9punkt - Die Debattenrundschau

Rudelverhalten und Grenzüberschreitungen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.07.2014. Was die Isis tut, hat mit dem "wahren Islam" durchaus etwas zu tun, schreibt Hamed-Abdel Samad in der Zeit. Christopher Clark arbeitet nur den Revisionisten in die Hände und soll die Kriegsschuldfrage bitte nicht antasten, meint Heinrich August Winkler in der Zeit. Auch Wladimir Putin will Tor knacken und hat laut Gawker sehr gute Gründe dafür. Der neue Antisemitismus ist nicht neu, meint Detlev Claussen im Freitag. Vor hundert Jahren wurde Jean Jaurès ermordet. Und Louis de Funès wurde geboren.

Religion

Wer angesichts der Christenverfolgung durch die grandguignoleske Isis-Truppe ausruft "Das ist nicht der wahre Islam", liegt nicht ganz richtig, schreibt Hamed Abdel-Samad in der Zeit: "Wirklich nicht? Aber was ist der wahre Islam? Isis besteht aus höchstens 20.000 Kämpfern, die auf Syrien und den Irak verteilt sind. Allein in Mossul leben rund zwei Millionen Muslime, viele davon sind bewaffnet. Warum finden sich unter ihnen keine "wahren" Muslime, die ihren christlichen Mitbürgern zu Hilfe eilen? Oder taucht der "wahre" Islam immer nur auf, um den Islam zu verteidigen." Im Nahost-Schwerpunkt auf den vorderen Seiten der Zeit warnt der Religionspädagoge Mouhanad Khorchide vor antisemitischen Auslegungen des Korans.
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Politik

Tunesien ist das einzige Land, in dem noch ein wenig von der Hoffnung der Arabellion übrig bleibt. Um so unheimlicher liest sich Ramses Kefis Rue89-Reportage über den Berg Chaambi an der algerischen Grenze, wohin sich die militantesten Islamisten zurückgezogen haben. Die Bevölkerung ist so arm, dass sie die Terroristen versorgt - gegen Geld: "Seit ungefähr zwei Jahren werden Soldaten dort durch Minen oder Schüsse verletzt, wenn nicht getötet. Im Juli 2013 wurden acht Soldaten enthauptet, was eine schwere politische Krise auslöste. Wenig Informationen zirkulieren über die Identität und die Anzahl der Dschihadisten."

Im Interview mit Nikolaus Piper (SZ) spricht der 1938 ins amerikanische Exil geflüchtete Historiker Fritz Stern über die Vertrauenskrise zwischen Amerika und Deutschland, neuen Antiamerikanismus und die bröckelnde Wertegemeinschaft des Westens: Ich sehe nicht, wo bei uns heute die guten Europa-Kenner sitzen, die es im Zweiten Weltkrieg und in den Jahren danach gegeben hat. Vielleicht gelingt es ja Wladimir Putin, die alte Einheit des Westens wiederherzustellen. Seine mörderischen Aktionen sollten uns zeigen, dass es doch gemeinsame Interessen gibt."

Von einem neuem Antisemitismus will der Soziologe Detlev Claussen im Interview mit Sebastian Dörfler im Freitag nichts wissen. Der Antisemitismus "ist ein elementarer Bestandteil der westlichen Zivilisationsgeschichte. Seine einzige Botschaft lautet: "Die Juden sind an allem schuld." Sie kommt mal manifester zum Ausdruck, mal bleibt sie im Hintergrund. Diese Typen, die jetzt auf der Straße herumrennen, sind ein willkommener Anlass für latent antisemitische Gesellschaften und Medien, sich als nichtantisemitisch hinzustellen und zu sagen: die Antisemiten, das sind die Anderen."

In der Welt sorgt sich der Pariser Politologe Dominique Moisi nach Angriffen auf Synagogen in Paris - den ersten seit 120 Jahren - um den neuen Antisemitismus in Frankreich. Er sieht soziale Ursachen: "Die jungen Randalierer, die die Synagogen attackierten, kommen größtenteils aus den Reihen der Arbeitslosen und Frustrierten. Sie lassen ihre Wut an einem System aus, das sie nicht integriert. Sie sind sogar verärgert über das offizielle Gedenken der Republik an die Leiden der Juden im Zweiten Weltkrieg. Gräuel der Vergangenheit sind für sie abstrakt; sie nehmen nur gegenwärtige Gräuel wahr."
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Internet

In der FAZ spricht Sandra Kegel mit Markus Hatzer, dem Chef des Verlags und der Buchhandlung Haymon über die nicht mehr aufzuhaltende Bedrohung durch Amazon für die Verlagslandschaft, eigene Versäumnisse und mögliche Reaktionen, etwa das Besinnen auf die eigenen Kernkompetenzen: "Das Entdecken von Autoren, das Fördern von literarischem Talent, die Aufbereitung eines Textes im Lektorat, die Gestaltung eines Buchs. Wenn wir uns darauf besinnen, dann sehe ich für die Zukunft nicht schwarz."
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Stichwörter: Amazon, Verlage

Überwachung

Nicht nur NSA und BND, auch Wladimir Putin ärgert sich über die Verschlüsselungssoftware Tor - so sehr, dass er einen mit fast 4 Millionen Dollar dotierten Preis für das Knacken der Software ausgelobt hat, berichtet Matthew Phelan in Gawker. Der Grund dafür ist einfach: Russen, die Zensur fürchten, sind die fünftstärkste Nutzergruppe. Phelan untermauert allerdings auch Befürchtungen, dass Tor längst nicht mehr sicher ist - zumindest nicht vor amerikanischen Geheimdiensten.


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Geschichte

Christopher Clark arbeitet mit seiner Relativierung der deutschen Kriegsschuld Revisionisten à la Jörg Friedrich in die Hände gearbeitet, behauptet Heinrich August Winkler in einem Zeit-Essay und benennt gleich den eigentlichen Kriegsgrund: "Der Aufstieg der Sozialdemokraten... erfüllte die herrschenden Schichten mit großer Sorge. Manche Politiker und Publizisten hielten einen Krieg für den einzigen Ausweg, um die Gefahr eines weiteren Linksrucks und einer Deomkratisierung des Kaiserreichs dauerhaft zu bannen." Und noch schlimmer: Wenn man die Schuld am Ersten Weltkrieg leugne, "ist es kein weiter Schritt mehr zu den Behauptung, dass Hitler eben der große "Betriebsunffall" der deutschen Geschichte war."

Zum heutigen hundertsten Todestag würdigen NZZ und Welt den französischen Sozialistenführer Jean Jaurès.


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Medien

Der Spiegel-Titel dieser Woche ist höchst umstritten, weil das Cover Bilder von Opfern zeigt und sie mit der Überschrift "Stoppt Putin jetzt!" unterlegt. Stefan Niggemeier fürchtet Kriegshetze, sieht keinen Hinweis, dass Putin irgendwelche Schuld zukommt und beschreibt den performativen Widerspruch des Titels - denn im Text werden ja nur Sanktionen gefordert: "Der Spiegel selbst räumt ein, dass Sanktionen vermutlich kein schneller Weg sind, Putin zu stoppen. Auf der Titelseite aber steht in der größten Lautstärke, die man sich für das Blatt überhaupt vorstellen kann, die Forderung, Putin "JETZT!" zu stoppen. "JETZT!" mit Sanktionen, die wahrscheinlich mittelfristig wirken könnten?" Noch deutlicher pro Putin ist die Spiegel-Kritik auf den Nachdenkseiten: "Selbst Experten müssen bei der Frage passen, wer für den Abschuss von MH 17 verantwortlich ist."

Und leider mag ja auch niemand mehr den berühmten "geheimdienstlichen Informationen" glauben, gibt Sascha Lobo in seiner Spiegel Online-Kolumne zu bedenken: "Im Fall des Ukraine-Konflikts zeigt sich mustergültig, in welches Debakel sich Geheimdienste durch die Totalüberwachung und ihren Umgang damit manövriert haben - völlig unabhängig von den Dingen, die dort tatsächlich geschehen." Dazu passt eine Meldung bei Mashable: Die NSA sucht einen PR-Experten. Jahresgehalt: 175.000 Dollar.

Außerdem: L"Unita, die von Antonio Gramsci gegründete einstige Zeitung der Kommunistischen Partei Italiens, stellt ihr Erscheinen ein, meldet die Presse. In der FAZ berichtet Jörg Bremer zum Thema. Im Aufmacher des Zeit-Feuilletons fragt Adam Soboczynski seine lieben Kollegen: "Glaubt denn wirklich jemand ernsthaft, die Behauptung Wulffs sei kompletter Blödsinn, es habe in seinem Fall ein Rudelverhalten und Grenzüberschreitungen gegeben?"
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Weiteres

In der FAZ erzählt Rainer Hermann die Geschichte der orientalischen Christen, die vor den Muslimen da waren - und nun wohl vollständig verjagt werden. Ebenfalls in der FAZ wird gemeldet, dass EU-Parlamentspräsident Martin Schulz bei der Friedenspreisverleihung die Laudatio auf den Internetskeptiker Jaron Lanier halten wird. Schließlich fragt Stefan Schulz in der FAZ: "Was geschieht, wenn Google weiß, wo es uns zwickt?"
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