9punkt - Die Debattenrundschau

Geschwind ins Irrwitzige

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.11.2014. Amazon und Hachette haben ihren Krieg beigelegt, nicht alle sind damit zufrieden. Die Welt fragt: Wo sind eigentlich die SED-Milliarden? Der Tagesspiegel glaubt, dass jetzt in Berlin ein Museum der Moderne gebaut wird - Gelder wurden jedenfalls bereitgestellt. Die NRW-Warhols sind versteigert und sanieren die Spielbank des Landes. Peter Mathews teilt im Perlentaucher Katajun Amirpurs Ansichten über das Recht, den Koran zu zitieren, ganz und gar nicht.

Religion

Neulich wertete die Islamwissenschaftlerin und Theologin Katajun Amirpur einen Brief konservativer Islam-Gelehrter an den Islamischen Staat als Beweis, dass der Islam sich sehr wohl von der Gewalt zu distanzieren wisse. Peter Mathews wendet sich in einer Erwiderung im Perlentaucher allerdings gegen ihre rein theologische Lesart der Sache: "Nichts gegen die Idee, den Koran und die Schriften im Sinn der Menschlichkeit und der Gleichberechtigung zu interpretieren. Anders - mit Ignoranz der Moderne und der Orientierung auf das Alte (salaf) - würde der Islam auf Dauer zu einer dumpfen Religion von Verlierern werden. Nur kann man den sogenannten fortschrittlichen Muslimen nicht ersparen, dass sie sich an den philosophischen, rechtlichen und politischen Fortschritten der Menschheit orientieren."

Chris Ip wundert sich in der Columbia Journalism Review über das dezidiert progressive Bild, das Medien von dem neuen Papst zeichnen: "Der Papst ist progressiv, gewiss, aber in seinem Gebaren, nicht in seiner katholischen Lehre. Er küsst und wäscht die Füße von einem Dutzend Gefängnisinsassen - zwei davon Muslime - er tauscht den Apostolischen Palast gegen eine Zweizimmerwohnung und setzt sich damit gegenüber seinen Vorgänger ab. Die Kirche, so seine Idee, soll zum Volk gehen, sich nicht in die moralische Festung zurückziehen und warten, dass das Volk kommt. Keine dieser Refomen ist "links" im politischen Sinn und tiefe gesellschaftliche Fragen wie etwa die Homoehe werden in einer Kirche, die strukturkonservativ ist, schlicht nicht gestellt. Franziskus hat darauf bestanden, dass nur Mann und Frau heiraten können und ist gegen ein Adoptionsrecht schwuler Paare."

In Frankreich hat sich eine Initiative von Eltern und Angehörigen gebildet, die versuchen, ihre nach Syrien und Irak abgewanderten Kinder wiederzufinden und zurückzuholen. Geholfen wird ihnen von der Anthropologin Dounia Bouzar, die eine Hilfsorganisation gegründet hat. Julie Hamaïde erzählt in Slate.fr etwa die Geschichte Foads, der seine rückkehrwillige Schwester nach Frankreich holen wollte. "Foad begibt sich auf die Suche, findet den Emir seiner Schwester und reist alleine zu ihnen. Er wird seine Schwester innerhalb von sieben Tagen nur zweimal sehen und muss ohne Nora heimkehren. "Sie haben mich nicht ermordet, angeblich, weil sie ihren Ruf nicht beschädigen wollten" sagt er mit olympischer Ruhe. "Die Jungs sind ihnen egal, sie wollen die Mädchen behalten, um sie zu heiraten.""
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Überwachung

Während der NSA-Untersuchungsausschuss noch die Verstrickung des BND in die Geheimdienstaffäre aufarbeitet, hat der BND beim Bundestag ein Modernisierungspaket in Höhe von 300 Millionen Euro beantragt, um seine Überwachung ausweiten zu können, berichtet Kai Biermann in Zeit digital: "Derzeit sieht es ganz danach aus, als werde der Bundestag dem BND seine Wünsche erfüllen... Bislang zumindest wurde nichts von der Liste gestrichen. Es scheint derzeit vor allem darum zu gehen, für all die Wünsche eine Rechtsgrundlage zu schaffen, also die Gesetze zu verändern, um die Technik möglich zu machen. Immerhin kommen einige der vom BND gewünschten Verfahren einer Rasterfahndung gleich."
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Gesellschaft


"Die Invasion der Barbaren" von Denys Arcand, Szenenbild.

Daniele Dell"Agli setzt seinen dezidiert religionskritischen Perlentaucher-Essay über Sterbehilfe und das Recht auf Suizid mit Blick auf einige Kinofilme, die das Thema behandeln, fort und lernt unter anderem aus Denys Arcands "Invasion der Barbaran": "Exemplarisch kann niemals das individuelle Sterben sein, sondern nur die Revolte gegen seine Normierung und gegen die Reglementierung der Lebensumstände im Alter. Und auch wenn es in Deutschland an einer Kultur des Misstrauens gegenüber staatlichen Autoritäten fehlt, so werden Auseinandersetzungen um Fragen der Selbstbestimmung schon wegen der demografischen Entwicklung an Umfang und Schärfe zunehmen." Ganz anders sieht es der superlinke Jakob Augstein in seiner Spiegel-Online-Kolumne: "Sterbehilfe gehört verboten."
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Kulturpolitik

Das jahrelange Gerangel um die Neuordnung der Berliner Museumslandschaft scheint gelöst: bei den Haushaltsberatungen des Bundes beschlossen die Abgeordneten, 200 Millionen Euro für ein noch zu bauendes Museum der Moderne bereitzustellen, berichtet Nicola Kuhn im Tagesspiegel: "Der Umzug der Gemäldegalerie zur Museumsinsel ist mit dem Neubau für die Moderne am Kulturforum in weite Ferne gerückt und der einstige Plan, das 20. Jahrhundert im Haus der Alten Meister unterzubringen, ad acta gelegt. Die Gelder für eine derart kostspielige Rochade hätte es in absehbarer Zeit nicht gegeben. Da sind die 200 Millionen Euro mehr als der Spatz in der Hand, sondern das große Glück."

Weiteres: Nun sind die NRW-Warhols versteigert und haben tatsächlich die erhofften 120 Millionen Dollar gebracht - eine Ermutigung für alle maroden Stadtkassen! Hannes Stein hat die Versteigerung in New York miterlebt und berichtet für die Welt: "Die Gebote rasten so geschwind ins Irrwitzige, dass einem die Spucke wegblieb." In der FAZ berichtet Jürgen Kaube über gravierende Unstimmigkeiten in der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung", die sich mit dem in Deutschland so heiklen Thema der Vertreibung befassen soll.

Geschichte

Eine Frage wurde bei den Feierlichkeiten zum Jubiläum des Mauerfalls vergessen, findet Marko Martin in der Welt: "Was ist mit dem nach Liechtenstein und in die Schweiz transferierten SED-Geld, von dem die ermittelnde bundesdeutsche Kommission nur einen Bruchteil sicherstellen konnte, der jedoch immerhin 1,6 Milliarden Euro betrug? War das plötzliche Dahinscheiden des auskunftswilligen ehemaligen PDS-Finanzverantwortlichen Wolfgang Langnitschke im Februar 1998 wirklich ein zufälliger Unfalltod auf einem Zebrastreifen im beschaulichen Lugano?"

Weiteres: Ebenfalls in der Welt begibt sich Matthias Heine auf die Spur der Redensart "Du siehst aus wie der Tod von Ypern".
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Stichwörter: Mauerfall, Ypern

Europa

Extrem egoistisches Verhalten gegenüber den verschuldeten Ländern Südeuropas wirft Thomas Piketty im Gespräch mit Kerstin Krupp (Berliner Zeitung) Deutschland und Frankreich vor. Ihre eigenen Schulden haben sie nie zurückgezahlt, sondern mittels Inflation gesenkt: "1945 erreichte die Schuldenlast dieser Länder 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - fünf Jahre später waren sie quasi schuldenfrei. Hätten sie die Verbindlichkeiten allein mit ihren jährlichen Überschüssen begleichen müssen, würden sie noch heute zahlen. Stattdessen konnten sie in den Wiederaufbau investieren. Gerade diese zwei aber diktieren nun Südeuropa, seine Verbindlichkeiten samt Zinsrate zurückzuzahlen."
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Medien

Das Netanjahu-nahe Gratisblatt Israel HaJom des amerikanischen Kasino-Milliardärs Sheldon Adelson hat es zur meistgelesenen Zeitung Israels gebracht. Doch damit soll nun Schluss sein, berichtet Inge Günter in der FR: "Völlig losgelöst von den Spielregeln des freien Marktes zu agieren, verstoße jedoch gegen einen fairen Wettbewerb, besagt eine Gesetzesinitiative zum Schutz der Zeitungslandschaft, die jetzt in erster Lesung in der Knesset durchkam. Auch für Israel HaJom sollen die Leser künftig bezahlen: mindestens siebzig Prozent vom Kaufpreis der billigsten Gazette im Handel."
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Internet

Amazon und Hachette haben sich nach monatelangem erbittertem Streit geeinigt, melden die Agenturen (hier bei Spiegel Online und hier die neueste Zusammenfassung bei buchreport.de). Hachette kann seine Preise nun selbst festlegen, bekommt von Amazon aber bessere Konditionen bei der Festlegung niedrigerer Preise (an denen Amazon gelegen war). Hachette-Titel werden wieder normal ausgeliefert, nachdem Amazon den Verlag mit Verzögerung bedient hatte. "Die neue Vereinbarung betrifft sowohl Print- als auch Ebooks", erläutert Laura Hazard Owen in GigaOm. Wer den Streit nochmal episch nachlesen will, dem sei Keith Gessens Geschichte in Vanity Fair empfohlen (unser Resümee).

Gar nicht zufrieden mit dem Deal ist Hillary Kelly in der New Republic: "Gewiss, es hätte Hachette kurzfristig geschadet, die Schlacht weiterzuführen, aber sie hätten nicht aufgeben sollen. Es steht viel mehr auf dem Spiel als der Preis von Ebooks." Das sehr Amazon-kritische Verlagsblog Mobylives zitiert Douglas Preston von der Initiative Authors United, die für die Hachette-Position kämpfte: "I"m relieved that Amazon and Hachette reached an agreement. If anyone thinks this is over, they are deluding themselves. Amazon covets market share the way Napoleon coveted territory."

Patrick Bahners berichtet unterdessen in der FAZ über Revirements bei Amazon Publishing, die die verlegerische Ambition des Hauses in Frage stellen.

Google kann auch in einst eher Google-freundlichen Blogs wie Netzwertig nicht mehr auf Sympathie rechnen. Martin Weigert erklärt hier, warum er nach langer Nutzung von Chrome zu Firefox zurückkehrt: "Man muss nicht Julian Assanges Erkenntnisse über die enge Zusammenarbeit von Google und der US-Regierung gelesen oder sich sich den Bericht der Nonprofit-Organisation Public Citizen über Googles unermessliche Datensammelei und parallele politische Einflussnahme (PDF) zu Gemüte geführt haben, um zu verstehen, dass die Schaffung eines allwissenden, allmächtigen Weltkonzerns auf Dauer nicht im Interesse der Allgemeinheit sein kann."
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