Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Januar 2020

Der Ausnahmezustand ist Alltag

29.01.2020. Die Auswahl zum Berliner Theatertreffen steht, und die Kritiker reiben sich die Augen: Sechzig Prozent Frauen gehen nicht zu Lasten der Qualität! Die FAZ erlebt in Santiago de Chile, wie mit der "Flauta Mágica" Fassaden zum Einstürzen gebracht werden.  Die NZZ erkundet im Museum Rietberg die Kluft zwischen Kunst und Magie des Kongo. Hyperallergic meldet: Man kann geraubte Kunst auch von sich aus zurückgeben, ganz ohne Regierungsauftrag. Tagesspiegel und Filmbulletin gewahren echte Gottestreue in Terrence Malicks Film "Ein verborgenes Leben".

Einverständnis mit Zeit und Raum

28.01.2020. Tagesspiegel und Berliner Zeitung diskutieren Sasha Waltzs Pirouette, nun vielleicht doch Ballettchefin bleiben zu wollen. Als wirklich gute Idee feiert die taz den Käthe-Kollwitz-Preis für Timm Ulrichs. Die Zeit stellt klar, dass nicht Uwe Tellkamp vom Lingnerschloss ausgeladen wurde, sondern der Veranstalter seiner Lesung, der Verleger Frank Böckelmann. Und die SZ stürzt mit Hollywoods neuem Hang zu Bleakquels in Düsternis und Verzweiflung.

Luftschlösser zum Einstürzen bringen

27.01.2020. Die SZ fragt angesichts fortschreitender Bildoptimierung, wer eigentlich definiert, wie die Welt aussehen soll. taz und Berliner Zeitung lernen wieder die Kunst am Bau zu schätzen. Die Nachtkritik verfolgt in München Christopher Rüpings Kampf gegen die Misanthropie in elf Runden. Die Zeit bewundert die Zärtlichkeit in Greta Gerwigs Neuverfilmung des Klassikers "Vier Schwestern". Im Standard plaudert Rammstein-Musiker Flake über seine seligen Ostberliner Punkzeiten.

Traktiert mit einem rauen Rosshaarlappen

25.01.2020. Fasziniert streifen die Kunstkritiker durch Edward Hoppers Seelenlandschaften in der Fondation Beyeler: Die FAZ erkennt Hoppers magischen Realismus, die NZZ trifft auf lethargische Trump-Wähler. Taika Waititis Hitler-Farce "Jojo Rabbit" teilt die Filmkritik: Fragwürdig, meint der Filmbulletin, die Jungle World lernt das wenig beachtete Pop-Deutschland der Nazis kennen. Die taz lernt von Hildur Guðnadóttir, wie aus einem kleinen Düdüdü Musik wird. Und die Feuilletons verabschieden mit Gudrun Pausewang eine der letzten mahnenden Stimmen in der Literatur der alten Bundesrepublik.

Fröhlich zerdieselnde Kreuzfahrtschiffe

24.01.2020. Die Welt feiert mit Lizzo und Billie Eilish die neuen weiblichen Popstars. Die SZ porträtiert den Pianisten Alexandre Tharaud als Nomaden, der Freunde mit Flügeln sucht. Zeit online freut sich, dass auch die neue Star-Trek-Serie dem Pazifismus verpflichtet bleibt. Die FAZ fragt: Müssen Theaterbauten so teuer und das Personal so billig sein?

Man kommt, wenn es brennt

23.01.2020. Nach nicht einmal einem Jahr werfen Sasha Waltz und Johannes Öhmann die Intendanz des Berliner Staatsballetts hin. Ist es überhaupt eine Art, nach so kurzer Zeit das Handtuch zu schmeißen, fragt empört der Tagesspiegel. Die schaudernden Filmkritiker lassen sich von Ladj Ly die "Wütenden" in den Pariser Banlieues erklären. Die NZZ hörte melodische Milde in Reinkultur mit Wolfgang Rihm und Sol Gambetta. Und: die Feuilletons würdigen den großen Architekten Gottfried Böhm an seinem Hundertsten.

Sie sind wirklich sehr rüde

22.01.2020. Malis Rapper sind Rebellen, stellt die NZZ klar, keine Griots, die den Herrschern Loblieder singen. Die taz wagt sich vor ins "Hereroland". FAZ und Welt erleben an der Pariser Oper das Ballett "Streik gegen die Rentenreform". Standard, FAZ und Welt vergnügen sich prächtig mit Taika Waititis poppiger Nazi-Clownerie "Jojo Rabbit", nur ZeitOnline mag nicht mitlachen. Und der Guardian hört betroffen von Ai Weiwei, dass die Deutschen noch immer alle Nazis sind.

So lacht der Sowjetmensch

21.01.2020. Die SZ blickt mit Martin Schoeller Überlebenden des Holocausts ins Gesicht. Die taz erinnert an die tragische Lebensgeschichte des Komponisten Philip Herschkowitz. Die NZZ diskutiert mit Nicolas Stemann die Sprengkraft der Kapitalismusverehrerin Ayn Rand. Süße Todessehnsucht genießt die FR mit "Tristan und Isolde" in Frankfurt, die NMZ erschauert dagegen unter knallhartem Stimmstahl. Tagesspiegel und Standard erkunden mit Ladj Lys Banlieue-Film "Die Wütenden" die Stimmung in Montfermeil.

Alphabet des Weltgeists

20.01.2020. Als Triumph des poetischen Schauspiels feiern FAZ und Nachtkritik Johan Simons' "Iwanow"-Inszenierung mit Jens Harzer. In der Berliner Zeitung ertasten Ingo Schulze und Charly Hübner den geistigen Körper Ernst Barlachs. In der FR verneigt sich Adonis vor Hafez, dem Abtrünnigen und Weintrinker. Die Zeit porträtiert die isländische Komponistin und Cellistin Hildur Gudnadóttir.

Literarischer Edelboulevard vom feinsten

18.01.2020. Die Welt feiert das Genre des Reverse Harem, in dem Frau sich eine Reihe Liebhaber hält. Außerdem empfiehlt sie, lieber Gide als Proust zu lesen. Die Junge Welt folgt der Pianistin Dina Ugorskaja in die Nicht-enden-Wollenden tiefen Pianissimotriller von Schuberts B-Dur-Sonate. Kunst als Dienstleistung, das praktizierten feministische Künstlerinnen mit "Maintenance Art" schon in den Siebzigern, lernt die SZ in einer Düsseldorfer Ausstellung. Dezeen bewundert die multifunktionale Unisex-Mode des finnischen Werkzeugherstellers Fiskars.

Flächige Ästhetiken

17.01.2020. Die SZ fragt, wem das geplante neue deutsche Fotoinstitut eigentlich dienen soll: allen deutschen FotografInnen oder nur den Düsseldorfern um Andreas Gursky? Die nachtkritik feiert Susanne Kennedys und Markus Selgs transhumanistisches Tanztheater "Underworld". Die NZZ bewundert die Gelassenheit der Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Umso gereizter ist der Tagesspiegel, der den Jury-Präsidenten der Berlinale Jeremy Irons als alten, weißen Mann mit reaktionären Ansichten geißelt. Im taz-Interview will die Hiphop-Band Antilopengang auf gar keinen Fall aufs Land, wo es eh nur Faschos gebe. Der Standard meldet einen Aufstand des Chors an der Burg.

So betörende Naturschauspiele

16.01.2020. Migrantische Kunst bedeutet nicht automatisch mehr Diversität, warnt die Zeit. Die SZ sucht multifunktionale Möbel auf der Kölner Möbelmesse. Die FR fühlt in Makoto Shinkais Animationsfilm "Weathering With You" Sehnsucht nach dem Regen. Foreign Policy hört mongolischen Metal mit Kehlgesang und fragt sich, warum chinesische Bands so selten etwas Originelles hinbekommen.

Kleine Dienstwege

15.01.2020. taz und Tagesspiegel feiern die Wiedereröffnung von Schinkels Friedrichwerdersche Kirche, der Berlins Investoren um Haaresbreite das Fundament zertrümmert hätten. Der Guardian feiert mit dem Futuristen Tullio Crali Schnelligkeit und Schönheit. SZ und FAZ setzen sich nur mit Stahlhelm in Sam Mendes Schlachtenfilm "1917". Der Freitag erkundet die Filmszene Kubas. Und Pitchfork tanzt zu Radio Mogadishu.

Keiner ist ein bisschen verrückt

14.01.2020. Der Tagesspiegel feiert in Hamburg mit Goya, Tiepolo und Fragonard den Aufbruch in die Freiheit. NZZ und Nachtkritik erleben mit dem Ayn-Rand-Musical "Streik" in Zürich einen Raubtierrausch. Die FAZ berichtet von randalierenden Nazis im Dresdner Kabarett Herculeskeule. In der NZZ fragt Lizzie Doron, wo die Schweiz eigentlich schräge Ideen hernimmt. Im Standard sperrt sich Paavo Järvi dagegen, Tschaikowsky russisch klingen zu lassen.

Klarheit, Kontrast und Proportion

13.01.2020. Der Tagesspiegel schlägt sich trotz des Pariser Streiks bis in die Vororte durch und erlebt mit Joël Pommerat in Nanterre Jugend und Intelligenz. Der Standard wohnt in Graz einer etwas halbherzigen Teufelsaustreibung bei. Die taz sieht in Hamburg, wie Schönheit in Ideologie umschlägt. Die FAZ amüsiert sich in den Uffizien über die "Edelfederpolemik" Pietro Aretinos.

Quellformen der Wolken

11.01.2020. Die SZ rettet mit Jan Derksen bedrohte Geräusche. FAZ und Tagesspiegel liegen einem erstaunlich zärtlichen Daniel Barenboim zu Füßen. Die NZZ lernt die Zukunft des Museums im neu erweiterten MoMA kennen. Der Tagesspiegel staunt, wie Lois Alexander bei den Berliner Tanztagen schwanengleich die Klimakrise tanzt. In der Literarischen Welt stört sich der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch an der hohen Moral in der Neuübersetzung von Margaret Mitchells "Vom Wind verweht". Und die SZ sehnt sich nach einem Plan für die Berliner Bauakademie.

Die Schreie von Paris

10.01.2020. Die Presse lässt sich gediegen von Sam Jinks provozieren, der die biblische Sara im Wiener Dommuseum ein Kind gebären lässt. Die SZ erlebt amüsiert, wie Checco Zalone in seinem Film "Tolo Tolo" einen Italiener nach Afrika flüchten lässt und ganz nebenbei italienischen Familiensinn zerlegt. Die FAZ bewundert die Ziegenköpfe von Emmanuel Boos.  Die taz lässt sich frische Muscheln von Marcel Prousts Concierge servieren. Und die SZ gratuliert Rimini Protokoll zum Zwanzigjährigen.

Gold, Blau, Weiß, Rot und Grau

09.01.2020. Die FAZ hört das Unheil im stummen Sound von Teiji Itos Musik für Jessica Hausners Horrorfilm "Little Joe". Die staatlichen Bühnen der Türkei werden offenbar politisch gesäubert, fürchtet der Tagesspiegel. Ähnliches geschieht in Polens Zentrum für Zeitgenössische Kunst, warnt die New York Times. Dort soll man künftig konservativ, patriotisch, familienfreundlich malen. Der Standard begutachtet Underground-Kunst in der Moskauer "Garage". War die Berufung des SPD-Politikers Florian Pronold zum Gründungsdirektor der Berliner Bauakademie nur Hinterzimmerpolitik, wie die FAZ meint? Zeit online protestiert und lobt Pronolds interdisziplinären Ansatz.

Angst vor den eigenen Schatten

08.01.2020. Die FAZ lässt sich in Krefeld von Sonia Delaunay, Natalja Gontscharowa und Josef Albers vor Augen führen, wieviel die Avantgarde der Folklore verdankt. Die SZ baut für die Zukunft auf das fein duftende und quasi feuerfeste Lärchenholz. Der Standard porträtiert die Wiener Choreografin Elisabeth Bakambamba Tambwe. Der Filmdienst erkundet mit Bruno Dumont die Mechanismen der Ekstase. Extrem gut gestylt findet ZeitOnline Melina Matsoukas Film "Queen & Slim", eine schwarze Version von "Bonnie & Clyde".

Nioi to Seki. Nuuska ja Yskä

07.01.2020. Der Guardian erzählt, wie Hilke Wagner Nazis und Kunstfeinde in Dresden entwaffnet. Der Standard feiert die Rückkehr des Antwerpener Theaterkollektivs Tg Stan nach Wien. Dort entdeckt auch Tex Rubinowitz das geheime Band zwischen Finnland und Japan. SZ und Tagesspiegel resümieren die Golden-Globes-Verleihung, bei der Hollywood noch einmal Netflix auf den Rang verwies. Die Feuilletons trauern um den großen Nonkonformisten,  Lakoniker und Antiperfektionisten John Baldessari.

Sie kneten Brot

06.01.2020. Die FAZ fragt, warum Designer nicht mehr für die Freiheit der Bürger arbeiten, sondern zur Verschleierung des Überwachungsapparats. Der Tagesspiegel staunt vor dem Palais de Lomé, wie wenig brutal deutscher Machtanspruch einst wirken konnte. Die Nachtkritik erschrickt mit Milo Rau in Gent vor dem Unglück der Familie Demeester. ZeitOnline stürzt sich in chinesische Fantasy-Literatur. Und das ND erlebt mit Extrem-Metal eine Transzendenzerfahrung.

Nichts als Liniengekräusel

04.01.2020. Der Tagesspiegel möchte Goya, Velazquez, el Greco nach einem Besuch im Prado gern noch die Malerinnen Sofonisba Anguissola und Lavinia Fontana zur Seite stellen. Die SZ feiert die zerfließenden Grüntöne Richard Gerstls. Hyperallergic verfällt den Youtube-Videos der Kostümhistorikerin Bernadette Banner. Der Filmdienst glaubt fest an die Zukunft des Kinos. Die interessantesten Bücher der neuen Saison sind von Frauen geschrieben, versichert die Welt.

Blüten auf den Ruinen des Kongo

03.01.2020. Die taz porträtiert den verstorbenen kongolesischen Maler Roger Botembe und seinen Transsymbolismus. Mode war immer schon multikulti, lernt die begeisterte FAZ in einer Leipziger Ausstellung über 1500 Jahre Stickerei. In der NZZ erklärt der Schweizer Autor Luke Wilkins seinen selbst gewählten Status als "bewusster Paria". Die SZ lässt sich von Volker Löschs "Fidelio" nach Nordsyrien versetzen - keine Erholung für die Sonntagsseele. Die Zeit entwickelt eine ungewohnte Zärtlichkeit für Max Goldt. Die Filmkritiker feiern Renée Zellwegers Judy Garland.

Mangel an Zwischentönen

02.01.2020. Die SZ erkundet von der Elfenbeinküste aus den afrikanischen Musikmarkt. In der taz erklärt die Dokumentarfilmerin Valentina Primavera, wie verquer und roh in Italien Genderfragen diskutiert werden. Die FR vermisst die Musik in einer Doku über Miles Davis. Die FAZ liest drei Comics über das Leben nach dem Tod. Die Welt bewundert die Londoner It-Girls der 1920er. Und: die Feuilletons trauern um Harry Kupfer.