Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Juni, 2016

Apollinische Architektur - dionysischer Exzess

30.06.2016. Ben Wheatleys "High Rise" ist der Film der Stunde, versichern die Filmkritiker unisono. Die taz bewundert den mit grazilen Gesten dargebotenen Betroffenheitspop Anohnis. Warum bauen die Internetgiganten so uninspirierte Headquarters, fragt die SZ. Die Theaterkritiker streiten über die Aktion "Flüchtlinge fressen": War es wie eine Scheinerschießung oder doch ein gelungener Appell an Empathie?

Das Geräusch ist elementar

29.06.2016. In der Welt erzählt Hallgrimur Helgason die isländische Sommersaga mit schwedischer Disziplin. Wie leer darf eine Geste bleiben? fragt der Guardian mit Blick auf Renzo Pianos Athener Kultur-Akropolis, die bis auf Weiteres fast nur aus Licht und Luft besteht. SZ und FAZ lassen sich in Basel vom modernisierten Stockhausen-Sound überwältigen. Der Tagesspiegel erkundet in der Berliner Gemäldegalerie Spaniens goldenes Zeitalter. Und alle freuen sich über den Büchner-Preis für den Lyriker, Plattensammler und Wörterbuch-Junkie Marcel Beyer.

Ein heiliger Ernst umweht die Dramen

28.06.2016. Aktuell: Marcel Beyer erhält den Büchner-Preis 2016. Finesse und Fanatismus der Religionen erlebt die Welt in einer Lyoner Inszenierung von Jacques Halévys Oper "La Juive". Der Standard fragt: Kann das Lächeln der Kollegen Arbeit sein? Die SZ gelangt über die Avantgarde und die Dunkelkammern der Psyche zu Gertie the Dinosaur. Die taz hätte in der Hamburger Elbphilharmonie beinahe wieder den Glauben an Ästhetik, Zweckfreiheit und Feinsinnigkeit gefunden. Und zur Trauer um Götz George kommt nun auch die um Manfred Deix und Bud Spencer.

Ein Deutschlandkörper

27.06.2016. Der Tod Götz Georges stürzt die Feuilletons in Trauer: Zeit Online lernte von ihm alles über das Karrieremachen in Deutschland, die FR alles über ungeschönte Maskulinität. Die NZZ erlebt in Basel die Befreiung Stockhausens von sich selbst. Die Presse warnt vor Brutalismus. Die FAZ erklärt sich das Brexit-Referendum mit der literarisch immer gepflegten Exzentrik der Insulaner. Die SZ fragt dagegen: Wo war eigentlich der britische Wutpop? Der Tagesspiegel hält für möglich, dass jetzt auch die Volksbühne aus Berlin austreten wird.

Glamouröse Schmuddeligkeit

25.06.2016. Die Feuilletons stellen sich hinter den designierten Volksbühnen-Intendanten Chris Dercon: Schluss mit der Verleumdung, lasst ihn erstmal machen, ruft die taz. Tribunal, meint die SZ. Die Welt lernt in Eisenach Johann Sebastian Bachs judenfeindliche Seite kennen. Empört euch lieber an der richtigen Stelle, schreibt Sieglinde Geisel auf tell den Kritikern der Aktion "Flüchtlinge fressen". Die Welt lacht über orakelnde Autoren.  

Im Angesicht des nahenden Endes

24.06.2016. An der Volksbühne präsentiert Herbert Fritsch die "Apokalypse" als langen, bösen Witz. Hat sich Michel Houellebecq in die Gemütlichkeit verabschiedet, fragt der Tagesspiegel vor den Fotos des Autors. Nie war der Literaturbetrieb so kommerzialisiert, ruft in der NZZ Leopold Federmair. Die Kunstavantgarden des 20. Jahrhunderts waren nicht Maler, sondern Comic-Künstler, lernen wir in der Frankfurter Schirn.

Unaufhebbare Verzweiflung des Lebendigseins

23.06.2016. Im Streit um die Volksbühne fragt die Zeit: Ist sie nicht schon längst Teil der Eventkultur, die sie beklagt? Die Filmkritiker amüsieren sich mit Yorgos Lanthimos' absurdem Liebesfilm "The Lobster". Warum Sony Deutschland solche Filme nur ins Kino bringt, wenn es dazu gezwungen wird, versteht die taz einfach nicht. Fader prophezeit mit dem französischen Duo PNL eine neue Ära des Rap. In der FAZ liest Stephan Wackwitz noch einmal die Essays von Wilhelm Lehmann.

Tendenz zum Spektakulären

22.06.2016. Im Tagesspiegel erklärt Regisseur Herbert Fritsch, dass es der Volksbühne nicht darum geht, Chris Dercon wegzumobben, sondern das Haus zu erhalten. Claus Peymann rät, den Mann einfach auszuzahlen. Guardian und Open Culture feiern die Pionierinnen der elektronischen Musik, deren Kompositionen schon von der Nasa ins All gesendet wurden, um die Außerirdischen zu besänftigen. Und zum Achtzigsten darf Kris Kristoffersen noch einmal mit Isabelle Huppert Walzer tanzen.

Die extremen Höhen sitzen absolut sicher

21.06.2016. In einem offenen Brief protestiert die Belegschaft der Volksbühne gegen ihre unfreundliche Übernahme durch Chris Dercon. Politik und Theater erleben FR und FAZ auf der Bundeserpressungskonferenz des Zentrums für politische Schönheit. Im Perlentaucher erhebt Wolfgang Ullrich Einwände gegen die Kunst des guten Gewissens. Die NZZ spaziert mit Random International trocken durch den Regen und geht vor den Koloraturen Pretty Yendes in die Knie.

Raumschiffartig verglast

20.06.2016. Die Welt feiert in Zürich die heitersten und bösesten Triumphe des Francis Picabia. Die Presse erzählt von der unverhüllten Liebe der Wiener Maler zur Fotografie. Die FAZ entdeckt Schichten der Brutalität in der Fondaco dei Tedeschi in Venedig. Die NZZ fragt, was die ungarische Regierung im Burgviertel von Buda plant. Rodrigo Garcias Berliner Inszenierung der "Entführung aus dem Serail" stößt auf allgemeines Haareraufen.

Wer leben oder sterben soll

18.06.2016. Auf der Manifesta erinnert Teresa Margolles an die in Ciudad erschlagene transsexuelle Prostituierte Karla. In Berlin will das Zentrum für politische Schönheit Flüchtlinge den Tigern vorwerfen. Die Serie "Orange Is The New Black" lügt nicht: Auch im Gefängnis ist sexuelle Gewalt gegen Frauen üblich, lernt das Mic Magazin. Mehr Respekt für Rudolf Borchardt und eine Veröffentlichung seines kürzlich entdeckten freizügigen Romans, fordert in der FAZ Gerhard Schuster vom Rudolf Borchardt Archiv. Die Welt erinnert an den stürmischen Gespenstersommer von 1816.

Des faulen Architekten Antworten

17.06.2016. Die Briten verstehen es, ihre Museen zu viel geliebten öffentlichen Plätzen zu machen, schwärmt die Welt vor der erweiterten Tate Modern. Leider ist die Sammlung im Innern ein politisch korrektes Unglück, meint die FAZ.  Die SZ lässt sich von der Filmregisseurin Uisenma Borchu verführen. Das tell Magazin unterzieht Shumona Sinhas Roman "Erschlagt die Armen" einem Page-99-Test. Die NZZ bewundert neue Wolkenkratzer.

Wir brauchen ein bisschen Freiheit

16.06.2016. "Zur Hölle mit der Hymne!", ruft aus der FAZ Per Leo den deutschen Fußballern zu. Die SZ porträtiert den palästinensischen Produzenten Khalil al-Mozayen, der gegen den Widerstand der Hamas ein Filmfestival in Gaza organisiert. Der Freitag entdeckt in den Fotografien Mohamed Bourouissas die Schönheit der Banlieue. Auf Begeisterung stößt Keiichi Haras Animationsfilm "Miss Hokusai", der die Kritiker in eine Welt der Sinne stürzen ließ. Und die NZZ taucht mit den Ama-San nach den Früchten des Meeres.

Text fixiert an der Wand

15.06.2016. Nationale Identität und Geschichtsschreibung stehen im Mittelpunkt auch von Theatermachern in Seoul, Singapur, Tokio und Bangkok, lernt die taz beim Braunschweiger Festival Theaterformen. Schauspielen hat nichts mit Zuständen zu tun, erklärt der Schauspieler Nicholas Ofczarek in der NZZ. Die SZ besucht eine Stoffmanufaktur für afrikanische Muster in den Niederlanden. Im Tagesspiegel staunt Charles Simic über die explodierende Lyrikszene in den USA. Und: Claude Brasseur, Anna Karina und Sami Frey tanzen den Madison.

Kunst verändert nichts

14.06.2016. Der Standard blickt von außen auf die Grenzen Europas. Tagesspiegel und taz kommen ganz verzaubert aus einer märchenhaften "Cendrillon"-Inszenierung an der Komischen Oper in Berlin. Die NZZ liest Ali Smith. Der Guardian lernt mit Herzog und de Meuron den Betonbunker zu lieben. Critic.de sucht das subversive Moment von Kommissar X.

Nichts wirkt künstlich hier

13.06.2016. In der FAZ erlebt Najem Wali einen Literaturworkshop für Frauen in Basra als eine Welt gellend vor Freude und Freiheit. Die taz geht mit der Künstlerin Gülsün Karamustafa lieber doch nicht ins Hamam. Die SZ erlebt bei einer "Pique Dame" in Amsterdam einen extra schwarzen Sieg der Vernunft. Die Welt betrachtet noch einmal die Bilder von der Berliner Mauer. In der Berliner Zeitung erinnert Wolfgang Müller an das Berliner Nachtleben der achtziger Jahre am Kotti. Im Standard fragt Tex Rubinowitz, warum die Briten eigentlich immer so schreien.

Ein winziger Flash des Unwahrscheinlichen

11.06.2016. Die Feuilletons haben sich auf der Manifesta 11 in Zürich umgesehen: Der taz sind die Künstler zu traditionell, die Welt vermisst das Geheimnis. Tate-Modern Leiterin Francis Morris fordert in der FAZ ihre Kunsthistoriker-Kollegen auf, Vorurteile gegenüber schwarzer Kunst abzubauen. artechock schaut mit dem libanesischen Filmemacher Samer Ghorayeb in die verlassenen Häuser Beiruts. In der Welt lernt Karl Ove Knausgard Individualität bei James Joyce. Und in der taz weiß Stephan Wackwitz, weshalb sich historische Familienromane in Deutschland häufen.

Im Überfluss des Maschinenmöglichen

10.06.2016. Die taz gräbt sich mit den Maulwürfen von Autreche durch die Soundgeschichte des Elektro. Die SZ feiert die große Hannah-Höch-Ausstellung in Mannheim. Der NZZ eröffnen sich bei der Manifesta 11 neue Perspektiven auf den Wert der Arbeit und den weiblichen Orgasmus. Die FAZ blickt mit gemischten Gefühlen auf die Musiktheaterbiennale in München.

Orgelpunkt ist die industrielle Arbeit

09.06.2016. Die taz bewundert die Ruhrpottfotos von Erich Grisar. Chinas Künstler müssen sich vor wütenden Wanderarbeitern, boshaften Dorffunktionären und großen Muttis fürchten, erklärt uns die NZZ. Die SZ wünscht sich mehr Internet im Theater. Wie die digitalen Techniken inzwischen das Kino verändern, erklärt die NZZ, die auch den Einfluss des Kinos auf die Mode untersucht.

Jeder lärmt für sich

08.06.2016. Die FR bewundert die Felsbildmalerei von Chauvet, Altamira und Simbabwe. Der Standard bewundert die Erzählkunst des Comic-Autors Frédéric Pajak. Der Guardian lässt sich von Bjarke Ingels Serpentine Pavillon verschlingen. Die NZZ spielt 15 Stunden "Uncharted 4". Und die taz jubelt über den grandiosen Krach des japanischen Fluxus-Quartetts Marginal Consort.

Traumhaft gleiten die Ideen

07.06.2016. Die SZ bescheidet dem von Unwettern gebeutelten Süden: Naturkatastrophen sind in Wahrheit architektonische Katastrophen in bevorzugter Hanglage. Der Standard erkundet Dummheit und Dekadenz in den Caprichos Francisco de Goyas. Spex feiert Die Heiterkeit, der es niemals einfiele, Alltagsmist roségold anzustreichen. Der Guardian fragt die Ghibli Studios: Können nicht eigentlich auch Frauen Fantasy?

Dieses obskure allumfassende Ich

06.06.2016. Als immergültige Geschichte der Migration und des Familienuntergangs erlebt die Nachtkritik in Recklinghausen Viscontis "Rocco und seine Brüder". taz und SZ genehmigen sich einen Smoothie in der Kreativ-Lounge der Berlin-Biennale. Die FAZ besucht das Literaturfestival in Pristina. Die Zeit erlebt in Schaffhausen ein ganz normales Jazzfestival, nur ohne Testosteron-Östrogen-Front. Der Guardian fragt sich in Manchester, ob Städte ihre Zukunft noch planen können.

Einsamkeit, Unruhe - überall

04.06.2016. In der Welt sucht Jon Fosse nach einem Zustand des Schwebens. Die Jungle World fragt: Warum hasst die Linke Design? Die NZZ lässt sich vom Handwerk des indischen Architekturbüros Studio Mumbai inspirieren. Die taz hört das große Easy in den Songs von Jaakko Eino Kalevi. Nach einem ersten Rundgang über die Berlin-Biennale sind die Kritiker in Welt und taz deprimiert: alles ein großes Proseminar über die Gefahren der Virtuellen Realität.

Hier bröckelt die Sachlichkeit

03.06.2016. Mit der Berlin Biennale erfahren die absurden Gangways in Günter Behnischs Akademie der Künste endlich eine Bestimmung, freut sich der Tagesspiegel. Im Interview mit IndieWire erzählt Regisseur Brian de Palma, warum die Zusammenarbeit mit HBO ein Albtraum war. Die taz betrachtet in München schmächtige Jungskörper in Badehosen in Kenan Karacas Bühnenadaption einer Kurzgeschichte von David Foster Wallace. Europäer können keinen Jazz spielen, behauptet der Saxophonist Brandon Marsalis im Interview mit der NZZ.

Die Entmaterialisierung von Kunst

02.06.2016. Molenbeek könnte geradezu vorbildlich für Europa sein, meint Najem Wali nach einem Besuch des Brüsseler Viertels in der NZZ. In der Zeit erzählt Richard Ford vom Schreiben mit Kristina. Die Berliner Zeitung bewundert die selbst entfremdete Performance Josef Haders als Stefan Zweig. Erinnern als subversiven Akt erlebt die taz vor dem Werk der rumänischen Künstlerin Geta Brătescu.

In der Ferne hinter den Zitronenhainen

01.06.2016. In der NZZ schreibt die syrische Schriftstellerin Samar Yazbek, dass ihr Exil begann, als ihr die Frauen ihrer Familie die Solidarität aufkündigten. Open Culture stöbert in digitalen Schätzen der British Library. Die taz stürzt sich mit Richard Linklaters Film "Everybody wants Some!!" in die Freiheit der achtziger Jahre. Das Art Magazin fährt mit Ai Weiwei Schlauchboot.