9punkt - Die Debattenrundschau

Kontoführung, Sozialkosten, Fürsorge

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.11.2014. In der taz erklärt Elena Poniatowska Mexiko zu einem gescheiterten Staat, will die Hoffnung auf die Jugend jedoch nicht aufgeben. In der FAZ berichtet Güner Yasemin Balci vom lukrativen Grenzschmuggel mit dem Islamischen Staat. Auf Slate wünschte sich Anne Applebaum ein bisschen mehr Angriffslust von den Deutschen. Die NZZ erklärt, wo Dummheit profitabel wird. Und laut Turi2 mehren sich die Anzeichen für ein Ende des ungeliebten Schnüffel-Gadgets Google Glass.

Politik

Als gescheitertes Land beschreibt die große Elena Poniatowska im Gespräch mit Dorothea Hahn in der taz das korrumpierte Mexiko. Trotz der Gleichgültigkeit, mit der die Regierung auf die Ermordung der 43 Studenten im besonderen und auf die soziale Lage im Allgemeinen reagiert, sieht sie Anlass zur Hoffnung für das Land: "Die Öffentlichkeit ist dieses Mal anders und der Protest. Es gibt heute viel mehr soziale Beteiligung. Ich bin eine positiv denkende Person - und ich liebe mein Land. Ich glaube an die Jugend. Die jungen Leute haben prächtige Demonstrationen organisiert, die nicht aggressiv waren. Und ich glaube, das ist erst der Anfang. Mexiko erwacht jetzt. Die Menschen wollen, dass sich die Situation ändert."

Güner Yasemin Balci berichtet für die FAZ aus dem türkisch-syrischen Grenzgebiet, wo sich die Schmuggler eine goldene Nase am Handel mit dem Islamischen Staat verdienen, beziehungsweise an der Not der von ihm vertriebeben Menschen: "Das größte Übel, das dieser schmutzige Krieg mit sich gebracht habe, sagt Mehtap Toruntay, sei die Zwangsprostitution. Vor allem jezidische Kinder und Frauen würden gegen ihren Willen in vielen Städten und Dörfern der Türkei festgehalten und zur Prostitution gezwungen."

In der SZ ätzt Willi Winkler gegen den Islamischen Staat und gewisse sparwütige Politikbegriffe: "Der Islamische Staat führt ein blutiges Regime, aber seine Finanzen hat er, wie die jüngsten Funde belegen, bestens im Griff. Kontoführung, Sozialkosten, Fürsorge: Im Nahen Osten entsteht ein Mustersystem, als ob es sich für die Aufnahme in die EU empfehlen und deren Stabilitätskriterien einhalten müsste."
Archiv: Politik

Europa

In der Welt spielt der Militärhistoriker Martin van Creveld schon mal die militärischen Optionen der Nato in einem möglichen Krieg gegen Russland durch und scheut auch den Vorwurf des Bellizismus nicht: "Wie Clausewitz anmerkt, will der Angreifer immer den Frieden. Er will unser Land und unsere Leute, ohne einen Schuss abzufeuern. Nach seiner Logik ist der Verteidiger immer der Aggressor."

Auf Slate beginnt Anne Applebaum an den stoisch unaggressiven Deutschen zu verzweifeln: Die wollen Chlorhühnchen stoppen, aber nicht den Kreml! "There isn"t a strong EU foreign policy, in part because Germany hasn't wanted to create one. This makes Merkel the de facto spokeswoman for Europe - as well as the chancellor of a Germany that doesn"t want to be the spokesman for anything."
Archiv: Europa

Gesellschaft

Der Soziologe Hartmut Rosa plädiert in der taz für ein Bildungssystem, das weniger auf Intelligenz als auf Resonanz setzt: "Wenn überhaupt durch etwas, dann zeichnen sich hochbegabte Jugendliche gegenüber anderen dadurch aus, dass sie fast allen Weltdingen - dem Sport, der Musik, der Physik, der Politik, dem Teleskop, der Theater-AG - genuines Interesse entgegenbringen ... Benachteiligte Jugendliche dagegen tendieren häufig zu einer Null-Bock-Einstellung den Dingen gegenüber."

Weiteres: Tomasz Kurianowicz sichtet in der NZZ den Twitter-Stream über Depressionen, den Jenna Shotgung mit dem Hashtag #NotJustSad lanciert hat. Carolin Emcke entwickelt in ihrer SZ-Kolumne einen recht negativen Begriff der Toleranz: "Toleranz ist immer Toleranz gegenüber etwas, das man ablehnt. Sie artikuliert sich als gütige Herablassung.
Anzeige
Archiv: Gesellschaft

Kulturpolitik

Christian Schaernack kommentiert in der NZZ den Spitzenerlös von 152 Millionen Dollar, den Christie"s mit den beiden Andy Warhols aus NRW erzielt hat, als "kulturpolitisches Versagen": "Doch lebt der Kunstmarkt nicht zuletzt von Unwissenheit und Ignoranz."

Der Altamerikanist Peter Hassler umreißt in der NZZ zudem die Kulturgeschichte der Mayas und wendet sich gegen Versuche, sie zu Barbaren umzudeuten.
Stichwörter: Mayas, Andy Warhol, Christies

Medien

Kein Politiker könnte sich leisten, so kopflos zu agieren wie die Verlagschefs der taumelnden Medienbranche, erklärt Frank-Walter Steinmeier in seiner von der FAZ abgedruckten Rede vor Hamburger Journalisten und Werbern: "Ein Verlag stößt Zeitungen ab, die eigentlich profitabel sind, der andere kauft wahllos dazu, wohl in der Hoffnung, ihm werde schon noch was Kluges dazu einfallen. Die eine Zeitung stärkt das Lokale, um Leser zu binden, die andere schließt Redaktionen in der Fläche, um Kosten zu sparen." Stefan Niggemeier bringt längere Auszüge.

Turi2 sieht unter Bezug auf verschiedene Quellen Google Glass seinem Ende zu dümpeln: "Immer mehr Projektmanager und Programmierer verlassen bei Google das Projekt der Datenbrille, berichtet Reuters."
Archiv: Medien