Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Oktober 2025
31.10.2025. In der NZZ erklärt der iranische Regisseur Jafar Panahi, dass er nicht politisch verstanden werden will, wenn er kleine Revolutionen anzettelt. Die SZ wundert sich im Düsseldorfer Museum Kunstpalast, dass die Pariser Straßen im 18. Jahrhundert offenbar nach gefegtem Heuschober rochen. Der Tagesspiegel betrachtet in Paris derweil andächtig die Gemälde des Barockmalers Georges de La Tour. Nachtkritik und Tagesspiegel fragen sich, warum Yana Eva Thönnes nochmal Paris Hiltons Sex-Tape für die Schaubühne ausgegraben hat.
30.10.2025. In der Zeit erklärt Kamel Daoud der französischen Linken, wie wichtig westliche Werte sind, wenn sie sich "frei bewegen, frei fühlen, frei ausdrücken" will. Luc Bessons Dracula-Adaption fällt bei den Kritikerin durch: Zu viel Spektakel, zu wenig Feinsinn, seufzen FAZ und FR. Nachtkritik und FAZ staunen, wie eindringlich die Kriege in der Ukraine und in Gaza beim Festival "Politik im Freien Theater" auf die Bühne gebracht werden. Und die Welt erkennt das Subversive im Impressionismus dank der Scharf-Collection.
29.10.2025. Yorgos Lanthimos hat mit "Bugonia" einen Film fürs digitale Endzeitalter gedreht, freut sich die taz. Die FAZ sorgt sich darum, dass digitale Kunst nicht genug gepflegt wird. Warum soll ausgerechnet Gazprom-Dirigent Currentzis die höchste österreichische Kunstauszeichnung erhalten, fragt backstageclassical. Geigenbogenbauer haben bald ein Problem, erklärt uns die FR angesichts eines neuen Naturschutzgesetzes, das das brasilianische Fernambukholz zum raren Gut machen wird.
28.10.2025. FR und FAZ entdecken in der Berliner Ausstellung "Netzwerke des Surrealismus" dramatische Geschichte(n) hinter Kunstwerken. Die SZ bekommt von Nürnberger Ballettchef Richard Siegal mit einer Installation in der Kongresshalle in Nürnberg gezeigt, wie man die Geister der Nazis austreibt. Die taz blickt auf Cancel-Culture-Exzesse in den USA. Und die Musikkritiker trauern um eine letzten großen Legenden des Jazz: den Schlagzeuger Jack DeJohnette.
27.10.2025. Die Kritiker sind nicht sehr überzeugt von der revueartigen Betulichkeit, mit der Theresa Thomasberger am Deutschen Theater Berlin Hannah Arendts Leben erzählt. August Diehl, der in Kirill Serebrennikows Film Josef Mengele spielt, will im Welt-Interview nicht unter den Tisch fallen lassen, dass Monster wie Mengele doch Menschen sind. Die taz hofft mit unabhängigen Berliner Kinos, dass mehr Filmklassiker endlich digitalisiert werden. Percy Everett verzweifelt im FAZ-Gespräch ob der Zensur in den USA, die Maya Angelou verbietet und Hitler erlaubt.
25.10.2025. VAN berichtet von einem Streit der Essener Philharmoniker mit der Komponistin Clara Iannotta, deren neue Musik das Orchester nicht spielen will. In der FAZ denkt Wolfgang Matz über Giacometti und die Dichter nach. Und der Literaturwissenschaftler Thomas Kater fragt, ob Siegfried Unselds NSdAP-Mitgliedschaft seine verlegerischen Entscheidungen beeinflusst hat. Die taz berichtet von Protest gegen Milo Raus offenen Brief, der Israel einen "Genozid" vorwirft.
24.10.2025. Die Welt betrachtet in Paris überwältigt die bislang größte Gerhard-Richter-Retrospektive. Die FAZ lernt von Händel, dass Heldentum und Liebe sehr wohl vereinbar sind. Die taz tanzt zu Skizzen des Chicago Underground Duo. Critic.de besucht die Retrospektive des DOK Leipzig, die sich den amerikanischen Filmen widmet, die man dort zu DDR-Zeiten gezeigt hat. Im Interview mit dem Tages-Anzeiger erzählt der Schriftsteller Michael Fehr, was seine Blindheit für sein Schreiben bedeutet.
23.10.2025. Der Perlentaucher sieht in Guillermo del Toros "Frankenstein"-Film einen alchemistischen Wahnsinnsakt mit Höhen und Tiefen, die FR schwärmt von der opulenten Bildgestaltung. Die Zeit untersucht den Hergang der Tat im Louvre und stellt fest: dreister ging es wirklich nicht. Die taz porträtiert die Band "Stoptime", die in Russland Musik gegen das Regime macht. Die FAZ schmökert im neuen "Asterix"-Comic, der mal wieder die Bilanz des Buchhandels retten wird.
22.10.2025. Alexei Ratmanskys in Wien aufgeführtes, technisch atemberaubendes Ballett "Kallirhoe" begeistert die Feuilletons - der FAZ wird schon beim Hinsehen schwindlig. Über Agnieszka Hollands Kafka-Film "Franz K." wiederum streitet die Kritik, der Tagesspiegel zumindest wartet vergebens auf Sinnzusammenhänge. Komplettbegeisterung herrscht über den Umbau der Fondation Cartier in Paris, Chris Dercon vergleicht den Bau im Welt-Interview mit einem kubistischen Gemälde. Dietmar Dath schimpft in der FAZ über Lektoren, die alles Eigensinnige kaputt redigieren. Im Standard gibt ein Kunstmarktexperte nach dem Louvre-Einbruch angehenden Meisterdieben Tipps für den nächsten Coup.
21.10.2025. Besonders überraschend ist der Juwelenraub im Pariser Louvre nicht, konstatieren NZZ und SZ mit Blick auf die lange bekannten Sicherheitslücken. Die taz schaut in Berlin wehmütig auf Fotografien von Daniel Josefsohn, der die Kehrseite des Exzesses so lebensecht und verletzlich einzufangen vermochte. Der Tagesspiegel zieht Oliver Guez' Roman "Das Verschwinden des Josef Mengele" Kirill Serebrennikows Filmadaption vor. Die Welt ärgert sich über ordinäre Eigenheim-Plantagen in Vorstädten. Die FAZ prangert Antisemitismus und Gewalt in der deutschen Hip-Hop-Kultur an.
20.10.2025. Der Louvre ist überfallen worden, ein Teil von Napoleons Juwelen fehlt nun: Erste Einordnungen kommen von der Zeit und der Berliner Zeitung. Die Kritiker sind bei Christian Weises Inszenierung von Brechts "Arturo Ui" gespaltener Meinung: Für die FAZ kommt das Stück nicht über eine "grelle Revue" hinaus, die FR lobt das Spiel des Ensembles. Die Welt interviewt Luca Guadagnino zu seinem MeToo-Film "After the Hunt". Und alle trauern um Klaus Doldinger - wir bringen Videos.
18.10.2025. Die Hochliteratur wird zum Nischenangebot, konstatiert die SZ besorgt nach der Frankfurter Buchmesse. Burhan Qurbanis Hamburger Inszenierung seines Stücks "Die Verwandlung" über (post)-migrantische Schicksale lässt die Nachtkritik aus unruhigen Träumen erwachen. Die FAZ stellt die ukrainische Künstlerin Dariia Kuzmych vor, in deren Werk Flucht wie gebrochene Knochen, zerrissene Muskeln und Weinreben aussieht. Die FAZ berichtet außerdem, wie der puertoricanische Superstar Bad Bunny in USA für Wirbel sorgt.
17.10.2025. In der FR fordert Claus Leggewie die europäischen Regierungen auf, Algerien mit Blick auf die Haft von Boualem Sansal ein Ultimatum zu stellen. Die SZ bermerkt besorgt, dass Justiziare der Verlage immer häufiger in die Gestalt von Büchern eingreifen. Tagesspiegel und Welt bewundern im Berliner Gropiusbau, wie radikal und respektvoll sich Diane Arbus den Rändern der Gesellschaft näherte. Ganz bescheiden wird das Berlin Modern nun als 'Erweiterung' der Neuen Nationalgalerie bezeichnet, weniger bescheiden sind die inzwischen eingeplanten 600 Millionen Euro Baukosten, notiert der Tagesspiegel fassungslos.
16.10.2025. Die Zeit sieht hinter der "hippiesken Farbenfroheit" der Werke der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama in Basel das "Fratzenhafte der Welt" hervorblitzen. Die FAZ bewundert in einer Ausstellung in der Tate Modern zur nigerianischen Moderne die Skulpturen Ben Enwonwus. Die Welt attestiert Luca Guadagninos Film "After the Hunt" mit Julia Roberts eine kaum erträgliche "kühle Distanz". Die Musikkritiker trauern um den Sänger D'Angelo, Revolutionär des Soul.
15.10.2025. Zeit Online fragt sich, wie es in Sachen Israelboykott nach dem Waffenstillstand in Gaza weitergeht - konkretes Beispiel: Eurovision. Die FAZ lernt in einer Nürnberger Ausstellung, wie Dürers Dudelsackspieler bereits im Mittelalter nach Ceylon gelangten. Die taz versinkt auf der diesjährigen Musikbiennale in Venedigs molto-crazy-Atmosphäre. Der Tagesspiegel freut sich über Kelly Reichardts "The Mastermind", ein auf links gedrehtes Heist-Movie.
14.10.2025. Der Deutsche Buchpreis ging an Dorothee Elmiger für "Die Holländerinnen": Die Literaturkritiker sind mehrheitlich zufrieden mit der Wahl dieses "literarischen Plädoyers für das Rätselhafte", wie die Welt anmerkt. Radu Judes neuen Film "Kontinental '25" findet die SZ "aufregend sarkastisch", die taz attestiert "große Eleganz". Die FR ergründet in einer Ausstellung in Bad Homburg die Geheimnisse der Nacht. Die taz entdeckt in einer Kölner Ausstellung die Freundschafts - und Liebesbeziehungen der Künstler John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg und Cy Twombly.
13.10.2025. Die Feuilletons trauern um Diane Keaton: Sie erinnern an eine Frau, die ihren Rollen eine völlig neue, radikale Haltung des Frau-selbst-seins verliehen hat und auch an eine Stilikone. FAZ, taz und FR treffen sich am Schauspiel Frankfurt, wo Anja Hillings Stück zu KI in der Erziehung Unbehagen erzeugt. Die NZZ porträtiert die russische Sängerin Monetotscka, die wenig Hoffnung hat, aus dem Exil zurückkehren zu können. In der FAZ singt die philippinische Senatorin Loren Legarda ein Loblied auf die Literatur ihres Landes.
11.10.2025. Die FAZ ist enttäuscht über die geringe Ausbeute philippinischer Literatur zur Frankfurter Buchmesse. In der taz berichtet Übersetzerin Annette Hug von den Schwierigkeiten, philippinische Geisternamen ins Deutsche zu übertragen. Der Tagesspiegel verliert sich bei Yuval Baers Installation "Flüssige Matrix" in Berlin im Rausch der Farben und Formen. Die Nachtkritik ist zwiegespalten angesichts Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Rainald Goetz' "unaufführbarem" Stück "Lapidarium" am Müncher Residenztheater.
10.10.2025. Zufrieden quittieren die Literaturkritiker den Literatur-Nobelpreis für den ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai - auch weil die Jury "beinharte Literatur" aus dem ebenso "fruchtbaren wie wagemutigen Mitteleuropa" auszeichnet. Die FAZ erkennt in Frankfurt: Suzanne Duchamp musste sich hinter ihrem Bruder Marcel wahrlich nicht verstecken. Artechock berichtet, wie deutschen Filmemachern das Drehen in Israel und den arabischen Nachbarstaaten madig gemacht wird. Und die nachtkritik pilgert zum Marthaler-Gottesdienst nach Hamburg.
09.10.2025. Die FAZ erhält in einer Ausstellung in Oxford faszinierende Einblicke in die Schreibwerkstatt John Le Carrés. Der Perlentaucher versucht mit Kathryn Bigelow und ihrem Action-Thriller "House of Dynamite" einen Atomschlag abzuwenden. Der Tagesspiegel kauert sich in einer Ausstellung in Berlin in die "Shacks" der afro-amerikanischen Künstlerin Beverly Buchanan. "Die Avantgarde ist wieder feministisch", ruft die Zeit bei der Fashion Week in Paris.
08.10.2025. Die Welt feiert in einer Wiener Ausstellung die Barockmalerin Michaelina Wautier - unter anderem gibt es in der Schau ein wunderbar herzhaftes Butterbrot zu entdecken. Theatermacher Alexander Karschnia wendet sich in der nachtkritik an Milo Rau und kritisiert, dass dieser keine Distanz wahrt zu radikalen Israelhassern. Ein in Wien aufgeführtes Theaterstück der Schweizerin Anaïs Clerc spürt auf schelmische Weise düsteren Familiengeheimnissen nach, freut sich der Standard. Die taz denkt über kybernetische Kunst und Smart Cities nach. Endlich wieder Bewegungsfreiheit: Die SZ bejubelt den neuen Chanel-Designer Matthieu Blazy.
07.10.2025. Erschüttert kommen taz und Tagesspiegel aus der Ausstellung "The Moment Music Stood Still", die Fotos der am 7. Oktober Ermordeten und deren Hinterlassenschaften zeigt. Die FAZ streift mit den Splitternackten von Johannes Grützke in Aschaffenburg durch ein Panoptikum menschlicher Versagensweisen. In der taz beklagt die Schriftstellerin Bettina Wilpert, dass Verlage nur Budget für Top-Titel einplanen. Und die SZ fragt sich in Stefan Herheims Wiener Strauß-Inszenierung, was Nazis mit der "Fledermaus" zu tun haben.
06.10.2025. SZ und Nachtkritik sind begeistert von Samuel Koch als "Wallenstein" in Jan-Christoph Gockels Münchner Inszenierung. Die FAZ reist zum Odessa Filmfestival und erfasst in Egor Olesovs "Die Tochter" die existenzielle Dimension des Krieges. Die Literatur wagt nichts mehr, beklagt die NZZ. In der Fondation Maeght lernt Monopol von Barbara Hepworth, was Naturbezüge und abstrakte Skulpturen miteinander zu tun haben.
04.10.2025. In der SZ erzählt Ofir Amir, Veranstalter des von der Hamas attackierten Nova-Festivals, wie er in einer Ausstellung die Geschichten der 411 Opfer erzählen will. Die Popkritiker stürzen sich auf das neue Taylor-Swift-Album, das laut SZ zwar keine nennenswerten Tauchtiefen bietet, aber doch am faszinierenden Gedankenstrom eines Showgirls teilhaben lässt, wie die FR sekundiert. Der Tagesspiegel lässt sich von Ersan Mondtag am Gorki Theater die Geschichten von Arbeitsmigrantinnen erzählen, die nachtkritik blickt mit Frank Castorf im Atomschutzbunker in Hamburg auf die Ruinen Europas. Und die FAS fragt sich im HKW: Was ist Faschismus?
02.10.2025. Die Theaterkritiker verneigen sich vor Burkhard C. Kosminski, der Peter Weiss' Stück "Die Ermittlung" sechzig Jahre nach der Uraufführung noch einmal im Stuttgarter Landtag inszeniert. VAN staunt, wofür die Komische Oper ihren "Migrationsetat" ausgibt. Die NZZ sieht in Mstyslav Chernovs Dokumentarfilm "2000 Meters to Andriivka" den Krieg aus den Augen ukrainischer Soldaten. Die SZ lässt sich in München von Cyberpioner Miguel Chevalier digitale Brokkoliköpfe zeigen. Als Plädoyer für den stillen Einspruch empfiehlt der Perlentaucher Tom Shovals Dokumentarfilm über den 7. Oktober.
01.10.2025. Michel Friedman kommt, nach seiner Ausladung durch den örtlichen Bürgermeister, auf eigene Faust mit dem PEN Berlin nach Klütz - und löst eine zivilisierte Debatte auf dem Marktplatz aus, freut sich die taz. Die SZ huldigt Kathrin Wehlischs brillantem Spiel als Kafkas Josef K. auf der Bochumer Bühne. Die FR verliert sich in den tänzerischen Schattenspielen einer Frankfurter Fotoausstellung von Péter Nádas. Der Standard feiert das zärtlich melancholische neue Album des Indierockers Jeff Tweedy. Mit Ben Safdies Sportfilm "The Smashing Machine" blickt die FAZ hinter die Fassade fleischbergiger Männlichkeit.