9punkt - Die Debattenrundschau

Ein beängstigender Effekt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.12.2014. George Clooney ist stinksauer über den Sony-Hack und den Rückzug von "The Interview" und lässt in dem Hollywood-Blog Deadline Sony, die Filmindustrie, die Stars und die Medien sehr schlecht aussehen. Barack Obama beschuldigt Nordkorea und kündigt eine Antwort an. Google sollte den Film hosten, meint Mashable. Warum darf man in sieben Staaten der USA keinen offiziellen Posten bekleiden, wenn man Atheist ist, fragt Slate.fr. Henryk Broder kritisiert in der Welt den Paternalismus gegenüber Pegida-Anhängern.

Politik

Auch Barack Obama hat jetzt in seiner letzten Rede vor Weihnachten Nordkorea für den Sony Hack verantwortlich gemacht, berichtet die New York Times und kündigt eine Antwort an: "Welche Art von Schritten geplant sind, ließ er offen, aber er sagte, die Antwort komme "an einem Ort und zu einer Zeit, die wir noch festlegen"." Obama kritisierte Sony für den Rückzug des Films. "Der Wille des Präsidenten zu handeln ist eine bemerkenswerte Wende in einer Geschichte, die zunächst eher von Indiskretionen und Klatsch zu handeln schien", schreiben die Redakteure der Times. Sony hat Obamas Kritik inzwischen schon zurückgewiesen, meldet die Presse. Man sei nicht eingeknickt.

(Via Dailymail) Sehr sehr sauer ist George Clooney über den Sony Hack und die Folgen. In einem Interview mit Mike Fleming Jr vom Hollywood-Blog Deadline, lässt der Schauspieler niemanden gut aussehen: den Filmkonzern Sony nicht, den er auffordert, den Film wenigstens im Internet freizugeben. Die gesamte Kinobranche nicht, in der keine einzige Hollywood-Größe bereit war, eine von Clooney verfasste Petition zu unterzeichnen, und die Medien nicht, die sich eher an den geleakten E-Mails labten, als zu kapieren, dass eine der wichtigsten Industrien eines Landes von einem anderen Land angegriffen worden ist. Und es wird sehr viel schwieriger werden, kritische Filme, etwa über Russland zu drehen: "Kritische Filme werden ja ohnehin nicht von den Studios gemacht. Die meisten Filme, die Ärger machten, waren unabhängig finanziert. Aber um sie zu vertreiben, braucht man die Studios, denn sie bringen die Filme in die Kinos. Es wird sehr viel schwieriger sein, nun einen Vertrieb zu finden. Das ist ein beängstigender Effekt."

Pete Pashal von Mashable meint, dass der Google-Dienst Google Pay ideal wäre, um "The Interview" zu hosten. So könnte sich Google gegenüber Netflix und Amazon besser positionen. Und mehr noch: "Eine der verstörendsten Meldung, die der Hack produzierte, war, dass Sony und andere Studios SOPA (den "Stop Online Piracy Act") wiederbeleben wollten, ein Gesetzeswerk, das zu mehr Internetzensur geführt hätte. Google ist natürlich gegen so etwas. Über die Firma mokiert man sich in den geleakten Mails als "Goliath". Würde Google "The Interview" hosten, stünde es in diesem Kampf als moralischer Sieger da."

Auch wenn Sony behauptet, den Film nicht verleugnen zu wollen, hat der Konzern nun doch auch alle Online-Adressen des Films gelöscht, berichtet Josh Lowensohn in The Verge: "Am Freitagabend waren die Website des Films, seine Facebook-Seite, sein Twitter-Konto, Instagram, Tumblr und sein Youtube-Kanal (mitsamt Trailern auf dem Kanal von Sony Picture) verschwunden. Und es gibt nicht mal eine Anmerkung, dass man sich zurückmeldet."

Weiteres zum Thema: Auch Hakan Tanriverdi von der SZ meint, dass Sony den Film ins Netz stellen soll. Michael Hanfeld fragt in der FAZ: "Bestimmt jetzt Nordkorea, was Hollywood macht?" Daivd Steinitz von der SZ hat den Film gesehen und schildert ihn als eine smarte Komödie, um die es schade ist. Und Vulture fragt: Wie sehen Amerikaner in nordkoreanischen Filmen aus?"
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Urheberrecht

Im Rechtsstreit des Urheberrechtlers Martin Vogel gegen die Verwertungsgesellschaft Wort heißt es, weiter abzuwarten", meldet irights.info: "Der Bundesgerichtshof setzt das Verfahren aus, in dem es um die Beteiligung von Verlagen an den Einnahmen der VG Wort geht, und verweist auf eine ausstehende Entscheidung beim Europäischen Gerichtshof." Vogel hatte im Perlentaucher vor einigen Tagen nochmal seinen Stadpunkt dargelegt.
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Gesellschaft

"So viel Paternalismus war lange nicht mehr", meint Henryk M. Broder in der Welt über Politiker und Kommentatoren, die die Pegida-Demonstranten als Rassisten oder Nazis bezeichnen: "Es ist der Hochmut des Vormunds gegenüber dem Mündel, eine abgrundtiefe Verachtung der "Menschen da draußen im Lande". Die werden immer wieder aufgefordert, sich zu engagieren, aber wehe, sie tun es wirklich!"

Der Romanautor und Germanist Herbert Genzmer erklärt im Interview mit der Welt, warum es so wichtig ist, die richtige Grammatik zu lernen (und ja, das setzt voraus, dass es es eine "richtige" Grammatik gibt): "Wenn man im Duden akzeptiert, dass wie und als beim Komparativ in gleicher Weise funktionieren können, nur weil viele Leute so reden - dann wird ignoriert, dass dann eben die rote Karte kommt, wenn jemand einen solchen Satz auf einem Elternabend sagt oder sich um eine Stelle bewirbt. ... In der Aufweichung des allgemeinen Systems wird plötzlich wieder so etwas wie Familie oder Herkunft sehr viel wichtiger. Denn wenn die Schule es nicht leistet, den Kindern einwandfreies Deutsch beizubringen, dann muss es die Familie leisten."

Fleisch essen macht intelligenter, behauptet Eckhard Fuhr in der Welt mit Verweis auf eine Ausstellung im Neanderthal Museum. Suhrkamp darf AG werden, hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, meldet das FAZ.Net. In der Print-FAZ berichtet Sandra Kegel.
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Ideen

Jürgen Habermas wird 85. Die Blätter habren eine wunderbare Idee und bieten alle Beiträge von und zu Habermas aus ihrer Zeitschrift als kostenloses Ebook an. Bitte hier downloaden!

Mit Beiträgen von Micha Brumlik, Rainer Forst, Klaus Günther, Axel Honneth, Ingeborg Maus, Oskar Negt, Ulrich Oevermann, Claus Offe, Albrecht Wellmer - und von Jürgen Habermas.

Und einer Gratulation vom Perlentaucher! Wir verweisen nochmal auf den großen Text, den er zu der von uns lancierten Debatte über "Islam in Europa" geschrieben hat.

Außerdem in der SZ denkt Gustav Seibt über dei über Alexander Gauland, Edmund Burke und die Frage nach, ob man heute noch konservativ sein kann.
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Religion

In sieben Staaten der Vereinigten Staaten kann man ganz offiziell keinen Posten in staatlichen Institutionen oder Gerichten bekleiden, wenn man Atheist ist, schreibt Eric Leser in Slate.fr: "Wie Rob Boston, der Sprecher von Americans United for Separation of Church and State in Vice erklärt, wären solche Gesetze "längst abgeschafft, wenn sie Juden, Katholiken oder Mormonen" beträfen. Diese Gesetze, die eines theokratischen Staats würdig wären, widersprechen der Verfassung der Vereinigten Staaten und einem Spruch des Supreme Court von... 1961."

Kleiner Trost: Bei The New Humanist gibt es "Christmas: an atheist survival guide".
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Medien

(Via turi2) Die Fokussierung der Medien auf Europa nimmt zu. Nachdem Springer bei Politico Europe eingestiegen ist (wir resümierten gestern Andreas Müllerleiles informativen in Carta), meldet nun der Guardian, dass die New York Times ein europäisches Redaktionsbüro in London mit hundert Redakteuren eröffnen will.

Sehr traurige Nachrichten hat Martin Weigert: Das von ihm betriebene Blog Netzwertig wird eingestellt, als eine Folge des Endes der Schweizer Gruppe Blogwerk. "Verlockende neue Herausforderungen, die Schwierigkeiten, ein Angebot wie netzwertig.com nachhaltig zu monetarisieren sowie die auf Dauer begrenzte Reichweite der Fachberichterstattung über Technologie-Themen in deutscher Sprache erleichterten uns den Entschluss etwas", schreibt Weigert.

Auch die Redaktion der NZZ wird sich nun an der Suche nach einem neuen Chefredakteur beteiligen können, meldet de Standard unter Bezug auf eine Mitteilung des NZZ-Verlags: "Gesucht werde eine Persönlichkeit mit großer publizistischer Kompetenz und bürgerlich-liberaler Meinungsführerschaft nach innen wie nach außen. Die NZZ stärker auf einen nationalkonservativen Kurs zu verpflichten, sei nie zur Diskussion gestanden."

Matern Boeselager von Vice interviewt die taz-Redakteurin Doris Akrap, die mit Journalisten "mit komischen Namen" in Dresden Hate Mails und Leserbriefe vorlesen wird: "Diese Leute, die sich Pegida nennen und da schweigend oder "Lügenpresse" rufend in Dresden stehen und nicht mit den Medien reden - was in diesen Leserbriefen steht, ist genau das, was die Leute auch denken. Es ist also lustig, dass sie jetzt nicht mit der Presse reden, weil wir schon seit Jahren mit denen in regem Kontakt stehen."
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