlichungen des Labels Hyperdub. Für die Welt hat Manuel Brug die Eröffnung der neuen Philharmonie in Paris besucht: "Wie in einer Gebärmutter versinkt man darin kuschelig im weich abgefederten Klang" (mehr in der NZZ, FAZ).

Besprochen werden Golden Diskó Ships neues Album "Invisible Bonfire" (taz, Skug) und das neue Album von Nora Tschirners Band Prag (taz).

Außerdem präsentiert Spex das neue Video von FKA Twigs, die sich darin so richtig hängen lässt. Und wenn Sie für heute und die nächsten Tage mal so gar nichts mehr vorhaben sollten: Caribou hat ein Youtube-Mixtape mit 1000 Songs zusammengestellt (via Spex).

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Bühne


Gnadenlos dialektisch: "Pélleas und Mélisande" (Bild: David Baltzer/Volksbühne Berlin)

Über David Martons an der Volksbühne in Berlin aufgeführte Inszenierung von der Debussy-Oper "Pélleas und Mélisande" werden sich Ulrich Amling (Tagesspiegel) und Dirk Pilz (Berliner Zeitung) so schnell nicht einig. "Erratisch", meint ersterer: Der Regisseur misstraue Debussys Opernbearbeitung von Maurice Maeterlincks Stoff "zutiefst. Zu wenig Spiel, zu viel Kunsterstarrung. Da denkt er viel lieber an Beethoven." Ziemlich begeistert dagegen Pilz, der hier die ganz großen, tragenden Themen verhandelt sieht: "Ein hervorragend anspielungsreiches Spiel über die Gewalt der Schönheit, die Diskriminierung durch Bildung, die zerstörerische Kraft des Humanismus. Theater, das sich den so selbstironischen wie selbstzweiflerischen Spiegel vorhält. ... Ja, dieser Abend ist das Parabelstück auf eine westliche Kultur-Eliten-Gegenwart, die in stumpfer Selbstgefälligkeit dahindämmert und blind ist für eine gnadenlose Dialektik, der zufolge das Schöne, Gute, Wahre nicht kostenlos und folgenfrei zu haben ist." Esther Slevogt von der Nachtkritik sah eine "herzzerreißende Zivilisations- und Kunstkritik".

Was ist zu wünschen für ein Theater der Zukunft, ausgehend vom Theater der Gegenwart? Die Nachtkritik hat Robin Detje (jetzt auch auf Twitter!) um eine Position gebeten - und weder die erlesen kunstreligiöse Dramatik der Vergangenheit, noch der Zwang zur auch schon wieder verkrusteten offenen Form scheinen ihm recht zeitgemäß. Er wünscht sich da eher ein fröhliches Verquer-Gehen: "Fallhöhe ist da, wo es misslingen muss, wo das "richtig Machen" nicht funktioniert, weil die rettende Verunsicherung zu groß ist. Theatergenuss ist da, wo man sehen kann, wie es auf kunstschöne Weise nicht gut gehen kann. Auf dem Theater würde ich deshalb heute vielleicht gerne Gegenwartsschauspieler sehen, Textflächenbewohner, die geschlossene Form probieren, Shakespeare, Kleist, Noël Coward in tiefem Kirchgängerernst, und es auf schöne Weise nicht können. Oder Vergangenheitsschauspieler, die mit ihrer gesammelten Geschlossenheitssehnsucht aus dem inneren Theatermuseum ins Offene kommen, auf die Textfläche, und zum ersten Mal twittern."

Besprochen werden eine laut Reinhard Kager (FAZ) "enttäuschende" Aufführung von Bellinis "La straniera" im Theater an der Wien (weitere Besprechung in der Presse) und Armin Petras" Dramatisierung von Christa Wolfs "Der geteilte Himmel" an der Schaubühne (Welt).
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Film

Das israelische Scheidungsrecht stellt Frauen vor enorme, von Rabbinern aufgestellte Hürden, sofern ihr Ehemann in die Scheidung nicht einwilligt. In ihrem Film "Get - Der Prozess der Viviane Amsalem" seziert Regisseurin und Hauptdarstellerin Ronit Elkabetz die bei diesem Verfahren greifenden Mechanismen in Form "eines Kammerspiels, eines Kriegsfilms, eines Stellungskriegs der Worte, bei dem Argumente wie Heerscharen aufgefahren und Blicke wie Schwerter gekreuzt werden", erklärt Christiane Peitz merklich beeindruckt im Tagesspiegel.

Sophie Charlotte Rieger (Filmlöwin) erfährt in diesem Drama "auch eine ganze Menge über patriarchale und sexistische Strukturen in unserer eigenen Kultur. So geht es in diesem Scheidungsverfahren vor allem um männliches Besitzdenken." Bedauerlich findet sie jedoch, dass der Film mit seiner spröden Ästhetik schwer zugänglich sei: ""Emanzipatorisch wertvolle" Filme [versperren] sich leider oft durch ihren eigenen künstlerischen Anspruch den Weg zu einem breiten Publikum".

Michael Kienzl (critic.de) berichtet vom 14. Hofbauerkongress in Nürnberg, einem klandestinen Filmfestival, das sich, wie man von Rainer Knepperges auf Cargo erfährt, durch "eine kollektive Genusshaltung [auszeichnet], ein bedingungsloses Sich-jedem-Film-ausliefern, ein gemeinsames Reveupassierenlassen in den Pausen, Schwelgen in Verwunderung, Staunen im Halbschlaf, die ganze Nacht hindurch."

Weitere Artikel: Den Wienern empfiehlt Bert Rebhandl (Cargo) eine Vorführung von Roberto Rosselinis "Il Generale Della Rovere" (ein Ausschnitt) in der großen De-Sica-Retrospektive des Österreichischen Filmmuseums. Für die Berliner Zeitung unterhält sich Claus Löser mit Kubrick-Produzent Jan Harlan, der heute die Kubrick-Retro im Berliner Kino Babylon eröffnet. Der Film "Wir sind jung, wir sind stark" über die Pogrome in Rostock-Lichtenhagen verharmlose sein Sujet und berücksichtige die Opferperspektive zu wenig, meint Gaston Kirche in der Jungle World. Bei den Oscar-Nominierungen wurden kleine Produktionen herausragend oft nominiert, beobachtet Jürgen Schmieder in der SZ, während Hanns-Georg Rodek in der Welt besonders auf die in Deutschland gedrehten und geförderten Filme hinweist.

Besprochen werden Jessica Hausners "Amour Fou" (ZeitOnline, Artechock, FR, mehr), Angelina Jolies "Unbroken" (Welt, Standard), Tatjana Turanskyjs "Top Girl" (FAZ, mehr) und Rupert Wyatts "The Gambler" (Tagesspiegel, Perlentaucher).
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Archiv: Film

Literatur

Nach den Anschlägen in Paris lese man Michel Houellebecqs neues Buch "politischer, als es vielleicht gemeint war", erklärt Christopher Schmidt in der SZ. Ähnlich sieht es Stefan Gmünder im Standard, für den die Schwerpunkte des Buches durch die Anschläge, aber auch durch die Erwartungen an den Autor verstellt sind: "Auf weiten Strecken handelt "Unterwerfung" vom Leben mit und in der Literatur sowie dem Verhältnis zwischen Welt und Autor... Der Skandal besteht wohl primär darin, dass das Buch ebenso gut "Kollaboration" heißen könnte, denn viele - auch ehemalige Identitäre - arrangieren sich darin rasch mit den neuen Verhältnissen."

Besprochen werden Yannick Haenels "Die bleichen Füchse" (Berliner Zeitung), Petteri Tikkanens Comic "Blitzkrieg der Liebe" (taz), Josef Winklers "Winnetou, Abel und ich" (FR) und Viktor Martinowitschs "Paranoia" (FAZ). Mehr in unserer aktuellen Bücherschau um 14 Uhr.
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Kunst


Sonia Delaunay: Simultankleid für Gloria Swanson, 1923-1924.


Hingerissen berichtet Hans-Joachim Müller in der Welt von zwei Ausstellungen der "Malerfrauen" Sonia Delaunay (in Paris) und Sophie Taeuber-Arp (in Bielefeld). Anstatt sie, wie üblich, den Werken ihrer Gatten an die Seite zu stellen, stehen sie hier jede für sich und entfalten so eine ganz neue Wirkung, findet der Kritiker: "Erst jetzt, in diesen Einzelpräsentationen dieser fabelhaft unangestrengten Werke, wird vollends deutlich, wie beispielhaft sie den Moderne-Zwang zur ebenso brüsken wie grandiosen Überschreitung hintertrieben haben. Immer muss ja der Künstler seine Mondfahrer-Schritte für die Menschheit tun. Im "Simultankleid" schreitet die Künstlerin nur für sich, macht ein paar starkfarbige Schritte vorwärts und ein paar starkfarbige Schritte rückwärts - und macht sie ganz wie sie will."
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