Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Leben der Farbe an sich

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14.11.2014. Bei Artechock erklärt Alexander Horwath vom Österreichischen Filmmuseum, warum er Filme nur im Originalformat zeigt. Die NZZ entdeckt das avantgardistische Potenzial des Farbkünstlers Augusto Giacometti. Im Standard beschreibt die russische Kunsttheoretikerin Ekaterina Degot das ganze Dilemma der Kunst im 21. Jahrhundert. Die SZ feiert die absolut moderne Architektin Lina Bo Bardi. Die taz bewundert Ariel Pink für seine Haltung im zeitgenössischen Pop.

Musik

Auch wenn Ariel Pink in Interviews mit schelmischer Lust Entgleisung an Entgleisung reiht und seine Songs oft genug pubertär daher kommen, kann Elise Graton (taz) diesem musikalischen Eklektiker nicht böse sein, wenn er alte Popgenres aus der Mottenkiste holt. Heute erscheint sein neues Album "Pom Pom": "New Wave ergeht sich in düsterem Gothic-Gesäusel. In all dem stilistischen Durcheinander grenzt es immer wieder an ein Wunder, wie perfekt Ariel Pink dabei stets den richtigen Ton trifft. Laut eigenem Bekunden hatte er gar nicht vor, Popmusik zu erneuern. Viel lieber kreiert er Songs, die würdevoll altern. Er beweist damit Haltung im zeitgenössischen Pop, der lieber krampfhaft jugendlich bleiben möchte." Eine weitere Besprechung bringt die Spex.

Für die FAZ hat sich Edo Reents die nun komplett ediert vorliegenden "Basement Tapes" von Bob Dylan angehört. Interessant dürfte diese Veröffentlichung allerdings wohl nur für die allerhartnäckigsten Dylan-Philologen sein: "Der eigentliche Wert der Aufnahmen lag damals und liegt auch heute, im Lichte der Schatzhebung, in etwas anderem: der Inspiration für andere."

Besprochen werden ein Konzert von Angus & Julia Stone ("Hach", seufzt Melanie Reinsch in der Berliner Zeitung), ein Helene-Fischer-Konzert (Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Welt), das Album von Pink Floyd (NZZ), das neue Album "Auserwählt" von Uschi Brüning und Manfred Krug (taz), sowie das Album "Otherness" von Kindness (taz).
Archiv: Musik

Film



Mit viel Sympathie besprechen die österreichischen Kritiker Sudabeh Mortezais Film "Macondo" über einen elfjährigen tschetschenischen Flüchtling und seine Mutter, die es in eine Flüchtlingssiedlung in Wien-Simmering verschlagen hat. So schreibt Markus Keuschnigg in der Presse: ""Macondo" ist kein Flüchtlingsdrama, sondern ein Drama, das in einer Flüchtlingssiedlung spielt: ein essenzieller Unterschied, da Mortezai das Milieu nicht einer klassischen Mitgefühlsdramaturgie zuführt, sondern ihm auf Augenhöhe begegnet, es leben lässt. Ihre Erzählung öffnet sich dadurch nach vielen Seiten: Es gibt sogar Momente im angrenzenden Waldstück, in dem sich Wölfe tummeln und wo die Betonsiedlung schnell vergessen ist, da riecht und schmeckt dieser Film gar nicht mehr nach Problemthema, sondern wird zum naturmagischen Entwicklungsroman." (Hier noch die Kritik im Standard)

Ein schon wegen seines Umfangs beeindruckendes Interview hat Dunja Bialas für Artechock mit Alexander Horwath, dem Leiter des Österreichischen Filmmuseums geführt. Neben der Viennale-Retrospektive, für die das Filmmuseum verantwortlich zeichnet, geht es dabei auch um die philologische Frage nach dem Filmmaterial. Das Österreichische Filmmuseum ist bekannt dafür, diesbezüglich äußerst konsequent zu sein: Filme sollen und werden von dem Material gezeigt, für das sie gedreht wurden - Digitalisate analoger Filme lehnt das Museum, anders als vergleichbare Kinos in Deutschland, ab: "Ein Haus, das als Museum und innerhalb eines entsprechenden öffentlichen Auftrags und Bewusstseins auftritt, sollte transparent und ehrlich sein und dem Publikum nicht laufend Faksimiles präsentieren, so als ginge es in der Kulturgeschichte nur um irgendwelchen "Content". Was ich also für problematisch halte, ist vor allem der nichttransparente Umgang mit der materiellen Geschichte einer Ausdrucksform."

Besprochen werden Jon Stewarts Debütfilm "Rosewater" (Standard), Dan Gilroys "Nigtcrawler" (Zeit, Perlentaucher, Standard), Rowan Joffes Thriller "Ich darf nicht schlafen" mit Nicole Kidman (Tagesspiegel, Berliner Zeitung), die romantische Komödie "Wie schreibt man Liebe?" mit Hugh Grant (Tagesspiegel), die Komödie "Dumm und Dümmehr" mit Jim Carrey und Jeff Daniels (critic.de, FR, Standard) und Xavier Dolans "Mommy" ("Man erlebt hier Intimes, Direktes, Extremes - aber Xavier Dolan begrapscht niemanden", freut sich Dietmar Dath in der FAZ).
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Kunst


Augusto Giacometti, Gestaltung I, 1918, Kunstmuseum Bern, Schenkung zweier Berner Firmen und zweier Kunstfreunde © 2014 Erbengemeinschaft Nachlass Augusto Giacometti

Wenn die Ausstellung zu Augusto Giacometti im Kunstmuseum Bern überhaupt etwas zeigt, dann dass der Verwandte von Giovanni, Alberto und Diego "durchaus avantgardistisches Potenzial" hatte, meint Simon Baur in der NZZ. "Zu Lebzeiten stieß sein Hang zur Farbe auf Unverständnis, im Volksmund war gar vom "Konfitüren-Giacometti" die Rede. Für Augusto Giacometti war die Beschäftigung mit Farbe existenziell, ohne sie konnte er nicht sein. Im wiederentdeckten Manuskript seines Radiovortrags "Die Farbe und ich" steht denn auch: "Immer war es mir, also ob es ein Leben der Farbe an sich geben müsse, losgelöst von jedem Gegenstand.""

Im Gespräch mit dem Standard beschreibt die russische Kunsttheoretikerin und Putingegnerin Ekaterina Degot das ganze Dilemma der Kunst im 21. Jahrhundert - nicht nur in Russland: "Was bildende Kunst betrifft, erwartet Degot trotz mancher kulturpolitischer Anzeichen in diese Richtung keinen Triumph einer nationalistisch kodierten und realistischen Malerei. Diese Kunst werde marginal bleiben, prognostiziert sie. Gleichzeitig sieht sie Schwächen einer formalistischen Kunst, die in unterschiedliche Richtungen gelesen werden könne. In Russland sei die Gefahr sehr groß, dass diese Kunst im Geiste "russischer Werte" interpretiert würde, so Degot. Internationale zeitgenössische Kunst, befürchtet sie, könnte deshalb durchaus unter dem Patronat Putins instrumentalisiert werden: "Denn damit kann die "Weite" der russischen Seele demonstriert werden.""

Weitere Artikel: In der FAZ trauert Andreas Platthaus um den Comiczeichner Hannes Hegen, der einst die Digedags erfunden hat.

Besprochen werden die Ausstellung "West:Berlin" im Stadtmuseum Berlin (Berliner Zeitung), Gareth Longs Arbeit "Kidnappers Foil" in der Kunsthalle Wien (Standard) und die Ausstellung "Arik Brauer - Gesamt.Kunst.Werk" im Leopold Museum in Wien (Standard).
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Literatur

Der israelische Romancier Meir Shalev spricht im Interview mit dem Standard über die schreibende Verwandtschaft, seinen Rache-Roman "Zwei Bärinnen", der keineswegs auf eigenen Erlebnissen der Familie basiere: "Wir haben außereheliche Beziehungen, aber wir ermorden niemanden".

Weitere Artikel: Der für den Amazon-Eigenverlag "Little A" eingekaufte Lektor Ed Park verlässt den Onlinehandel-Konzern, berichtet Patrick Bahners in der FAZ (mehr dazu hier). In der SZ spricht Carsten Hueck mit Amos Oz unter anderem über dessen Freundschaft zu Siegfried Lenz. Außerdem bringt Zeit online eine Erzählung der ukrainischen Schriftstellerin Tanja Maljartschuk.

Besprochen werden u.a. Lutz Seilers "Kruso" (CulturMag), Thomas Pynchons "Bleeding Edge" (CulturMag), James Freys "Endgame" (SZ) und Jörg Lausters "Verzauberung der Welt" (FAZ).
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Architektur


Casa de Vidro São Paulo 1949-1951 | Außenansicht kurz nach Fertigstellung © Arquivo ILBPMB, Foto: Peter Scheier, 1951

Mit der allergrößten Freude hat Laura Weißmüller (SZ) die Lina Bo Bardi gewidmete, "phänomenale Ausstellung" im Münchner Architekturmuseum besucht: Während man vor den männlichen Helden der Architekturgeschichte zwar Andacht halten mag, solle man dieser Architektin "nacheifern. Jetzt und zwar weltweit", schreibt sie. Und das vor allem wegen Bardis tief humanistischen Verständnisses von Architektur: "Ihr Bekenntnis zur Moderne ist eindeutig. ... Aber Lina Bo Bardi war nie radikal, zumindest nicht in dem Sinne, dass sie ein festes Programm durchboxen musste. Sie hatte kein fixes Formenrepertoire. Immer wiederkehrende Details (...) gibt es bei ihr nicht. Sie ist eben keine Architektin für die Stil-Schublade, sondern eine fürs Leben."

In der taz stellt Renata Stih Diébédo Francis Kéré vor, der gerade mit dem Schelling-Architekturpreis ausgezeichnet wurde und diesen mit den beiden anderen Nominierten Anna Heringer und Carla Juaçaba teilt.
Archiv: Architektur

Bühne



Im Standard lässt sich Stefan Ender von Regisseurin Lotte de Beer und Bariton Nathan Gunn erklären, warum sie Bizets frühe Oper "Les Pêcheurs de Perles" (mit Diana Damrau als Leila) im Theater an der Wien als Reality Show spielen: "Dass dies eine kluge Idee ist, findet nicht nur Lotte de Beer, sondern auch der Bariton Nathan Gunn, der den Zurga gibt. Denn: "Ist die Freundschaft zwischen Zurga und Nadir wirklich so ungetrübt und stark? Da sind wir nicht so sicher", meint der US-Amerikaner. "In Lottes Inszenierung verhält sich Zurga unterschiedlich - je nachdem, ob die Kamera auf ihn gerichtet ist oder nicht. Wann täuscht er Gefühle vor, wann nicht? Ich glaube übrigens, dass diese Zwiegespaltenheit in seinem Charakter auch schon Bizet klar war. Doch dies schauspielerisch darzustellen, ist natürlich eine Herausforderung."

Ein Triumph, jubelt SZ-Kritiker Martin Krumbholz nach Roger Vontobels Inszenierung von Gerhart Hauptmanns "Einsamen Menschen" am Schauspiel Bochum. Nicht nur, weil das Stück von großer Aktualität ist, sondern auch, weil Vontobel es richtig zu packen kriegt: "Was hier verhandelt wird, ist ungemein spannend, regelrecht aufregend, denn es geht um nichts Geringeres als um ein selbstbestimmtes Leben. ... Roger Vontobel, ein Regisseur, der gelegentlich zu Effekthaschereien neigt, hat diesmal nicht nur ein tolles Stück ausgegraben, sondern auch zielsicher den neuralgischen Punkt getroffen, der uns heute daran interessiert."

In der SZ porträtiert Wolfgang Schreiber den Regisseur Hans Neuenfels, dessen Interesse an den Schattenseiten der von ihm inszenierten Figuren gerade Anna Netrebko aus seiner Münchner Puccini-Inszenierung "Manon Lescaut" getrieben hat.
Archiv: Bühne

Design

Was waren das noch für Zeiten, in denen Autos alleine schon als schöne Objekte die Herzen höher schlagen ließen, grämt sich Gerhard Matzig in der SZ. Und was für einen ästhetischen Niedergang muss man in den letzten Jahren und Jahrzehnten beobachten: "Die Autos der Gegenwart sind - in der großen Mehrzahl - so unförmig, disproportional und von solch verblüffender Hässlichkeit, dass der Futurist Marinetti, der vor einem Jahrhundert noch behauptete, ein Rennwagen sei schöner als die antike Skulptur der Nike von Samothrake, das entsprechende Manifest schleunigst zurückziehen und nicht mehr fordern würde, aus Museen Parkhäuser zu machen." Und wer ist schuld daran? In Matzigs Augen Globalisierung und Trendforschung.
Archiv: Design
Stichwörter: Auto, Globalisierung