9punkt - Die Debattenrundschau

Der Eindruck der individuellen Freiheit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.03.2014. Der New Yorker und The Verge erzählen, wie türkische Twitter-Nutzer die Zensur umgehen. Felix Stalder lotet in Le Monde diplo die Dialektik von Kommunikation und Daten aus. Im Tagesspiegel erklärt der Anwalt Peter Raue, warum er die Idee der Restitution des "Welfenschatzes" schlechterdings obszön findet. Im Guardian rät Timothy Garton Ash der ukrainischen Regierung zu einer offensiv föderativen Politik.

Internet

(Via Carta) Felix Stalder legt in Le Monde diplomatique einen interessanten Essay über die Dialektik von Kommunikation und Daten oder das Internet als Vehikel der Befreiung und zugleich der Manipulation und Überwachung vor. Leider geht die Tendenz zu letzterem: "Mit großen, gut organisierten Datenmengen lassen sich Menschen steuern, ohne dass ihnen diese Steuerung bewusst wird. Die Polizei wird nur im Notfall, wenn alles andere versagt hat, losgeschickt. Die Daten bieten die Grundlage dafür, die Umgebung, in der Menschen handeln, vorzustrukturieren, bevor sie handeln. Dadurch wird der Eindruck der individuellen Freiheit erhalten, obwohl die Freiheit nur noch darin besteht, aus Optionen auszuwählen, die ein anderer aus eigennützigen Motiven bereitgestellt hat."

Türkische Twitter-Nutzer haben den Google DNS-Dienst genutzt, um Erdogans Twitter-Sperrung zu umgehen, erklärt Aaron Souppouris in The Verge: "Jeder, der sucht, nutzt DNS. Das System verbindet die Namen der Websites mit den IP-Adressen. Google bietet einen freien DNS-Dienst, und so haben Türken begonnen, die gute Nachricht zu verbreiten, um die Twitter-Sperrung zu umgehen. Auf Grafitti wird die Google-DNS 8.8.8.8 empfohlen, und Twitter-Nutzer teilen Bilder mit dem Hashtag #DirenTwitter."



Selbst Politiker der AKP umgehen das Twitter-Verbot, erzählt im New Yorker die in der Türkei lebende Autorin Jenna Krajeski: "Laut Electronic Frontier Foundation nutzen 14 Prozent der 80 Millionen Türken Twitter, eine relativ hohe Zahl für ein Land, in dem nur 45 Prozent der Bevölkerung das Netz nutzen... Laut einer Firma, die die Twitter-Nutzung in der Türkei überwacht, wurden in den zehn Stunden nach der Sperrung eine halbe Million Tweets abgesetzt, ungefähr so viel wie an einem normalen Tag. Selbst Mitglieder der AKP haben offenbar den Bann gebrochen, inklusive des stellvertredenden Premiers Bülent Arınç, der seinen Wahlkampfkalender über Twitter kommunizierte."

Außerdem: Die Autorin Ida Hattemer-Higgins nimmt im Aufmacher der Literarischen Welt Abschied von Facebook.
Archiv: Internet

Überwachung

Andrian Kreye berichtet in der SZ vom (Video-)Auftritt Edward Snowdens bei der TED-Konferenz und dem anschließenden Auftritt des stellvertretenden Chefs der NSA, Rick Ledgett. Auf die Frage des Moderators Chris Anderson "nach einer Amnestie für Snowden, deutete Ledgett an, dass es durchaus einen Deal mit Snowden geben könnte. Snowden selbst wäre dazu durchaus bereit. 'Wenn mir die Regierung einen Deal anbietet, käme ich zurück (nach Amerika)', sagte er. 'Aber ich werde nicht aufhören, für die Interessen der Öffentlichkeit zu arbeiten, nur um mir selbst Vorteile zu verschaffen.'"

Constanze Kurz' gestrige, höchst lesenswerte FAZ-Kolumne über die Überwachung von Autokennzeichen steht jetzt online.
Archiv: Überwachung

Gesellschaft

In der SZ beschreibt Felix Stephan die neue Off-Szene englischsprachiger Zuwanderer, die das behäbige Berlin aufmischt. Diese jungen Kulturmanager sammeln Geld lieber bei Konzernen statt beim Senat: "Das führt dazu, dass sie von den Institutionen der Hauptstadt - Presse, Förderinstitute, Museen - kaum wahrgenommen werden, obwohl ihre Veranstaltungen regelmäßig ausverkauft sind. Oft sind ihre Kontakte in ihre Heimatstädte besser als die Beziehungen ins etablierte Berlin: Ihre Veranstaltungen werden in New York und London interessierter besprochen als in den Berliner Zeitungen, Einladungen für Ausstellungen kommen eher aus Paris und Sankt Petersburg. 'Die Leute vom Senat finden uns am ehesten witzig', sagt Leah Stuhltrager, 'Sie glauben nicht, dass wir so ein Projekt allein stemmen können. Sie haben so etwas einfach noch nicht erlebt.'"

Sandra Kegel ging für die FAZ ein paar Tage ins Kloster, "um zu schweigen".
Anzeige
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Berlin, Geld

Geschichte

Im Tagesspiegel bittet Peter Raue in Sachen Raubkunst zu differenzieren: Dass Raubkunst restitutiert werden muss (und wird!) - daran lässt er keinen Zweifel. Doch die Frage, ob es sich im konkreten Fall - die Sammlung Gurlitt - wirklich um Raubkunst handelt, muss erlaubt sein, meint er und nennt als Beispiel den Streit um den Welfenschatz, den einst fünf jüdische Kunsthändler in Amerika erworben hatten, um ihn weiterzuverkaufen. Doch scheiterten sie an der Weltwirtschaftskrise 1929: "Goebbels interessiert sich für den Schatz, will ihn für 'sein Reich' erwerben und einigt sich in zähen Verhandlungen auf einen Kaufpreis, der 10 Prozent unter der Summe liegt, die die Kunsthändler ursprünglich haben wollten. Heute verlangen Erben der Kunsthändler unter Berufung auf die Washingtoner Erklärung aus dem Jahre 1998 die Herausgabe des Welfenschatzes. Mit ihrem geradezu obszönen, ernsthafte Restitutionsverlangen beschädigenden Begehren sind die Antragsteller jetzt an der Limbach-Kommission gescheitert, die die Rückgabe des Schatzes nicht empfiehlt. Kann man bei Fällen wie dem Welfenschatz noch von Raubkunst reden?"

Die von den Erben beauftragten Anwälte und Provenienzforscher sehen das ganz anders, berichtet Sven Felix Kellerhoff in der Welt.

Weiteres: In der NZZ erinnert Paul Widmer an den Wiener Kongress vor 200 Jahren. Im Tagesspiegel berichtet Paul Kreiner über den trostlosen Verfall von Italiens Kunstschätzen.
Archiv: Geschichte

Europa

Zumindest der Rest der Ukraine muss nach der Annexion der Krim als Ganzes bewahrt werden, schreibt Timothy Garton Ash im Guardian, und er weist auf eine Rede des ukrainischen Premiers Arsenij Jatsenjuk hin, die dieser fast parallel zu Putin gehalten hat: "Auf Russisch sagte der Premier, dass die Regierung in Kiew 'um der Einheit und Souveränität der Ukraine willen' bereit ist, den mehrheitlich russischsprachigen Regionen 'die breitesten Machtbefugnisse' zu geben. Dies würde den Städten das Recht auf eine eigene Polizei sowie auf Bildungs- und Kulturinstitutionen geben. Damit hat er genau das Richtige getan. Nun sollten seine Kollegen in all diese Städte gehen und das gleiche immer und immer wieder sagen - auf Russisch." TGA findet aber auch: "Wenn Putins Olympiasport das Wrestling ist, dann sollten wir nicht mit Badminton antworten."

Man soll sich kein falsches Bild von der russischen Opposition machen, warnt der Blogger Filipp Piatov in der Welt. Auch Michail Chodorkowski oder Alexei Nawalny seien nach westlichen Begriffen Nationalisten, die für ihr Russland nicht vor Gewalt zurückschrecken würden: "Einwanderer aus Georgien, Armenien und den nordkaukasischen Teilrepubliken prägen das Stadtbild Moskaus, kontrollieren einen großen Teil der organisierten Kriminalität und versuchen, als Tagelöhner zu überleben. Der teils aufstrebenden, teils abstiegsbedrohten russischen Mittelschicht sind sie ein Dorn im Auge. Nawalny, der bei den letzten Bürgermeisterwahlen fast 30 Prozent holte, scheut nicht davor zurück, mit harten Worten gegen Migration zu wettern."

Außerdem: In der FAZ erklärt Mark Siemons, wie sich chinesische Politiker und Presse eine kluge Politik in der Krimkrise vorstellen: Gegenüber Russland wohlwollende Neutralität wahren und die "Einmischung" des Westens verdammen.
Archiv: Europa