9punkt - Die Debattenrundschau

Medialer Schützengraben

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.07.2014. In La Règle du Jeu erklärt Bernard-Henri Lévy, warum er den Begriff der "Gewaltspirale" mit Blick auf Israel ablehnt. The Intercept stellt neue Überwachungs- und Manipulationstechniken des GCHQ vor, zum Beispiel: "Miniature Hero- Echtzeit-Skype-Überwachung". Mit Berufung auf das "Recht auf Vergessen" werden inzwischen vor allem Texte über Rechtsextremismus und Scientology aus dem Google-Index entfernt, klagt die taz. Der Perlentaucher staunt über Slavoj Zizeks Plagiate. Und was wird aus Sex?

Politik

Zornig erklärt Bernard-Henri Lévy in seiner Kolumne für La Règle du Jeu, warum er den Begriff der "Gewaltspirale" mit Blick auf Israel und Gaza-Streifen ablehnt. Denn leider gibt es eine Asymmetrie, ein israelisches Entsetzen über den bestialischen Mord an einem Palästinenserjungen, während der Chef der Hamas die Entführung von drei jungen Israelis (hier sind die Täter noch nicht dingfest gemacht) salbungsvoll begrüßte: "Und was den Chef der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, angeht, so appelliert er zwar an die UNO, damit sie Druck auf Israel macht: Aber wäre es nicht logischer, würdiger und vor allem wirkungsvoller, wenn er an die Gotteswütigen appellierte, die immerhin seit einigen Wochen wieder seine Regierungpartner sind, damit sie ohne Aufschub ihre Waffen niederlegen?"

Der israelische Historiker Moshe Zimmermann erkennt dagegen in der Berliner Zeitung einen neuen Rassismus auf beiden Seiten: "Dabei kommen zwei Paradoxien zum Vorschein. Erstens, dass der Rassismus sogar unter den Opfern des europäischen Rassismus, nämlich bei den Juden, Fuß fassen konnte. Und zweitens: Dass sogenannte Semiten, nämlich Araber, sich auch der Sprache des rassistischen Antisemitismus bedienen. Beide Paradoxien lassen sich durch die Vermischung von modernen europäischen und alten religiösen Quellen zu einer eigenartigen nahöstlichen Mixtur erklären."

Das Pekinger Regime stellt mit Blick auf Hongkong die Formel "Ein Land zwei Systeme" in Frage, während die Hongkonger mit Protesten und Abstimmungen eine unabhängigere Verwaltung der Stadt fordern, berichtet Mark Siemons in der FAZ: "Als "radikal" und "illegal" bezeichnet Peking deshalb das Referendum über drei alternative Modelle, die dem Volk erlauben sollten, die Kandidaten direkt zu nominieren, an dem sich jetzt knapp achthunderttausend Hongkonger beteiligt hatten. Eine politische Grundanforderung für die Regierung Hongkongs sei es, "das Land zu lieben"."
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Ideen

Perlentaucher Thierry Chervel staunt nun doch über Slavoj Zizek, von dem man ja einige Volten erwarten darf. Er hat ausführlich plagiiert, was man bei ihm erwarten darf. Aber aus was für Quellen! Es handelt sich um einen Text (hier als pdf-Dokument) Stanley Hornbecks aus der Zeitschrift American Renaissance, Jahrgang 1999. American Renaissance ist eine rassistische Zeitschrift der Spielart "White Supremacism". Hornbeck setzt sich in dem Text mit dem antisemitischen Buch "The Culture of Critique" des Autors Kevin McDonald auseinander, der dem Geheimnis jüdischen Erfolgs auf die Spur kommen will. "

In der taz greift Arno Frank die Geschichte auf, findet sie allerdings allenfalls ein bisschen peinlich: "Die Affäre wird einen kleinen Kratzer auf seinem Lack hinterlassen. Sein Werk berührt sie nicht. Zumal er das Plagiat als solches ohnehin für ein romantisches Konzept der Bourgeoisie halten dürfte."
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Medien

Jetzt rächt sich, dass die Medien das Recht auf Vergessen so freudig hingenommen haben, schreibt Meike Laaf in der taz, nachdem Google einen taz-Text über die Verquickung von alten und jungen Nazis aus dem Netz genommen hat. Und leider haben die Straßburger Richter nur eine grobe Skizze geliefert: "Feinarbeiten und Ausmalen dieses Rechts muss jetzt Google übernehmen. Ein Privatkonzern. Der, vor dem die Richter die Privatsphäre der Bürger eigentlich besser schützen wollten. So sitzen bei Google, diesem Konzern, der sonst so vieles automatisiert löst, nun Mitarbeiter und prüfen jeden Antrag auf Vergessenwerden einzeln, ein Job, den Google nie haben wollte. Nicht nur Links zu Texten der taz sind gelöscht worden: auch die Süddeutsche Zeitung ist betroffen. Beim Spiegel ein Artikel, der eine Person im Zusammenhang mit Scientology erwähnt. Bei Zeit online einer über Frühgeburten."

Nach wie vor nicht fassen kann Michael Hanfeld in der FAZ, dass bei der Voting-Show des ZDF "Deutschlands Beste" von vorn bis hinten manipuliert wurde: "Herausgekommen ist das übrigens nur, weil ein paar Journalisten wissen wollten, wie das mit den verschiedenen Umfrage-Arten denn in eins gegangen sei. Erst da stellte man sich im Sender selbst die Sinnfrage, die am Anfang oder zumindest mitten im Verfahren hätte gestellt werden müssen." Und übrigens: Hat das ZDF eigentlich über die Affäre berichtet? Im heute journal?

In der NZZ berichtet Ronny Nicolussi vom Prozess gegen den Fotografen Niklaus Wächter, der Promi-Villen aus der Luft fotografiert.
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Gesellschaft

Ben Way, einst Berater der Partnervermittlungsbörse match.com, sieht in einem Artikel für Techcrunch den Sex verschwinden, weil die Leute Ersatzangebote der Industrie bevorzugen werden: "Schauen Sie nach Japan, um diesen wachsenden Trend zu verstehen. Über 25 Prozent der jungen Männer und 45 Prozent der jungen Frauen sagen, dass sie nicht länger an Sex interessiert sind. Wir könnten eine Spaltung erleben zwischen jenen, die wirklichen Sex haben wollen und jenen, die jede Inteaktion in der wirklichen Welt fürchten und nur Technologie nutzen, um ihre Begierden zu stillen."

Zwei Meldungen, die Stefan Grund in der Welt einfach nicht zusammenbekommt: In Australien haben Forscher festgestellt, dass Kinder von homosexuellen Paaren gesünder aufwachsen als Kinder heterosexueller. Und in Singapur wurde gerade das Kinderbuch "And Tango Makes Three" verboten, das von zwei schwulen Pinguinen erzählt, die zusammen ein Kind großziehen.

Medial ist ein Crystal Meth schluckender SPD-Politiker nicht vorgesehen, umso mehr freut sich Detlef Kuhlbrodt in der taz über eine gewisse Klarstellung, die der Fall des Parteisoldaten Michael Hartmann mit sich bringt: Nicht nur "Normalbürger" nehmen Drogen, sondern Drogenkonsumenten sind "Normalbürger"."
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Europa

Der Osteuropa-Forscher Gerd Hentschel erklärt im Gespräch mit Christoph Borgans in der FAZ die komplizierte Sprachsituation in der Ukraine. "In der Zentralukraine, die die Hälfte des Territoriums ausmacht, gibt es keine eindeutige Orientierung auf die eine oder andere Sprache. Dort spricht man im Alltag häufig eine Mischsprache aus beidem - den Surzhyk."

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Stichwörter: Russland, Ukraine

Geschichte

Stefan Grund bekommt in der Welt beim Besuch der Hamburger Ausstellung "Krieg und Propaganda 14/18" ein gutes Gefühl für die Manipulation durch Medien. Beklommen hält er fest: "Das autonome Ich des Besuchers durchschreitet in der Schau einen mit Plakaten behängten Gang, als marschiere er durch einen medialen Schützengraben bei Verdun. Beide Seiten verfolgen nur ein Ziel: das Ich auszulöschen, um es zum uniformierten Soldaten zu machen. Der Bürger soll zum Befehlsempfänger degradiert, manipuliert und instrumentalisiert werden."
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Überwachung

Die Gruppe "Joint Threat Research Intelligence Group (JTRIG) des britischen Geheimdienstes GCHQ hat ein Programm geschaffen, bei dem es um weit mehr als um Überwachung geht. Glenn Greenwald erläutert die Dokumente auf The Intercept. Netzpolitik hat die wesentlichen Punkte dankenswerter Weise schon zusammengestellt:

"- ANGRY PIRATE: Deaktiviert den Account einer Person auf ihrem Computer
- MINIATURE HERO: Echtzeit-Skype-Überwachung
- CLEAN SWEEP: Facebook-Pinnwand-Postings unter falschem Namen für Einzelpersonen oder ganze Länder
- CHANGELING: Fälschen jeder möglichen Mailadresse und Versenden von Mails unter falschem Absender
- UNDERPASS: Manipulation von Online-Abstimmungen
- GESTATOR: Größere Verbreitung einer Videonachricht (YouTube)"

Der letzte Liberale, Gerhart Baum, kritsiert in der FAZ die laue Haltung der Bundesregierung in der NSA-Affäre und fordert eine klare Datenschutzpolitik der EU. Und "Snowden ist ein Überzeugungstäter, der sich an Prinzipien orientiert, die auch Obama in seinen Reden zur Freiheit beschwört. Er hat unsere Werte verteidigt, nun müssen wir ihn verteidigen."
Archiv: Überwachung