9punkt - Die Debattenrundschau

In jedem Ego tickt die Zeitbombe

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.09.2014. In der Berliner Zeitung klagt Peter Sloterdijk, der große alte Mann der deutschen Philosophie, über die ich-süchtige Jugend. Und so geht's nun auch noch im Journalismus zu, sekundiert die taz. Das Darmstädter Echo wird halbiert. Die französische Huffpo veröffentlicht eine Reisewarnung: Meiden Sie die meisten Länder Afrikas. Henryk M. Broder fürchtet in der Welt, dass der Islamismus mit dem Islam zu tun hat.

Religion

Einige junge Iraner haben vor einem Jahr ein Video veröffentlicht, in dem sie nach Pharell Williams" Hit "Happy" tanzen. Dafür sind sie zu sechs Monanten Gefängnis und 91 Peitschenhieben verurteilt worden. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, berichtet Fleur Burlet in den Inrockuptibles. "Im Laufe ihrer Untersuchungsdhaft mussten die Jugendlichen sich auf Weisung des iranischen Polizeichefs in einem nationalen TV-Sender entschuldigen, dass sie einen "so vulgären Clip, der die öffentliche Keuschheit verletzt", ausgestrahlt haben."

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Stichwörter: Iran

Gesellschaft

Im Interview mit Michael Hesse in der Berliner Zeitung spricht Peter Sloterdijk über den geplatzten Generationenvertrag und diagnostiziert dem modernenen Menschen Autoritätsverlust der Alten, monströsen Individualismus, Undank gegen die Eltern und Reichenhass: "Die meisten Menschen sind nicht dafür geschaffen, sich distanzlos mit den Erfolgreichsten zu vergleichen. Sie brauchen einen Schutzmantel, der sie in den Spielräumen ihrer Lebenschancen stabilisiert und ihre durch Vergleich erzeugten Verstimmungen mildert. Die Älteren von früher haben den Jungen gesagt: Es kommt darauf an, mit dem, was man hat und mit dem, was man ist, zufrieden zu sein. Diese Elementarform von Lebensklugheit ist durch massenmediale Trends hinweggefegt worden. Wir leben in einer Gesellschaft aus Stars, die nur noch nicht entdeckt sind. In jedem Ego tickt die Zeitbombe: It could be you."

In nüchternen Worten benennt die Expertin Tine Hanrieder in der SZ die Verantwortung der WHO für die Ebola-Krise: "Während die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" schon im Frühjahr warnte, die Seuche sei außer Kontrolle, rief die WHO erst Anfang August den internationalen Gesundheitsnotstand aus. Die Mobilisierung internationaler Hilfe für die betroffenen westafrikanischen Länder verlief auch danach lange schleppend. Mittlerweile hat sich die Krise zur Katastrophe ausgewachsen. Die Krankheit verbreitet sich rasend."
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Internet

Nach Open Source begrüßt Kritsanarat Khunkham in der Welt Open Journalism: "Wie beim Open Source geht es um die Einbindung in den Prozess der Berichterstattung und um die Teilnahme an ihrer Weiterentwicklung. Denn Journalismus ist heute viel mehr, als bloß Texte zu schreiben, die nur gelesen werden. Damit dieses Mehr passieren kann, sollten Journalisten die Daten und Informationen, die hinter ihren Geschichten stecken, offen zur Verfügung stellen."
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Politik

(Via huffpo.fr) Hier eine Karte des französischen Entwicklungsministeriums mit Reiseinformationen für Afrika, die nach jüngsten Drohungen des "Islamischen Staats" ausgegeben wurde. Die Terrorbande droht den Franzosen mit Morden, nachdem Frankreich sich Luftangriffen im Irak anschließt. In die roten Länder sollte man als Franzose besser nicht fahren. Libération meldet, dass ein französischer Tourist in Algerien von einer IS-nahen Gruppe entführt wurde.



Die Proteste der Muslime gegen den IS sind ja gut gemeint, schreibt Henryk M. Broder in der Welt, findet aber dass der Übergang zwischen Islam und Islamismus fließend ist: ""Glauben Sie mir, die Terroristen sind keine Muslime", sagte ein junger Mann am Rande einer der Kundgebungen vergangenen Freitag. Woher will er das wissen? Beten sie nicht fünf Mal am Tag? Verneigen sie sich nicht in Richtung Mekka? Essen sie vielleicht Schweinefleisch und spülen den üblen Nachgeschmack mit einer Flasche Jack Daniels runter? Und könnte es sein, dass die Kämpfer des IS sich für die "wahren Muslime" halten und alle anderen, die nicht in der Lage sind, einem "Ungläubigen" den Kopf abzuschlagen, für Weicheier, die dasselbe Schicksal verdienen? Hat irgendjemand einen Lackmustest oder eine Urinprobe entwickelt, um "wahre" von "unwahren" Muslimen zu unterscheiden?"

In der FAZ fragt der Autor Eren Güvercin in einem gemäßigteren Plädoyer nach den Gründen für die undeutliche Kritik deutscher Muslime an Hamas oder Salafisten und fordert einen modernen zivilgesellschaftlichen Islam: "Bisher dominiert die Haltung, dass man klarstellen müsse, wogegen man ist - gegen Terror, gegen Ehrenmorde, gegen die Unterdrückung der Frau, gegen Intoleranz und so weiter. Die Formulierung einer ablehnenden Haltung reicht jedoch nicht aus. Vielmehr müssen die Bedürfnisse der jungen Muslime erkannt und ernst genommen werden. Daher brauchen wir Moscheen, die etwas Positives stiften, nicht nur eine Ethnie ansprechen und vor allem als "Amtssprache" selbstverständlich das Deutsche benutzen."

Unterdessen begibt sich Mashable in die sozialen Medien und findet die Kampagne #NotinMyName, mit der Muslime gegen den "Islamischen Staat" protestieren.


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Europa

Nach einem Bericht Alexander Demling in Spiegel Online fördert "ein Erasmus-Semester die Völkerfreundschaft, meldet die EU-Kommission und untermauert das mit Zahlen: Ein Drittel ehemaliger Erasmus-Studenten liebt international." Angeblich gibt es "eine Million Erasmus-Babys".
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Medien

"Es icht" im Journalismus, ächzt Michael Sontheimer in der taz: "Die Leserschaft der Zeitungen schrumpft, die Zahl der Kolumnisten steigt. Die Kolumnisten erzählen, was sie im Fernsehen gesehen oder im Internet gefunden haben; sie schildern, welche Erfahrungen sie mit ihrem neuen Smartphone gemacht haben, was ihnen ihre halbwüchsigen Kindern zugemutet haben oder oder oder."

Außerdem: turi2 meldet unter Berufung auf verschiedene Quellen, dass das Darmstädter Echo die Hälfte seiner Stellen abbaut.
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