Efeu - Die Kulturrundschau

Ein künstlerischer Rausch

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20.12.2014. Die SZ wagt sich ins kristalline Maul des neuen Musée des Confluences in Lyon. Nachtkritik und FAZ ziehen die Nasen kraus in Sebastian Nüblings Zürcher Inszenierung des "Diskreten Charmes der Bourgeoisie". Die Welt staunt über die Lebensleichtigkeit eines störrischen Antisemiten in der Karlsruher Degas-Ausstellung. Religiotainment ist der neue Trend im Hollywoodfilm, behauptet die taz. Pitchfork feiert D'Angelos Album "Black Messiah" als neues Wörterbuch des Soul.

Architektur


Bild: Coop Himmelb(l)au

Nun ist es endlich fertig geworden, das hoffnungslos zu spät eröffneten und viel zu teuer gewordenen Musée des Confluences in Lyon, direkt am Zusammenfluss von Rhone und Saone. Es soll ein Museum der Wissenschaften vom Leben werden, von der Erde und ihren Bewohnern. Der Bau lässt den SZ-Rezensenten Gerhard Matzig (SZ) erst mal schwärmen: "Das riesige, kristalline Maul, es birgt über einem Sockel aus Beton das gläserne Foyer, den "Kristall" in der Coop-Sprache, und öffnet sich zur Stadt hin. Wie ein Bartenwal Plankton aus dem Meer filtriert, so werden die Passanten hier aufgenommen. Man kann sich kaum dagegen wehren. ... Das Haus hat Präsenz, Anziehungskraft. Man will da hinein, und das ist nicht das Schlechteste, was einem Museum passieren kann, das weniger ein hehrer Schrein der Wissensaufbewahrung, als vielmehr ein lässiger Ort der Wissensaneignung sein möchte." Auf der Website des Architekturbüros Coop Himmelb(l)au gibt es zahlreiche Informationen zur Konzeptions- und Baugeschichte.
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Musik

Große, ganz große Begeisterung bei Craig Jenkins (Pitchfork) für das neue, wegen der aktuellen Debatten in den USA über rassistische Polizeibrutalität überraschend vorgezogen veröffentlichte Album "Black Messiah" von D"Angelo, seinem ersten nach 14 Jahren: Diese Platte "ist eine Studie in kontrolliertem Chaos. ... "Black Messiah" besitzt die Klugheit und Kühnheit, die bislang nur wenige Vorläufer aufwiesen, wenn es darum geht, disparate Fäden zu verbinden. ... "Black Messiah" ist ein Wörterbuch des Soul, doch D"Angelo ist der seltene Fall eines Klassizisten, der in der Lage ist, die Eigenschaften der Großen im Kanon in einen Sound, der vollkommen sein eigener ist, zu bündeln." Auch Jens-Christian Rabe von der SZ ist ziemlich umgehauen: Der Meister befinde sich hier "auf der Höhe seiner Kunst" und sein Album " ist ein großer musikalischer Kommentar geworden zum Erbe der schwarzen Kultur für die amerikanische Identität." Hier kann man das Album im Stream hören.

Weitere Artikel: Für die taz spricht Julian Weber mit Disco-Legende Giorgio Moroder, der nun nach vielen Jahren Golf-Spielen und Kreuzworträtsel-Lösen wieder im Business ist. Thomas Winkler freut sich in der taz, dass die Berliner Punk-Institution Terrorgruppe nach 8 Jahren wieder zusammengefunden hat. Pitchfork bringt seine 50 besten Alben des Jahres. Auch die Tagesspiegel-Popkritiker ziehen Bilanz.

Besprochen werden Azealia Banks" "Broke with Expensive Taste" (The Quietus), ein Krautrock-Abend mit Hans Joachim Irmler und Gudrun Gut samt der Tenors of Kalma im Berghain (Tagesspiegel), Tony Hymas" "Chroniques de résistance" (taz), "Pinkprint" von Nicki Minaj (ZeitOnline), eine CD-Box mit sämtlichen Aufnahmen von Chuck Berry (Zeit), ein Konzert von Jörg Widmann (Tagesspiegel, SZ), ein Konzert der Sleaford Mods (The Quietus) und das Kölner Abschiedskonzert des Hillard Ensembles, dessen Auflösung Christian Wildhagen (FAZ) ganz besonders schmerzt.
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Film

Andreas Busche (taz) identifiziert einen neuen Trend in Hollywoods Filmschmiede: "Religiotainment", wie es Ridley Scott mit der Moses-Geschichte "Exodus" zu Weihnachten in die Kinos bringt. Für den Blockbuster bieten Bibelstoffe handfestes visuelles Material, meint Busche, doch die globalisierte Verwertungskette kommt zum Preis einer Entzauberung: Den zehn Plagen, die Gott über die Ägypter bringt, spricht Scott kurzerhand ihren göttlichen Ursprung ab. "Diese Säkularisierung des Bibelfilms hat handfeste ökonomische Ursachen. So wie die Ästhetik des Bibelfilms einen Synkretismus aus Realfilm, Comicverfilmung und Computerspiel eingegangen ist, muss sich die Geschichte auch auf dem Weltmarkt behaupten. Unterschiedliche religiöse Befindlichkeiten spielen da, wie der Boykott von "Noah" in islamischen Ländern zeigte, eine maßgebliche Rolle und können sich unter Umständen geschäftsschädigend auswirken."

Weitere Artikel: Das Österreichische Filmmuseum beschenkt sich und sein Publikum zum Jahresende mit auf Martin Scorseses Veranlassung hin restaurierten Filmen, freut sich Verena Lueken (FAZ), die ganz besonders hervorkehrt, dass die Filme auch tatsächlich von Kinokopien gezeigt werden. Stets hervorhebenswert ist auch das von Christoph Huber betreute Blog des Österreichischen Filmmuseums: Aktuell würdigt er dort Jean Rollin, den vor vier Jahren gestorbenen Poète Maudit des französischen Sex- und Horrorfilms der 70er Jahre. Auf IndieWire verkünden Melissa Silverstein und Inkoo Kang die besten von Frauen gedrehten Filme des Jahres.
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Literatur

Hans Barlach hat im Streit um Suhrkamp wohl endgültig verloren. Nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgericht steht einer Umwandlung des Verlags in eine Aktiengesellschaft jetzt wohl nichts mehr im Wege, meldet dpa.

Felix-Emeric Tota (FAZ) porträtiert den Literaturwissenschaftler, Künstler und ubuweb-Gründer Kenneth Goldsmith, der copy/paste-Collagen mit Sprachfetzen aus dem Netz erstellt, Kurse in "unkreativem Schreiben" gibt, bei denen die Studierenden bewusst im Web prokrastinieren sollen, und auch ansonsten viel von konzeptueller Aneignung fremder Werke hält. Als Referenzpunkte für solches Schaffen sieht Tota die "ecriture automatique" des Surrealismus und die Idee des Umherschweifens der Situationisten: "Die immer ausuferndere Menge Text im Internet ist für Goldsmith ideales Rohmaterial für neue Literatur, das man nur bearbeiten muss: "Ob disjunktiv, komprimiert, dekontextualisiert und neu zusammengesetzt, es können leicht Kunstwerke daraus entstehen." ... Ein weiteres Argument Goldsmiths ist, dass es bereits so viel Text auf dieser Welt gebe, dass, rein pragmatisch gesehen, kein weiterer generiert und hinzugefügt werden müsse. Neue Romane seien bloß formale Abwandlungen [und] dadurch nicht mehr im herkömmlichen Sinne interessant."

Im Interview mit der Welt spricht Bodo Kirchhoff über Liebe, das Begehren und das Schreiben über Sex: "In einer wörtlichen Rede geht alles. Aber als Erzähler habe ich meine Grenzen. Es ist immer die Frage, behaupte ich etwas - oder erzähle ich etwas. Ich würde im Leben nicht das Wort "sinnlich" benutzen. Oder "zärtlich". Ich versuche, das zu erzählen, was zärtlich ist. "Sie zitterte vor Erregung" - das ist geschriebenes Fernsehspiel."

Weitere Artikel: Im Blog der Paris Review führt Colin Fleming durch die Welt der weihnachtlichen Geistergeschichten britischer Provenienz. Dctp bringt eine Aufnahme von Alexander Kluges Dankesrede zum Heinrich-Heine-Preis. Stefan Michalzik (FR) war bei einer Lesung von Rocko Schamoni.

Marcel Beyer (Logbuch Suhrkamp), Paul Jandl (Welt), Franz Haas (NZZ), Arno Widmann (FR) und Tobias Lehmkuhl (SZ) gratulieren der Schriftstellerin Friederike Mayröcker zum 90. Geburtstag.

Hier liest sie in der Galerie Schleimühlgasse: "Mein Ohr geht auf Zehenspitzen und weint."



Besprochen werden unter anderem Stephanie Barts "Deutscher Meister" (taz), Jack El-Hais "Der Nazi und der Psychiater" (taz), Rana Dasguptas "Delhi" (FAZ) und Klaus Binders Neuübersetzung von Lukrez" "De Rerum Natura" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Bühne


Schuld war nur der Bossa Nova: Der diskrete Charme der Bourgeoisie. Bild: Toni Suter / T+T Fotografie.

Am Zürcher Schauspielhaus brachte Sebastian Nübling eine Adaption von Luis Buñuels Filmklassiker "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" mit allerlei Bossa Nova zum Tanzen. Die Theaterkritiker verließen das Haus indessen deutlich weniger beschwingt. Christian Rakow (Nachtkritik) verschweigt gar diskret die Namen der Darsteller, die "all das weit unter ihrem Niveau auf die Funkelbretter chargieren", und ist auch ansonsten unterwältigt: "Das Wesentliche ist ohnehin hinter der Bühne verzapft worden. Die Show-Dramaturgie tilgt jegliche Überraschung. Während ein Militärauftritt wie im Film (...) für reichlich Verblüffung sorgt, vermutlich sogar für eine Interpretationslust, da schaut das hereinschneiende Zürcher Militärtanztrüppchen nurmehr nach amerikanischen Film-Revuen von anno dunnemal aus." In der FAZ berichtet Martin Halter von einem viel zu glatten "Formationstanz ohne Stolperer, Nachtmahre und tiefer gehende Irritationen" - und das nun ausgerechnet bei einem Buñuel-Stoff!

Besprochen werden Dietmar Daths "Farbenblinde Arbeit" (FR, mehr), René Polleschs in Hamburg aufgeführtes Stück "Rocco Darsow" (Freitag), Niklaus Helblings in Mainz aufgeführter "Schwarze Komet" ("ein bezaubernder Sonderling", schwärmt Judith von Sternburg in der FR), Robert Gerloffs Essener Inszenierung von Wolfram Lotz" "Die lächerliche Finsternis" (Nachtkritik, hier unser Resümmee der aktuellen Berliner Inszenierung) und Alexander Wiegolds Inszenierung von Ferdinand Schmalz" "Am Beispiel der Butter" in Wien (Nachtkritik).
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Kunst

Ein typischer Künstler war Edgar Degas gerade nicht. Er stammte aus altem bürgerlichen Geldadel und blieb dem Juste Milieu immer treu, erzählt Hans Joachim Müller in der Welt anlässlich der Degas-Ausstellung in der Karlsruher Kunsthalle. "Ein schwieriger Zeitgenosse und störrischer Antisemit, der über der Dreyfus-Affäre in die dumpfsten Ressentiments verfiel. Dabei könnte man meinen, wenn man die große Karlsruher Ausstellung an sich vorbei ziehen lässt, dass die Bilder immer nachdrücklicher von Lebensleichtigkeit erzählen, dass sie sich aufhellen, sich lösen, befreien auch von den klassischen Mustern, aus denen sie stammen."

Im Tagesspiegel würdigt Florian Friedman das französische Underground-Comicmagazin Métal Hurlant, dessen grelle, psychedelische Ästhetik insbesondere auch den Science-Fiction-Film der 70er Jahre maßgeblich geprägt hat: "Moebius, Druillet und Kollegen hatten H.P. Lovecraft und Philip K. Dick genauso gelesen wie Gustave Flaubert oder Arthur Rimbaud; gleichzeitig ließen sich Einflüsse der Nouvelle Vague, des deutschen Expressionismus und des Surrealismus ausmachen. Solange man nur nicht die biederen grafischen und narrativen Strukturen vergangener Comic-Dekaden reproduzierte, schien alles erlaubt. ... In teils bizarrer Gedankenstrom-Erzählweise brach sich die Kreativität der jungen Wilden des Comics Bahn. Ein künstlerischer Rausch."

Das schwarze Überpinseln des bombastischen Street-Art-Gemäldes in der Berlin-Kreuzberger Cuvrystraße sorgte vergangene Woche für einiges Aufsehen. Im taz-Gespräch mit Jens Uthoff erklärt Lutz Henke, der an der vom Künstler beauftragten Säuberungsaktion beteiligt war, diese Intervention mit der Gentrifizierung Berlins: Henke beklagt "eine permanente Verwertung der Street-Art - vonseiten der Stadt Berlin, der Stadtvermarktung und der Kiezverwaltung zum Beispiel."

Weitere Artikel: Der Tagesspiegel bringt Notizen einiger Künstler zur Schließung der Neuen Nationalgalerie in Berlin: Sowohl Ólafur Elíasson, als auch Christian Jankowski erinnern sich dabei an die Aktion von Ulay aus dem Jahr 1976, der den "Armen Poet" aus dem Haus entwendete, um ihn bei einer Migrantenfamilie im Wohnzimmer aufzuhängen. Swantje Karich bilanziert in der FAZ den deutschen Kunstmarkt: Die Auktionshäuser konnten ihre Umsätze ordentlich steigern und Max Beckmann taucht sieben Mal in der Top Ten der teuersten Werke auf, doch war im Großen und Ganzen "das Angebot an wirklich guten Arbeiten (...) dünn."

Besprochen werden eine Ausstellung mit Rembrandts Spätwerk in der National Gallery in London (NZZ) und die Velázquez-Ausstellung in Wien (von der FAZ jetzt online gestellt).
Archiv: Kunst