9punkt - Die Debattenrundschau

Das Nichtwissen des Präsidenten

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.07.2014. Herlinde Koelbl beschreibt in der Welt, wie Soldaten das Tötenkönnen lernen. Der Tagesspiegel verliert sich im Gestrüpp der öffentlich-rechtlichen Mediatheken. In der Jüdischen Allgemeine erklärt Michel Wieviorka den Erfolg des Front national mit der unguten Liaison von Macht und Medien. Slate.com fragt die amerikanische Geheimdienste, wem ihre Arbeit eigentlich nützen soll. Die NZZ stellt mit Blick auf Amazon fest: Der Dienst am Kunden hilft noch lange nicht dem Menschen. Die SZ berichtet von einem neuen Raubkunstfall in Bayern.

Politik

Die Fotografie Herlinde Koelbl ist durch dreißig Länder gereist, um sich auf Übungsplätzen anzusehen, wie Soldaten heute zum Schießen beziehungsweise zum Töten ausgebildet werden. In der Welt berichtet sie von ihrem Projekt "Target", dem das DHM eine Ausstellung widmet: "Wie ein Ausbilder sagte: "Sie sollen nicht lernen zu schießen, sondern zu treffen." Ein anderer meinte: "Es klingt grausam, aber das Tötenlernen muss automatisiert werden, um zu funktionieren." Das Militär ist eine geschlossene Welt und viele waren misstrauisch gegenüber meinem Vorhaben, denn ihr Interesse gilt den neuesten und besten Waffen und nicht den Schießzielen."

Natürlich spionieren Spione, schreibt Fred Kaplan in Slate.com. Was sollen sie denn sonst tun? Und wo, wenn nicht in Berlin? Blöd nur, dass sich die deutsch-amerikanischen Beziehungen in er einer Abwärtsspirale stetig nach unten bewegen: "Even some hardcore, high-ranking ex-intelligence officials that I"ve talked with the past year wonder whether the intelligence gained from these practices is worth the political alienation - not just from a country"s population but also, after a while, from its intelligence services. These intel veterans say it might be time to reassess the standards and criteria for spying on allies."

In der SZ kommentiert Hubert Wetzel Barack Obamas Ahnungslosigkeit über das Treiben seiner Geheimdienste ungehalten: "Inzwischen wirkt das Nichtwissen des Präsidenten eher peinlich als gekonnt." Ebenfalls auf Slate.com untersucht William Saletan, ob Israel wirklich unterschiedslos Hamas-Ziele und Zivilisten tötet.
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Europa

Der Pariser Soziologe Michel Wieviorka erklärt den Erfolg des Front national im Gespräch mit Pascale Müller in der Jüdischen Allgemeinen unter anderem aus einer unguten Promiskuität zwischen Macht und Medien in Frankreich: "Die französischen Medien befinden sich der Politik gegenüber in einer Rolle der Unterordnung und haben eine exzessive Nähe zur Macht und zur Gegenmacht entwickelt. Oder anders formuliert: Wenn Sie einen Artikel lesen, können Sie sich immer fragen, zu welchem Zweck dieses Stück dort steht und von wem es dort platziert wurde, seien es Pressesprecher des Elysée, der konservativen Oppositionspartei UMP oder Journalisten, die einen besonderen politischen Kontakt haben."
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Medien

Im Tagesspiegel fordern Sonja Álvarez und Joachim Huber, endlich die grauenvollen Mediatheken von ARD und ZDF zu entwirren: "Zahlreiche Sonderregelungen machen die Nutzung unübersichtlich, für den Zuschauer ist kaum durchschaubar, ob eine Sendung wie die deutschen WM-Spiele nur 24 Stunden, wie der "Tatort" sieben Tage oder wie die "heute"-Nachrichten des ZDF ein ganzes Jahr abrufbar sind." Oder einfach gar nicht.

In der Berliner Zeitung bemerkt Julia Gerlach, dass die Isis seit der Ausrufung ihres Kalifats nicht mehr auf Gräuelpropaganda und Enthauptungsvideos setzt, sondern auf einen poppigeren Islamismus, für die Generation der Videogamer sozusagen: "Geworben wird mit Bildern verwegener Kämpfer, die in den Gebieten, die von der IS im Irak und in Syrien erobert wurden, mit Jubel empfangen wurden. "Eine neue Ära ist angebrochen: Macht und Würde für alle Muslime", lautet die Schlagzeile darüber."
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Internet

In der NZZ hält Joachim Güntner zwar manche Kritik an Amazon für überzogen, aber sein Geschäftsgebaren tatsächlich anstößig: "Vor allem wäre daran zu erinnern, dass kundenfreundlich und menschenfreundlich nicht dasselbe sind. Für die Dumpingpreise oder die bequeme Lieferung frei Haus, welche den preisbewussten Kunden erfreuen, zahlt immer irgendwo jemand die Zeche, sei es ein Hersteller, der seine Ware nicht mehr reell kalkulieren kann, sei es ein mies entlohnter Dienstleister."

Gina Thomas nimmt dagegen in der FAZ dankbar Amazons Erkenntnisse über das Leseverhalten auf und verrät, welche Bücher zu Ende gelesen werden (Donna Tartt) und welche nicht (Stephen Hawking, Thomas Piketty). Stefan Schulz beschreibt ebenfalls in der FAZ, wie unbrauchbar die Instrumente des Kartellamts zur Beobachtung der digitalen Ökonomie sind. Zum Beispiel gelte hier ein Suchanbieter - im Gegensatz zu einer Brücke - keine "wesentliche Einrichtung".
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Kulturpolitik

Erbost berichtet Kia Vahland in der SZ von einem neuen Kunstraubfall in Bayern: Ein wiederaufgetauchtes Werk des Barockmalers Frans Francken wurde nicht an die Vertreter der Opfer zurückerstattet, sondern an die Erben eines NS-Kasernenwarts, der das Gemälde in den letzten Kriegstagen an sich genommen hat: "Der Fall zeigt: Für ein mutmaßliches Raubkunstgemälde aus dem Besitz eines Kleinbürgers gelten in Deutschland andere Regeln als im Fall Gurlitt. Nämlich immer noch die alten: Wir behalten, was wie auch immer in unsere Hände geriet."
Stichwörter: Kia Vahland

Weiteres

Jakob Strobel y Serra ruft in der FAZ zum Befreiungsschlag gegen die neuen Wohlstandsasketen auf, die ihm die Lust an der guten und gehobenen Küche nehmen wollen, muss dann aber doch feststellen, dass das größte Problem der deutschen Küche die Currywurst ist.

Der Historiker Sören Urbansky erinnert in der NZZ an das imperialistische Rennen, dass sich Japan und Russland um die Eisenbahnnetz der Mandschurei lieferten.
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