9punkt - Die Debattenrundschau

Der erste Hinweis auf Stammzellenforschung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.09.2014. Die Seelen unschuldiger Schulkinder werden immer effizienter geschützt - so zum Beispiel in den USA, wo laut Boingboing bestimmte Bücher nicht mehr in den Schulunterricht sollen, und in Indien, wo die Schüler lernen sollen, warum Kühe wirklich heilig sind. In der taz ist Katajun Amirpur empört über die mangelnde Würdigung muslimischen Protests gegen den Islamismus. Die FAZ erkundet die katalanische Stimmung nach der Niederlage des schottischen "Ja".

Gesellschaft

Eine ganze Latte von Büchern - darunter von Autoren wie Cory Doctorow selbst und Margaret Atwood - werden aus amerikanischen Schulen verbannt, weil sie Kinder auf falsche Ideen bringen könnten, schreibt Docotorow in Boingboing: "Man sollte denken, dass Eltern froh sind, wenn ihre Kinder diese Bücher lesen, statt Videospiele zu spielen, Fernsehen zu gucken oder in sozialen Medien abzuhängen. Die meisten Eltern wären wohl einverstanden, zumindest theoretisch, aber sie werden mit Forderungen behämmert, ihre Kinder vor allem zu schützen, was sie auf "böse" Ideen kommen lässt, ihnen Angst macht oder Autoritäten infrage stellt."

Der Hindu-Nationalist Dina Nath Batra, der es schon geschafft hatte, Wendy Donigers Studie "The Hindus" einstampfen zu lassen, feiert unter der neuen indischen Regierung seine größten Erfolge. In Gujarat wurden neun Schulbücher von ihm zugelassen, schreibt der indische Schriftsteller Kiran Nagarkar in der NZZ. Folgende Lehrinhalte werden hier transportiert: "Generell soll sich die westliche Forschung laut Batra lediglich die Entdeckungen und Erkenntnisse angeeignet haben, für die indische Asketen schon vor Jahrtausenden den Weg gebahnt hatten. Im "Mahabharata" findet sich mithin der erste Hinweis auf Stammzellenforschung. Die Verehrung von Kühen verhindert Unfruchtbarkeit. Die Landkarte von Bharat (= Indien) sollte richtigerweise auch Pakistan, Afghanistan, Bhutan, Bangladesh, Tibet, Burma und Sri Lanka umfassen. Und so weiter."


John Singer Sargent, Madame Roger-Jourdain, 1885

In der NZZ sinniert Gabriele Detterer über den Sonnenschirm - immer schon ein Symbol für "blasse Stadtmenschen" - als kulturhistorischen Gegenstand.
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Religion

Katajun Amirpur, Professorin für Islamische Theologie, ist in der taz empört darüber, dass Distanzierungen von islamistischer Gewalt, wenn sie von Muslimen kommen, nicht zur Kenntnis genommen werden: "Mich ärgert jedoch nicht nur, wie wenig diese Distanzierungen wahrgenommen werden. Mich ärgert auch die allgemeine Ignoranz. Denn es sind doch Muslime, die versuchen, dem sogenannten Islamischen Staat das Handwerk zu legen. Wieso glaubt man, deutsche Muslime seien den Muslimen näher, die Jesiden und Christen verfolgen, statt denen, die ihnen zu Hilfe eilen und ihnen Unterschlupf gewähren?"
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Internet

(Via The Verge) David Streitfeld berichtet in der New York Times über einige Verlegenheit bei Amazon und ein paar amerikanischen Autoren, die von Amazon-Boss Jeff Bezos regelmäßig zum geheimen "Campfire"-Treffen eingeladen wurden, ein Literaturtreffen für sehr reiche Leute, wo sich die Autoren aufs Luxuriöseste verwöhnen ließen. Nach dem Streit mit Hachette ist nichts mehr wie sonst. Manche Autoren fahren nicht mehr hin, andere werden nicht mehr eingeladen und nochmal andere halten den Mund: "Der Mogul lässt die Teilnehmer keine Geheimhaltungsklauseln unterschreiben. Die Autoren werden von seinem Team nur darauf aufmerksam gemacht, dass das Treffen "unter 3" stattfindet. Und daran haben sich auch all jene gehalten, die sonst ihre kleinsten Regungen per Facebook und Twitter mitteilen."

In 200 Jahren wird man die digitale Revolution wahrscheinlich als Segen für die Menschheit betrachten, glaubt Olaf Gersemann in der Welt, allerdings nur, wenn sich das Bildungssystem radikal ändert: "Wir müssen uns von der Annahme leiten lassen, dass die meisten Jobs, die meisten Berufe und vielleicht sogar die meisten Arbeitgeber, die es 2030 oder 2040 geben wird, heute noch nicht existieren. So gesehen, machen wir heute so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Wir bilden den Nachwuchs leidlich gut aus, wir packen viel Bildung in ihn hinein in den ersten 20, 30 Lebensjahren - und lassen ihn dann allein. "Lebenslanges Lernen" ist eine Phrase geblieben."
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Europa

Nach Schottlands Referendum wird sich die Frage der Unabhängigkeit Kataloniens wohl zu einem schweren Konflikt ausweiten, schreibt Paul Ingendaay in der FAZ, denn das spanische Verfassungsgericht wird wohl die Befragung der Katalanen blockieren, aber auch die katalanische Situation ist kompliziert: "In der Debatte finden sich viele Argumente, die ein bisschen stimmen oder für einige stimmen, in der Politik aber ganz und gar untauglich sind. Dennoch wirken sie auf das Gemüt. Beweist die Tatsache, dass Katalonien den Stierkampf abgeschafft hat, dass es einen unabhängigen Staat haben sollte? Nein, denn auf den Kanaren ist der Stierkampf schon viel länger abgeschafft, ohne dass es kanarische Sezessionsgelüste gäbe."

In der FAZ reagiert der Historiker Gerd Koenen entsetzt auf den in derselben Zeitung unter dem Titel "Putins Stellenbeschreibung" erschienenen Artikel der Moskau-Korrespondentin Kerstin Holm, in dem sie beklagt, dass sich das saturierte westliche Europa von einer eurasischen Kultur- und Erlebniswelt abschneide: "Wenn es, wie Kerstin Holm richtig schreibt, zur "Stellenbeschreibung" Putins gehört, dass er erst einmal sein eigenes, "in seiner Entwicklungsfähigkeit benachteiligtes, chronisch überanstrengtes Land" zusammenzuhalten hat - warum konzentriert er sich nicht auf diese Aufgabe? Warum muss er expandieren, wenn er schon das eigene Land nicht bewirtschaften, mit brauchbaren Infrastrukturen versehen und zu einer bescheidenen Blüte bringen kann?"

Florian Hassel hat in der SZ bei der Bukarester Tagung "1914-2014: Was, wenn Europa versagt?" führenden europäischen Intellektuellen bei ihren Sorgen um Europa zugehört: "Der übereinstimmende Befund: Mit seinem Angriff auf die Ukraine hat Wladimir Putin ... auch etliche Schwächen Europas aufgedeckt. "Die Strategie der EU, Ländern an ihrer Peripherie mögliche Gewalt im Gegenzug für Reformen und europäische Normen abzukaufen, funktioniert nicht mehr", befand der Freiburger Historiker Jörn Leonhard."
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Politik

Im Kampf gegen den "Islamischen Staat" auf die Hilfe von Despoten in Syrien oder im Iran zu setzen, ist ein Fehler, meint Richard Herzinger in der Welt: "Nun mag das Regime in Damaskus auf den ersten Blick als "kleineres Übel" gegenüber dem Schlachthaus erscheinen, in das der IS die von ihm eroberten Gebiete verwandelt. Doch ist das auch Resultat einer Wahrnehmungsverzerrung. Das Assad-Regime mordet, foltert und verstümmelt seine Gefangenen nämlich im Verborgenen, während IS seine blutrünstigen Untaten triumphal auf YouTube verbreitet. Würde eine Live-Cam uns in Syrien zu Zeugen machen, wäre die These vom "kleineren Übel" wohl rasch relativiert".
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Medien

Adrian Lobe glaubt in der Welt nicht, dass das französische Presse-Subventions-Modell (400 Millionen Euro jährlich) auch für Deutschland sinnvoll wäre, denn zum einen sind die Zeitungen trotzdem nicht überlebensfähig, Parteien werden durch die Unterstützung indirekt finanziert und: "Die Verteilungskriterien der "aides à la presse" sind äußerst intransparent und selektiv. Gratiszeitungen erhalten kaum Unterstützung, Tageszeitungen dagegen überdurchschnittlich hohe Zuwendungen. Die Online-Presse hat sich in einem zähen Ringen vor Kurzem erst den ermäßigten Steuersatz erkämpft."
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Stichwörter: Presse, Aids