9punkt - Die Debattenrundschau

Zur Not kaufst du eine Flasche Champagner

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.11.2014. Die NZZ erzählt, wie sich Italien aus der Erinnerung an die Resistenza Inspiration holt. Spiegel Online und AP beschreiben dagegen, wie Deutschland und Japan ihre Geschichte lieber ein bisschen revidieren. Die Gurlitt-Sammlung dürfte "zig Millionen" wert sein, schätzt Provenienzforscher Willi Korte in der FAZ nach Veröffentlichung der Werklisten. Slate erklärt, warum sich Wladimir Putin am liebsten mit orthodoxen Juden umgibt. Die Welt kämpft mit David Foster Wallace gegen politisch korrekte Sprache. Ebenfalls in der Welt wirft Jorge Volpi einen Blick in der Abgrund der mexikanischen Korruption. Nach dem Referendum in Katalonien droht Cava-Boykott, fürchtet Slate.fr.

Europa

Nach dem katalonischen Scheinreferendum für die Unabhängigkeit droht ein Boykott des katalonischen Cava-Sekts zu Weihnachten, berichtet Laura Guien in Slate.fr. Beispiele für solche Boykotte in den nicht katalonischen Regionen Spaniens gab es schon in früheren Jahren. "Das Risiko ist um so größer als es sich um eine einfach zu realisierende Operation handelt, glaubt die Ökonomin Sevi Mora von der Gruppe Ciutadans de Catalunya, die gegen katalonischen Nationalismus eintritt. "Es kostet nicht sehr viel Überwindung, den katalanischen Cava zu boykottieren. Es ist ja nicht dasselbe wie ein Boykott von Benzin oder anderen lebensnotwendigen Gütern. Zur Not kaufst du eine Flasche Champagner und bist noch glücklicher."" Vielleicht wäre das auch der Moment für deutsche Sektproduzenten, eine kleine Kampagne in Spanien zu starten!
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Stichwörter: Katalonien, Spanien, Sekten

Kulturpolitik

"Das ging aber schnell", wundert sich Julia Voss in der FAZ über die vom Kunstmuseum Bern ins Netz gestellten Listen der Gurlitt-Kunstwerke. Der Provenienzforscher Willi Korte sagt im Gespräch mit der FAZ: "Wenn man davon ausgehen kann, dass die Bilder in gutem Zustand sind oder restauriert werden können, hat dieser Teil der Sammlung einen Wert von zig Millionen." Die Listen als pdf-Dokumente finden Sie hier und hier.

Geschichte

Italien gedenkt in diesem Jahr des Widerstands gegen Mussolini. Angesichts ihrer verfallenden Gesellschaft sehen die Italiener durchaus einen Bezug zu heute, erzählt Barbara Villiger Heilig in der NZZ. "Vom Armistizio im September 1943, das de facto eine bedingungslose Kapitulation der italienischen Faschisten bedeutete, bis zur Befreiung Italiens im Frühjahr 1945 formierte sich die kleine Minderheit der Partisanen zum asymmetrischen Kampf gegen Nationalsozialisten und Agitatoren der Repubblica sociale italiana. Ausschlaggebend für die moralische Aufrüstung des Landes war der große Rückhalt im Volk, auf den diese meist blutjungen Burschen zählen konnten - und mit ihnen alle weiteren Verfolgten, ob Juden, Kommunisten, Deserteure oder sonstige Regimegegner. Man versteckte, ernährte, bekleidete sie."

Geschichtsrelativismus ist die Moral der WK 2-Schmonzetten wie "Unsere Müter, Unsere Väter" und jetzt "Das Zeugenhaus" im ZDF, meint Georg Diez in seiner Spiegel-Online-Kolumne: "Der Holocaust aber wird in diesem Film vollkommen ausgeblendet, so wie er auch schon in "Unsere Mütter, unsere Väter" ausgeblendet wurde. Die Verbrechen dort waren Verbrechen der Soldaten, einzelne Taten, grausam und unerklärlich oder aus der Logik des Krieges heraus zu sehen. Nach diesem Prinzip funktioniert nun auch "Das Zeugenhaus": Wehrmacht böse, Deutsche gut."

Yomiuri, die größte japanische Zeitung, hat sich - auch hier in ihrer englischen Ausgabe - dafür entschuldigt, mit Blick auf meist koreanische Zwangsprostituierte im Zweiten Weltkrieg von "Sexsklavinnen" gesprochen zu haben, berichtet Associated Press (hier in Mashable). Der Hintergrund: "Premierminister Shinzo Abe und andere konservative Politiker und Aktivisten führen seit langem eine Kampagne gegen den Begriff "Sexsklavinnen" und behaupten, die Frauen seien nicht gezwungen worden. Zwar hatte eine Regierungsstudie in den frühen neunziger Jahren geschlossen, dass die Frauen "gegen ihren Willen" festgehalten wurden und "im Elend in Bordellen lebten"... Die Konservativen argumentieren aber damit, dass die Studie keine Belege in offiziellen Dokumenten gefunden hatte."

Weitere Artikel: Claudia Schwartz sah für die NZZ schon mal den ersten Teil der vom ZDF produzierten Deutschland-Saga, durch die der Historiker Christopher Clark führt.
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Medien

Einigen Wind macht der offene Brief, den die vor der Entlassung stehende Geo-Redakteurin Gabriele Riedle an Gruner-und-Jahr-Chefin Julia Jäkel geschrieben hat (hier, bei der taz, als pdf-Dokument). Riedle schildert darin die wahrlich missliche Situation einer Journalistin, die mit 57 aus einer Teilzeitstelle in die Arbeitslosigkeit eintlassen wird: "Kurz: Ich marschiere geradewegs in die Altersarmut. Aber wie überhaupt überleben bis 66? Die wiederholten Aussagen von Verlagsseite, die Zeiten für Freie seien noch nie so günstig gewesen wie heute, empfinde ich schlicht als Hohn."
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Gesellschaft

Der Kampf um eine politisch korrekte Sprache lässt in Befürwortern wie Gegnern regelmäßig den inneren Schweinehund hochkommen, schreibt Robin Alexander (mit ein paar sehr einleuchtenden Beispielen aus der deutschen Presse) in der Literarischen Welt, zugleich "ist der Gleichstellungssprech längst die Sprache der Konzerne", für die der Tanz um "Diversity" ein Glückstreffer ist, verhindert er doch jeden gesellschaftlichen Zusammenhalt: "David Foster Wallace, der Autor von "Infinitive Jest", hat afroamerikanische Studenten nicht nur im Gebrauch von "weißem Englisch", sondern auch "politisch korrektem Englisch" unterrichtet, das er als eine noch höhere Hürde erlebte. In einem Essay für das Magazin Harper"s folgert auch er, dass zur Etikette geronnene politische Korrektheit politischer Aktion im Wege steht: "Der strenge Code egalitärer Euphemismen dient dazu, genau die Art von schmerzhaftem, unschönem und manchmal beleidigendem Diskurs zu unterdrücken, der in pluralistischen Demokratien zu wirklichen politischen Veränderungen führt.""

In der NZZ macht sich Hannelore Schlaffer Gedanken um den Stand der Frauenbewegung und stellt fest, dass sich alles um das Kind dreht: "Das Recht auf Berufstätigkeit wird einer Frau heute kaum abgesprochen. Das politisch präsente Thema ist die Diskussion über den Status der berufstätigen Frau. Dabei geht es nicht eigentlich um ihre Emanzipation, sondern um deren Folgen, vor allem um Erziehungsfragen, die Sorge um das Glück und die günstigste Entwicklung des Kindes. Im Mittelpunkt der Debatte steht eher das Kind als die Mutter. Diese Fragen sind inzwischen die wesentlichen, weil wählerwirksamen der Politik."
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Politik

Wohin der absolute Glaubwürdigkeitsverlust einer politischen Klasse hinführt, kann man derzeit in Mexiko begutachten. Dort fragt sich die Zivilgesellschaft immer noch, warum jemand 43 Studenten ermorden sollte? Laut einem Bericht der Staatsanwaltschaft hat der Bürgermeister der Stadt, José Luis Abarca, ihre Auslieferung an die Drogenbande Guerreros Unidos befohlen, weil sie eine Rede seiner Ehefrau María de los Ángeles Pineda stören könnten, erzählt der Schriftsteller Jorge Volpi in der Welt: " Inzwischen wissen wir, dass der Bürgermeister José Luis Abarca nicht nur ein reicher Unternehmer im Schmuckhandel war, sondern auch ein führendes Mitglied der Guerreros Unidos und vielleicht sogar ihr "Boss vor Ort". Dass seine Frau, María de los Ángeles Pineda, für die Finanzen des Kartells verantwortlich war. Dass zwei ihrer Brüder, ehemals hohe Funktionäre im Beltrán-Leyva-Kartell, von ihrem Boss des Verrats beschuldigt und erschossen wurden. Dass Abarca, nachdem er zum Kandidat der PRD zur Bürgermeisterwahl gewählt worden war, einen politischen Feind ermordete."
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Stichwörter: Mexiko, Jorge Volpi

Religion

Joshua Keating fragt sich in Slate, warum Wladimir Putin ausgerechnet die orthodoxen und minoritären Lubawitscher Juden zu offiziellen Repräsentanten des Judentums in Russland machte (während seit der Wende über zwei Millionen säkulare Juden die ehemalige Sowjetunion verlassen haben). Die Antwort gibt ihm Yury Kanner vom säkularen Russian Jewish Congress: Erstens habe diese Gruppe gewichtige Unterstützer unter jüdischen Oligarchen. Und zweitens sind "die Lubawitscher anders als die meisten anderen jüdischen Gruppen hierarchisch organisiert, das ist dem Kreml vertraut. Die Lubawitscher "bilden in gewisser Weise die Struktur der orthodoxen Kirche nach", sagt Kanner. "Es gibt ein Zentrum, das seine Botschafter in die Gemeinden schickt.""

Islamforscher Olivier Roy erkennt im Gespräch mit Susan Vahbzadeh in der SZ mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen Islamismus einerseits und den Populismen in Europa andererseits. "Die Leute, die heute die Homo-Ehe kritisieren, führen selbst keinen christlichen Lebensstil, sie heiraten mehrmals, hatten Abtreibungen. Viele Dinge, mit denen der Islam ein Problem hat, sind auch für jede andere Religion eigentlich ein Problem."

Weiteres: Vom Christentum kann man einiges lernen über religiös motivierte Gewalt, man kann auch auch etwas über die Eindämmung dieser Gewalt lernen, meint der Freiburger Kirchenhistoriker Mariano Delgado in der NZZ. Ebenfalls in der NZZ (noch nicht online): Theologe Jan-Heiner Tück erklärt, warum Selbstmordattentäter nicht als Märtyrer gelten können. Die SZ bringt eine lange Reportage von Arne Perras über Hexenglauben in Papua-Neuguinea, der bis zu Hexenverbrennnungen führen kann (mehr dazu hier).
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