9punkt - Die Debattenrundschau

Natürliches Gebären ist auch nicht so toll

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.10.2014. In der Berliner Zeitung beschwört Götz Aly die humane Wärme der DDR-Erziehung.  In Libération macht Alain Badiou auch kein Omelett, ohne Eier zu zerschlagen. Laut Handelsblatt will EU-Kommissar Günther Oettinger ein europäisches Urheberrecht. Und Google soll bezahlen. In der Huffpo.fr begrüßt Caroline Fourest die Niederlage der Islamisten in Tunesien.

Geschichte

In der Berliner Zeitung möchte Götz Aly doch noch mal den Begriff Unrechtsstaat zur Diskussion stellen. Zum Beispiel bei der Kindererziehung in der Nachkriegszeit von BRD und DDR: "Cholerische, demoralisierte Väter und verhärmte Mütter prägten das Bild. In emotional erstarrten (Rest-)Familien wuchsen die Kinder psychisch frierend auf. Die betont staatliche Erziehungspolitik der DDR gab den Kindern damals mehr Halt und Wärme als im Westen; und womöglich verliefen die späteren, in der alten Bundesrepublik so harten Generationenkonflikte auch deshalb in der DDR insgesamt weicher."
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Ideen

Slavoj Zizek hat mit derart kommunistischem Gagaismus inzwischen eher aufgehört, nicht so sein Kumpel Alain Badiou, der auf einen Hinweis des Libération-Chefs Laurent Joffrin auf die Toten der Kulturrevolution so reagiert: "Stellen wir uns eine Diskussion über die Entstehung von Demokratie vor, in der jemand mit Ereignissen der Französischen Revolution argumentiert. Wird Joffrin ihm das Wort abschneiden und sagen: "Die Französische Revolution? 200.000 Tote und die barbarische Enthauptung des großen Dichters André Chénier!" Nein, das wird er nicht tun, denn er weiß doch Bescheid über die Französische Revolution und ihre fundamentale Rolle für das Werden der modernen Demokratien. Der Punkt ist, das er nichts weiß und wissen will von der Kulturrevolution und ihrer nicht weniger wesentlichen Rolle für die Entstehung des modernen Kommunismus." Man hat noch nie ein Omelett gemacht, ohne Eier zu zerschlagen!
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Internet

Glaubt man dem Resümee eines Handelsblatt-Artikels auf turi2 will EU-Digitalkommissar Günter Oettinger ein europaweit harmonisiertes Urheberrecht. Und er weiß auch schon, wer dafür zahlen soll - Google: "Wenn Google "intellektuelle Werte aus der EU bezieht und damit arbeitet", könne die EU diese Werte schützen und vom Web-Konzern "eine Abgabe dafür verlangen", so Oettinger laut Handelsblatt." Ob da die europaweit agierende Zeitungsallianz von Murdoch, Springer und Lagardère mit dem witzigen Namen "Open Internet Project" ein bisschen mitformuliert hat?
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Medien

Auf der Medienseite der NZZ entnimmt Rainer Stadler dem neuen Jahrbuch zur Medienqualität, dass keine Schweizer Partei ihre Themen so gut in den Medien zu platzieren versteht wie die SVP: "Die ersten drei Plätze belegt die SVP mit der Familieninitiative, der Steueraffäre Schweiz/USA und der Masseneinwanderungsinitiative."

In der FAZ ist Michael Hanfeld wütend, dass nach zwei Landesverfassungsgerichten nun auch das Verwaltungsgericht Hannover Klagen gegen die pauschalen Rundfunkgebühren abgewiesen hat: "Hier schreiben Richter nur noch voneinander ab. Die Kläger laufen mit ihren Argumenten gegen eine Wand."
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Kulturpolitik

In der FAZ fürchtet Rose-Maria Gropp, dass die beiden NRW-Warhols bei der Auktion nicht einmal den erwarteten Preis erreichen werden. Ebenfalls für diese Zeitung begeht Nils Minkmar wehmütig einen Saarbrücker Bau des Architekten Georges-Henri Pingusson, den einst die Franzosen an der Saar errichten ließen und der heute der Sanierung und einer Neudefiniton entgegendämmert.

Gesellschaft



(Mauern in Johannesburg. Thomas" Foto haben wir unter CC-Lizenz bei Flickr gefunden.)

Im Hexenkessel von Johannesburg stößt das Urban Upgrading an echte Grenzen, lernt Gabriele Detterer, die für die NZZ dort das Goethe-Institut besucht hat. Zusammen mit anderen Kunstinitiativen versucht es sich am urbanen Wandel im Stadtteil Maboneng: "Im Kunstraum "Goethe on Main" vorgestellt werden Kollektive wie "Alphabet Zoo", die aus dem Johannesburger Käfig defensiv-aggressiven Sicherheitsdenkens ausbrechen und Öffentlichkeit ohne Trennungsgraben herstellen. Eine Urbanität, die Toleranz und Gemeinschaftsdenken stimuliert, verlangt nach einem Abriss der Mauern, nach Sichtbarkeit, Zugänglichkeit. Das Goethe-Institut verbirgt sich an der Jan Smuts Avenue nicht hinter einem Schutzwall. Aber die gegenüberliegenden Häuser sind ummauert: "Armed Response"!"

Weiteres: In der SZ erklärt die Politikwissenschaftlerin Kathrin Braun, dass sich Social Freezing nicht mit Geschlechtergerechtigkeit zu übersetzen sei, sondern mit "sozialer Kälte". Im Feuilleton ergänzt Bernd Graff, dass im gleichen ökonomischen Sinne in den USA auch schon ein sinnvoller Tod mit 75 Jahren beworben wird. In der Berliner Zeitung lobt sich Sarah Diehl den medizinischen Fortschritt: "Natürliches Gebären ist auch nicht so toll."
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Politik

In der Welt benennt Ríchard Herzinger einen bisher wenig thematisierten Preis für das amerikanische Engagement gegen die IS-Miliz: "Dass Assads Herrschaft vom Westen unangetastet bleibt, ist der Preis dafür, den Moskau verlangt, damit es gegen die Operationen der Anti-IS-Koalition über syrischem Gebiet nicht Sturm läuft."

Die Kriege der USA in Afghanistan und im Irak waren für die Machthaber im Iran "ein Segen", schreibt Bahman Nirumand in der taz, hält aber eine Annäherung zwischen Washington und Teheran für unwahrscheinlich: "Die USA müssten ihre gesamte geostrategische Architektur im Nahen Osten neu gestalten... Demgegenüber müsste die Islamische Republik den wichtigsten Pfeiler ihrer Ideologie, die Feindschaft gegen den Westen, aufgeben und die Tore des Landes für Investoren und wohl auch für die westliche Kultur öffnen. Damit würde das Regime seine ideologische Legitimation verlieren."

Die bekannte Publizistin Caroline Fourest kommentiert auf huffpo.fr den Ausgang der Wahlen in Tunesien, die mit einer Niederlage der Islamisten endeten - diese hatten die Wahlen durch einen Rückzug aus der Regierung ermöglicht: "Die Tatsache, dass diese islamistische Partei akzeptiert hat, die Macht zu verlassen, um einer provisorischen Regierung Platz zu lassen, die Wahlen zu organisieren, ist kein Beweis für einen Verzicht auf eine Islamisierung der Gesellschaft von Kopf bis Fuß. Es handelt sich um eine strategischen Rückzug in der Tradition der Muslimbrüder."
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