Efeu - Die Kulturrundschau

Stets vorhandene Schattenfrau

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28.10.2014. Die taz erlebt beim Dokumentarfilmfest in Lissabon die "realistische" Filmsprache bis zur Hoffnungslosigkeit verdunkelt. Mehr Hoffnung sieht die FAZ in den Kriegsfilmen bei den Hofer Filmtagen. In der Welt erklärt Corinne Pulver, warum sie als Geliebte von Siegfried Unseld und Martin Walser gern im Hintergrund blieb. In der Nachtkritik fürchtet Ulf Otto, die endgültige Entpolitisierung des Theaters durch Twitter und Co. Die SZ will Leif Podhajskys Plattencover nur noch im Internet sehen.

Kunst


© Ara Güler, Galatanbrücke, Istanbul, 1954

Sabine Vogel (Berliner Zeitung) ist fasziniert von Ara Güles alten Istanbul-Fotografien, die derzeit im Willy-Brandt-Haus in Berlin ausgestellt werden: "Nichts scheint unangebrachter als Nostalgie angesichts von Ara Gülers Film-Noir-Szenen. ... Nostalgisch an diesen Fotos ist jedoch die klassische Bildsprache des "entscheidenden Augenblicks" (Cartier-Bresson), die Komposition aus scharfen Lichtbögen und Schattenlinien, die Malerei aus samtiger Dunkelheit und allen Grautönen eines gischtgesättigten Dunstes. Das in Silber und Brom geronnene Abbild des Lebens wirkt hier greifbar nah im chemisch gedruckten Korn statt dem elektronischen Pixel."

Kunst nach dem Tod der Malerei, den Kasimir Malewitsch 1915 mit seinem "Schwarzen Quadrat" ausgerufen hat, betrachtet Ronald Berg (taz) in der großen, die Werkjahre 1966 bis heute umfassende Retrospektive, die das Kunstmuseum Wolfsburg Imi Knoebel widmet. Der hat sich nach Malewitsch Gedanken darüber gemacht, wie es nun weitergehen kann mit der Malerei, so Berg: "Da wird das Quadrat vervierfacht und als Kreuz zusammengelegt, ein anderes Mal ergibt sich aus den Spalten zwischen vier Quadraten eine Kreuzfigur, dann wechselt die Farbe von Schwarz zu Weiß, schließlich wird auch die weiße Farbe durch Licht ersetzt und das Bild nur noch auf die Wand projiziert. ... Es scheint, mit dem Erfolg, den Knoebel im Laufe der Jahre immer stärker verfolgt, gewinnt auch die humorige Seite die Oberhand über die anfängliche Verzweiflung."

Weiteres: Die italienische Forscherin Mina Gregori will Caravaggios verschollenes Gemälde "Magdalena in Ekstase" entdeckt haben, berichtet Lucas Wiegelmann in der Welt.

Besprochen werden eine Ausstellung von Leiko Ikemuras Bildern in der Berliner Galerie Haas (Berliner Zeitung), die große Rubens-Ausstellung in Brüssel (Tagesspiegel) und die Foto-Ausstellung "Memory Lab: Die Wiederkehr des Sentimentalen" im Martin-Gropius-Bau in Berlin (FAZ).
Archiv: Kunst

Bühne

Können digitale Techniken helfen, das Theater zu revolutionieren? Der Hildesheimer Theater- und Kulturwissenschaftler Ulf Otto hat da seine Zweifel. Ihm scheint, dass entsprechende Plädoyers eher dazu angetan sind, "die gegenwärtige Entpolitisierung von Theater und Gesellschaft auf Dauer zu stellen", schreibt er in der nachtkritik. Otto illustriert seine These am Beispiel von Jacob Appelbaum, der in seiner Eröffnungsrede beim Festival "Theater der Welt" kürzlich erklärt hatte, warum er seinen Nannen-Preis, den er trotz Nannens Nazi-Vergangenheit angenommen hatte, einschmelzen lassen wolle: "Denn, so führt es Appelbaum am Anfang seiner Rede aus, als er als neunjähriger Junge anderen Kindern blind gefolgt sei, habe ihn sein Vater mit Hilfe von Eugene Ionescos "Die Nashörner" und Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" zur Nonkonformität erzogen: "Beide Dramen ließen mich erkennen, wie gefährlich es ist, gedankenlos zu tun, was andere vorgeben." - Theater als Ort des Ungehorsams, wo man alte Nazis einschmilzt und den Ungehorsam lernt, die Gegenwelt einer Gala, die alle Welt zum Schweigen zwingt - kein noch so konformer Auftragsredner hätte die altlinke Wunschvorstellung vom alternativen Theater besser auf den Punkt bringen können..."



Sehr beglückt kommt Egbert Tholl von der SZ aus der Aufführung von Sidi Larbi Cherkaouis Inszenierung der in Brüssel aufgeführten Oper "Shell Shock" (Foto), in der Nick Cave und Nicholas Lens der Opfer des Ersten Weltkriegs gedenken: "Auch wenn Cherkaoui alle Theatermittel einsetzte: Alles bleibt luzide. Text, Musik, Tanz, Gesang kann man durchaus in ihrer eigenen Qualität wahrnehmen, auch wenn die Inszenierung insgesamt auf ihre Synthese zielt. ... Ein gleißendes Mahnmal."

Weiteres: Barbara Villiger Heilig unterhält sich für die NZZ mit Romeo Castellucci über dessen Theaterprojekt "Go down, Moses".

Besprochen werden Ronny Jakubaschks Inszenierung des "Barbiers von Sevilla" am Staatstheater Mainz (FR), Antú Romero Nunes" "Ring"-Inszenierung am Hamburger Thalia Theater (Nachtkritik, SZ), das Musical "Shrek" in Düsseldorf (Welt), Roberto Ciullis Inszenierung von Eugene O"Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" am Theater an der Ruhr (Andreas Rossmann geht in der FAZ vor der "Schönheit der Bilder" in die Knie), Stefan Ottenis Inszenierung von Giacomo Meyerbeers "Der Prophet" am Staatstheater Braunschweig (FAZ) und Sebastian Nüblings Inszenierung des "Untergang der Nibelungen" am Berliner Maxim Gorki Theater (FAZ, mehr).
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Literatur

In der Welt erklärt Corinne Pulver, warum sie sich nicht als verbitterte Geliebte von Siegfried Unseld und Martin Walser abgestempelt sehen möchte, "die zerplatzt vor Eifersucht und nur darauf wartet, den Platz der Ehefrau zu übernehmen, mit der sie dementsprechend kein Mitleid hat. In Wahrheit wurde ich sowohl von Martin Walser wie von Siegfried Unseld mit geradezu umwerfender Selbstverständlichkeit als Intimfreundin und stets vorhandene Schattenfrau im Hintergrund gehalten, jedenfalls wollten sie das so. Was mir bis zu einem gewissen Punkt ja auch gefiel und schmeichelte, weil ich auch davon profitieren konnte, dass sie beide meine besten Lehrmeister wurden. Sie lehrten mich auch, wie solche berühmten Geistesgrößen und gleichzeitig legendären Schwerenöter und Schürzenjäger eigentlich funktionieren."

Weitere Artikel: In der FR erinnert Sylvia Staude an den Dichter Dylan Thomas, der dieser Tage seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Zur heutigen Trauerfeier im Hamburger Michel erinnert Günter Berg in der Welt noch einmal an Siegfried Lenz.

Besprochen werden Charles Jacksons Roman "Das verlorene Wochenende" (NZZ), Christoph Biermanns "Wenn wir von Fußball träumen" (FR), Desmond Morris" "Eulen" (FR), Alfreds Comic "Come Prima" (Tagesspiegel), Gabriele Weingartners "Die Hunde im Souterrain" (taz), Pierre Lemaitres "Wir sehen uns dort oben" (FAZ) und Hilary Mantels Erzählungsband "Die Ermordung Margaret Thatchers" (SZ).
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Archiv: Literatur

Film

Für die taz hat Silvia Hallensleben das Dokumentarfilm-Festival in Lissabon besucht, wo in diesem Jahr die Geschichte des realistischen Erzählens einen Schwerpunkt bildete. Dabei stellt sie fest: "Die "realistische" Filmsprache - und der Ton! - [hat sich] seit den 1950ern verschmutzt und verdüstert ... Auch die atmosphärische Tonlage der wiederkehrenden Geschichten vom Scheitern an den Widrigkeiten des kapitalistischen Wirtschaftslebens und an seinen Institutionen und Handlangern hat sich bis heute zur Hoffnungslosigkeit verdunkelt."

Thomas Thiel berichtet in der FAZ von den Hofer Filmtagen, die sich neben ihren traditionellen Fokus auf den deutschen Film schwerpunktmäßig auf die Konflikte in der arabischen Welt konzentrierten: "Eine ganze Reihe von Filmen löste die individuellen Schicksale aus dem Freund-Feind-Schema des Krieges und zeichnete kleinere Verbindungslinien zwischen den Fronten."

In amerikanischen Fernsehserien spielen derzeit oft durchsetzungsfähige vierzigjährige Frauen die Hauptrolle. Der Grund? Die Demografie, erklärt Hannes Stein in der Welt: "Mittlerweile haben in den meisten amerikanischen Haushalten die Frauen das Zepter des Patriarchats, also die Fernbedienung, in die Hand genommen. Und sie wollen Frauen weder als arme Hascherln noch als Ulknudeln vorgeführt bekommen. Sie wollen vielmehr Vorbilder, die Übeltäter verhauen und mit Pfiffigkeit diplomatische Lösungen für internationale Konflikte ersinnen."

Weiteres: In der Welt knöpft sich Tilman Krause die Homo- und Heterospießer vor, die die Nase rümpfen über den schwulen Starfriseur in Marco Kreuzpaintner Film "Coming In", der sich in eine Neuköllner Frisiermamsell verliebt. Besprochen werden Dean Matthew Ronalds" "Going Bongo" (ZeitOnline) und Talal Derkis Dokumentarfilm "Return to Homs", den es hier als Video on Demand gibt (SZ).
Archiv: Film

Musik

An der Berliner Volksbühne gedachte unter anderem Patti Smith der 1988 gestorbenen Rock-Bohème-Ikone Nico, berichtet Volker Lüke im Tagesspiegel. In der FR berichtet Stefan Michalzik vom "extrem starken, ja rauschhaften Gesamteindruck", den das Jazzfestival in Frankfurt bei ihm hinterlassen hat. Für die FAZ war Wolfgang Sandner vor Ort. Für die FAZ spricht Jan Wiele mit Cat Stevens, der gerade ein Bluesalbum veröffentlicht hat. Außerdem trauert die FR um ihren langjährigen Jazzkritiker Michael Rieth.

In der NZZ hofft Peter Hagmann auf einen Neubeginn des derzeit noch etwas darniederliegenden Genfer Orchestre de la Suisse Romande (OSR).

Besprochen werden das neue Album von Caribou (FAZ), das neue Album "EXI" der Love Inks (ZeitOnline), Stars" neues Album "No One is Lost" (Spex), Clarks selbstbenanntes Album (Spex) und Dean Blunts neues Album "Black Metal" (Spex).
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Design

Bass erstaunt ist Felix Stephan (SZ) darüber, dass die sonst für gewöhnlich auf digitalen Endgeräten dargestellen und dabei ziemlich großartig wirkenden Plattencover des Designers Leif Podhajsky nun als "echte" Bilder in einer Ausstellung in Paris so verhungern: Denn "dort geschah etwas Eigenartiges: In der strengen Stille einer Galerie sahen diese Bilder plötzlich sagenhaft banal, ausgetrocknet und, ja, ausgedruckt aus. Man stand in dieser Galerie herum und konnte kaum erwarten, alsbald wieder schön gestaltete Internetseiten anzuschauen, auf denen man vielleicht wieder auf einen neuen Podhajsky stößt."

Ebenfalls in der SZ berichtet Laura Weissmüller von ihrem Besuch einer dem Designer Alvar Aalto gewidmeten Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Dort stellt sie fest: "Der Herzschlag des Urbanen elektrisierte ihn geradezu."

Archiv: Design