9punkt - Die Debattenrundschau

Es endet nicht mit der Kulturindustrie

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.12.2014. Ägypten wird zum Land des Schweigens und der Angst, fürchtet die Autorin Mansura Eseddin in der NZZ. Angesichts der Erfolge der IS-Miliz hilft nur Islamkritik, besonders wenn sie von aufgeklärten Muslimen kommt, meint Matthias Kuentzel im Perlentaucher. Die Konsequenzen des Sony Hacks auf den kulturellen Diskurs sind noch gar nicht abzusehen, meint David Carr in der New York Times. Die FAZ empfiehlt nachdrücklich Rainer Merkels großen Bericht über Ebola in Liberia.

Politik

Angesichts der Erfolge der IS-Miliz setzt Matthias Kuentzel im Perlentaucher auf ein Erwachen islamkritischer Simmen in den arabischen Ländern selbst: "Militärische Gewalt ist gegen ISIS vonnöten - sie allein wird ISIS aber nicht besiegen. Anstatt Islamkritik zu behindern, kommt es heute mehr denn je darauf an, sie an der Seite aufgeklärter Muslime zu entfalten - auch in Deutschland und Pegida zum Trotz."

Die ägyptische Schriftstellerin Mansura Eseddin blickt in der NZZ ernüchtert auf die Lage ihres Landes, wo Abdelfatah al-Sisi seine Herrschaft mit alle Mitteln abgesichert hat: "Ägypten ist dabei, sich in ein Land des Schweigens und der Angst zu verwandeln. Wer es wagt, den Zerfall der Rechtsstaatlichkeit oder die Menschenrechtsverletzungen in Ägypten beim Namen zu nennen, der wird als Agent beschimpft und verdächtigt. Wer es wagt, an Präsident Sisi Kritik zu üben, darf mit einer systematischen Rufmordkampagne rechnen. Die Verhaftungen gehen unvermindert weiter, in Gefängnissen und Polizeistationen wird gefoltert wie eh und je."

Im Standard beklagt Günter Grass im Interview mit Andrej Ivanji den Niedergang der Sozialdemokratie in Europa: "Das liegt sicher auch daran, dass der Kapitalismus als System in der Lage war, sich zu globalisieren, die Gewerkschaften aber nicht. Die stecken nach wie vor in Tarifproblemen im nationalen Bereich fest, sie schaffen es nicht, eine grenzübergreifende Solidarität herzustellen. Das führt natürlich zu Machtverlust, und auch dazu, dass sich Arbeitnehmer in Gewerkschaften und der Sozialdemokratie nicht mehr zu Hause fühlen."

Weiteres: Für die Welt bricht Matthias Matussek nach Dresden und Weimar auf, um sich einen Reim auf die Pegida zu machen.
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Medien

Der NZZ-Verwaltungsrat hat sich inzwischen bei der Redaktion entschuldigt, dass er den als Blocher-nah geltenden Markus Somm als Chefredakteur installieren wollte, berichtet Christof Moser in der Schweiz am Sonntag, deren Meldung über Somm letzte Woche für Aufruhr gesorgt hatte. Somm kam durch Verzicht den geplanten Protestmaßnahmen zuvor: "Neben zwei offenen Briefen, in denen zunächst 60 Korrespondenten und dann auch 163 Redakteurinnen und Redakteure an die Verwaltungsräte appellierten, keinen "Exponenten nationalkonservativer Gesinnung" zum Chefredakteur zu machen, wurde zu Wochenbeginn sogar erwogen, die Frontseite der gestrigen NZZ-Samstagsausgabe als Ausdruck des Protests als leere weiße Seite in die Druckerei zu schicken. Somms Absage war für die NZZ-Redaktion eine große Erleichterung, die sich in übermütigen Tweets und einem subversiven NZZ-Online-Artikel mit dem Titel "#NZZgate: Some like #Somm not" niederschlug."

In der NZZ selbst berichtet Andrea Köhler jetzt auch vom Streit um die New Republic, der mit dem Auszug der Redakteure seinen Höhe- beziehungsweise seinen Tiefpunkt erreicht hat.
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Überwachung

Die NSA darf zwar offiziell Daten von Ausländern sammeln, sie darf es aber nicht unbedingt im Ausland tun, schreibt der Richter Dieter Deiseroth bei Telepolis mit Blick auf die Passivität der Bundesregierung: "Es gibt zwar weder im Völkervertrags- noch im Völkergewohnheitsrecht ein umfassendes Verbot der Spionage gegen einen fremden Staat. Ebenso gibt es im Völkerrecht aber auch keine positive Erlaubnisnorm für Spionage und nachrichtendienstliche Tätigkeit; dies gilt jedenfalls für Friedenszeiten. Die gleiche Völkerrechtsordnung, die Spionage nicht als völkerrechtliches Delikt der Staaten einordnet, stellt es den Staaten zugleich aber frei, Spionage mit allen erforderlichen Mitteln abzuwehren, auch und insbesondere mit den Mitteln des nationalen Strafrechts."
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Urheberrecht

Peter Mühlbauer stellt bei Telepolis eine Studie von Irights.info für die Grünen vor, die einen negativen Einfluss der Freihandelsabkommen CETA und TTIP auf das Urheberrecht in Deutschland und Europa in Aussicht stellt: "Henning Lahmann, der Hauptautor des Gutachtens, empfiehlt deshalb, dass CETA, TTIP und andere Freihandelsabkommen mit Vorbehaltsklauseln versehen werden, damit sie nicht im Weg stehen, wenn es dringenden Änderungsbedarf gibt. Nur mit solchen Vorbehaltsklauseln kann ihm zufolge "sichergestellt werden, dass die Vereinbarung die bereits angekündigte Modernisierung des Urheberrechts in Deutschland und in der Europäischen Union nicht vereitelt"."
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Internet

Die Konsequenzen des Sony Hacks sind noch gar nicht abzusehen, meint David Carr in seiner Kolumne für die New York Times: "Die Drohungen und der darauf folgende Rückzug des Films werden zum Alptraum ohne Erwachen. Nun, da kultureller Diskurs zum Gegenstand von Online-Erpressungen geworden ist, kann man sich kaum vorstellen, wo das endet. Dokumentarfilme, die zu seinem wichtigen Hintergrundmedium geworden sind, könnten auf dem Spiel stehen... Und es endet nicht mit der Kulturindustrie. Auch Medien wie die New York Times sind digital attackiert worden, nachdem sie Artikel publizierten, die manchen nicht gefielen."

Weiteres zum Thema: Laut Spiegel Online verspricht Sony inzwischen, "The Interview" irgendwann irgendwie doch noch herauszubringen. Mehr hierzu auch bei Mashable.
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Europa

Angesichts der deutschen Friedensliebe bringt Richard Herzinger in der Welt die Diskurse der "friedlichen Absichten" der totalitären Regimes in Erinnerung, um auf Wladimir Putin zu sprechen zu kommen: "Die historische Lehre, dass Gutgläubigkeit und Nachgiebigkeit gegenüber Aggressoren Kriegsgefahr nicht vermindert, sondern im Gegenteil erhöht, bleibt unter den veränderten heutigen Umständen gültig. Leider aber scheint sie in großen Teilen der deutschen Öffentlichkeit vergessen zu sein."
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Stichwörter: Wladimir Putin, Ukraine

Gesellschaft

Sandra Kegel freut sich in der FAZ, das Rainer Merkels großer Bericht über Ebola in Liberia als E-Book erschienen ist: "Der S. Fischer Verlag tat gut daran, Merkels mitreißenden Rapport nicht in die aufwendige Buchproduktion zu geben, was Monate in Anspruch genommen hätte, sondern die 120 Seiten nur wenige Wochen nach Merkels Rückkehr digital zu publizieren. So wird ein Format, das oft genug der Unterhaltung vorbehalten ist, zum idealen Forum für einen literarischen und zugleich aktuellen Text."

Im taz-Interview mit Natscha Wey fordert die britische Autorin und Feministin Laurie Penny etwas mehr weibliche Revolte: "wir müssen verstehen, dass immer brav, nett und angepasst sein ein Spiel ist, das keine gewinnt."
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Ideen

In der NZZ beobachtet der Biochemiker Gottfried Schatz eine - äh - kleine 180-Grad-Wende in der Biologie, die jetzt die menschliche Freiheit in Denken und Handel doch wieder anerkennen kann: "Bis vor kurzem schien es, dass jeder Mensch eine biochemische Maschine ist, die streng von ererbten Genen gesteuert wird. Nun aber haben Biologen erkannt, dass unsere Umwelt, unser Lebensstil und sogar unser Umgang mit anderen Menschen diese Gene verändern kann und wir einige dieser erworbenen "epigenetischen" Veränderungen sogar an unsere Nachkommen weitergeben können."
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