Efeu - Die Kulturrundschau

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20.03.2014. Die FR stellt ein Opfer des endlos ausgewalzten Urheberrechts vor: Volker Schlöndorffs Brecht-Verfilmung "Baal", die man 44 Jahre nach der Erstaufführung jetzt erst wieder sehen darf. Karin Bergmann wird als neue Burgchefin zwei Jahre versuchen, das Theater vor der Insolvenz zu retten, meldet die NZZ. Die Trierer haben sich in der Antike besser amüsiert als die Römer, lernt die Welt in einer Schau über römisches Leben in Süddeutschland.

Film

In seinem Film "Die Frau des Polizisten" befasst sich Regisseur Philip Groening abseits der Mechanismen realistischen Erzählens und Psychologisierens mit häuslicher Gewalt, berichtet Peter Uehling in der Berliner Zeitung. Um einfache Erklärungen schert sich der Regisseur nicht: Dieser "Stil (...) schließt sich in seiner Virtuosität zu einer sehr eigenen, genuin visuellen Form zusammen. ... Im Mittelpunkt dieser Form steht der Körper der Titelheldin, der sich zunehmend mit Blutergüssen färbt. Den ersten sehen wir unvermittelt zwischen ihren Schulterblättern, als sie ihren lachenden Mann im Badezimmer launig mit der Munddusche bespritzt. Am Ende aber ist dieser Leib meist nackt und gefleckt wie der gefolterte Leib in der Passion." Für die taz hat sich Sven von Reden mit dem Regisseur unterhalten. Weitere Besprechungen gibt es in der Welt und der Zeit.

Ein frühes Opfer des Urheberrechts wurde reanimiert! In der FR freut sich Daniel Kothenschulte über die restaurierte Fassung von Volker Schlöndorffs Brecht-Verfilmung "Baal" mit Rainer Werner Fassbinder in der Hauptrolle, der jetzt zeitgleich im Kino und auf DVD erscheint. Nach seiner Erstausstrahlung 1970 moderte der Film 44 Jahre im Archiv vor sich hin, weil Brecht-Witwe Helene Weigel der Film nicht gefiel und sie weitere Aufführungen untersagte: "Nie hat man erfahren, was Helene Weigel genau gegen diese 'Baal'-Version hatte. Sollte es allein Fassbinders am jungen Brecht orientierte Selbststilisierung gewesen sein? Thomas Brasch erinnerte sich, dass sie 'Lederjacke und Zigarette im Mundwinkel' nicht gerade als Qualifikation angesehen haben soll. Oder war es Schlöndorffs wohlwollende Interpretation des Rebellen Baal als Anarchisten ohne politische Vision?"

Der ganze Sound der Siebziger in 46 Sekunden:



Außerdem: In der taz empfiehlt Thomas Groh einen Abend mit Filmen von Jan Soldat in der Volksbühne. Ein Interview mit dem Regisseur, der sich mit alternativen Sexkulturen befasst, gibt es hier bei Berliner Filmfestivals. Nachrufe auf den Filmproduzent Karl Baumgartner bringen die Welt und der Tagesspiegel.

Besprochen werden Volker Koepps Dokumentarfilm "In Sarmatien" (taz), Dietrich Brüggemanns "Kreuzweg" (taz), die DVD von Walter Heynowskis und Gerhard Scheumanns 1966 entstandenen Film "Piloten im Pyjama" (taz), der Kriegsfilm "Lone Survivor" (NZZ), Felix Herngrens "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" (Welt, Tagesspiegel, SZ), Peter Bergs Kriegsfilm "Lone Survivor" mit Mark Wahlberg ("Militärpornografie", urteilt David Steinitz in der SZ), Milo Raus "Die Moskauer Prozesse" (FAZ) und Matthew Barneys Monumental-Opern-Performance-Film "River of Fundament" (Zeit).
Archiv: Film

Musik

Im Standard stellt Karl Fluch das Grazer Punk-Blues-Duo Marta vor. Besonders die Stimme des Sängers Paul Plut hat es ihm angetan: "Es ist eine Stimme, die Durst und dessen ausschweifende Stillung vermuten lässt. Plut klingt aber nicht nur nach derlei Konsequenzen, sondern als würde er hin und wieder einfach vom Glas beißen, wenn ihn der Hunger unnötigerweise auch noch plagt. Mutter sagt, ich soll was essen: knirsch. Derlei Mutmaßungen aus dem Blauen heraus lassen bereits auf eine gewisse Härte schließen. Und so ist es. Marta ist ein harter Brocken." Hier eine Hörprobe:



In der taz unterhält sich Lisa Maucher mit Sammy Deluxe. Von der Berliner Präsentation von Diedrich Diederichsens neuem Buch "Über Pop-Musik" berichten die taz und die Welt.

Besprochen werden George Michaels neues Album "Symphonica" (Zeit), das neue Album von Elbow (Standard) und das Debütalbum der Grazer Blues-Punkband Marta (Standard).

Außerdem: Jens Balzers Popkolumne in der Berliner Zeitung.
Archiv: Musik

Bühne

Für zwei Jahre soll die eigentlich schon pensionierte Karin Bergmann das Burgtheater leiten, meldet Barbara Villiger Heilig in der NZZ. Kein beneidenswerter Job: "Was sich seit Zutagetreten der Krise abzuzeichnen begann, bestätigte Karin Bergmann in ihrer Antrittsrede: 'Das Burgtheater ist in einer katastrophalen Situation, wie ich es mir nie hätte vorstellen können.' Was das konkret heißt, wissen wir erst Ende April, wenn endlich der Geschäftsbericht 2012/13 erscheint. Gemäß Hochrechnungen zeichnet sich aber die Insolvenz des Hauses ab: Der Verlust frisst das verbleibende Stammkapital auf."

Sachverstand und das nötige Selbstbewusstsein bringt sie jedenfalls mit für den Job, berichtet Judith Hecht in der Presse: "'Es ist okay, dass ich hier allein stehe. Ich kann das!', sagte Karin Bergmann am Mittwoch, kurz nachdem Kulturminister Josef Ostermayer sie den Medienvertretern als neue Burg-Chefin präsentiert hatte. Dass sie die künstlerische Verantwortung im Wesentlichen allein tragen werde, stellte sie damit gleich von Anfang an klar."

Für den Freitag hat sich Matthias Dell am Berliner English Theatre das Stück "Schwarz gemacht" angesehen, das sich mit Blackfacing und afrodeutscher Geschichte befasst. Es "ist, mit seiner als perspektiviertem Bilderrahmen angelegten Bühne (David L. Arsenault), als Anfang zu betrachten, die an dramatischen Wendungen nicht arme Geschichte afrodeutschen Lebens für die Bühne zu gewinnen."
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Archiv: Bühne

Literatur

Sabine Vogel berichtet in der FR von einem verunglückten Interview mit dem dänischen Dichter Yahya Hassan (hier einige Kostproben seiner Gedichte). Tom Clancys postum veröffentlichter Roman "Command Authority" prognostiziert die Krim-Krise, meldet Hannes Stein in der Welt.

Besprochen werden unter anderem Michael Ryklins "Buch über Anna" (Freitag), Navid Kermanis Roman "Große Liebe" (CulturMag), ein Buch über die Serie "Mad Men" (Freitag) und Jens Harders Comic "Beta" (Welt).

Archiv: Literatur

Kunst

Kolja Reichert (Welt) besucht Ryan Trecartin, der mit einer Reihe von Online-Videos die Internetkunst aufs Niveau bringen sowie die allgegenwärtige Beschleunigung samt Multitasking-Auflagen ästhetisch verdichten will. Auf Reichert haben sie jedenfalls schon mächtig Eindruck gemacht: Diese Filme "sind Post-Film, Post-Internet, Post-Selbstausdruck. Post-Privat, Post-Kernfamilie. Post-Pop, Post-Kulturindustrie, Post-Camp. Post-Kritik. Post-Kunst. ... Die Subversion von Konsumgesellschaft und patriarchalen Familienstrukturen verbindet Trecartin mit älteren West-Coast-Künstlern wie Paul McCarthy oder Mike Kelley oder dem 'Pope of Trash' John Waters." Hier kann man sich einige Videos ansehen.

Und Eckhard Fuhr besucht für die Welt eine Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum über römisches Stadtleben in Südwestdeutschland. Gut ging es den Leuten damals: "Trier war in römischer Zeit die größte Stadt nördlich der Alpen, ein vitales Zentrum mediterraner Zivilisation. Die Tierkämpfe und Pferderennen sollen hier besser gewesen sein als in Rom selbst. Der vornehme Römer in Augusta Treverorum brauchte weder auf Austern vom Mittelmeer noch auf seine geliebte Fischpaste Garum zu verzichten. Mit dem Ende der römischen Herrschaft geriet Trier im Grunde bis heute in eine wenig erquickliche Randlage und muss immer wieder um Aufmerksamkeit buhlen." (Bild: Trierer im wetterfesten keltischen Kapuzenmantel)

Außerdem: Frédéric Schwilden berichtet in der Welt von der Transmortale in Kassel.

Zum Wunder wird der 3D-Druck erst, wenn er laufen kann:
Archiv: Kunst