Efeu - Die Kulturrundschau

Zombiekasperltheater

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22.09.2014. Andreas Kriegenburg inszeniert in Frankfurt Horváths "Glaube Liebe Hoffnung" als alptraumhafte Gesellschaftsmaschinierie - zur Freude fast aller Kritiker. Dezeen feiert ein kleines Revival des Brutalismus. Herta Müller erklärt in der FR, warum erst der Rahmen Freiheit ermöglicht. Die taz erfährt aus Filmkunsttheaterkreisen, für wie blöd man den deutschen Zuschauer hält. Die NZZ bindet ihre Krawatte metonymisch.

Bühne


Foto: Birgit Hupfeld

Mit Andreas Kriegenburgs Horváth-Inszenierung "Glaube Liebe Hoffnung" beginnt das Schauspiel Frankfurt seine aktuelle Spielzeit. Esther Boldt von der Nachtkritik fand den Abend nicht direkt überzeugend. Insbesondere Kriegenburgs Kafka-Perspektive auf den Stoff konnte sie nichts abgewinnen: "Aus dieser alptraumhaften Gesellschaftsmaschinierie gibt es kein Entrinnen, unausweichlich stampfen die Mühlen aus Bürokratie, Verwaltung und Gesellschaft das Aufwärtsstreben der Protagonistin Elisabeth in den Boden. Leider fügt die Kafka-Perspektive Horváths Stück nichts Neues hinzu, sondern verdoppelt seine Aussage lediglich auf der ästhetischen Ebene. Und mehr noch: Auch aus Kriegenburgs Regieapparat gibt es für die Figuren kein Entrinnen. Denn er zwingt sie von Anfang an in die tödliche Umarmung einer Ästhetik, in der Rettung gar nicht vorgesehen ist."

Egbert Tholl von der SZ wagt sanften Widerspruch: "Wie sich hier langsam aus dem Absonderlichen das wehe Leben selbst herausschält, das ist schon toll." Und Hubert Spiegel schließt seine Kritik in der FAZ rundum begeistert: "Weil Andreas Kriegenburg sein Zombiekasperltheater ernst nimmt, können wir es auch ernst nehmen. Ein sehenswerter Abend."

Weitere Artikel: Ziemlich fassungslos fragt Ulrich Seidler (Berliner Zeitung) beim Theater Wilhelmshaven nach, was das denn nun soll, dass das Spielhaus in dieser Saison allen Studenten freien Eintritt gewährt. In der Jungle World befragt Thomas Ewald Josef Hader in dessen Funktion als Kabarettist zu den Unterschieden zwischen deutschem und östereichischem Humor. Ruth Freydank erinnert im Tagesspiegel an den vor 200 Jahren verstorbenen Berliner Theaterdirektor August Wilhelm Iffland.

Besprochen werden Offenbachs "Les contes d"Hoffmann" am Theater Basel (NZZ), Sebastian Baumgartens Inszenierung von "Schuld und Sühne" am Schauspielhaus Zürich (NZZ), eine Wiesbadener "Wie es Euch gefällt"-Inszenierung (FR), Mathilde Monniers auf einer Komposition von Heiner Goebbels basierende Choreografie "Surrogate Cities Ruhr" in Bochum (taz), Markus Öhrns an der Berliner Volksbühne aufgeführte Oper "Bis zum Tod", die Patrick Wildermann im Tagesspiegel ungespitzt in den Boden rammt, und Karin Beiers am Schauspielhaus Hamburg aufgeführtes Double Feature "Pfeffersäcke im Zuckerland" und "Strahlende Verfolger" (Welt, FAZ).
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Kunst


Gottfried Böhms Mariendom in Neviges. Bild bei Flickr unter cc-Lizenz von Seier + Seier

Wie toll Brutalismus sein kann, konnte man gerade auf dem Parkdeck der Deutschen Oper Berlin erleben, wo die "Oresteia" von Xenakis gespielt wurde. Tatsächlich erlebt der Brutalismus gerade ein kleines Revival: nicht nur in England, wo Fanblogs wie fuckyeahbrutalism und Magazine wie der Manchester Modernist entstanden sind, sondern auch in Frankreich, Belgien oder Kanada, erzählt der Journalist Jonathan Meades im Architekturblog Dezeen. "Die Götter des Marktes vermuten, dass wir uns - vor allem anderen - nach dem Zugänglichen, dem Ansprechenden, dem Gefälligen, dem Farblosen, dem leicht Lesbaren sehnen. Es war, fürchte ich, die unerbittliche Unterwerfung unter eine Diät dieser Basisqualitäten, die eine Generation veranlasst hat, die Sacharinarchitektur, Fastfooarchitektur, "eezee-lisnin"-Architektur abzulehnen zugunsten einer 50 Jahre alten Erwachsenen-Architektur. Es gab guten Brutalismus und schlechten. Aber selbst der schlechte war ernsthaft. Er nahm sich selbst ernst - schon dies ein Verbrechen für Den Markt, der auf hirnlosem Spaß besteht."

Dezeen hat dies zum Anlass genommen für eine kleine Reihe über brutalistische Klassiker wie Gottfried Böhms Mariendom in Neviges (Bild), Moshe Safdies Habitat 67 in Montreal oder das Barbican Estate von Chamberlin, Powell und Bon in London.

Weitere Artikel: In Jerusalem kehrt drei Wochen nach dem Waffenstillstand wieder Normalität ein, berichtet Philipp Eins in der taz vom Jerusalemer Open House Festival, bei dem architektonisch bedeutsame Gebäude der Stadt frei zugänglich sind. Michaela Nolte berichtet im Tagesspiegel von der neuen Berliner Kunstmesse Positions, ihr Kollege Stefan Kobel war unterdessen auf der Expo Chicago. Ganz New York fliegt auf die Arbeiten der Kölner Architektin Annabelle Selldorf, berichtet Peter Richter in einem großen Porträt für die SZ. Andreas Rossmann besucht für die FAZ das neue Museum für Kunst und Kultur in Münster.

Besprochen werden Moshe Gershunis Ausstellung "No Father no Mother" in der Neuen Nationalgalerie in Berlin (taz), die Ausstellung "Lichtbilder. Fotografie im Städel-Museum von den Anfängen bis 1960" (NZZ) und Gregor Schneiders Installation "Kunstmuseum" im Kunstmuseum in Bochum (Zeit).
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Musik

Sehr kundig schreibt Clemens Nachtmann in der Jungle World über Österreich und die musikalische Aufklärung. Kristina Maidt-Zinke gratuliert dem Musikfest Bremen in der SZ zum 25-jährigen Bestehen. Ebenfalls 25 Jahre gibt es das Deutsche Kammerorchester Berlin, dem Moritz Eckert im Tagesspiegel gratuliert.

Besprochen werden im Tagesspiegel der zweite (hier) und der dritte (hier) Brahms-Schumann-Abend der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle, Bernd Leyons Bildband "Berlin on Vinyl" (taz), das neue Album der Band Laing (taz), ein Bach-Konzert von Isabelle Faust (Berliner Zeitung) und Wolfgang Rihm "Trio Concerto" in Köln (FAZ).
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Literatur

Für die FR hat Arno Widmann aufgeschrieben, was Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller bei einem Pressegespräch über ihre Text-Bild-Collagen zu sagen hat: "Es ist wie im Leben. Hier ist der Rand. Wo der Rand ist, geht die Sache zu Ende. Mehr geht nicht. Darauf muss man sich einstellen. Freiheit und Zufall entstehen nur innerhalb des vorhandenen Rahmens. Dadurch hat diese Art des Schreibens für mich so eine ganz besonders sinnliche Seite. Dazu kommt noch: Wenn ein Wort festgeklebt ist, kann man nichts mehr ändern. Man kann nichts mehr rückgängig machen. Auch das ist wie im Leben."

Die syrische Exil-Schriftstellerin Samar Yazbek beklagt im Interview mit der Welt bitter die westliche Gleichgültigkeit gegenüber Syrien: "Tatsächlich hat der Westen erst jetzt, bei jener Großkonferenz in Paris, zugesagt, die moderaten syrischen Rebellen zu unterstützen. Sofern von diesen überhaupt noch etwas übrig geblieben ist! Und auch jetzt wird sich nichts ändern: Die Terrororganisation Islamischer Staat soll nur aus dem Irak vertrieben werden, im Falle Syriens reicht es der internationalen Gemeinschaft dagegen schon, wenn das Gleichgewicht des Schreckens gewahrt bleibt. Das Morden wird also weitergehen."

Weitere Artikel: In der Sonntags-FAZ unterhalten sich die Schriftsteller Dinaw Mengestu, Pankaj Mishra, Priya Basil und Junot Díaz über "den Westen". Aldo Keel zeichnet in der NZZ ein eher düsteres Bild von Finnland vor der Buchmesse. In der FAZ berichtet Christian Geyer von einer Diskussion im Forum des online-Wörterbuchs Leo, in der Übersetzer aus ihrem entbehrungsreichen Alltag berichten: "Hier geht es um Überlebensstrategien des intellektuellen Handwerks in Zeiten der ökonomistischen Ungeduld, die sich immer brutaler über die Grundlagen geistiger Produktivität hinwegsetzt." Ijoma Mangold besuchte für die Zeit den Tenor Rolando Villazón, der mit seinem Roman "Kunststücke" nun auch als Schriftsteller reüssiert. Und Andreas Platthaus stellt in der FAZ den neuen E-Book-Verlag von Hanser vor.

Besprochen werden Wolfgang Herrndorfs postum veröffentlichtes Roman-Fragment "Bilder deiner großen Liebe" (Tagesspiegel, mehr), der dritte Band von Reiner Stachs Kafka-Biografie (Tagesspiegel), Natascha Wodins "Alter, fremdes Land" (Tagesspiegel), Nic Pizzolattos "Galveston" (FAZ, mehr), der zweite Band von Erwin Strittmatters Tagebüchern (Berliner Zeitung) und Michael Köhlmeiers "Zwei Herren am Strand" (SZ, mehr).
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Film



Jonathan Glazers neuer, in keine Schubladen passender Film "Under the Skin" (hier unsere Kritik) wurde in den USA, UK und Frankreich geliebt, gehasst und vor allem - leidenschaftlich diskutiert. In Deutschland dagegen beschloss der Verleih Senator, den Film gar nicht erst ins Kino zu bringen, sondern nur als DVD zu starten. Aus Protest gegen diese Entscheidung startete der Filmenthusiast und -kritiker Sebastian Selig eine Facebook-Kampagne und erreichte damit, dass jetzt wenigsten einige Kinos den Film auch in Deutschland zeigen (hier eine Übersicht aller teilnehmenden Kinos). Für taz-Kritiker Ekkehard Knörer belegt die ganze Geschichte vor allem den erbärmlichen Zustand der deutschen Filmkultur: "Ausgerechnet von einem Mitarbeiter der AG Kino - der "Gilde deutscher Filmkunsttheater" - bekam [Selig] freilich (natürlich nur privat) zu hören: "Die traurige Realität ist, dass der deutsche Zuschauer, zumindest in der Masse, tatsächlich ziemlich blöd ist." Das ist wohl die Arbeitshypothese vieler Arthouse-Kinos in Deutschland. Was nicht in die Schubladen Mainstream oder Arthouse passt, findet außerhalb von Festivals kaum noch statt. So bekommt man, was international Aufsehen erregt, hierzulande oft nicht zu Gesicht."

In der Welt porträtiert Gerhard Midding den französischen Schauspielerclan Jobert-Green.
Archiv: Film

Design



Die NZZ druckt eine Rede ihres Feuilletonchefs Martin Meyer, der die Ausstellung "Die Krawatte. männer macht mode" im Landesmuseum Zürich eröffnete: "Die Krawatte hat es in sich. Sie ist ebenso real wie metaphorisch oder sogar metonymisch zu ergreifen."
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