Efeu - Die Kulturrundschau

Weh und wund im sauren Kitsch

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01.08.2014. Die russische Kunstavantgarde war ukrainisch, erinnert Felix Philipp Ingold in der NZZ. Die FAZ fragt ratlos vor Gerhard Richters neuer Serie: Trauerarbeit im Akkord? Die Jungle World hört den ultimativen Mix aus Post- und Krautrock von Trans Am. In Salzburg fällt auch Katie Mitchells Anti-Kriegs-Collage "The Forbidden Zone" durch. Alle trauern um den Filmemacher Harun Farocki.

Kunst


Kasimir Malewitsch: Mädchen auf dem Feld, 1930

So so, für Moskau sind die Ukraine und die ukrainische Kultur also schon immer eigentlich russisch gewesen? Da kann Felix Philipp Ingold nur lachen. Er erinnert in der NZZ daran, dass die ganze russische Avantgarde aus der Ukraine (Malewitsch, Tatlin, Kandinsky, Delaunay, Gogol, Babel, Bulgakow), Weißrussland, den baltischen Staaten und Polen (Eisenstein, Lissitzky, Chagall) kam. Ohne Gogol etwa hätte es keinen Dostojewski, keinen Belyi und keinen Pilnjak gegeben. "Noch mehr gilt dies für die Revolution der Künste und die daraus erwachsene Kunst der Revolution, die man weiterhin pauschal der "russischen" Avantgarde zuschlägt und die auf die Jahre 1910 bis 1930 datiert werden. Die im Umbruch begriffene russische Kulturszene wurde damals von ukrainischen Kunst- und Literaturschaffenden nicht nur unterstützt und bereichert, vielmehr ging sie von der Ukraine aus - sie formierte sich zwischen Kiew, Charkiw und Odessa, um von dorther die großrussischen Metropolen Moskau und Sankt Petersburg zu "erobern"."

In der FAZ denkt Julia Voss über den kommerziellen Aspekt von Gerhard Richters zwar melancholischer, aber seriell erstellter und ziemlich teurer Kunst nach, die derzeit in der Jubiläumssausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden und in der Fondation Beyeler in Basel zu sehen ist: "Je mehr Serien man sieht, desto ratloser macht einen die geradezu industrielle Produktion. Der Kunsthistoriker Benjamin Buchloh schrieb einmal über Richters Malerei, sie sei die "unausgesetzte Aufforderung, Trauerarbeit über ihre verlorenen Möglichkeiten zu leisten". Trauerarbeit, da die Kunst durch Spektakelkultur und Kommerz zur Dekoration verkommen sei. Aber Trauerarbeit im Akkord?"

Für die Berliner Zeitung hat Nikolaus Bernau die Ausstellung "1914 ... schrecklich kriegerische Zeiten" im Landesmuseum Braunschweig besucht, wo unter anderem die Kriegstagebücher seines Großvaters Walter Staats zu sehen sind: "Man lernt hier von der Vielfalt der Erinnerungen, und auch davon, wie schwer es für die Nachkommen ist, die als eigen betrachtete Geschichte los zu lassen."
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Literatur

Für die FAZ hat sich Thomas David mit dem amerikanischen Autor David Vann getroffen, der mit seinen düsteren Romanen vom neuseeländischen Exil aus explizit Stellung gegen sein Heimatland und etwa auch die dort herrschenden Waffengesetze bezieht. So sagt er: "Die Wahrheit ist, dass sich Amerika in einer Abwärtsspirale in Richtung Armut und Verzweiflung befindet und sich Millionen von Amerikanern an ihre Waffen klammern, weil sie dieser Entwicklung ohnmächtig ausgeliefert sind. Ein Gewehr gibt dir das Gefühl von Macht. ... Ich sehe für Amerika keine Hoffnung mehr."

Weitere Artikel: Für Jan Tölva von der Jungle World kommt die Ankündigung von Marvel, einen schwarzen Captain America und einen weiblichen Thor in ihrer Comicsagas zu integrieren, kaum überraschend, erwies sich das führende Comiclabel doch schon in früheren Jahrzehnten als flexibel, was Identitäten betrifft. Lars von Törne vom Tagesspiegel erkundet in der deutschen Indie-Comicszene, was man dort vom eigenen Boom hält.

Besprochen werden John Banvilles neuer Roman "Im Lichte der Vergangenheit" (NZZ), Erik Axl Sunds Psychothriller "Krähenmädchen" (Welt), Walter Kirns Tatsachenthriller "Blut will reden" (Standard) eine offenbar sehr geglückte Neuübersetzung von William Faulkners "Schall und Wahn" (SZ) und Julia Korbiks "Stand Up - Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Musik

Bereits seit 20 Jahren arbeitet die amerikanische Band Trans Am auf verschroben humorvolle Weise mit Bauelementen aus Post- und Kraut-Rock, erklärt Maik Bierwirth in der Jungle World anlässlich der Veröffentlichung des neuen Albums "Volume X" der Band. Diese Band muss "sich nichts mehr beweisen ... Der erste Song, "Anthropocene", würde sogar als Single taugen, mit seinem druckvollen Bass-Riff, auffälligem Drum-Beat und den verhuschten Feedback-Schleifen - und mit tatsächlich unverzerrtem, nur mit Hall bearbeitetem Shoegaze-Gesang. Die weiteren Tracks wirken bisweilen wie herausgeschnittene Skizzen und Miniaturen aus längeren Aufnahmen, die allerdings so pointiert sind, dass sie nicht den Eindruck von Austauschbarkeit erwecken." Hier das aktuelle Video:



Weitere Artikel: Christopher Resch hat sich am Rande von Wacken mit der Metalband Crescent getroffen, die in ihrem Heimatland Ägypten, wie auch andere Metalbands, seit Jahren gegängelt wird. Fumiko Lipp porträtiert in der taz die Rapperin Fiva, deren neue Platte "kein Mittdreißiger-Krisen-Album [ist, sondern] eine Hymne auf die Individualität und den Mut." In der taz stellt Tim Caspar Boehme die Musik des portugiesischen Gitarristen Norberto Lobo vor, der heute in Berlin auftritt. Michael Pilz besucht für die Welt die Beatsteaks, deren neues Album "als bestes Deutschrockalbum seiner Zeit in die Geschichte eingehen [wird], obwohl sie kein Wort deutsch singen." In der Zeit führt Volker Hagedorn durch das Programm der großen Musikfestivals der Saison. Und der Standard bringt einen Nachruf auf den Jazzschlagzeuger Idris Muhammad.

Besprochen wird Martyns Album "The Air Between Words" (taz).
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Film

Völlig überraschend ist am Mittwoch der Filmessayist und Videokünstler Harun Farocki gestorben. In der SZ schreibt Fritz Göttler: "Das Unsichtbare hat ihn fasziniert. Das, was die Bilder nicht zeigen - was nicht auf ein Verschweigen hinausläuft, eher auf unsere Unfähigkeit zu sehen. In seinen Texten und Filmen und Installationen wird deutlich, wie der Blick auf die Realität sich verändert hat seit den Sechzigern - und damit die Realität selbst. In den Sechzigern haben Farocki, Hartmut Bitomsky, Holger Meins und andere versucht, einen neuen Begriff vom politischen Film zu entwickeln, in dem Politik nicht nur inhaltlich bestimmt wurde, sondern erst mal über die Formen."

Außerdem: Auf Fandor sammelt David Hudson internationale Links dazu. Nachrufe schreiben Swantje Karich in der FAZ, Cristina Nord in der taz, Ralf Krämer in der Welt, Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung, Fritz Göttler in der SZ und Daniel Kothenschulte in der FR.

Hier seine "Videogramme einer Revolution" über Rumänien 1989:



Besprochen werden Clint Eastwoods Musical "Jersey Boys" (Tagesspiegel, Welt, mehr), die Krimikomödie "22 Jump Street" (Tagesspiegel, Welt) und eine DVD-Edition von Volker Koepps Dokumentarfilmen (Filmgazette).
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Bühne


The Forbidden Zone 2014, © Salzburger Festspiele / Stephen Cummiskey

Ziemlich überfrachtet findet Norbert Mayer in der Presse Katie Mitchells in Salzburg aufgeführtes Stück "The Forbidden Zone", eine Textcollage über Claire Immerwahrs Protest gegen das von ihrem Ehemann entwickelte Giftgas, das im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurde: "In den siebzig Minuten wird nicht so sehr Theater gespielt, sondern tatsächlich in Realzeit ein Film gedreht. Auf einer großen Leinwand über dem Set sieht man, was unten von Kameraleuten in exakter Choreografie gerade aufgenommen wird. Man muss sich entscheiden: Will man sehen, wie die Schauspieler unten, teils durch Kulissen verdeckt, zurückhaltend, fast wortlos wie Stummfilmstars in diesem Dreh umtänzelt werden? Oder konzentriert man sich auf die Nahaufnahmen oben?"

"Was wäre das für ein dramatischer Stoff!", stöhnt Gerhard Stadelmaier in der FAZ. "Aber so wie Claire hier nur weh und wund im sauren Kitsch herumäugt, könnte sie ganz gut aus einer Fernseh-Reihe à la Guido Knopp stammen: "Enkelinnen unterm Eisernen Kreuz" - oder so ähnlich." In der SZ meint Christine Dössel: "Technisch ist das spitzenmäßig gemacht, schauspielerisch: absolute Präzision. Das Theater aber, mit seiner Lust an Sprache und Tiefe, muss schauen, wo es bleibt."

Außerdem: Peter von Becker zeigt sich im Tagesspiegel unterdessen nicht nur von dieser Aufführung, sondern auch von Georg Schmiedleitners Inszenierung von Karl Kraus" "Die letzten Tage der Menschheit" (mehr) sehr enttäuscht. In der Presse erinnert Wilhelm Sinkovicz an die zensierten Passagen in Strauss" "Rosenkavalier". Im Standard plaudert Harry Kupfer über seine Inszenierung des "Rosenkavaliers", die heute abend in Salzburg aufgeführt wird.

Besprochen werden die in Bregenz aufgeführte "Zauberflöte" und die "Geschichten aus dem Wiener Wald", die für Zeit-Kritiker Volker Hagedorns Geschmack eigentlich schon zu gut poliert aufgeführt wurden, und die Wiederaufführung von Frank Castorfs im vergangenen Jahr heftig ausgebuhter "Ring"-Inszenierung in Bayreuth (SZ) - wohl ein Vorgeschmack auf das, was ihn heute abend nach der "Götterdämmerung" erwarten wird, fürchtet die Presse.
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