Efeu - Die Kulturrundschau

Raserei des Blutes

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22.12.2014. Die Kunst kommt dem Pop nicht mehr hinterher, daher die Konjunktur der Pop-Art, diagnostiziert auf Zeit online der Kunsthistoriker Jörg Scheller. Der Freitag fragt, wie man den deutschen Film besser machen kann. Die FAZ hört staunend eine historische Einspielung erster Hadyn-Sinfonien mit dem Dirigenten Giovanni Antonini. Es regnet Verrisse für Luk Percevals Inszenierung von "Exiles" nach James Joyce. Und alle trauern um Udo Jürgens.

Kunst

Die aktuelle Konjunktur der Pop-Art in den Museen hält der Kunsthistoriker Jörg Scheller (ZeitOnline) eher für eine Verzweiflungstat: Lange schon bedient sich nicht mehr die Kunst beim schnöden Pop, vielmehr wird Pop immer komplexer und zur Kunst, lautet seine These. Was den Kunstbetrieb in die Legitimationskrise treibt: "In der Tat scheinen die Kräfte der herkömmlichen Kunst nach einem Jahrhundert der Innovationsexplosionen erschöpft. Im Avant Pop aber geht die Geschichte des Aufbruchs weiter - nun auf dem Boden der kommerziellen Tatsachen, hybrider, nonchalanter, schriller, lauter. Die Bilder der Werbung und Mode haben nicht die Kunst verdrängt, wie einige Bildwissenschaftler unken, vielmehr hat die Kunst diese Bilder erobert und dabei gewissermaßen das Kostüm gewechselt."

Im Jubiläumsjahr der Dresdner Kunstakademie hat die Stadt den Künstler Mark Dion gebeten, die staatlichen Kunstsammlungen der Stadt zu durchstöbern und neu zu kuratieren. Herausgekommen ist mit seiner "Akademie der Dinge" eine ökologisch grundierte Kritik, schreibt Felix Stephan in der SZ: "Auch wenn Dion der Ruf des Saboteurs vorauseilt, ist diese Ausstellung in erster Linie eine Liebeserklärung an alle Kunsthochschulen. Dion hat schon deshalb nichts Grundlegendes gegen die Existenz von Akademien einzuwenden, weil er in einer Welt ohne Akademien selbst nie Künstler geworden wäre. Die institutionalisierten Hüter der Kunst sind also nicht per se das Problem - das Problem ist, dass sie in ihrer heutigen Form junge Talente eher auf den Kunstmarkt vorbereiten, als ihnen beizubringen, wie man als Künstler leben kann. Und "als Künstler leben" heißt bei Dion nicht in erster Linie: "von der Kunst leben"."

Besprochen wird eine Schau im Luganer Museo Cantonale d"Arte zu Leben und Werk des Renaissance-Malers Bramantino (NZZ).
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Film

Lässt sich der deutsche Film dadurch verbessern, dass man die Fernsehsender aus den Produktionen nimmt und sie stattdessen verpflichtet, im vorgesetzten finanziellen Rahmen fertige Kinofilme aufzukaufen? Matthias Dell hat sich zu dieser Frage für den Freitag in der Filmförder-Szene umgehört. Ellen Wietstock vom Informationsdienst black box etwa hält dieses Modell für sehr vernünftig: "Es entsteht ein produktiver Wettbewerb. Die Produzenten könnten die Zeit und Energie, die sie jetzt benötigen, um die Klinken der öffentlich-rechtlichen Fernsehredaktionen zu putzen, für die Weiterentwicklung der Drehbücher verwenden."

In der SZ sprechen Susan Vahabzadeh und Fritz Göttler mit Olivier Assayas über dessen neuen Film "Die Wolken von Sils Maria" (unsere Besprechung hier). Besprochen wird der Film "Die Entdeckung der Unendlichkeit" über das Leben des britischen Physikers Stephen Hawking (Welt).

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Literatur

In der NZZ untersucht der britische Literaturprofessor Jeremy Adler die Bedeutung Goethes für Henry James. So erzählt er, wie der damals 21-jährige James in einem Brief einem Freund schilderte, "wie er geträumt habe, im Himmel zu sein. Eine handverlesene Schar habe er dort angetroffen, denn Shakespeare, Goethe und Charles Lamb seien neben ihm die einzigen Himmelsbewohner gewesen. Über dieses glückliche Zusammentreffen schreibt James weiter: "Ich bin froh, Goethe ganz für mich allein zu haben, denn ich bin der Einzige, der Deutsch spricht.""

In der taz porträtiert Sabine Seifert die französische Krimischriftstellerin Dominique Manotti, deren Blick auf die Ökonomie eindeutig noir ist: "Heutzutage ist die Wirtschaft kriminell, und die Organisation der Gesellschaft weitgehend auch. Der Anschein von Gesetzmäßigkeit ist das Erbe einer früheren Zeit."

Weitere Artikel: Chris Köver (ZeitOnline) schreibt über die Schriftstellerin Adelle Waldman, deren Roman "The Love Affairs of Nathaniel P." über das Datingverhalten junger amerikanischer Literaten in den USA einige Wellen geschlagen hat. Der Literaturnobelpreis wird künftig unter Leitung einer Frau vergeben, berichtet in der NZZ Aldo Keel: die Literaturprofessorin Sara Danius übernimmt das Amt von dem zurückgetretenen Historiker Peter Englund. Für die FAZ begibt sich Reinhard Pabst nach Bad Ems auf die Spuren von Botho Strauß. Außerdem bringt die SZ A.L. Kennedys Erzählung "Verdammte Weihnacht".

Besprochen werden Misha Anouks "Goodbye, Jehova! Wie ich die bekannteste Sekte der Welt verließ" (taz), Jonathan Franzens "Kraus-Projekt" (Tagesspiegel, mehr), das Gesamtwerke von Paul Nizon (Standard) und Rainer Merkels E-Book "Go Ebola Go" (FAZ, mehr).
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Bühne


"Exiles" in den Münchner Kammerspielen. Foto: Judith Buss.

Nur einen Bruchteil von James Joyce" "Exiles" übernimmt Regisseur Luk Perceval für seine Inszenierung des Stücks an den Münchner Kammerspielen und überdies setzt es zu Beginn nervenaufreibende Klangexperimente, erfahren wir aus den Kritiken. Die Inszenierung zeichnet sich, wie Christine Dössel in der SZ berichtet, durch einige Längen aus: "Lange Pausen. Stummes Herumstehen. Ein artifizielles Auf-der-Stelle-Treten." Wohl auch deshalb wünscht sie "den trostlosen Kunst-Figuren (...) eine Streicheleinheit". Dass immer wieder psychologisch unmotivierte Ausbrüche diese Regungslosigkeit aufsprengen ist ein Merkmal der Arbeiten des Regisseurs, erklärt Sabine Leucht auf Nachtkritik. Richtig überzeugend findet sie das allerdings nicht. Alles "Quatsch und Quark" ärgert sich unterdessen ein fuchtsteufelswilder Gerhard Stadelmaier in der FAZ.

Besprochen werden ein "Rigoletto" an der Wiener Staatsoper (Standard, Presse), Günther Rühles über 1500 Seiten zählender historischer Abriss "Theater in Deutschland 1945-1966" (Tagesspiegel), Yael Ronens "Community" in Graz (Nachtkritik, Presse), Jan Bosses in Stuttgart aufgeführte Adaption von Ingmar Bergmans "Herbstsonate" (Nachtkritik, SZ), die Uraufführung von Friederike Mayröckers "Requiem für Ernst Jandl" in Wien (Nachtkritik, Presse, FAZ), eine "Kameliendame" in der Wiener Josefstadt (die Inszenierung findet NZZ-Rezensentin Barbara Villiger Heilig eher hysterisch, beeindruckt hat sie aber Udo Samel als Armands Vater), das in Frankfurt aufgeführte Musical "We Will Rock You" (FR) und Jetske Mijnssens Dresdner Inszenierung von Engelbert Humperdincks "Königskinder" (FAZ).
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Musik

"Hadyn 2032" lautet der Titel des nicht eben bescheidenen Projekts des Dirigenten Giovanni Antonini, der bis zum genannten Jahr sämtliche 107 Hadyn-Sinfonien mit historischen Instrumenten einspielen lassen will, berichtet ein darüber nicht schlecht staunender Jan Brachmann in der FAZ. Die Hürde der ersten CD ist immerhin schon genommen: "Schön an dieser Aufnahme ist, dass Antonini über die Raserei des Blutes hinweg nicht die architektonischen Kräfte in der Musik vergisst. So harsch die Streicher von Hatz, Gier und Angst erzählen, so besonnen zeichnen die Bläser harmonische Verläufe und regelmäßige Perioden nach."

Weitere Artikel: Eleonore Büning klagt in der FAZ über den Mangel an guten Aufnahmen der Werke des Barock-Komponisten Jean-Philippe Rameau: Besonders gut gefallen hat ihr allerdings die bei harmonia mundi erschienene, zehn CDs umfassende Jubiläumsbox. Jetzt online bei der Zeit: Stefan Hentz" Überblick über aufstrebende Jazzsängerinnen. Jens Balzer gibt in der Berliner Zeitung seine Top10-Alben des Jahres bekannt. Joachim Lottmann hat sich für die Welt eine Woche durch die Popcharts gehört und fand nur Isis-bärtige junge Männer mit einem spießigen Frauenbild.

"Udo Jürgens zeigte der biederen deutschen Unterhaltungswelt, was es heißt, wenn einer Glamour, Intelligenz und Mitgefühl in seine Kunst einbindet", so schreibt es Samir H. Köck (Presse) in seinem Nachruf auf den mit 80 Jahren gestorbenen Sänger und so sehen das auch Frank Olbert (FR), Bodo Mrotzek (ZeitOnline), Karl Fluch (Standard), Gerhard Matzig (SZ) und Jan Feddersen (taz). Ein Gruß in den Schweizer Himmel:



Besprochen werden Nicki Minajs "The Pinkprint" (Berliner Zeitung), die neue CD des Wu-Tang Clan (Standard) und das Abschiedsalbum von Unheilig (FAZ).
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