Efeu - Die Kulturrundschau

Einen Kura­tor­sessel wärmen

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05.03.2014. Die Berliner Zeitung ist empört: Soll Caravaggios "Amor" wirklich abgehängt werden, weil Pädophile Gefallen an dem nackten Knaben finden könnten? Bei Mädchen hat man dieses Problem ja eher nicht, stellt die SZ mit Blick auf Push-Up-BHs und High Heels für Zehnjährige fest. Die Nachtkritik sieht nach 40 Jahren Philip Glass' Oper "Einstein on the beach" und stellt fest: Die Revolution lässt sich nicht mehr ins Heute retten. Bei artechock fragt Rüdiger Suchsland, warum die Filmkritik bei der Beltracchi-Doku ausgeschaltet wurde. Und: Blogs sind das neue Ding bei Verlagen, meldet der Tages-Anzeiger.

Kunst

Ziemlich fassungslos reagiert Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung auf einen Offenen Brief besorgter Bürger, die fordern, Klassiker der Kunstgeschichte in der Berliner Gemäldegalerie abzuhängen, weil darauf nackte Knaben zu sehen sind. "Einem Werk wie "Amor als Sieger" zu unterstellen, es sei Vorlage für die perversen Neigungen pädophiler Männer und Frauen, das ist ein kunstfeindliches Argument; es schafft einen Ersatz-Kampfplatz für das eigentliche Problem."

Was in der Kunst mehr und mehr als Problem angesehen wird, ist in der Bekleidungs- und Spielzeugindustrie überhaupt keins, stellt Antonia Mahler in der SZ fest: Push-Up-BHs für 10-Jährige, durchsichtige String-Tangas für 8-Jährige, Malbücher, die Vorschulkindern empfehlen, wie man sich als "TopModel" mit Minirock und High Heels in Szene setzt- das ist alles Normalität geworden: "Die Botschaft ist doppeldeutig. Der nackte Po einer Dreijährigen auf dem Töpfchen - in den Medien ein Tabu. Sich als Dreijährige wie eine Gogo-Tänzerin darstellen - geht in Ordnung. Was dabei herauskommt, ist eine Gesellschaft, die zu prüde ist, ein Baby nackig im Park spielen zu lassen - und gleichzeitig sexbesessen bis in die vorderste Reihe des Spielzeugregals."

Christian Thomas (FR) lernt in der großen Frankfurter Nolde-Ausstellung, dass der Maler mit den Nazis sympathisierte: "Deswegen gibt es keinen Anlass, ihn zum Nazimaler zu erklären - aber die Städelschau vergisst nicht, dass Nolde kein unbeschriebenes Blatt ist. Nolde, der sich immer wieder missverstanden fühlte und verkannt sah, missachtet vom Münchner Künstlermilieu der 1890er Jahre, brüskiert von der Berliner Sezession, 20 Jahre später, unterlag einem weiterem Irrtum. Denn Nolde, der 1937 seinen Siebzigsten feierte, der schon als junger Maler den Künstler als unbeirrten Wanderer auf einem einsamen Weg außenseitertümelnd beschworen hatte, suchte als NS-Staatsbürger das Aufgehen in der Volksgemeinschaft. Ekstase auch auf diesem Gebiet? Obendrein Kalkül." Julia Voss (FAZ) ist erleichtert, dass sie jetzt nicht mehr verpflichtet ist, Nolde zu lieben.



Langsam vom Schatten ins Farbenlicht wandernd, geht Maria Becker für die NZZ durch die Odile-Redon-Ausstellung in der Fondation Beyeler: "In seinen besten Werken gelingt es Redon, Erscheinungen zu produzieren, die wie schwankende Sphären sind: Fenster, Garten, Aquarium. So sind auch seine Blumensträuße - die Ausstellung widmet ihnen einen großen Teil - ambivalente Sphären. Was sich auf den ersten Blick in die Gattung des konventionellen Blumenstilllebens fügt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Galaxie der Entmaterialisierung: Blütenformen, Farbflecken, organische und zelluläre Vorbilder verschmelzen miteinander zu einer ortlosen Fülle, die im Bildraum kaum verankert scheint. ... Die Fülle des Blütenlichts tritt an die Stelle einer spirituellen Vision."

Besprochen werden eine Berliner Ausstellung finnischer Malerei (Tagesspiegel), die Philip-Guston-Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen (taz), eine Ausstellung des Streetart-Künstler, die große Cartier-Bresson-Retrospektive im Centre Pompidou (Welt) und Fotografen JR im Burda Museum in Baden-Baden (Welt).

Außerdem bringt die Zeit eine Strecke über Sister Corita Kent, der die Circle Culture Gallery in Berlin derzeit eine Retrospektive widmet.
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Bühne

Robert Wilsons und Philip Glass' bahnbrechendes Musiktheaterstück "Einstein on the Beach" aus den Siebzigern ist im Zuge einer weltweit tourenden Rekonstruktion nun auch in Berlin aufgeführt worden. Den besten Trumpf hält da die Nachtkritik mit Wolfgang Behrens in der Hand, der von dem Stück, wie er in seiner sehr persönlichen Besprechung schreibt, bereits in den Siebzigern umgeblasen wurde. Allerdings spricht bei aller Begeisterung auch ein wenig Enttäuschung aus ihm: "Die Hoffnung, die New Yorker Avantgarde von damals ins Heute zu retten, ist vergeblich. ... Die Irritation (...), die vor 40 Jahren von 'Einstein' ausging, das Revolutionäre daran, lässt sich nicht mehr erfahren. Zu vertraut ist das ästhetische Vokabular geworden, mehr noch im Szenischen als im Musikalischen. Wobei es (...) schon frappierend ist, dass alles, wirklich alles, was das Wilson-Theater seitdem ausgemacht hat, bereits in 'Einstein' angelegt ist." In seinem Text für die taz beobachtet ein über die Anforderungen, die dieses Stück stellt, staunender Tim Caspar Boehme immerin trotz gelegentlicher Längen "starke Momente".

"Aus dem Laienwerk von 1976 ist heute ein perfektioniertes, teures, zähes Spektakel geworden", schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung. Auch sie erblickt in der Aufführung vor allem die Konkretion des Einflusses dieses Stücks aufs heutige Theater: "Interessant ist, wenn man irgendwann in den unendlich sich wiederholenden, weißgesichtigen Bürgerkarikaturen in bunter Pappkulisse plötzlich die freundlichen Väter der heutigen, rotzfrecheren Bühnenstars erkennt, die Regisseure wie Vegard Vinge oder Herbert Fritsch in ihren Zombie-Opern radikalisieren."

Außerdem: Die nostalgisch aufgeführte Barockoper erlebt einen bemerkenswerten Boom, berichtet Lucas Wiegelmann in einer großen Reportage für die Welt. Das Berliner Ensemble bringt Bertolt Brechts frühes, vom Autor verschämt in der Schublade verstecktes Stück "Hans im Glück" auf die Bühne, schreibt Reinhard Wengierek in der Welt. In der FR bringt Norbert Mappes-Niediek Hintergründe zu den neuesten Entwicklungen der Finanzmisere am Wiener Burgtheater. Die Presse berichtet über Rassismusvorwürfe bei den Wiener Festwochen, weil Johan Simons in Jean Genets Stück "Die Neger" weiße Schauspieler schwarz geschminkt auftreten.

Besprochen werden Mark Andres in Stuttgart aufgeführtes Stück "wunderzaichen" (FR - mehr in unserer gestrigen Kulturrundschau), Barockopern bei den Karlsruher Händel-Festspielen (FAZ) und die "Aida" in Zürich (FAZ).
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Musik

Im Tagesspiegel kürt Frederik Hanssen das neue Album des Sextetts Bassiona Amorosa zur "Klassik-CD der Woche". In der FR stellt Johannes Vetter Benjamin Reiberts erfolgreiches Musikblog trndmusik vor und vergisst dabei glatt, es auch zu verlinken.

Besprochen werden das Berliner Konzert von James Blunt (Tagesspiegel) und eine Aufführung von Saint-Saens' Cellokonzert beim Deutschen Symphonie-Orchester (Tagesspiegel).
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Film

Sehr zornig zeigt sich Rüdiger Suchsland auf artechock darüber, dass der morgen anlaufende Dokumentarfilm über den Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi von den Redaktionen gar nicht erst den Film-, sondern den Kunstkritikern zugeschoben und wohlfeil "wie eine Fortsetzung des Plädoyers der Verteidigung" behandelt wird: "Die Jour­na­listen, die über Kunst und Galerien und die Kunst­szene berichten, nagen an den Knochen, die von diesen reich gedeckten Tafeln abfallen. ... Dass sie sich diese nicht verscherzen wollen, dass sie sogar etwas tun, um ihre Position zu verbes­sern, oder viel­leicht mal selbst ein hübsches Gutachten oder einen Kata­log­auf­satz zu schreiben, oder einen Kura­tor­sessel zu wärmen, kann man ihnen noch nicht einmal unbedingt verdenken." Nein?

Besprochen werden der mit Meryl Streep, Julia Roberts und Benedict Cumberbatch prominent besetzte Film "August in Osage County" (Zeit, taz), Doris Dörries Filmkomödie "Alles inklusive" (Welt), Noam Murros 3D-Spektakel "300 - Rise of an Empire" (FAZ) und Wes Andersons "The Grand Budapest Hotel" (SZ).
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Literatur

Blogs sind das neue Ding bei Verlagen, konstatiert Martin Ebel im Tages-Anzeiger und geht (auch online ganz ohne Links) die bekannteren Verlage durch. Einen berühmten Beitrag gab es schon im Suhrkamp-Blog Logbuch: "Friedrich Forssman, der berühmteste Buchgestalter Deutschlands, wetterte in einem Beitrag gegen E-Books ('alberne Dateien, die gern Bücher wären') und erntete einen Shitstorm - und mit ihm der Verlag. Der Beitrag wurde verlinkt, gelobt, geschmäht und machte seinen Weg bis zum Fachmagazin Buchreport."

Weitere Artikel: Im Standard unterhält sich Stefan Gmünder mit Navid Kermani über dessen neuen Roman "Große Liebe", Religion und Psychologie. In der Welt spricht Bestseller-Autor Frank Schätzing über seinen neuen Thriller, der im Nahostkonflikt angesiedelt ist (hier eine erste Besprechung beim Deutschlandradio Kultur). Im Merkur-Blog setzen Holger Schulze und Dominique Silvestri ihre Lektüre des Journals der Brüder Goncourt fort. Berlin feiert den Erwerb der Reisetagebücher Alexander von Humboldts, meldet in der FAZ Regina Mönch. In der FR spricht Ann Cotten im Interview über den Wert (oder Nachteil) von Fremdsprachen.

Besprochen werden unter anderem Nadifa Mohameds zweiter Roman "Der Garten der verlorenen Seelen" (taz) und Luc Boltanskis Buch "Rätsel und Komplotte" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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