Efeu - Die Kulturrundschau

Atlantikgrau in Atlantikgrau

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10.07.2020. Sorry, wir sind zu spät! Wir hatten ein technisches Problem. Der Standard stellt den südafrikanischen Künstler Robin Rhode vor. Die SZ plaudert mit Matthias Lilienthal über ein wegen Corona abgesagtes Mammutprojekt der Kammerspiele, das Bolanos Roman "2666" mit den Olympischen Spielen von 1972 zusammenbinden wollte. Zeit online singt ein hochverdientes Lob der "alten Damen" Elke Erb und Helga Schubert. Die FAZ sieht das ganze Drama des Weltkriegs-Filmdramas "Greyhound" in dem Gesicht von Tom Hanks.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2020 finden Sie hier

Film

Manchmal reicht für ein ganzes Drama schon das Gesicht von Tom Hanks.

Tom Hanks
gibt in dem auf Apple+ gezeigten Weltkriegs-Hochseedrama "Greyhound" mal wieder den Typus besonnen-bescheidener Held, den er im Laufe der letzten Jahre bereits häufiger gespielt hat. Überdies hat er den Film auch selbst geschrieben. Warum man sich das ansehen sollte, weiß ZeitOnline-Kritiker Patrick Heidmann allerdings nicht: Nicht nur solche Figuren "hat man schon häufig gesehen, sondern auch Kriegsfilme wie diesen. Blau, Grau und Schwarz dominieren die Farbpalette. ... Weder visuell noch psychologisch entwickelt Greyhound je unmittelbare Dringlichkeit." Regisseur Aaron Schneider inszeniert "schnörkellos", hält Tobias Kniebe in der SZ fest. An einer Stelle beeindruckt ihn sehr, "wie die Archaik ein sonst sehr technisches Ringen um Leben und Tod entert, das hat etwas Surreal-Geträumtes" - allein, es ist wohl Hokuspokus, wie nach Anfrage beim Deutschen U-Boot-Museum in Cuxhaven klar wird: Hanks sorgte sich wohl, "dass seine Geschichte aus den Entscheidungswelten eines Kriegsschiffskapitäns am Ende zu undramatisch werden könnte, Atlantikgrau in Atlantikgrau, zu sehr über die Distanz, zu sehr ein Raten am Sonar und ein Stochern in der Tiefe." Überzeugter ist Bert Rebhandl in der FAZ: Kein Gramm Fett zu viel, keine Panorama-Epik, hier "spielt das Drama vor allem im Gesicht von Tom Hanks."

Besprochen werden Claude Lelouchs "Die schönsten Jahre eines Lebens" mit Anouk Aimée und Jean-Paul Trintignant (Tagesspiegel), die Netflix-Filmanthologie "Homemade" mit im Lockdown entstandenen Kurzfilmen (ZeitOnline), Uisenma Borchus mongolisches Drama "Schwarze Milch" (Standard), das neue Netflix-Superheldinnen-Franchise "The Old Guard" mit Charlize Theron (Tagesspiegel) und Osgood Perkins' Horrorfilm "Gretel & Hänsel" (taz).
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Kunst

Robin Rhode, Fountain, 2014. © Robin Rhode

Man sollte ein bisschen was über die Geschichte Südafrikas wissen, wenn man die Arbeiten des in Berlin lebenden südafrikanischen Künstlers Robin Rhode in der Kunsthalle Krems betrachtet, empfiehlt Standard-Kritiker Stephan Hilpold. Denn Rhode "nimmt in seinen Fotosequenzen immer wieder Bezug auf die spezifische Geschichte seiner Heimat - zumal auf die Geschichte der Coloured, jener mit besonders vielen Diskriminierungen kämpfenden Community, der er auch selbst angehört." Die meisten Arbeiten von Rhode entstehen in Westbury, einem Ghetto von Johannesburg: "Hier hat der 1976 geborene Künstler Anfang der Nullerjahre eine Hauswand entdeckt, die ihm genauso zur Leinwand wie zum Fotostudio wurde. Gemeinsam mit einer Gang von beinahe zwei Dutzend Schulabbrechern, Obdachlosen oder Drogensüchtigen übermalt, besprüht oder bekritzelt Rhode die Wand für jede künstlerische Arbeit wieder und wieder von Neuem und hält das Ergebnis anschließend mit der Kamera fest. So entstehen Rhodes hybride Kunstwerke, bei denen er sich genauso als Maler, Performer wie auch als Fotograf betätigt. ... Das erinnert genauso an den frühen Film mit seinen slapstickartigen Sequenzen wie an kurze Comics. Nur dass Rhode immer mit doppeltem Boden arbeitet und mit Anspielungen auf die politische Geschichte Südafrika genauso aufwartet wie auf die westliche Kunstgeschichte."

Philipp Meier schildert in der NZZ die unerfreuliche Lage für den Kunstmarkt in Hongkong, in den viele Schweizer Galerien und die Art Basel immer noch Hoffnungen setzen: "Peking selber dürfte indes ein lebendiges Interesse an einem weiterhin florierenden Hongkong haben, zu dessen internationaler Attraktivität wesentlich auch die Kunst beiträgt. Wo aber bezüglich Kunstfreiheit die rote Linie verläuft, werden allein die Machthaber in Festlandchina wissen. Und so ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass Selbstzensur weite Kreise zieht. Was werden die Galerien noch an der Art Basel zeigen, was lieber in ihren Depots belassen? Und was werden sich all die Global Players der weltweiten Galerienszene, die sich hier in prestigeträchtigen Liegenschaften eingemietet haben, getrauen, künftig an Ausstellungen auszurichten?"

Weiteres: In der FAZ gratuliert Kolja Reichert dem amerikanischen Künstler Jimmie Durham zum Achtzigsten.
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Literatur

Warum sind Elke Erb, die in diesem Jahr den Büchner-Preis erhält, und Helga Schubert, die in Klagenfurt ausgezeichnet wurde, bei der jüngeren literarischen Generation so beliebt, fragt sich Johannes Schneider auf ZeitOnline: Beide "stehen für ein Alter ohne Starrsinn und Dünkel. Sie senden keine verbitterten Signale aus vermeintlich besseren Zeiten, hegen weder anti-digitale Ressentiments noch eine sonst wie feindselige Gegenwartsangst, sie betreiben keine Rückzugsgefechte, sondern lediglich (teils eigensinnige) Formenerforschung. Die aber ist jeder Anbiederung an Lese- und Themeninteressen der Jüngeren unverdächtig und das Publikum weiß offensichtlich, just diesen Eigensinn zu schätzen. Und so wird aus der Sympathie für die nette Oma am Ende ein hochverdientes Lob der alten Dame."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel wirft Martin Jurgeit einen Blick in die Geschichte des Max-und-Moritz-Preises, der am heutigen Freitag verliehen wird (hier unser Büchertisch mit allen nominierten Comics). In der FAZ gratuliert Verena Lueken der Schriftstellerin Ulrike Edschmid zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Ulla Lenzes "Der Empfänger" (NZZ), Matthias Weichelts Biografie des Schriftstellers Felix Hartlaub (Tagesspiegel) und Sayaka Muratas "Das Seidenraupenzimmer" (SZ).
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Stichwörter: Erb, Elke, Schubert, Helga

Bühne

Wegen der Coronakrise mussten die Münchner Kammerspiele ein Riesenprojekt abblasen, das die Intendanz von Matthias Lilienthal abschließen sollte: Man wollte eine fast 24-stündige Inszenierung von Roberto Bolaños Roman "2666" auf die Bühne bringen und mit Motiven der Olympischen Spiele 1972 in München verknüpfen. Nun wird nichts daraus, aber Nicolas Freund war dennoch neugierig und hat sich für die SZ mit Lilienthal und dessen Dramaturg Christoph Gurk getroffen, um mehr über das Projekt zu erfahren: "Die Tausende ermordeter Frauen im Norden Mexikos, von denen der Roman erzählt, arbeiten meisten in den Maquiladoras, Fabriken oft auch westlicher Firmen, die so billig wie möglich produzieren. Aus ganz Mexiko kommen die Arbeiterinnen hierher, in eine Region, die wegen der Macht der Drogenkartelle praktisch rechtsfreier Raum ist. Lilienthal sieht darin einen Bezug zu München: 'Hier werden die Güter verbraucht, die in den Maquiladoras, den mexikanischen Fabriken mit den billigen Arbeitern produziert werden.'" Was das jetzt mit dem Attentat in München zu tun hat, bleibt allerdings unklar.

Weiteres: Die nachtkritik zeigt heute noch bis 18 Uhr Christoph Rüters Dokumentarfilm von 1991 über Heiner Müllers Arbeit an der Inszenierung "Hamlet | Hamletmaschine" für das Deutsche Theater Berlin. Ab 19.30 Uhr wird dann "War sum up" von Kirsten Dehlholm und ihrer Künstlergruppe Hotel Pro Forma (Kopenhagen) gestreamt. Besprochen wird die Performance-Lecture "Last but not last" der libanesischen Künstler*innen Lina Majdalanie und Rabih Mroué am Schauspiel Leipzig (nachtkritik).
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Musik

Jan Brachmann hat für die FAZ eine neue Studie zum Thema Chöre und Aerosole gelesen, nach der das momentane Chorverbot in Berlin vielleicht fallen könnte: Gemessen wurde insbesondere die Aerosolkonzentration in geschlossenen Räumen unter verschiedenen Lüftungsbedingungen. "Die Berechnungskurven für diese Konzertsäle fielen bei vierzig bis fünfzig Sängern und dreihundertfünfzig bis knapp fünfhundert Besuchern derart günstig aus, dass man sagen kann: Mit maschineller Belüftung lässt sich die Aerosolkonzentration in den Räumen so gut in den Griff kriegen, dass Konzerte durchführbar wären. Ein Problem ist die Fensterlüftung, wie Dirk Mürbe erläutert: 'Den Effekt der Fensterlüftung kann man als Laie ganz schwer einschätzen."

Weitere Artikel: Tazler Julian Weber meditiert über das Wesen des Sommerhits.Thorsten Umme freut sich im Tagesspiegel über den momentanen Chartserfolg der Rolling Stones. Deren Gitarrist Ronnie Wood ist ein aktueller Kinofilm von Mike Figgis gewidmet, der in Tagesspiegel und Welt besprochen wird.

Besprochen werden die Uraufführung einer wiederentdeckten Schostakowitsch-Komposition durch die Pianistin Yulianna Avdeeva (NZZ), Denai Moores neues Album "Modern Dread" (Tagesspiegel) und Sam Prekops neues Album "Comma", dessen "Verkettung repetitiver Strukturen" tazlerin Franzika Buhre "an Laurie Spiegel erinnert." Wir hören rein:

Archiv: Musik
Stichwörter: Coronakrise, Chöre