Efeu - Die Kulturrundschau

Rotwein schmeckte ihm besser als Doppelkorn

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11.07.2020. Man muss nur auf den Hamburger Bahnhof schauen, um zu erkennen, was in der Preußenstiftung falsch läuft, meint die taz. Im SZ-Gespräch mit Ines Geipel erinnert sich Susanne Kerckhoffs Tochter Dina Haerendel an den Geruch von Angst und Apfelmus in Berliner Bombennächten. Die NZZ blickt auf die Anfänge der Kriegsfotografie. Notre-Dame soll originalgetreu wiederaufgebaut werden, atmet die FR auf. Die Zeit lauscht den Lungen- und Rachenlauten von Elaine Mitchener. Und das Monopol-Magazin fliegt auf DDR-Orientteppichen nach Jerusalem.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2020 finden Sie hier

Kunst

Man muss nur auf den Hamburger Bahnhof (Unser Resümee) schauen, um zu erkennen, was in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz falsch läuft, schreiben Hans-Jürgen Hafner und Kito Nedo in der taz. Den Sammlern, Erich Marx und Friedrich Christian Flick wurde die "Deutungsmacht" über das Haus in die Hände gegeben: "Warum, so muss man fragen, ist die Preußenstiftung bis heute nicht bereit, das Scheitern der Idee eines Sammlermuseums einzugestehen? Welchen Sinn hat es, am Sammeln möglichst prominenter Sammler festzuhalten? Es ist diese Konzeption, die für dieses Museumsdesaster mitverantwortlich ist. Eine Konzeption, die - historisch betrachtet - zum überkommenen neoliberalen Zeitgeist passt, der die Politik der letzten drei Dekaden dominiert und öffentliche Institutionen nicht nur in der Kultur irreparabel beschädigt hat. Kein Wunder, wenn der Hamburger Bahnhof bis heute über keinen nennenswerten eigenen Ankaufsetat verfügt, wenn die Finanzierung selbst des operativen Geschäfts, den Museumsbetrieb hinten und vorne nicht reicht."

Im Deutsch-Französischen Krieg im Jahr 1870 stand die Fotografie noch am Anfang und war mit der heutigen Kriegsfotografie kaum zu vergleichen, schreibt Claudia Mäder in der NZZ. Vielmehr bot sie die Möglichkeit ins nationale Befinden zu blicken. Während sich preußische Soldaten stolz in Uniform ablichten ließen, nahmen Franzosen vor allem die "Barbarei" der Gegner auf, so Mäder: "Dieser politisch motivierte Zugriff auf die Fotografie verstärkte sich weiter, als Frankreich 1871 in den Bürgerkrieg schlitterte. Die Aufständischen, die in der Pariser Kommune eine autonome sozialistische Verwaltung aufbauten und gegen die konservative Führung der neuen Republik revoltierten, ließen sich zuweilen stolz vor niedergerungenen Monumenten der alten Zeit ablichten. Später freilich dienten dieselben Bilder den Behörden dazu, flüchtige Kommunarden zu identifizieren. Und auch gefälschte Bilder ließen in dem aufgeheizten Klima nicht auf sich warten: Fotomontagen, auf denen angeheuerte Schauspieler Verbrechen der Revolutionäre inszenierten, sollten den Ruf der Kommune schädigen."

In der Berliner Zeitung nimmt Ingeborg Ruthe die Isabelle-Le-Minh-Ausstellung in der Berliner Alfred-Ehrhardt-Stiftung zum Anlass, Lebendigkeit und Schönheit von Ehrhardts Mineral-Fotografien zu ergründen: "Ehrhardt trat den Beweis an, dass anorganische Materie nicht tot, sondern ein sehr lebendiges Element ist. An den Wänden der Berliner Alfred-Ehrhardt-Stiftung ist die einzigartige Schönheit, ist die Dynamik der Kristalle zu bewundern, die Kraft des Prismatischen, der Rhythmus der Formen, die Kontrapunktik und die Polyphonie - und die Ordnung im scheinbaren Chaos der Natur."

Weitere Artikel: Nach allerhand Querelen im Münchner Haus der Kunst (Unsere Resümees) scheint mit den neuen Chefs Andrea Lissoni und Wolfgang Orthmayr nun Ruhe einzukehren, freut sich Patrick Guyton in der taz: "Niemand wurde ausgesourct, die meisten Beschäftigten behielten ihre Jobs. Nur absolute Minikräfte, die etwa zwei Stunden in der Woche gearbeitet hatten, sind gegangen, sowie andere aus Altersgründen." Ebenfalls in der taz schreibt Petra Schellen über die Posse um die Giraffenskulptur von Stephan Balkenhol vor dem Tierpark Hagenbeck, der vorgeworfen wird, sie sei rassistisch. Für die FR hat Ingeborg Ruthe schon mal einen Blick auf die Sammlung Christa und Gerhard Wolf geworfen, die bald im Berliner Stadtmuseum zu sehen sein wird.

Besprochen werden die große Max-Klinger-Ausstellung im Leipziger Museum der bildenden Künste (Tagesspiegel) die Ausstellung "Future Food" im Dresdner Hygienemmuseum (taz), die Ausstellung "Paul Kolling: Break of Gauge" im Hamburger Kunstverein Harburger Bahnhof (taz) und die Peter-Lindbergh-Schau im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (SZ).
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Literatur

Dass gerade die jüngere Lyrikgeneration Elke Erbs Gedichte hochhält, erklärt sich der Schriftsteller Steffen Popp, Jahrgang 1978, in der Literarischen Welt so: Ihre Lyrik ist "bis ins Detail komponiert, zugleich aber beweglich und spielerisch, das genaue Gegenteil von starrem Text. ... Hat man einmal verstanden, was Erb dichtend eigentlich tut, verändert sich der Blick darauf, was in Gedichten möglich ist, und was man also von ihnen verlangen kann, fundamental." Mehr zum Büchner-Preis für Erb an dieser Stelle.

Die Schriftstellerin Ines Geipel hat für die SZ die Erinnerungen von Dina Haerendel aufgeschrieben, der Tochter von Susanne Kerckhoff, deren "Berliner Briefe" gerade wiederentdeckt und -veröffentlicht wurden. Es geht auch um die Bombennächte im Zweiten Weltkrieg: "Die 'Küchenfeste' waren eine Institution der Mutter gegen die Alarmangst der Hausbewohner in der Rohrwallallee Nummer 73. Im kleinen Haus am See lebte während der Kriegszeit nicht nur Familie Kerckhoff. Der Keller des Hauses war auch ständiger Zufluchtsort für in Berlin verfolgte Jüdinnen und Juden. Bei Fliegeralarm mussten sie im Haus bleiben. Kamen die vier Kerckhoffs aus dem Bunker zurück, traf man sich am blank gescheuerten Tisch in der Küche. Es roch nach Kakao, Pfannkuchen und Apfelmus. Nach dem Essen die große Lagebesprechung. Dina erinnert sich an den Geruch der Angst im Haus".

Der frühere Verleger und Schriftsteller Michael Krüger gratuliert in der Literarischen Welt seinem Freund, Wegbegleiter und Kollegen Klaus Wagenbach zum 90. Geburtstag: Er würdigt dessen "Liebe zur Literatur, seine akribischen Lektüren, aber auch seine Begeisterung für gute Herstellung, für Papier, Leinen und Typografie, seine entzückten Ausrufe, die man der Zeit richtig interpretieren konnte. Zu unser aller Nutzen ging seine kunsthistorische Liebe zu Italien unter den politischen Aufregungen nicht in die Brüche, er ging lieber ins Mittelmeer als in die Nordsee, und Rotwein schmeckte ihm besser als Doppelkorn." Im Tagesspiegel gratuliert Peter von Becker.

Weitere Artikel: Klischeehaft, Katastrophenlust, konventionell: Rainer Moritz vom Literaturhaus Hamburg hat den Hals gestrichen voll von amerikanischen Romanen, wie er in der Literarischen Welt bekundet. Sie "sind sich oft zum Verwechseln ähnlich. Nach wenigen Kapiteln spürt man, dass ihre Verfasser Creative-Writing-Kurse besucht haben, Creative-Writing-Kurse geben." Für die taz hat Susanne Lang ein großes Quarantäne-Gespräch mit dem Schriftsteller Cees Nooteboom geführt. Gregor Dotzauer blättert sich für den Tagesspiegel durch die neue Ausgabe der Literaturzeitschrift Park, die sich dem Dichter Christoph Meckel widmet. Willi Winkler schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Germanisten Karl Otto Conrady. In der Langen Nacht des Dlf Kultur befasst sich Burkhard Reinartz damit, wie sich Leid in Literatur verwandelt. Außerdem sprechen der Schriftsteller Aris Fioretos und die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun im Dlf Kultur über das Frauenbild der Weimarer Republik.

Besprochen werden Lukas Kummers Comic "Prinz Gigahertz" (Berliner Zeitung), Rüdiger Zills Biografie des Philosophen Hans Blumenberg (taz), Morten Traaviks "Liebesgrüße aus Nordkorea" (Dlf Kultur), Ana Schnabls "Grün wie ich dich liebe grün" (taz), Kerstin Hensels Novelle "Regenbeins farben" (Intellectures), eine Ausstellung in Gera zur Geschichte des DDR-Groschenromans (SZ) und Astrid Seebergers "Goodbye Bukarest" (FAZ).
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Design

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Das Frankfurter MAK zeigt Kleider und Entwürfe der japanischen Designerin Rei Kawakubo, die "ihre Modephilosophie zunächst in Opposition zur konservativen japanischen Mode" schuf, erklärt Michael Suckow im Freitag: "Die Kritik war anfangs schockiert, schimpfte 'Quasimodo-Style' und 'Hiroshima-Chic' und goutierte erst mit der Zeit, dann aber vollkommen, den Einbruch von (ästhetischer) Armut, von No-Future-Angst und gerade die Ignoranz gegenüber westlichen Konventionen von Schönheit in der Welt der Haute Couture." Der Grund für die Aufregung: Kawakubo verstieß aufs Heftigste "gegen die konventionellen Proportionen der weiblichen Körperkontur".

Von einer Kuriosität wie aus einem Roman von Thomas Pynchon berichtet Jens Wiesner in Monopol: Jahrzehntelang hat die DDR Orientteppiche aus dem VEB Halbmond exportiert - und zwar in die Länder des Orients. Richtig gut ging etwa der Teppich "Täbris Super", der "Exportschlager unter den DDR-Orientteppichen", der dann im arabischen Teil Jerusalems an Touristen aus aller Herren Länder vertickt wurde: "'Diese Touristen kaufen gern eine Täbris-Brücke, nehmen sie mit nach Hause und berichten ihren Angehörigen, dass diese Brücke eben aus dem heiligen Jerusalem stammt', so Dietzel. Dass die verhältnismäßig günstige Brücke überhaupt nicht im Orient produziert wurde, nehmen viele in Kauf - oder sie haben das Etikett mit dem Halbmond und dem Vermerk 'Täbris Super' schlicht übersehen."
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Bühne

In der taz schaut Christopher Suss schon freudig der Monteverdi-Oper "Krönung der Poppea" entgegen, die Pascual Jordan am 15. Juli in Berlin im Rahmen seines Schöneberger Projekts "Schönheit gegen Gewalt" zeigt. Besprochen wird Laila Solimans Performance "Wanaset Yodit" im Gartenhaus Haeckel in Braunschweig (taz).
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Film

Das Gefühl, was es heißt, fremd zu sein: Burhan Qurbanis "Berlin Alexanderplatz"

Burhan Qurbanis "Berlin Alexanderplatz" - eine Döblin-Adaption im Berlin der Gegenwart mit einem Geflüchteten aus Guinea-Bissau als Franz Biberkopf - kommt nach seiner gefeierten Berlinale-Premiere nun wegen Corona verzögert ins Kino (unsere Kritik). Wie in seinen Filmen zuvor zeigt auch dieser Qurbani-Film ein fast schon gespenstisches Gespür für Debattenlagen, hält tazlerin Fatma Aydemir im Gespräch mit dem Filmemacher fest. Qurbani glaubt, dass der Film vor dem Hintergrund von #BlackLivesMatter nun noch genauer gesehen werden wird: "Natürlich bin ich nicht Schwarz, aber als Filmemacher versuche ich ein kollektives Unbewusstes zu treffen, ein Gefühl zu finden dafür, was es heißt, fremd zu sein, an eine Wand zu klopfen und einfach nicht reinzukommen. Und als Person of Color, als Sohn von Geflüchteten ist mein persönliches Trauma in diesem Land, dass ich die Sprache besser spreche als viele Deutsche, die Geschichte und die Gesellschaft und den gesellschaftlichen Kontext mein Leben lang studiert habe, und am Telefon total weiß klinge. Aber dass man über meinen Phänotyp niemals hinwegsehen kann, dass er immer im Vordergrund steht, sobald ich in einer persönlichen Begegnung bin."

Weitere Artikel: Im Filmdienst porträtiert Dunja Bialas die Schauspielerin Cynthia Erivo, die derzeit im Anti-Sklaverei-Drama "Harriet" zu sehen ist. In der NZZ erinnert Marion Löhndorf an Yul Brynner, der vor 100 Jahren geboren wurde. Für die taz plaudert Thomas Winkler mit Jasmin Tabatabai.

Besprochen werden Alejandro Landes' "Monos" (Berliner Zeitung), Janina Quints Dokumentarfilm "Germans & Jews" (Freitag), der Netflix-Superheldinnen-Film "The Old Guard" mit Charlize Theron (ZeitOnline, FAZ, Standard) und Werner Herzogs derzeit auf Mubi gezeigter Film "Family Romance, LLC" (FAZ, mehr dazu bereits hier).
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Architektur

Werk 12, München, 2019, MVRDV. Foto: Ossip van Duivenbode


Bewohnbare "Dschungel" auf Dächern entdeckt Niklas Maak (FAZ) bei den niederländischen Architekten von MvRdV, denen die Berliner Architektur Galerie derzeit eine Ausstellung widmet: "Immer wieder haben sie es geschafft, Bautypologien zu entwickeln, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte - zuletzt 2014 mit ihrer 'Markthal' in Rotterdam, die auf den ersten Blick das ist, was der Name verspricht, nämlich eine Markthalle, aber gleichzeitig auch ein Wohnbau mit 230 Apartments. Das Dach dieser vierzig Meter hohen, hundertzwanzig Meter langen Markthalle ist nämlich ein Hochhausriegel, der sich auf spektakuläre Weise rückwärts wie eine halbe Röhre über den Markt krümmt, als wollte er beweisen, dass auch Häuser Yoga machen können."

Nach zahlreichen Architekten-Ideen (Unsere Resümees) soll Notre-Dame nun also originalgetreu wieder aufgebaut werden. In der FR atmet Christian Thomas auf, dass die "rabiaten und vollkommen enthemmten Vorschlägen von Architekten, die mit der gotischen Kirche nicht nur Lästerliches, sondern mit einem meisterlichen Bauwerk auch Liederliches vorhatten" damit vom Tisch sind.

In der SZ weiß Joseph Hanimann Genaueres: "Wie weit die Originaltreue beim Wiederaufbau des Dachs gehen wird, ob ausschließlich Eichenbalken wie im Mittelalter oder doch auch einige zeitgemäße Materialien zum Einsatz kommen, muss eine künftige Studie klären. Priorität hat vorerst der Abschluss der Räumungsarbeiten. Die Entfernung des vom Brand über dem Kirchenschiff verbogenen Baugerüsts soll im Herbst vollendet sein. Dann können Gewölbe und Mauern stabilisiert werden."

Weiteres:In einem sehr schön bebilderten Artikel würdigt Lydia Pyne (Hyperallergic) die irische Architektin Eileen Gray, der die New Yorker Bard Graduate Center Gallery derzeit eine Online-Ausstellung widmet. In der taz empfiehlt Ronald Berg die Streamingreihe "Kino Siemensstadt" im Berliner Projektraum Scharaun, die 16 Positionen zu Architektur und Städtebau zeigt.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Notre Dame, Mvrdv

Musik

Die Londoner Komponistin Elaine Mitchener, Tochter jamaikanischer Eltern, erforscht mit ihrem Atmen und ihrer Stimme die Möglichkeit von Musik, schreibt Hannah Schmidt in einem online nachgereichten Porträt in der Zeit: "Man hört die Laute, die Lunge, Rachen und Mund machen, während sie sich auf der Bühne bewegt, man vernimmt das Luftholen und Ausatmen, ja, man hört hier die Sängerin und Performerin, den Menschen Elaine Mitchener auf ganz elementare Weise sein. Einerseits ist das ein virtuoses Manifest, eine Liebeserklärung an den Gesang, den sie in London studiert hat. Andererseits ist dieser Atem hochpolitisch. Denn es ist der Atem einer schwarzen Frau in einem ebenso weiß wie männlich dominierten Genre: der klassischen Musik." Hier der Ausschnitt aus einer Performance:



Außerdem: Stefan Ender spricht für den Standard mit Andrés Orozco-Estrada, der ab September den Wiener Philharmonikern als Chefdirigent vorsteht. Für die taz porträtiert Aram Lintzel Gabriel Broid von der Band The White Screen.

Besprochen werden das Debütalbum von Dinner Party, einer aus Terrace Martin, Robert Glasper, Kamasi Washington und 9th Wonder bestehenden Supergroup (Berliner Zeitung), neue Alben von Khruangbin (Freitag), Rufus Wainwright (SZ), The Streets (Berliner Zeitung) und Soko (Berliner Zeitung), sowie ein Konzert des BR-Symphonieorchesters unter Franz Welser-Möst (SZ).
Archiv: Musik