9punkt - Die Debattenrundschau

Der letzte Moment relativer Unschuld

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.07.2014. Im Guardian äußert sich Edward Snowden entsetzt über ein neues britisches Überwachungsgesetz, das allenfalls in Zeiten totalen Kriegs zu rechtfertigen wäre. Die taz fordert rechtliche Schritte gegen die Internationalisierung von Überwachung. Stefan Niggemeier staunt immer noch über die frechen Manipulationen des ZDF. Wie kommt es, dass der Westen einer Ideologie unterliegt, die ihm unterlegen ist, fragt Henryk Broder in der Welt. Und Tor!

Gesellschaft

Für alle, die nicht aufgeblieben sind: das wunderbare Tor von Mario Götze:

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Stichwörter: Fußball-WM

Gesellschaft

Noch nie haben amerikanische Medien so intensiv über eine Fußball-WM berichtet. Ganz vorne erstaunlicher Weise The New Republic. Franklin Foer macht sich Sorgen, denn schon lugt Putin über den Zaun: "Russland wird der nächste Gastgeber sein, und dann Katar. Es schwebt in der Luft, dass dies der letzte große Worldcup war, der letzte Moment relativer Unschuld. Ja, auch in Brasilien gingen Millionen in die Taschen korrupter Kumpane. Aber die brasilianischen Untaten werden gegenüber dem, was kommt, verblassen: das groteske Spektakel sich brüstender Diktaturen."
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Überwachung

Quasi über Nacht und ohne jede öffentliche Debatte hat die britische Regierung ein neues Gesetz durchgepeitscht, das ihr weitere Überwachungspraktiken erlaubt. In einem Videointerview mit dem Guardian kritisiert Edward Snowden das Gesetz fassungslos: "Snowden said it was very unusual for a public body to pass an emergency law such as this in circumstances other than a time of total war. "I mean we don"t have bombs falling. We don"t have U-boats in the harbour." Suddenly it is a priority, he said, after the government had ignored it for an entire year. "It defies belief.""

Die Meldungen über weitere Spione und ausgehorchte Politikerhandy dringen kaum durch den WM-Trubel. Währenddessen weist die Bundesregierung den "höchsten Repräsentanten" der amerikanischen Geheimdienste in Deutschland aus. Wolfgang Michal kann das auf Carta nicht ganz ernst nehmen: "Der "höchste Repräsentant der US-Nachrichtendienste in Deutschland" ist aber wohl das, was zu Bismarcks Zeiten (während der Sozialistengesetze) der Sitzredakteur bei sozialdemokratischen Zeitungen war: ein formal Verantwortlicher, der seinen Leuten den Rücken frei hielt."

Auf Zeit Online porträtiert Caterina Lobenstein den Software-Spezialisten Jewgeni Kaspersky, der es mit seiner Antiviren-Software zum Multimilliardär gebracht hat. Aber ist der Mann Bock oder Gärtner? Zum Beispiel fragt Lobenstein, wie eng Kaspersky mit dem FSB verbandelt ist: "2012 erschien im Technologiemagazin Wired ein Artikel, in dem Kaspersky vorgeworfen wird, Hand in Hand mit dem Kreml zu arbeiten. Das Magazin wählte ihn auf die Liste der "15 gefährlichsten Personen der Welt", neben dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Kaspersky weiß, wie man Militärhäfen und Atomkraftwerke mit Viren sabotieren kann. Ob er sein Wissen in den Dienst der Mächtigen stellt, darüber wird im Netz wild spekuliert. Bewiesen hat es ihm keiner."

Der Völkerrechtler Andreas Fischer-Lescano findet in der taz, dass Deutschland endlich rechtliche Schritte gegen die Überwachungspraxis der USA einlegen sollte, entweder mit einer Beschwerde vor dem UN-Menschenrechtsausschuss oder mit einer Klage vor dem Internationalen Gerichtshof: "Globale Kommunikation ist weltweit durch die Menschenrechte geschützt. Überwachungspraktiken, die in ihren rechtlichen Voraussetzungen nach Staatsangehörigkeiten oder nach Inlands- und Auslandsaufklärung differenzieren, sind unzulässig. Einschränkungen des Rechts auf Privatheit müssen befristet, auf das unbedingt Nötige beschränkt und im Einzelfall durch richterliche Anordnung vorgesehen sein."
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Internet

(Via Carta) Es ist keineswegs so, dass Google keine Konkurrenz hat, schreibt Marcel Weiß auf Neunetz: "Facebook - und nicht irgendeine neue Suchmaschine - stellt eine Disruption des googleschen Geschäftsmodells dar. Facebook ist eine riesige, immer größer werdende schwarze Box, in die Google nicht hineinschauen kann. Und Facebook bekommt Arten von Daten, die Google nicht erlangen kann. Und Facebook verdient sein Geld mit Werbung, wie Google."
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Gesellschaft

Nichts ist kreativer als Kopieren, legt Dannie Jost in seinem FAZ-Blog am Beispiel Südkoreas dar, das erst kopierte und dann immer erfinderischer wurde - ohne das Kiopieren aufzugeben. "Als lehrreiche Fabel wirtschaftlicher Entwicklung betrachtet, verwundert es kaum, dass Samsungs Geschäftsstrategie in etwa lautet: erst kopieren, dann, falls jemand klagt, Gegenklage einreichen - und auf Godot warten. In der letzten Episode der schier unendlichen Smartphone-Patent-Saga haben nun Apple und Samsung die gegeneinander angestrebten Revisionsverfahren bei der Internationalen Handelskommission der USA fallengelassen."
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Geschichte

Ausführliche Sorgen macht sich Renée Greusard auf Rue89 über die Nazi-Witze, die während der späten Deutschland-Spiele in den sozialen Netzen zirkulierten: "Mag sein, dass mir der Humor fehlt, mir war das gegenüber unseren deutschen Nachbarn peinlich. Ich habe mich gefragt, wie man damit lebt - ein ganzer Planet, der sich erlaubt, Sie als Fascho zu behandeln und Ihnen eine Vergangenheit unter die Nase zu reiben, für die Sie nicht verantwortlich sind. Das alles, weil Sie das Pech haben, ganz gut Fußball zu spielen."
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Medien

Gut, dass Stefan Niggemeier nachgehakt hat. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass die ZDF-Promishow "Deutschlands Beste", die angeblich auf Zuschauerumfragen beruhte, von vorne bis hinten manipuliert war. Je nachdem, ob ein Promi zu den Eingeladenen der Sendung gehörte, wurde sein Platz auf der Liste manipuliert. Das galt auch für ZDF-Mitarbeiter wie den Anchorman Claus Kleber (der davon offenbar nichts gewusst hat). Niggemeier resümiert heute in seinem Blog: "Ich hätte jetzt einerseits nicht gedacht, dass in der Redaktion einer solchen Sendung tatsächlich plump von Hand die Ergebnisse verändert werden. Dass da Leute sitzen, die Sachen sagen wie: Komm, die Hannelore Kraft sitzt bei uns auf dem Sofa, lass uns die doch vor die von der Leyen schieben, ist doch viel netter. Und: Beckenbauer auf der 31? Das tut ihm doch weh." Turi2 setzt heute morgen alle aktuellen Links zu Kommentaren.

Weiteres zu Medien: Der Spiegel meldet, dass die FAZ bis Ende des Jahres einen Nachfolger für Frank Schirrmacher gefunden haben will.
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Europa

Eine erstaunliche Geschichte erzählt Marta Kijowska in der FAZ: Dominik W. Rettingers polnischer Politthriller "Klasa" (Die Klasse) nimmmt alte Gerüchte über tatsächliche Rohstoffvorkommen im Nordosten Polens wieder auf, die bisher nie ausgebeutet wurden und über die nun wieder heftig getritten wird. "Dafür hat auch sein Verlag gesorgt, der sich nach dem Erscheinen einen Scherz erlaubte und an mehrere Journalisten ein Band verschickte, auf dem sich zwei von Schauspielern gesprochene angebliche Insider in verschwörerischem Ton über das Buch, die Titan-Lagerstätten und die mögliche Rolle der internationalen Wirtschaftsspionage unterhielten. Die Sache wurde aber ernstgenommen: Nahezu täglich wird seitdem in den Medien und im Internet nach Aufklärung der Öffentlichkeit verlangt."

Willi Winkler lässt sich in der SZ die Gelegenheit nicht entgehen, auf einen Aufsatz des Berliner Historikers Grzegorz Rossolinski-Liebe in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte hinzuweisen, der die Kollaboration der Ukrainer im Holocaust behandelt und den "Mythos vom Opfer-Volk" zurechtrücke, wie Winkler recht mokant schreibt: "Dem tapferen Volk der Ukrainer wurden im Westen Bücher, Filme und Denkmäler gewidmet. So lange die Archive der Sowjetunion verschlossen waren, bestritt kaum jemand der ukrainischen Diaspora das Recht, ihren Opfergesang immer lauter tönen zu lassen. Schon zu Anfang half dabei die CIA, die auch noch in der Ära der Erntedank-Timoschenko in Treue fest zum Mythos der vergewaltigten Ukraine stand." Dank den Archiven der Sowjetunion für die Aufklärung!
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Politik

Der Schriftsteller Nir Baram macht Israels Premier Benjamin Netanjahu im taz-Interview mit Felix Zimmermann schwere Vorwürfe, etwa die Israelis in ein "jüdisches Ghetto" geführt zu haben: "Seine Regierung befördert den Rassismus. Sein Regime steht auf zwei ideologischen Säulen: einmal auf dem Holocaust, der immer präsent gehalten wird. Er ist immer da. Und dann tut Netanjahu alles dafür, unsere Stärke zu reklamieren. Das ist eine gefährliche Kombination - weil er die Israelis so überzeugt, dass sie andauernd Angst haben, sich vor dem nächsten Auschwitz fürchten müssen. Und dass es der einzige Weg sei, dass wir das niemals mehr erleiden müssen, stark zu sein, zu kämpfen. Und die Leute glauben dran. Noch."

Henryk M. Broder denkt in der Welt über das Scheitern des arabischen Frühlings und den Islamismus nach, mit einer paradoxen These: "Der Westen, die viel beschworene "Wertegemeinschaft" der Demokraten, hat den Kommunismus und den Faschismus besiegt, ist aber im Begriff, im Kampf gegen die dritte totalitäre Ideologie des 20. Jahrhunderts, den Islamismus, zu scheitern. Die Situation ist nicht nur "asymmetrisch", sie ist absurd. Denn der Gegner ist nicht überlegen, er ist unterlegen, in jeder Beziehung: intellektuell, militärisch, technisch. Seine Stärke liegt allein in seiner grenzenlosen Brutalität."
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