9punkt - Die Debattenrundschau

Ein Rowdy und kein Pionier

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.03.2014. In der Berliner Zeitung zeigt sich Juri Andruchowytsch bestürzt über die Putinophilie der deutschen Öffentlichkeit. Die NZZ lotet die Mittel der Satire in der Türkei aus. Die SZ meint:  Valery Gergiev soll trotz flagranten Putinismus Chefdirigent der Münchner Philharmoniker bleiben. Netzpolitik stellt ein EU-Programm zur Datensammelei vor, das Martin Schulz ganz bestimmt kassieren wird. Larry Page träumte auf einer TED-Konferenz von der Sammlung aller Gesundheitsdaten. Techcrunch ist skeptisch.

Europa

In einem interessanten Interview mit Katja Tichomirowa spricht der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch in der Berliner Zeitung, über die zweisprachigen Proteste auf dem Maidan, die neue Übergangsregierung und die Swoboda-Partei, die er nationalistisch, aber nicht faschistisch nennt. Erschüttert hat ihn allerdings, wie viel Verständnis für Putin auf der Leipziger Buchmesse gezeigt wurde: "Ich habe das Gefühl, dass diese Leute nichts hören wollen. Sie haben eine Meinung und ein festgefügtes Weltbild. Es ist pro-russisch und anti-westlich. Diese Tendenz unter Linken ist selbstzerstörerisch. Linke, die sich offen auf die Seite des Imperialismus stellen - das ist absurd."

Zur Frage, wie übel die Swoboda-Partei denn nun ist, gibt es gleich mehrere Texte in der taz.

Die entscheidende Grenze verläuft in der Ukraine nicht zwischen Ost und West, meint der Sozialwissenschaftler Dmytro Khutkyy im Interview mit der Zeit, sondern zwischen Alt und Jung: "Ältere hängen stärker am russischen Erbe, das sie geprägt hat, und an der Vergangenheit. Jüngere und gebildetere Leute sind offen für die Annäherung an Europa."

Weiteres: Adam Soboczynski stößt ebenfalls in der Zeit in Putins Autobiografie auf ein Zitat, das dessen Partisanendenken schön auf den Punkt bringt: "Natürlich war ich ein Rowdy und kein Pionier ... Ich war wirklich ein Gassenjunge." Und der Kulturwissenschaftler Ulrich Schmid widerspricht ebendort dem Historiker Jörg Barberowski, der vorige Woche die Existenz einer ukrainischen Nation in Zweifel zog.
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Medien

Klaus Walter erklärt im Freitag, warum es mit dem avancierten De:Bug ein Ende nehmen musste: "'Einen Fehler aufspüren und reparieren', heißt to de:bug in Computersprech. Der Fehler, den die Gründergeneration gefunden hatte, war eher eine Lücke. Zwar gab es Ende der Neunziger Magazine wie Frontpage, die sich mit elektronischer Tanzmusik beschäftigten. Die ganze Tragweite der digitalen Revolution wurde jedoch erst von De:Bug erfasst, daher der längst sprichwörtliche Untertitel: Elektronische Lebensaspekte. Edward Snowden war 14, wir lasen The Face, nicht Facebook. Ausgerechnet jetzt, da auch Netzphobiker erkennen müssen, dass dieses Internetdingens unser Leben verändert, kapitulieren die Pioniere vor der Logik des digitalen Kapitalismus. Nach dieser ist mit avancierter Pop-Kritik im Netz kein Geld zu verdienen.

Veronika Hartmann stellt in der NZZ türkische Satirezeitschriften wie die Zaytung oder LeMan vor, die in der angespannten Lage offenbar besser arbeiten können als die regulären Medien, wie ihr Tuncay Akgün von LeMan erklärt: "'Die Mainstream-Medien stehen unter totaler Kontrolle von Tayyip Erdogan. Er ist der Chefredakteur aller Medien in der Türkei', pointiert Akgün. Seiner Ansicht nach liegt darin auch der Erfolg der Satire begründet: 'Wir sind am Rande des Systems', erklärt er. Die Satiriker beobachten, was passiert, beziehen Stellung und üben Kritik - sie versuchen nicht, das Geschehen aktiv zu beeinflussen. Dennoch sind Akgün und viele seiner Kollegen für ihre Arbeit angezeigt worden. Die meisten Strafen werden spätestens vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gekippt, doch in letzter Zeit will Akgün beobachtet haben, dass Kollegen und Journalisten nicht mehr für ihre Arbeit vor Gericht gestellt werden, sondern aus an den Haaren herbeigezogenen Gründen."
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Kulturpolitik

Soll der Putin-Fan und -Intimus Valery Gergiev, der die russischen Schwulengesetze als Kinderschutzmaßnahme verharmlost, Chefdirigent der Münchner Philharmoniker (und damit der bestbezahlte Angestellte der Stadt München) werden? Reinhard J. Brembeck eiert in der SZ ziemlich lange rum, bis er mit seiner Meinung herausrückt: "Die Stadt würde aus einem wohlfeilen Demokratieverständnis heraus der Demokratie einen Bärendienst erweisen. Gergiev hat nichts anderes getan, als was er seit Jahren tut, und er hat nichts Schlimmeres getan, als von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch zu machen. Wer das unerträglich findet, kann seinerseits von seinem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch machen und dagegen auf die Straße gehen, Leserbriefe schreiben oder im Netz gegen Gergiev mobil machen."
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Politik

(Via Gizmodo) Dieses animierte Gif wird nicht nur unsere Schweizer Leser erfreuen.


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Überwachung

Matthias Monroy stellt in Netzpolitik das von der EU-Kommission finanzierte Programm Caper vor (das Martin Schulz ja dann gegebenenfalls kassieren kann), das polizeiliche Datenbanken aufrüsten will: "Diese polizeilichen Daten könnten .. mit Analysesystemen verknüpft werden, die Bilder, Videos, verschiedene Sprachen und biometrische Daten verarbeiten. Caper will diese Rasterfahndung mit Daten aus sozialen Medien anreichern. Die Suche in den verschiedenen Datenquellen soll derart vereinfacht werden, dass sie über ein simples Interface vorgenommen werden kann."
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Internet

Sehr interessant fasst Gregory Ferenstein auf Techcrunch eine aktuelle amerikanische Debatte über Gesundheitsdaten zusammen, die die ganze Zwiespältigkeit des digitalen Fortschritts offenbart. Wäre es nicht großartig, wenn anonynme Daten für die medizinische Forschung zur Verfügung stünden, hat Larry Page auf einer TED-Konferenz gefragt. Und in der Tat würde medizinische Forschung und Prävention durch diese Daten erheblich verbessert, aber, so Ferenstein: "Es gibt einen Nachteil: Es wäre praktisch unmöglich unsere Privatsphäre zu schützen. 'Wir hatten immer geglaubt, dass wir Leute anonymisieren können, indem wir genug persönliche Informationen aus Datenbanken tilgen, aber unser Papier zeigt, dass diese Versrpechugnen für einen bestimmten Prozentsatz der Bevölkerung leer bleiben', schreibt John Wilbanks von Sage Bionetworks, einenm Verein für medizinische Transparenz. In dem besagten Papier weisen Forscher nach, dass sie anonyme Daten namhaft machen konnten, indem sie sie mit DNA-Datenbanken abglichen und die DNA von Verwandten fanden." Mehr zu Pages Auftritt auf der TED-Konferenz auch bei Wired.
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Weiteres

Moritz von Uslar hatte sich in der Zeit fest vorgenommen, beim Treffen mit Thilo Sarrazin auf etwaige Rechthabereien mit Sanftmut zu antworten. Doch ach: "Nach einer Viertelstunde Spaziergang mit Thilo Sarrazin ist die Sprache schon so hochgerüstet, dass weitersprechen, ohne an­einander Schaden zu nehmen, schwer möglich scheint. Was soll man tun? Über Eichhörnchen reden? Über Zwanziger-Jahre-Architektur? Wir passieren die Heerstraße."

Weiteres: Joachim Müller-Jung stellt in der FAZ die "Generali Hochaltrigenstudie", welche die über 85-Jährigen vom Greisen-Image befreien will: "Das Hochbetagtenkapital wächst exzeptionell. Kein Bevölkerungsanteil wächst so rapide wie jener der Hochaltrigen." Stefan Schulz stellt ebenfalls in der FAZ beängstigende technische Neuentwicklungen vor, etwa Handys, die durch intelligente "Augen" erkennen, in welchem Raum sie sind und ob ihr Besitzer noch atmet.
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