9punkt - Die Debattenrundschau

Resonanzschleifen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.08.2014. Das "Recht auf Vergessen" löst weiterhin eine Menge Kopfzerbrechen aus. Inzwischen protestiert gar ein Verfassungsrichter in einer nicht öffentlichen Stellungnahme - irights.info lässt sie diskutieren. In der Berliner Zeitung erzählt die türkische Autorin Ece Temelkuran, wem man heute traut und wem nicht. Was macht Ebook aus Text, fragt der Freitag.

Internet

Verfassungsrichter Johannes Masing hat sich ausführlich und kritisch zum Urteil des EuGH gegen Google geäußert, will sein Papier, das an Datenschützer und Regierung gerichtet ist, aber nicht veröffentlichen (als diente er irgendetwas anderem als der Öffentlichkeit!) Es liegt bei irights.info vor, wo man das Papier von Experten kommentieren lässt, die es lesen durften (Einleitung). Till Kreutzer etwa analysiert: "Völlig zurecht sieht Masing hier einen "inadäquaten" Vorrang des Persönlichkeitsrechts begründet. Der Europäische Gerichtshof versucht mit seinem Urteil, die Verweise, die durch Suchmaschinen vermittelt werden, einem anderen Rechtsregime zu unterwerfen als die Inhalte selbst." Ähnlich drei weitere Juristen in einem zweiten Text.

Google hat inzwischen über 90.000 Anfragen bekommen und soll über 300.000 Links löschen, berichtet Jacob Kastrenakes in The Verge, der einen Brief des Konzerns an europäische Datenschützer gelesen hat. Nebenbei notiert Kastrenake, wie Google durch das Urteil zum Herr des Verfahrens gemacht wird: "Google erklärt nicht, wie genau zwischen einem irrelevanten Link, der bestehen bleiben darf, und einem relvanten Link, der gelöscht werden muss, unterschieden wird." Hier der Brief des Konzerns als pdf-Dokument.

Außerdem: Netzpolitik präsentiert die neu formulierte "Digitale Agenda" der Bundesregierung mit gekennzeichneten Änderungen.
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Medien

Höchst amüsiert liest Thomas Knüwer die Tweets des Journalisten Roland Tichy, der erzählt, wie er im Netz einzelne E-Paper-Ausgaben von Zeitungen kaufen will und regelmäßig scheitert: "Die Verlagskonzerne dilettieren seit aufgerundet anderthalb Jahrzehnten an diesem Thema herum. Und es ist ihnen noch nicht einmal gelungen, ihre Systeme so aufzusetzen, dass ein hoch intelligenter Herr mittleren Alters etwas kaufen kann."
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Europa

Aufschlussreich liest sich der Text von Ramsès Kefi, der sich in Rue89 als ein gemäßigter, für die Sozialistische Partei stimmender muslimischer Franzose präsentiert. Er schildert die Entfremdung zwischen seiner Bevölkerungsgruppe und der französischen Politik, beschwert sich, dass die Homoehe eingeführt wird, die gläubigen Muslimen Bauchschmerzen bereite, beklagt das fehlende Stimmrecht für Ausländer und schreibt zum aktuellen Verbot von propalästinensischen Demos, bei denen es regelmäßig zu antisemitischen Ausschreitungen kommt: "Der israelisch-palästinensische Konflikt ist bei den Muslimen tief verinnerlicht. Das ist nicht ein Problem der Religion, sondern politischer Vorstellungen. Die Israelis sind gewissermaßen Goliath, die Palästinenser David. Man identifiziert sich mit den Unterdrückten, die - ohne übertreiben zu wollen - an die Diskriminerungen denken lassen, denen wir in Frankreich seit Jahrzehnten ausgesetzt sind." Die angebliche proisraelische Positionierung der französischen Politik wertet Kefi als ein "weiteres Zeichen des mangelnden Respekts".
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Ideen

Christiane Frohmann wünscht sich im Freitag ein neues Image für das E-Book, denn es kann: "ein buchstäblich offener Text sein, der in verschiedenen Versionen neben- und nacheinander existiert, der sukzessive neue Gedanken, Bilder und Autoren in sich aufnimmt, der strömt und Resonanzschleifen erzeugt, der mittels Verlinkung beim Lesen rekursiv hin und her springt, der in seinem ungewöhnlichen Erscheinen neue Erfahrungs-, Vorstellungs- und Gefühlswelten eröffnet, die mit einem sich ständig verändernden Schreiben und Lesen einhergehen."

Weiteres: taz und FR gratulieren Oskar Negt, dem Mentor der Studentenbewegung, zum achtzigsten Geburtstag.
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Gesellschaft

Die Gezi-Proteste haben das Vertrauensverhältnis innerhalb der türkischen Gesellschaft nachhaltig verändert, schreibt die türkische Autorin Ece Temelkuran in einem langen Essay in der Berliner Zeitung: "Eine Freundin gestand mir vor Kurzem, dass sie sich von ihrem Mann habe scheiden lassen, "weil er im Gezi-Park nicht mit dabei war"." Gleichzeitig annonciert sie: "Während draußen also kriegsähnliche Zustände herrschen und Sie um Ihr Leben kämpfen, gibt Ihnen plötzlich irgendein Nickname auf der Timeline von Twitter, von dem Sie nicht einmal mehr wissen, wann und warum Sie ihm zu folgen begonnen haben, eine Information, und Sie beschließen, dieser Person zu vertrauen. Denn Sie glauben daran, dass zwischen Ihnen beiden eine Einheit der Gefühle besteht."

Die der hindunationalistischen Regierungspartei nahestehende Batra-Brigade um den 84-jährigen Dina Nath Batra zensiert mit Druck und Drohungen gegen indische Verlage Bücher, die ihrer Ideologie entgegenstehen, schreibt Willi Germund in der FR. Pflichtlektüre sind stattdessen Batras Bücher: "Unter anderem lehrt er, an Geburtstagen die Kerzen nicht auszublasen - das sei "unindisch". Indiens Landkarte müsse Afghanistan, Pakistan, Sri Lanka, Nepal und Bangladesch einschließen. Die Erfindung des Fernsehens gehe auf "Mahabharata", den neben "Ramayana" wichtigsten hinduistischen Mythos zurück. Sogar die Stammzellenbehandlung sei aufmerksamen indischen Lesern der Geschichte seit mehren tausend Jahren geläufig."

Weiteres: Alan Posener entlarvt in seiner Welt-Kolumne anonyme Kommentatoren, die sich unflätig gegen den Islam äußern, als "Burkaträger im Internet" und verlangt nach staatlichem Pseudonymverbot.

Und nun werden auch noch die Pfirsiche verhüllt!
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Politik

Die SZ protokolliert die letzte Woche der in Deutschland aufgewachsenen und seit zehn Jahren im Gazastreifen lebenden Nor Abu Khater. Stand vom 30. Juli: "Du kannst dir nicht vorstellen, wie schlecht es uns geht. Die Kinder schreien die ganze Zeit. Ich weiß nicht mehr, wie ich das durchhalten soll. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich will jetzt sterben."
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Stichwörter: Gaza-Streifen, Israel

Geschichte



Wieviel Kommerz- und Popelemente darf ein Kriegsfilm haben, fragt sich Julia Szyndzielorz - auch mit Blick auf die Ukraine - in der Welt, nachdem sie "Miasto 44" gesehen hat, ein polnischer Film über den Warschauer Aufstand, "der mit zeitgemäßen Mitteln über die Liebe in Zeiten des Krieges erzählt. Körperteile und Blut regnen vom Himmel. Die Hauptdarsteller küssen sich unter direktem Beschuss, im Hintergund läuft Dub-step. Die Kugeln werden auf der Leinwand zu goldenen Flecken. Sex auf einem Teppich unter Artilleriefeuer. Nacktheit, Blut, Schweiß und Muskeln. Es ist eine Heldengeschichte, die in erster Linie ein jüngeres Massenpublikum ansprechen dürfte, die sich aber auch in die Tradition der Mythologisierung der blutigen Ereignisse einschreibt. Der Fashiondesigner Robert Kupisz entwarf eine Reihe T-Shirts, die für den Film in der größten Buchhandelskette Polens werben sollen." (Foto: Szenenbild)
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