Efeu - Die Kulturrundschau

Gelitten, geliebt, gesungen

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14.07.2014. Warum erklären die Verlage nicht öffentlich, warum sie sich im Streit mit Amazon befinden, fragt fassungslos der amerikanische Verleger Dennis Johnson in seinem Blog. Die NZZ fürchtet um das Londoner Stadtbild, das 230 neue Hochhäuser völlig verändern werden.  Mit dem Tod Tommy Ramones sind die Pioniere und Entdecker in der Musik bald Geschichte, klagt die SZ. Die Berliner Zeitung hat nach dem Festival Foreign Affairs die Nase voll von "Grenzen" sprengenden Theatermachern.

Literatur

(via bookslut) Der amerikanische Verleger Dennis Johnson fragt sich in seinem Blog fassungslos, warum die großen Verlage wie Hachette nicht öffentlich über den Druck sprechen, den Amazon derzeit auf sie ausübt: "The silence of the publishers only became more deafening - and weird - yesterday when Amazon deftly outplayed them by finally sending forth one of its executives, Russ Grandinetti, to speak to a favored reporter, Jeffrey Trachtenberg of the Wall Street Journal. Of course, as another MobyLives report details, what Grandinetti had to say was simply a reiteration of the company"s decades-long malarkey about how everything Amazon does - such as, in this instance, pulling the buy buttons of thousands of books its customers want - is about making things better for the customer. It"s far more obviously about market domination, of course, and heaven help the customer then, as no one"s ever taken over a market in order to lower prices. ... The real stand-out sentence in that otherwise remarkably uninformative Journal report? "A Hachette spokeswoman declined to comment.""

Joachim Güntner erinnert in der NZZ die Amazonkunden: "Für die Dumpingpreise oder die bequeme Lieferung frei Haus, welche den preisbewussten Kunden erfreuen, zahlt immer irgendwo jemand die Zeche, sei es ein Hersteller, der seine Ware nicht mehr reell kalkulieren kann, sei es ein mies entlohnter Dienstleister."

Weitere Artikel: Isabel Bogdan hat Klagenfurt genossen - vor allem das Rahmenprogramm - und viele schöne Fotos in ihr Blog gestellt. Detlef Kuhlbrodt war für die taz beim Berliner Erich-Mühsam-Fest. Für die SZ erkundet Stephan Speicher in der Literatur von Georg Trakl, Alexander Lernet-Holenia und Harry Graf Kessler die Schauplätze des Ersten Weltkriegs an der Ostfront. Mounia Meiborg berichtet von einer Lesung israelischer Schriftsteller im Jüdischen Museum in Berlin (mehr in unserem Efeu vom letzten Samstag). Und Katharina Teutsch berichtet von einer Kafka-Tagung in Berlin mit Joseph Vogl und Sibylle Lewitscharoff.

Besprochen werden die gesammelten Gedichte von Karin Kiwus (Tagesspiegel), ein Lyrikband von Wallace Stevens (taz), die Wiederveröffentlichung von Ross Thomas" Thriller "Fette Ernte" (FAZ, hier unsere Kritik) und Philipp Meyers Roman "Der erste Sohn" (FAZ - mehr).
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Bühne

Herausragend angeödet fällt Dirk Pilz" Resümee des Berlin Foreign-Affairs-Festival in der Berliner Zeitung aus: Bei diesem Festival handelt es sich "vor allem [um] eine Messe für jene Theaternerds auf Macher- wie auf Zuschauerseite, die glauben, geistiger Fortschritt sei am Sprengen von Fesseln und dem Beseitigen von Schranken zu erkennen. Die Altare dieser Entfesselungsdogmatiker sind entsprechend jenen grenzensprengenden Kräften gewidmet, die unter allen Umständen anders als die Bühnennorm sein wollen, wobei völlig offen bleibt, was diese ausmacht, wahrscheinlich, weil sich solcherlei Norm nicht mehr findet."

Wenig begeistert war auch Manuel Brug in der Welt. Im Tagesspiegel zieht Patrick Wildermann Bilanz. Außerdem: Im Tagesspiegel gratuliert Wolfgang Prosinger Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper in Berlin, zu einer erfolgreichen Spielzeit.

Besprochen werden Chto Delats bei den Foreign Affairs in Berlin aufgeführte Performance "What is monumental today?" (Nachtkritik), Christiane Pohles "Hirnbonbon" am Schauspiel Stuttgart (Nachtkritik), Rainer Pudenz" Inszenierung der "Lustigen Witwe" an der Kammeroper Frankfurt (FR), Richard Siegals in Marseille aufgeführtes Ballett "Metric Dozen" (SZ).
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Musik

Nach dem Tod des Free-Jazz-Pioniers Charlie Haden (Nachruf in der Welt) und des letzten verblieben Ur-Ramone Tommy Ramone fragt sich Andrian Keye in der SZ, warum uns gerade der Tod großer Musiker aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so trifft. Er identifiziert in dieser Trauer den "Schmerz, dass mit ihnen etwas verloren geht, was der Kultur der vergangenen Jahrhunderte ihre Kraft gegeben hat. Es ist die Rolle der Pioniere und Entdecker, die stellvertretend für die Millionen ihrer Hörer, Leser und Betrachter Neuland eroberten. Dieses Erweckungserlebnis aber (...) gibt es in der Musik nur noch als schwaches Echo." Nachrufe auf Haden schreiben Hans-Jürgen Linke (FR), Wolfgang Sandner (FAZ) und Maxi Sickert (Zeit). Von Tommy Ramone verabschieden sich in der Welt Jan Küveler und in der taz Julian Weber, der dabei dessen tollen Hit "Commando" hört:



Und Charlie Haden, der hier mit Keith Jarrett recht schräg (ab Minute 3.30) improvisiert:



Den größten Sinnesgenüssen gibt sich Eleonore Büning von der FAZ bei den Klavier-Festival Ruhr hin, wo sie die Auftritte von Krystian Zimerman und Igor Levit sowie insbesondere von András Schiff nachdrücklich beeindrucken: "Bei ihm wird jede neue Lesart eines Stückes zum Ritt über den Bodensee, weil er immer neue Gestaltungsvarianten ausprobiert. ... Schon mit den ersten dolce hereintropfenden Vivace-Punktierungen öffnet Schiff eine ganz andere Welt, als es Zimerman tat. Er geht auf Zeitreise, zurück, in die Romantik. Hier sagt auch niemand: Ich. Hier wird gelitten, geliebt, gesungen."

Außerdem: Alain Claude Sulzer besucht für die NZZ das Sterbezimmer Franz Schuberts in Wien. Peter Richter berichtet in der SZ von einem Konzert von Beyoncé und Jay Z, denen er glatt bescheinigt, die Eheleute Clinton und Obama an Macht und Einfluss zu toppen. Frederik Hanssen gratuliert im Tagesspiegel dem Tenor Carlo Bergonzi zum 90. Geburtstag. Den Nachruf auf den Dirigenten Lorin Maazel schreiben Sebastian Handke in der Zeit, Patrick Bahners in der FAZ, Harald Eggebrecht in der SZ und Kai Luehrs-Kaiser in der Welt.

Besprochen werden eine laut Ulrich Amling "atemberaubende" Edition von neu gemasterten Karajan-Aufnahmen (Tagesspiegel), der Auftritt zum eigenen 30. Geburtstag des Mandelring-Quartetts (Berliner Zeitung), das William S. Burroughs gewidmetes Hommage-Album von Dubspencer & Trance Hill (taz), ein Konzert mit Mahlers Zweiter mit David Zinman in der Tonhalle Zürich (NZZ), ein Auftritt des Duos Martha Argerich und Lilya Zilberstein beim Klavierfestival Ruhr (SZ) und ein Konzert von Julia Holter (FAZ).
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Kunst

Hingerissen blättert Alexander Strecker für lens culture durch António Júlio Duartes Fotoband "Japan Drug": "Many photobooks aim to capture the universal human experience of dislocation, of feeling out of place. Those unsettling moments we all have, momentary but unavoidable, when we think, "Am I really here? Where am I?" But "Japan Drug", like almost no other book, achieves this effect page after page after page, shot after shot, fully embracing that part of us which seeks moments of strangeness in our busy lives." (Bild: António Júlio Duarte)

In London befinden sich mehr als 230 Hochhäuser im Bau oder in der Bauplanung, die die Silhouette der Stadt völlig verändern werden. Es sind vor allem "ausländischen Investoren aus dem Nahen Osten, Russland und von anderswo", die die Wolkenkratzer als sichere Geldanlagen hochziehen lassen, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ: "Das eigentlich Unschöne an der Sache ist nicht nur ein mögliches ästhetisches Problem, sondern, auch wenn es keiner so sagt, das Gefühl der Fremdbestimmung. Die Diskussion über die Zukunft, die heute stattfindet, hätte schon vorgestern geführt werden müssen."

Ein neuer Bildband versammelt Nacktaufnahmen von der amerikanischen Front des Zweiten Weltkriegs. Zu sehen sind zwar nur Fotografien amerikanischer Soldaten, schreibt Jan Feddersen in der taz, doch wäre auch bei den Soldaten auf deutscher Seite "die Lust am Phallischen, auch an dessen Fragilität in Zeiten des Tötens und Getötetwerdens, (...) freilich nicht minder deutlich zum Vorschein gekommen: Der Krieg als Passage des Abenteuerlichen, der intensiv (auch als lustvoll, weil entgrenzend, behütend und körperauflösend) erlebt wurde. Kaum etwas war noch mit Scham oder Distanz behaftet: das Scheißen, das Wichsen, das Entlausen, das Schubbern, das Duschen." Hier gibt es einige Kostproben aus dem Band.

Weiteres: In Berlin trafen sich Abgesandte der mittlerweile etwa 200 Biennalen weltweit zur ersten Generalversammlung der International Biennal Association, berichtet Eva-Cristina Meier in der taz. Cristina Nord liest für die taz die neue Ausgabe der Zeitschrift iz3w mit dem Themenschwerpunkt "Fotografie und Macht". Birgit Schmidt schreibt in der Jungle World über die Arbeiterfotografie der Weimarer Republik, für die sich nach der Forschung zunehmend auch der Kunstmarkt interessiert. Hans-Joachim Müller schreibt in der Welt zum Tod des Konzeptkünstlers On Kawara, in der Berliner Zeitung schreibt Sabine Vogel.

Besprochen werden eine Ausstellung von Per Kirkeby in München (Welt) sowie die beiden Berliner Ausstellungen Avantgarde!" in den Ausstellungshallen am Kulturforum und "Wir gehen baden!" im Kupferstichkabinett (FAZ).
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