Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Juni 2018

Der Tanz ist in den Shifts

20.06.2018. Offiziell wird der neue Berlinale-Chef erst am Freitag bekannt gegeben, inoffziell sind IndieWire und Tagesspiegel schon ganz glücklich mit der wahrscheinlichen Entscheidung für Carlo Chatrian, bisher Chef des Festivals von Locarno. In der taz erklärt die Choreografin Meg Stuart die Energiewende im Tanztheater. Die SZ erlebt in Paris die Befreiung der Architektur durch Junya Ishigami. Und der Standard lernt von Beyoncé und Jay-Z, dass auch Musik vor Geld stinken kann.

Nur mit etwas zu viel Wobble

19.06.2018. Die SZ erkundet in Frankfurt mit Lucian Freud und Frank Auerbach das im Fleisch verborgene Individuum. Der Guardian versucht Christos Grabpyramide im Hyde Park zu enträtseln. In der Jungen Welt nimmt sich Anke Stelling die Platzhirsche der Debattenkultur vor. In der FR spricht Linn Ullmann über 10.000 Tonnen Zement, die auf ihr lasten. Und die NZZ feiert Harry Kupfers Berliner "Macbeth"-Inszenierung mit Anna Netrebko und Plácido Domingo als Sternstunde der Oper.

Zum Mitsingen und Mitklatschen

18.06.2018. In Berlin tagte der große Kongress zur Zukunft der Volksbühne, und die Kritiker erleben wie selten Theater als Wunscherfüllungsmaschinerie. In der NZZ erklärt Teju Cole, wie ein Netzwerk aussieht, das nicht Cyber ist. In der Zeit ruft Tina Uebel: Die politische Korrektheit ist aus dem Ruder gelaufen. Der Standard versucht, sich nicht beim Blick auf Lena Henkes Bilder ertappen zu lassen. FAZ und taz ärgern sich über die Entscheidung der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft, das Verfahren gegen Farid Bang und Kollegah einzustellen.

Die Tauben auf dem Campus füttern

16.06.2018. Die NZZ taumelt - beseelt von der Manifesta - im Konfettiregen durch Palermo. Das Böse im amerikanischen Kino gewinnt wieder an Kraft, stellt der Standard mit Blick auf Ari Asters Horrorfilm "Hereditary" fest. Die Berliner Zeitung huldigt der ruppigen Poesie Valie Exports. Zum Bloomsday sucht die SZ den gelehrten und hinreißend schrulligen Joyce-Herausgeber John Kidd. Und große Trauer herrscht in allen Feuilletons um den großen Entzauberer Dieter Wellershoff.

Ganz neue Dichter bauen

15.06.2018. Klaus Dörr bleibt bis 2020 Interimschef der Volksbühne. In der Stuttgarter Zeitung spricht er über weitere Pläne. Der Tagesspiegel erfreut sich mit Luigi Ghirri an der Vergnügungssucht im Nachkriegsitalien und feiert Kindergeburtstag mit Iron Maiden und Winston Churchill. Die FAZ durchschaut Steve Bannons Agitprop in Rotterdam. Und die NZZ spielt mit einem Playmobil-Fontane.

Essenzielle Irritation der Seele

14.06.2018. Im Guardian erklärt Jürgen Teller, weshalb seine derzeit in Moskau gezeigte Fußball-Ausstellung von den Russen für Kinder verboten wurde. Die SZ staunt, wie gelassen die Kunstszene in Istanbul mit Erdogan umgeht. In der Welt schimpft der Architekt Rob Krier über Baukriminalität im modernen Städtebau. Im Logbuch Suhrkamp setzt Svenja Leiber die Literatur der Minoritäten gegen die Normierungssucht durch Sprachregeln. Und der Standard erlebt mit Zeal & Ardor, wie gut Black Metal und Gospel zusammen funktionieren.

Grünlich erbleichte Zuschauer-Kohorten

13.06.2018. Die SZ blickt auf die Arbeit der Gruppe Forensic Oceanography, die für die Biennale Manifesta in Palermo den Fall um das Rettungssschiff Juventa rekonstruiert. Die NZZ wagt sich bei der Art Basel auf ein subversives Champagnerfrühstück. Die New York Times wirft einen ziemlich kritischen Blick auf die Berlin Biennale. Die taz verneigt sich vor dem italienischen Theatermacher Roberto Ciulli und seinen roten Clowns. Die FAZ bekommt beim Bachfest in Leipzig etwas zu viel tröstliche Wärme.

Die hellsichtige Kehrseite der Idiotie

12.06.2018. Der Guardian bewundert Frida Escobedos Luft und Licht atmenden Sommer-Pavillon für die Serpentine Gallery. Die NZZ erkennt: Für den Umbau von Nachkriegsarchitektur braucht man nicht nur Geld, sondern Liebe. Die SZ bäumt sich mit Visconti und Antonioni noch einmal vor dem Nichts auf. Die taz besucht die Fotografien Erika Diette, die den Schmerz der kolumbianischen Gesellschaft dokumentiert. Und die FAZ erlebt in Paris Martin Margiela als den Meister des soignierten Understatements.

Lässt sich Schönheit subversiv einsetzen?

11.06.2018. Auf ZeitOnline erklärt Annette Hess, wie ARD und ZDFdie Kreativität der Drehbuchautoren verhindern.  Standard und taz begeben sich bei den Wiener Festwochen mit Kornél Mundruczó auf Winterreise entlang der Balkanroute. Der Tagesspiegel blickt mit Astrid Kleins Fotoarbeiten in den Deichtorhallen auf männliche Trophäen und willige Sexualpartnerinnen. Die SZ  entwickelt bei der musica viva einen leichten Überdruss an der Staastopernmacherei männlicher Riesenegos.

Therapie statt Revolte

09.06.2018. Heute eröffnet die Berlin Biennale: Beklemmend, anregend, aber auch sehr identitätspolitisch, finden die KritikerInnen. Macht Lust auf den postkolonialen Diskurs, meint der Tagesspiegel. Die Welt berichtet, wie die Pariser Bouquinisten an der Seine mit Pornoheften und Kochbüchern ums Überleben kämpfen. In der FAZ träumt Georges-Arthur Goldschmidt von verbotener Literatur. Die SZ feiert ein bislang verschollen geglaubtes Studioalbum von John Coltrane. Und die Welt blickt in quietschbunte Interieurs in Nordkorea.

Die ganze Welt im Kopf

08.06.2018. Etwas weniger Meta und dafür mehr Oum Kulthum hätte Shirin Neshats Film über die ägyptische Diva gut getan, seufzen die Kritiker. Im DLf-Kultur stellt Gabi Ngcobo klar, dass sie die Berlin-Biennale nicht mit "südafrikanischem Blick" kuratiert hat. SZ und Standard hören schrillen Pop aus Korea: Das Ende der Musikgeschichte, meinen sie und hinter die Kulissen will man lieber auch nicht schauen. Und Hyperallergic staunt über Kunst, die aus Überwachungskameras kommt.

Die Aura des feierlich rufenden Horns

07.06.2018. Im Standard setzt Alexander Kluge auf die Kraft der Poesie zur Rettung des in Not geratenen Illusionstiers. Die taz begibt sich mit Anna-Sophie Mahlers CapriConnection in München auf die Suche nach den Ursprügen allen Übels. Die FR fragt, warum die Architektur nicht mehr in Stadträumen denkt. ZeitOnline diskutiert weiter über die Houellebecq-Verfilmung "Unterwerfung". Und in der FAZ stellt Helmut Lachenmann klar: Ein Komponiste ist kein Sender, sondern ein Empfänger.

Demaskierung des Intellektuellen

06.06.2018. Heute Abend zeigt die ARD die Verfilmung von Michel Houellebecqs "Unterwerfung". Im Perlentaucher meint Necla Kelek, der Film distanziere sich feige von der Dystopie eines islamisierten Frankreichs, die Welt hört hingegen einen zutiefst humanen Weckruf. Im Tagesspiegel spricht Get Well Soon über Frank Sinatras frühe Konzeptalben. Die SZ erlebt das neue Museum der bayrischen Geschichte als riesige Dunkelkammer. Und im Standard spricht Alexander Kluge über den Luxus der Liberalität.

Je femininer eure Waden, desto schöner

05.06.2018. In Thomas Ostermeiers Berliner Inszenierung von Edouard Louis' "Im Herzen der Gewalt" erlebt die SZ die ganze Härte sozialer Differenz. Vor der Eröffnung der Berlin Biennale am Wochenende denkt die taz darüber nach, worin die emanzipatorische Kraft postkolonialer Kunst steckt.  Die Zeit lernt von der Gangsta-Rapperin Schwesta Eva über die Rohheit  des Geschäfts so viel wie sonst nur bei Brecht. Der Standard unterhält sich mit den Filmemachern Hans Block und Moritz Riesewick über die Digital-Malocher auf den Philippinen, die bei Facebook sauber machen. 

Machen wir das Beste daraus

04.06.2018. Der Standard lernt von Yona Friedman, dass die Architektur der Zukunft ohne Stadtzentrum auskommt. Die SZ findet derweil Mannheims neue Kunsthalle ziemlich großartig, die mit einer Jeff-Wall-Schau auch sehr gelungen eröffnet wurde, wie die FAZ befindet. Im Freitag erklärt Liao Yiwu, dass die Unfreiheit seiner Freunde in China auch seine eigene ist. In der Berliner Zeitung erkennt Shirin Neshat: Arabische Ikonen leben länger als westliche.  Critic.de bedauert das Ende der schrankenlos streitbaren Sitcom "Roseanne". Und ZeitOnline beobachtet Kanye Wests Flucht in die Bipolarität.

Ins Vergangene und ins Künftige

02.06.2018. In der NZZ denkt Iso Camartin über Musik und Zeit nach. Im Freitag erinnert sich Bernd Cailloux an das Glück, 1968 im Düsseldorfer Creamcheese zu tanzen. In der taz erzählt der Bauhistoriker Robert Conrad von seiner Leidenschaft für verwunschene alte Häuser. Im Intellectures-Interview denkt die Schriftstellerin Lucy Fricke über Frauen um die vierzig nach. Die NZZ bewundert die Körperbilder Maria Lassnigs. Die taz porträtiert den James Dean des Donbass, Serhij Zhadan.

'Zisch' macht der Nebel

01.06.2018. Die Welt setzt sich den ikonischen Verführungen Mika Rottenbergs aus. Zeit Online  weint mit dem Vocoder-Android des Musikers Oneohtrix Point Never. Die nachtkritik wundert sich über die Duckmäuser*innen an deutschen Stadttheatern. Die NZZ liest Lyrik im Internet. Spon sieht eine Netflix-Dokureihe über die islamistischen Terroranschläge 2015 in Frankreich.