Efeu - Die Kulturrundschau

Immer schön spröde bleiben

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22.03.2014. Die Zeit hört extrem schönes Geraschel vom Musiker Hauschka. Die FR verheddert sich in einer Ausstellung über die "Göttliche Komödie"  im Geflecht aus Geschichte, Nationalität, Postkolonialismus und globalen Märkten. Der Standard erlebt aufregenden Tanz auf Zuruf beim Imagetanz-Festival. In der NZZ verkündet Jonathan Lethem: alle Literatur ist politisch.

Bühne



Mit Alexandra Piricis Choreografie "Delicate Instruments Handled With Care" hat das Wiener Imagetanz-Festival einen "wahren Schatz" gehoben, freut sich im Standard Helmut Ploebst: "Und er kommt bescheiden daher: keine Tribüne, keine Requisiten, kein spezielles Licht. Zwei Frauen und zwei Männer in Alltagskleidung stehen da und warten auf Bestellungen. Eingangs bekommen die Besucher einen Zettel, auf dem 50 Szenen oder Situationen gelistet sind. Diese werden auf Zuruf als gespielte Aktionen oder als Tableaux vivants nachgestellt - mit verblüffender Treffsicherheit und, wo es passt, mit feinem Witz: etwa Barack Obamas Selfie bei Nelson Mandelas Begräbnis; Marina Abramovics New Yorker Performance The Artist is Present; Anna Pawlowas Sterbender Schwan; die Leichen des Ehepaars Ceausescu". (Bild: Florian Rainer)

Besprochen werden die Uraufführung von Philipp Weiss' "Allerwelt" im Schauspielhaus Wien ("ein klarer Fall von Migrationskitsch", befindet kühl Ronald Pohl im Standard), Prokofjews Oper "Die Liebe zu den drei Orangen" im Stadttheater Klagenfurt (Standard) und Chaussons einzige und selten gespielte Oper "Le Roi Arthus" (Welt).

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Kunst

Viel mittelmäßige Kunst sieht FR-Rezensentin Sandra Danicke in der Ausstellung im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, wo 50 afrikanische Künstler aus 20 Ländern Dantes "Die Göttliche Komödie" illustrieren. Interessant wird es für sie immer dann, wenn ein "kulturelles Durcheinander" die Einordnung unmöglich macht - etwa bei Yinka Shonibares kopflosen Männerfiguren in exotisch gemusterten Fräcken: "So handelt es sich bei den vermeintlich afrikanischen Stoffen um modifizierte Design-Importe, die von niederländischen Kolonialherren im 17. und 18. Jahrhundert aus okkupierten Ländern nach Europa eingeführt und im Laufe der Zeit verändert wurden. Heute werden diese Stoffe in Holland für den westafrikanischen Markt produziert und symbolisieren perfekt das komplexe Geflecht aus Geschichte, Nationalität, Postkolonialismus und globalen Märkten, in dem wir uns verheddern, wenn wir von kulturellen Identitäten sprechen." (Eine weitere Besprechung gibt's heute in der FAZ.)

Weiteres: Dankwart Guratzsch ärgert sich in der Welt, dass die Bahn in Chemnitz eine Brücke aus der Kaiserzeit abreißen will. Andrea Köhler berichtet in der NZZ von der 77. Whitney-Biennale in New York. Auf einem Flohmarkt im Mittleren Westen der USA ist ein Fabergé-Ei von 1887 aufgetaucht, meldet im Standard Thomas Trenkler: "Der Wert wurde auf 24 Millionen Euro geschätzt."

Besprochen werden die Ausstellung "Farbe für die Republik" im Deutschen Historischen Museum in Berlin (Welt, Bild: Kurt Schwarzer, Paar mit Moped vor dem Kraftwerk Vockerode, 1963. Titelbild der Frauenzeitschrift "Für Dich" (Heft 18/1963), eine "kenntnisreich und einfühlsam kuratierte" Ausstellung über das jüdische Vilnius in der Nationalbibliothek von Vilnius (FAZ) und eine große Veronese-Retrospektive in der National Gallery in London (SZ).

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Musik

Für die Zeit besucht Frank Sawatzki den Musiker Volker Bertelmann alias Hauschka, der sich in seiner Musik-Werkstatt seinem Klavier mit viel Gebastel und Experimentierwillen nähert. Gerade ist das neue Album "Abandoned City" erschienen, auf dem man erfährt, "wie es klingt, wenn Alltagsgegenstände wie Radiergummi oder Butterbrotpapier auf einen Klangerzeuger der Hochkultur treffen. ... Er ist der Drummer, der das dumpfe Hämmern erzeugt, der Virtuose, der die verspielte Pianosentenz kennt, und der Produzent, der die Tonspuren zu leicht verhangenen Sinfonien zusammenbringt. 'Das ist doch ein extrem schönes Geraschel', sagt Bertelmann etwa und präsentiert das Geheimnis hinter dem gerade erklingenden Geräusch: 'ein lüttes Blech, in das so eine Niete reingedengelt worden ist.'" Auf Soundcloud kann man sich das Album anhören:


In der taz führt Detlef Diederichsen durch die Welt des haitianischen Mini-Djaz der 60er und 70er Jahre (Hörproben hier). Im Tagesspiegel spricht Patrick Wildermann mit Johnny Cashs Sohn Carter Cash über dessen Vater. In der Berliner Zeitung berichtet Ulrich Seidler von der Präsentation von Friedrich Liechtensteins neuer Single. Und Eric Pfeil schreibt weiter Poptagebuch beim Rolling Stone.

Besprochen werden ein Konzert von The Men ("smarte Sich-aufs-Wesentliche-Beschränker und Krachmacher", meint Aleksandar Zivanovic in der Berliner Zeitung), Anna Aarons Album "Neuro" (Zeit), das Berliner Konzert von Kid Simius (taz)
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Literatur

Literatur ist immer auch politisch, meint der Autor Jonatham Lethem im Interview mit der NZZ: "Ich würde sagen, dass ein Buch wie 'Der Garten der Dissidenten' oder wahrscheinlich sogar sehr viele Bücher für Veränderungen eintreten. Allerdings verlangt das Buch per se keine Veränderungen, es dreht sich vielmehr um das, worum es in der Literatur immer geht - darum, Fragen auszuweiten, Wahrnehmungen auszuloten. Es geht um die Kosten und die Emotionen, wenn man politische Sehnsüchte direkt erlebt."

Außerdem: Felix Philipp Ingold erinnert an den russischen Fürsten und Aufklärer Alexander Beloselski. Roman Bucheli gratuliert dem Autor Iso Camartin zum Siebzigsten. In der FAZ schreibt Uwe Tellkamp eine ganzseitige Liebeserklärung an die Olsenbande. In der Welt singt Clemens Meyer ein Loblied auf seinen Kollegen Harry Altwasser. Marko Martin porträtiert die britisch-somalische Autorin Nadifa Mohamed (ihr Roman "Der Garten der verlorenen Seelen" ist bei Beck erschienen).

Besprochen werden Charles Warren Adams' "Mysterium von Notting Hill" (Welt), der als erster Kriminalroman der Welt gilt, der neue Krimi von Oliver Bottini (Welt) Feridun Zaimoglus Roman "Isabel" (taz, auch in der FR, aber nicht online), Ben Marcus' Erzählband "An Land gehen" (NZZ), ein Gedichtband von Vladislav Chodasevič, "Europäische Nacht" (NZZ), Volker Weidermanns Reminiszenz an den Exilort Ostende (Welt), Elias Canettis "Buch gegen den Tod" (ebenfalls Welt), Melitta Brezniks Roman "Der Sommer hat lange auf sich warten lassen" (Standard), Carola Saavedras Roman "Landschaft mit Dromedar" (Standard) und Laura Freudenthalers Debüterzählband "Der Schädel von Madeleine" (Standard).
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Film

Elena Meilicke kann sich im Freitag dem Lob auf Philip Grönings "Die Frau des Polizisten" nicht anschließen. Der Film mag gut gemeint sein, tritt aber mit drei Stunden Laufzeit und 60 Kapitel-Inserts "verdammt selbstgefällig auf": "Ein umständliches Verfahren, das jeden narrativen Flow verweigert und stattdessen die Unterbrechung, das Innehalten, die Besinnung zum obersten Gebot erklärt: Immer schön spröde bleiben, Verfremdung statt Immersion, schon klar. Das Problem ist, dass formale Strenge hier in Pedanterie und Dogmatik umschlägt, dass jede Einstellung in erster Linie von der eigenen konzeptionellen Durchdachtheit erzählt und stolz die eigene formale Ausgefuchstheit zur Schau stellt."

Weiteres: Dominik Kamalzadeh und Isabella Reicher sahen bei der Grazer Diagonale Elisabeth Scharangs Doku "Kick Out Your Boss" und Johanna Moders Langfilmdebüt "High Performance" (Standard). Susan Vahabzadeh begutachtet für die SZ Filme und Fernsehserien, die in den Fünfzigern spielen und macht dahinter eine "eine Sehnsucht nach der Ordnung [aus], die vor 1968 herrschte".
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