Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
November 2025
29.11.2025. Vielleicht ist Christian Marclays "The Clock" der beste Film überhaupt, überlegen die Kritiker ob des 24-stündigen Mammutwerks. Claude Lanzmanns "Shoah" bekommt eine Ausstellung im Jüdischen Museum, die FAS ist beeindruckt. Enrico Lübbes Inszenierung von Lukas Rietzschels Stück "Der Girschkarten" überzeugt die Kritiker in Leipzig durch Schauspielkunst und intellektuellen Furor. Die FAZ ärgert sich über den Bärendienst, den Louis C.K. und Woody Allen der Literatur erweisen. Der Sound der New Yorker Band Say She She geht für die taz einfach richtig gut rein.
28.11.2025. Der Tagesspiegel schaut mit John Singer Sargent den Reichen und Schönen von Paris in die Augen. Der amerikanische Künstler Richard Hawkins enthauptet indes eben jene, stellt Monopol verstört in Wien fest. Die FAZ wendet sich in Wien lieber frischen Avantgarde-Stimmen der Neuen Musik zu. Im SZ-Gespräch glaubt die amerikanische Schriftstellerin Jamaica Kincaid, dass der Holocaust "1492 in Spanien seinen Ursprung nahm". Und die Welt feiert einen Roboterhund in Wolfgang Menardis Inszenierung des "Richard III." am Burgtheater.
27.11.2025. Die Kritiker spüren mit Julian Radlmaiers Film "Sehnsucht in Sangershausen" der deutschen Seele nach. Die FAZ reist ins wohlhabendste Viertel von Barcelona, wo das Büro Vivas Arquitectos eine Obdachlosenunterkunft gebaut hat. Die taz staunt im Berliner Savvy Contemporary, wie Künstler dem Material der Kolonisierung seine Bedeutung zurückgeben. Die Feuilletons lauschen dem Komponisten Helmut Lachenmann zum Neunzigsten - vom tonlosen Blasen bis zum Klappenschlag.
26.11.2025. Im von der Welt übersetzten Figaro-Interview spricht Boualem Sansal über seine Verhaftung. Die SZ singt eine Hymne auf Shermin Langhoff, die das Gorki-Theater verlässt. Monopol fragt sich in London: Ist Peter Doig der aufgeklärte Gauguin? Die FAZ träumt mit dem Animationsfilm "Zoomania 2" von einer von Tieren verwalteten Welt. Die taz schaut sich um in georgischen Clubs, in denen der Techno noch brennt.
25.11.2025. Die Filmwelt trauert um den Schauspieler Udo Kier: der konnte Bösewichte wie kein anderer, erinnert die SZ. Die FAZ schaut dank des Sanierungsentwurfs der heneghan peng architects in den Himmel über der Berliner Gedächtniskirche. Die NZZ freut sich über kuriose Klangperformances beim "Forward"-Festival für zeitgenössische Musik in Berlin, bei dem auch schonmal gefaucht und geschnurrt wird.
24.11.2025. Boualem Sansal gibt erste Interviews nach seiner Freilassung. Cherien Dabies' Film "Im Schatten des Orangenbaums" beeindruckt die Kritiker durch bewegende Aufnahmen von Orangenhainen und palästinensischen Familien - politisch hat er hingegen blinde Flecken. Die FAZ staunt, wie die Tokioter Art Week Natur und Kultur vereint. Evgenji Titovs "Salome"-Inszenierung gibt den Kritikern avantgardistische Rätsel auf. Der Tagesspiegel schwingt die Beine zu den jazzigen ukrainischen Schlagern, die der Lwiwer Homin-Chor performt.
22.11.2025. Die NZZ schwelgt in London in den hingehauchten Reifröcken der Marie Antoinette. In der FAS erklärt der russische Lehrer und Dokumentarfilmer Pavel Talankin, wie Kinder in Russland zu "Patrioten" erzogen werden. Die SZ verneigt sich in München vor dem Werk des Malers und Bildhauers Hermann Glöckner, der sich von keiner deutschen Diktatur vereinnahmen ließ. Und Zeit Online bleibt das Lachen im Halse stecken, wenn sich das Kollektiv Frankfurter Hauptschule in München 482 Titel der Kulturgeschichte entgegen ruft.
21.11.2025. Monopol lässt sich von Kara Walker in Berlin jenen Teil amerikanischer Geschichte servieren, der so gern verschwiegen wird. Der Tagesspiegel erinnert sich im Berliner Club Ritter Butzke wehmütig an eine untergegangene Clubkultur. SZ und Welt fragen sich mit Blick auf den Fall Konstantin Wecker, wann sich die Linke dem strukturellen Machtmissbrauch in den eigenen Reihen stellen möchte. In Eran Riklis' Film "Lolita lesen in Teheran" kämpft eine Literaturdozentin gegen das iranische Regime - die SZ feiert eine "Ode an die Freiheit", der FAZ fehlt's an Tiefe. Hat das heutige Theater ein Gewaltproblem, fragt die nachtkritik.
20.11.2025. Die NZZ lernt in Aarau kritisch auf KI-generierte Bilder zu schauen. Die Welt spekuliert, weshalb das Gorki-Theater Oliver Frljićs Adaption von Adania Shiblis Roman "Eine Nebensache" so kurzfristig aus dem Programm genommen hat. Die Zeit fordert verpflichtende Abgaben für Streaming-Dienste, um dem deutschen Kino wieder auf die Beine zu helfen. Die taz vergnügt sich mit Menschen angelnden Fischen in Kassel.
19.11.2025. Die FAZ erklärt die komplizierte Entschlüsselungsarbeit der beiden neu aufgetauchten Bach-Werke. Nicht mehr als "Fingerübungen eines Minderjährigen", winkt der Tagesspiegel hingegen ab - und freut sich mehr über die Wiederentdeckung des deutschen Impressionisten Theo von Brockhusen in Potsdam. Die taz erinnert sich in Leipzig daran, wie früh DDR-Künstler sich mit Digitalisierung auseinandersetzten. Die Welt erkennt die wahren Probleme im Stadtbild. Oliver Frljics Adaption von Adania Shiblis Roman "Eine Nebensache" wurde kurz vor der Premiere am Gorki-Theater abgesagt, meldet die Berliner Zeitung.
18.11.2025. Der Schriftsteller Ivo Andrić wird heute von allen Seiten vereinnahmt, besonders von großserbischen Nationalisten, erzählt in der Welt der Germanistikprofessor Vahidin Preljević. In der NZZ kennt der Dichter Michael Krüger kein Pardon für Unterhaltungsliteratur. Der Tagesspiegel lässt sich bei Lydia Steiers Inszenierung der Offenbach-Oper "Hoffmanns Erzählungen" in ein funkelndes New York entführen, die FAZ versinkt hingegen im Chaos. Die Feuilletons trauern um die Kessler-Zwillinge.
17.11.2025. Nachtkritik und FAZ hören in Karin Henkels Hamburger Adaption von Ágota Kristófs "Das große Heft" den Überlebenden des Hamburger Feuersturms zu. Die NZZ lernt in Cyrill Boss' und Philipp Stennerts "Nibelungen"-Serie einen fast menschlichen Hagen kennen. Auch für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist das Risiko eines Museumseinbruchs allgegenwärtig, erfährt der Tagesspiegel im Interview mit Leiterin Marion Ackermann. Den palästinensischen Dichter Yousef el-Qedra stellt die Zeit vor.
15.11.2025. Macron ist der Gehörnte in dieser Geschichte, sagt Pascal Bruckner, der dem französischen Präsidenten in der Welt vorwirft, im Fall Boualem Sansal versagt zu haben. Die FAZ erinnert indes an all jene, die weiterhin in Algerien inhaftiert sind. Auch in Düsseldorf wurde der Wettbewerb für einen Opernneubau entschieden - und zwar demokratischer als in Hamburg, meint der Tagesspiegel. Die Welt huldigt der Dokumentarfotografie auf der Paris Photo. Und alle trauern um den Schauspieler und Filmemacher Hark Bohm.
14.11.2025. Das dänische Architekturbüro Bjarke Ingels Group gewinnt den Wettbewerb für Hamburgs neue Oper: Sieht aus wie Klingsors Zaubergarten - und teurer wird's bestimmt auch, mault die SZ. Hier wird eine neue architektonische Gattung begründet, freut sich indes Zeit Online. Die FAZ erklärt, weshalb es keinen Nachwuchs in der Architektur gibt. In Le Point gibt Kamel Daoud sein erstes Telefongespräch mit dem endlich aus der Haft entlassenen Boualem Sansal wieder. Die FR begegnet in Frankfurt dank August Gaul einem Orang-Utan auf Augenhöhe.
13.11.2025. Boualem Sansal ist nach der Begnadigung bereits in Deutschland eingetroffen: "Letztlich war es Deutschland, das Boualem Sansal - und Algerien - einen Ausweg bot", muss der Figaro konzedieren. Im Standard findet der in Bulgarien geborene Schriftsteller Dimitré Dinev den Begriff "migrantische Literatur" demütigend und "rassistisch". Zum wirklichen Skandal taugte die Raubkunst-Affäre bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen nicht, muss die SZ nach einem Expertenbericht einräumen. VAN beerdigt das repräsentative Zeitalter des Klassischen Konzerts. In seinem Film "Yes" über Israel nach dem 7. Oktober bricht Regisseur Nadav Lapid alle Tabus, staunt die FR.
12.11.2025. Bundespräsident Steinmeier bittet seinen Amtskollegen Abdelmadjid Tebboune um Begnadigung von Boualem Sansal, melden die Zeitungen. Die SZ fragt, ob deutsche Verlage heimlich Literatur aus Israel boykottieren. Die FR bestaunt in Berlin die ersten Readymades der Literatur, geschaffen von Raoul Hausmann. Die taz empfiehlt die Kompositionen von Emilie Mayer als Mittel gegen Novemberblues. Außerdem gratulieren die Zeitungen Neil Young zum Achtzigsten und David Szalay zum Booker-Prize.
11.11.2025. Die FAZ schließt in der Hamburger Inszenierung von Michail Glinkas Oper "Ruslan und Ljudmila" die Augen und hört lieber nur der Musik zu. Die SZ guckt hin und lernt, wie sich ein Machtapparat zum Unterdrückungsregime entwickelt. Die NZZ feiert den schwedischen Klarinettisten und Performancekünstler Martin Fröst. In der FR erklärt die angolanische Architektin Paula Nascimento, warum 2027 so viele afrikanische Künstler auf der Sharjah Biennale in den VAE zu sehen sein werden. Der Standard meditiert über den Wiglwagl der Filmkritik.
10.11.2025. Die Kritiker besuchen eine rechte Buchmesse in Halle und sind verwirrt: warum werden hier "formschöne Zigarrenschneider" gezeigt? Die taz entdeckt im Weltkulturenmuseum Frankfurt die Comics afrikanischer Zeichnerinnen und ihre Sheroes. Jean Nouvel schuf für die Fondation Cartier laut Tagesspiegel eine Arena für radikale Kunsteinfälle. Stefan Kaegi rettet in "Die Zauberformel von Zürich" am dortigen Schauspielhaus laut Nachtkritik und pünktlich zu Weihnachten die Gletscher und den Frieden.
08.11.2025. Das Unheimliche entsteht durch das absolut Gute, lernen die hingerissenen Filmkritiker in der neuen Serie "Pluribus". In der FAS notiert der Architekt Gunnar Klack erleichtert das vorläufige Ende des saudischen Mammut-Bauprojekts Neom, für ihn ein maximal ungleiches Fortschrittsmodell. Die taz besucht Theater in der Ukraine, die Welt im Kosovo. Die FAZ blickt auf Lovis Corinths "Kuhstall" und fragt sich: Ist das schon Abstraktion? Die Musikkritiker versuchen immer noch, zu Rosalía zu tanzen.
07.11.2025. Die SZ besucht eine Ausstellung der designierten Documenta-Kuratorin Naomi Beckwith - mit viel French Theorie. Der NZZ bleibt in Lausanne das Lachen im Halse stecken, spätestens wenn sie sieht, wie Felix Vallotton Frauen darstellte. Die taz zweifelt, ob die saudische Desertrockband Seera wirklich eine Kulturrevolution auslösen kann. Die FAZ hört beim Festival Wien modern "dead wasps in the jam jar".
06.11.2025. Die taz fragt sich, woher das plötzliche Kunstinteresse des usbekischen Präsidenten Shavkat Mirziyoyev kommt: Will da jemand von der Menschenrechtsproblematik im Land ablenken, fragt sie. Die FR erkennt in Rüsselsheim: Auch Simone de Beauvoirs Schwester Hélène kämpfte für Frauen - in Gemälden. Die Welt rauft sich die Haare, wenn jetzt plötzlich 200 Kasernen reaktiviert werden sollen, die man vorher ungeniert verfallen ließ. Die Zeit erleidet mit Florian Lutz und seiner Inszenierung von Verdis "Aida" in Kassel Schiffbruch. Die NZZ verliebt sich in Agnieszka Hollands Biopic "Franz K." in den Schauspieler Idan Weiss.
05.11.2025. Ganz sicher ist die FAZ nicht, was sie davon halten soll, wenn etwa beim ukrainischen Literaturfestival Meridian alle Einflüsse russischer Kultur getilgt werden. Backstage Classical rechnet indes mit Justus Frantz ab, der sich ungeniert Putin andient. Die taz erinnert an die absurden Zensurmaßnahmen zu Sowjetzeiten. Außerdem reitet die FAZ in Potsdam durch 4.000 Jahre Geschichte des Einhorns. Der Tagesspiegel zündet ein Diskursfeuer um Koranverbrennungen mit Mehmet Akif Büyükatalays Film "Hysteria".
04.11.2025. Wie trauert Albert Camus um Algerien, fragt Dan Diner in seiner Sigmund-Freud-Preisrede, abgedruckt in der FAZ. FAZ und FR schälen den Boris in Keith Warners Frankfurter "Boris Godunov"-Inszenierung aus dem Fabergé-Ei. Monopol lernt in einer Ausstellung in Frankfurt, was "Solastalgie" bedeutet. Die Kritiker lassen sich von Kleber Mendonça Filhos Palme-d'Or-Gewinner "The Secret Agent" über die brasilianische Militärdiktatur in eine paranoide Grundstimmung bringen.
03.11.2025. Die FAZ veröffentlicht die Büchner-Preisrede von Ursula Krechel, die an Georg Büchners Schwester und frühe Feministin Luise Büchner erinnert. In Bochum lassen sich die Kritiker von Jette Steckels Ágota Kristóf-Inszernierung erschüttern. Bach-Enthusiasten haben sich in Leipzig versammelt, wo auch die SZ zugegen war, um Johannes Lang 22 Stunden dabei zuzuhören, wie er das komplette Orgelwerk des Komponisten aufführt. Und die Zeitungen trauern um den Schauspieler Tchéky Karyo.
01.11.2025. Die Filmkritiker applaudieren Kleber Mendonça Filhos Noir-Thriller "The Secret Agent" über die brasilianische Militärdiktatur, der eine Gesellschaft am Abgrund zeigt. Die FAS skizziert die Kampagne der politischen Rechten in Israel gegen Shai Carmeli-Pollaks Film "Das Meer". In der deutschen Nachkriegsgeschichte drohte nie ein neuer Faschismus, konstatiert der Schriftsteller Peter Schneider in der Welt. Die FR bewundert in Frankfurt farbprächtige Comics aus Afrika. Und alle feiern das neue Album von Florence and the Machine.