9punkt - Die Debattenrundschau

Keine Heizung erlaubt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.03.2014. In der SZ bekommt Christopher Clark einen Riesenrüffel von Kollege John C. Röhl: Hätte Clark die Akten richtig studiert, dann wüsste er, dass die Deutschen schuld waren am Ersten Weltkrieg. Sascha Lobo ruft bei Spiegel Online das Zeitalter der Selfieness aus. Horizont.net erklärt, wie man die Springer-Zahlen lesen muss. Slate rät, Putin einfach gar nicht zu ignorieren. Und Berlin ist endgültig out, haben jetzt auch Gawker und der Rolling Stone herausgefunden. Auf nach Krakau!

Geschichte

Die SZ bringt eine riesige Breitseite des Kaiser-Biografen John C. G. Röhl gegen seinen Kollegen Christopher Clark, der den deutschen Anteil an der Schuld am Ersten Weltkrieg in den "Schlafwandlern" in einen internationalen Kontext stellt. Röhl findet, dass die deutsche Kriegsschuld eindeutig feststehe - sagt zugleich aber, dass sich dies nur durch intensives Studium der Akten herausfinden lasse. Clarks monumentaler Studie, wirft er indirekt vor, dieses Studium der Akten nicht intensiv genug betrieben zu haben: "Die These von der "Unschuld" der Reichsregierung an der Auslösung des Weltkrieges im Juli 1914 kann nur vertreten werden, wenn man die Ergebnisse der peniblen Archivforschung der letzten fünfzig Jahre bagatellisiert oder ganz außer Acht lässt. Bei allen Unterschieden in der Gewichtung war die Forschung übereinstimmend zu der Meinung gelangt, dass die längerfristigen Ursachen der beiden Weltkriege im erstaunlichen Erfolg des von Bismarck geeinten Deutschen Reiches zu sehen seien." Der Text ist im Print eine Seite lang - scheint aber nur eine Kürzung des eigentlich online präsentierten Textes zu sein. Hier das ganze Online-Dossier zum Ersten Weltkrieg.
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Europa

Mit seinem Manöver um die Krim hat Putin sein Spiel überreizt, meint Fred Kaplan in Slate, er ist nicht der große Meisterstratege, für den er sich selbst hält, und so mächtig ist sein Russland gar nicht: "So, given that Russia isn't helping out much in the world anyway, the best way to impose 'costs' and 'consequences' on Putin's behavior is to ignore him. Already, plans for a G-8 conference in Sochi are on hold. Scrap the session altogether. Maybe even hold a G-7 conference (perhaps under a different name) someplace else. (The G-7 nations have already issued a condemnation of Russia's aggression.) Other possibilities: keep Russia out of the OECD; pull out all economic and technical advisers from Russia; encourage private investors to do the same (the uncertainty of Russia's market, as a result of the aggression, is already having this effect to some extent); suspend all bilateral talks about ... well, everything."

Regelrecht perfide findet Richard Herzinger in seinem Blog, wie sich Russland zur Schutzmacht der ukranischen Juden stilisiert, die es gegen vor dem Antisemitismus der Maidan-Bewegung zu bewahren gelte: "Gänzlich absurd ist die Vorstellung, dem Antisemitismus in der Ukraine könne dadurch besser Einhalt geboten werden, dass man dem Land Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Unabhängigkeit vorenthält. In Wahrheit stellen sich auch die jüdischen Gemeinden der Ukraine gegen die russische Invasion der Krim. Der Präsident des ukrainischen Jüdischen Gemeindebundes, Oberrabiner Jacob Dov Bleich, hat einen gemeinsamen Aufruf verschiedener Religionsgemeinschaften des Landes unterzeichnet, in der die russische 'Aggression gegen die Ukraine' verurteilt und gefordert wird, die 'ausländische Invasion und die brutale Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten zu beenden'."

Ihor Mykhailyn und Serhii Vakulenko, zwei Professoren aus der ostukrainsichen Stadt Charkow, rufen in der New Republic "Leave Us Alone, Putin!": "Russian official propaganda and media try to portray the supporters of democracy and freedom in Ukraine as nationalist extremists who menace the existence of the Russian-speaking community. This Goebbelsian rhetoric has nothing at all to do with Ukrainian reality. The Nazi tendencies can rather be observed on the other side."

Unter dem Titel "Krims Märchen" erinnert Jens Mühling im Tagesspiegel daran, dass die europäischen Mächte schon seit Jahrhunderten mit historischen Verweisen die Schwarzmeer-Halbinsel unter ihre Kontrolle bringen wollten. Zur Not auch mit Verbindungen zu Skythen, Sarmaten, Kimmerern, Kyptschaken oder Tauriern."
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Gesellschaft

"Berlin is over!" Letztens hat sich schon die New York Times (hier) in Berlin gelangweilt, jetzt verkündeten auch der Rolling Stone (hier) und Gawker (hier), dass es mit Berlin vorbei sei. Jens Balzer informiert in der Berliner Zeitung über die Suche nach dem neuen Cool: "Zahlreiche Empfehlungen als 'Nächstes Berlin' haben von den Gawker-Lesern auch Detroit, Ulan Bator, Pjöngjang und Leipzig erhalten. Eine Mehrheit unter den aus New York kommenden Hipstern votiert hingegen für die südostpolnische Stadt Krakau. Dort finde man nicht nur gute Clubs und günstiges Bier."
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Archiv: Gesellschaft

Überwachung

Kilian Froitzhuber zeichnet auf Netzpolitik die britische Diskussion über die immer stärker zentralisierten Gesundheitsdaten nach, über die wieder mal nur der Guardian kritisch berichtet - bis zur bitteren Konsequenz: "Womit wir in der Gegenwart angekommen sind und bei der Meldung des Guardian, der zufolge die englischen Patientendaten versehentlich auf Google-Servern gelandet sind."

Sascha Lobo ruft in seiner Spiegel-Online-Kolumne das Zeitalter der Selfieness - also der freiwilligen Selbstpreisgabe von Daten - aus. Bei HMEs Appell gegen das Internet wird ihm dabei durchaus ungemütlich - vor einem nicht ganz wegzuleugnenden Hintergrund: "Es erscheint nicht als Zufall, dass die großparanoiden Radikalen vom britischen Geheimdienst GCHQ Millionen privater Webcams anzapften und damit private Videochats überwachten. Videochats sind bewegte Selfies in Echtzeit, bei denen zu rund 105 Prozent das eigene Gesicht in die Kamera gehalten wird. Oder andere Körperteile. Weiter weg vom Terrorismus geht es nicht, der endgültige Beweis, dass es der Spähmaschinerie um Bürgerüberwachung und Kontrolle geht."

Weiteres: Alan Posener amüsiert sich in der Welt dagegen eher über Enzensberger. Und Don Dahlmann findet in seinem Blog (via Carta), dass Enzensberger durchaus einen Punkt macht.
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Medien

Lukas Wiegelmann mokiert sich in der Welt über das unter deutschen Journalisten bis heute wenig beliebte Genre der Berichtigung, das in amerikanischen Zeitungen bis hin zur Selbstverleugnung gepflegt wird: "Die Vorteile von Korrekturen liegen auf der Hand. Sie bieten Medien die vielleicht einzige Chance, sympathisch zu sein."

Turi2 meldet, dass der Guardian online seinen Umsatz um 25 Prozent gesteigert hat: "Der Verlag, der seit Jahren Minus im Printgeschäft einfährt, setzt u.a. mit den Enthüllungen von Edward Snowden konsequent auf kostenlose Qualitätsartikel im offenen Netz - und hat damit zumindest digital offensichtlich Erfolg."

(Via turi2) Roland Pimpl gibt bei horizont.net eine kleine Lesehilfe für die heute von Mathias Döpfner zu verkündenden Springer-Zahlen. Der Konzern bilanziert neu nach drei Sparten: Bezahlangebote, Vermarktungsangebote, Rubrikenangebote: "Das Ergebnis des Zahlenzaubers: Springer meldet kein leidiges (Print-) Umsatzminus mehr. Wenn überhaupt, könnten höchstens die Bezahlangebote (die allerdings den Großteil der Gesamtumsätze ausmachen) einen leichten Erlösrückgang verbuchen - durch sinkende Vertriebsumsätze, weniger wegen der Werbeerlöse. Print/Digital lassen sich nicht mehr getrennt ersehen, da die (negativen) Print-Zahlen nun mit den (positiven) Digital-Werten vermischt sind."

Beim Wiener Standard steht es nicht zum besten, meldet die Presse. Es "sollen Sach- und Personalkosten gesenkt werden, ein Sozialplan wurde vereinbart. Zahlen zum Jobabbau wurden nicht genannt."

In der taz möchte Silke Burmester ARD und ZDF gern darauf verpflichten, bei ihren Karnevalssendungen kenntlich zu machen, dass es sich um Sendungen aus dem aktuellen Jahrhundert handelt - zur Information der Zuschauer und zur eigenen Erinnerung.
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Politik

Marko Martin wendet sich in der Welt gegen die Rhetorik der Beschwichtigung gegenüber Diktatoren, die die Logik der Despoten falsch einschätze: "Diktaturen benötigen geradezu vital jenen permanenten Ausnahmezustand, der ihre Untertanen in Atem hält und bereits rein physisch keine Zeit lässt zu kritischer Nachfrage. Auch denken sie nicht in Legislaturperioden, sondern in ungleich längeren Zeiträumen. Despoten haben jenes Elefantengedächtnis, das der Mehrzahl westlicher Beobachter abgeht. Putins Überfall auf die Krim ist deshalb mitnichten Taktik, sondern Strategie, erster Feldversuch zur Wiederherstellung des alten Imperiums."

Nachdem Sarrazins Buchvorstellung in seinem Hause wegen einer Handvoll "Hau ab" brüllender Demonstranten abgebrochen werden musste, ist Claus Peymann vom Berliner Ensemble im Gespräch mit der Welt sehr erzürnt. Zwar hält er den umstrittenen Autor selbst für "irgendwie einen Spinner", doch die linken Proteste für völlig unangebracht: Das "war ein undemokratisches, nazihaftes Gepöbel, dem wir uns schließlich beugen mussten". Er sei "gegen Verbieten, Verschweigen, Vergessen, Vorverurteilungen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Frau Le Pen in Frankreich das Wort verbieten würde. Oder Herrn Blocher in der Schweiz. Wir Deutschen neigen dazu, zu sagen: Was uns nicht gefällt, gibt es auch nicht. Aber Sarrazin gibt es." Hier ein kurzer Film vom Geschehen.

Georg Seeßlen sinniert in der taz über "die Guten" und "die Bösen" in der Politik und kommt auf folgenden Gedanken: "Es gibt sehr viele Leute, die nicht zu den Guten gehören wollen. Sie wollen die Besseren sein, vielleicht sogar die Besten. Aber niemand kann zugleich ein Guter und ein Besserer sein."
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Weiteres

Die tropische Insel Hainan entwickelt sich zum Ort des chinesischen Massentourismus mit den Bizarrerien, die das Land der krassen Gegensätze zu bieten. Dass es die Chinesen vor allem im Winter dorthin zieht, erklärt Wei Zhang in der NZZ so: "Die Qinling-Bergkette wurde vor 108 Jahren als arbiträre Grenzlinie zwischen Süd- und Nordchina definiert... Nördlich davon darf im Winter geheizt werden, während südlich davon keine Heizung erlaubt ist. Schanghai etwa gehört demnach zum Süden, obwohl dort die Temperatur im Januar und Februar zwischen 3 und 5 Grad schwankt und zudem eine viel höhere Luftfeuchtigkeit herrscht als in nördlicheren Lagen. Das zentrale Regierungssystem Chinas sieht darin keinen Widerspruch."
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Stichwörter: China, Massentourismus