Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Oktober 2019

Sich lustvoll dem Ende nähern

21.10.2019. In der SZ rät John Le Carre, sich bei allem absurden Brexit-Fanatismus nicht von den wichtigen Dingen des Lebens ablenken zu lassen. In der FAS beklagt Thomas Melle eine Hetzjagd auf Peter Handke. Außerdem feiert die SZ die Fotopionierin Lucia Moholy. Der Standard spürt den Geschmack der Scheinheiligkeit in der angesagten Klimakunst. Welt und FAZ trauern um die Máxima Lider des Balletts, die kubanische Startänzerin Alicia Alonso. Die taz lauscht berückt, wie Rocko Schamoni die Zeit verschrammelt. 

Finale Rasereien

19.10.2019. Der Freitag erklärt, weshalb Olga Tokarczuk Leser unter den polnischen PiS-Politikern findet. In der FAZ und in der Rhein-Neckar-Zeitung springen Jürgen Kaube und Claus Peymann Peter Handke zur Seite. In der SZ warnt Sebastiao Salgado vor der Zerstörung der Amazonasgebiete unter Jair Bolsonaro. In der taz fordert Milo Rau eine "Revolte der Würde". Und Zeit-Online erkennt das emanzipatorische Potenzial von elektronischer Musik.

Der Junge blickt schon sehr lässig in die Kamera

18.10.2019. Mats Halm, Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie,  und Henrik Petersen vom Nobelpreiskomitee verteidigen die Entscheidung für Peter Handke. Der Tagesspiegel staunt in der großen Wolfsburger Robin-Rhode-Retrospektive über das Leuchten von Josef Albers' Quadraten in südafrikanischen Brennpunktvierteln. In der SZ erklärt Andreas Beck vom Münchner Residenztheater, warum Dramaturgen sich besonders gut zu Intendanten eignen: Sie bleiben vor Ort.

Ihr Stilideal ist das der Engel

17.10.2019. In der Zeit macht Slavoj Zizek an Peter Handke die Interpassivität der westlichen Linken fest: Authentisch sein durch andere. Handke ist moralisch gesehen ein Würschtl, meint die Schriftstellerin Angela Lehner im Tagesspiegel, aber wir sind keinen Deut besser. Die Welt stöhnt über den Selbstbeweihräucherungsmodus, in dem die Buchmesse startete. Die Filmkritiker lernen mit Maryam Zarees "Born in Evin", wie sich die frühe islamische Republik des Iran ihrer Kritiker entledigte. In der nachtkritik stellt Tobias Rausch eine Basilikumpflanze auf die Bühne.

Insel der verweigerten Adoleszenz

16.10.2019. Peter Handke ist der Bob Dylan der Völkermord-Apologeten, ätzt Alexandar Hemon in der New York Times. Die Welt stellt klar: Handkes Welt ist das Poetische. In der FAZ hat Handke-Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt für dessen Serbienkommentare zwar nichts übrig, aber seine Kritiker bittet er, doch mal in den Spiegel zu gucken. Die SZ feiert Asmik Grigorian als Manon Lescaut im üblen Osteuropa-Chic. Zeit online betrachtet wohlgefällig schöne junge schwule Männer in Georg Schmidingers Debütfilm "Nevrland". Plastik ist der Stoff aus dem Designträume sind, versichert die FAZ.

Auf geistigen Zehenspitzen

15.10.2019. Heute Abend eröffnet die Frankfurter Buchmesse. Einhellig erfreut zeigen sich die Kritiker über den Deutschen Buchpreis für Saša Stanišić, der in seiner Dankesrede scharfe Kritik am Nobelpreis für Peter Handke übte. Die SZ saust mit Bjarke Ingels die Kopenhagener Müllverbrennungsanlage hinab. Die NZZ feiert die Blutschnägg, die Shigeru Ban durch den Uhrencampus von Biel ziehen lässt. Welt und Tagesspiegel deklinieren mit Bong Joon-hos Hochstaplerkomödie "Parasite" die Klassenfrage durch.

'Ich' sagt das arme Kind

14.10.2019. In der anhaltenden Debatte um Peter Handke wirft Bora Cosic in der NZZ die Frage auf: Gibt es ein Verbrechen des Denkens? Die NZZ bewundert zudem, wie Helmut Lachenmanns "Mädchen mit den Schwefelhölzern" in Zürich die kalte Realität überwindet. Die SZ lernt in der Alten Nationalgalerie, dass die Kunstgeschichte die größte Feindin der Künstlerin ist. In der FAZ verrät der Pianist Daniil Trifonov, dass sich Rachmaninow am besten unter Wasser übt. Und der Freitag stellt uns den französischen Ken Loach vor: den Regisseur Louis-Julien Petit.

Wir belohnen Adjektive

12.10.2019. Gestern Hurra, heute Buh. Die schwedische Akademie hat mit ihrer Entscheidung für Peter Handke klargemacht, dass Menschenleben sie nicht interessieren, kritisiert Saša Stanišić auf Twitter. Das ist ein Missverständnis, glaubt der Standard: Handkes Serbien-Äußerungen seien seiner Sprachkritik geschuldet. Die NZZ stellt das Buchmessengastland Norwegen vor. In der nachtkritik fordert Thomas Schmidt, Professor für Theater- und Orchestermanagement, eine Anhebung der Mindestgage und Reformierung des Führungsmodells an deutschen Theatern. Die Kunstkritiker bewundern eine Ausstellung zur Kultur der Azteken in Stuttgart.

Im Gleichschritt einsam

11.10.2019. Die Literaturkritiker streiten über die Literaturnobelpreise für Olga Tokarczuk und Peter Handke. Die Auszeichnung zweier Europäer zeigt der Welt, dass sich das Nobelkomitee nicht von außerliterarischen Kriterien leiten ließ. Die NZZ sieht in der Entscheidung eine äußerst herablassende Geste an andere Literaturen: Sorry, Stilhöhe nicht erreicht! Der amerikanische PEN protestiert scharf gegen den Preis für Handke - wegen seiner Leugnung des Massakers von Srebrenica. Die Kunstkritiker entdecken in Frankfurt eine große amerikanische Malerin: Lee Krasner.

Ich kann das nicht lesen

10.10.2019. Die taz erlebt vor den Fotos Jan Groovers einen Moment der ophthalmologischen Orientierungslosigkeit. In der Zeit sieht Salman Rushdie dem Ende seiner Zeit entgegen. Und die Schauspielerin Beatrice Richter erzählt, was sie in der Bochumer Theaterkantine von Fassbinders Truppe gelernt hat. Die taz erwartet sich vor allem politische Korrektheit bei der Vergabe der zwei Literaturnobelpreise heute mittag um 13 Uhr. Die SZ beobachtet das sich wandelnde Geschäft im Klassik-Markt.

Roboterkühle Überlegenheit

09.10.2019. Der Standard sucht mit Philipp Weiss die Literatur, die uns in die Zukunft trägt. Die SZ fröstelt vor einem Leichentuch aus Rosenblättern, das die kolumbianische Bildhauerin Doris Salcedo in der Kunsthalle Lübeck ausbreitet. Der Guardian erkennt im British Museum, welche Faszination die Osmanen auf das Europa der Renaissance ausübten. Der Freitag lernt vom DDR-Gestalter Rudolf Horn das Wohnen als offenes System. Die NZZ erliegt dem Sog der Afrobeats aus Nigeria. Und die Filmkritiker liegen weiterhin Todd Philips "Joker" zu Füßen.

Keine Feinde und keine Gewinnwarnung

08.10.2019. Die Welt lernt von Banksy, dass Trash im Auktionshaus alles verliert, was an ihm böse und stinkig ist.  Einen Puccini der Extraklasse bejubelt die FR mit der Frankfurter "Manon Lescaut". Die Berliner Zeitung wirft einen Blick auf das Elend der Fast Fashion. Pitchfork kürt schon die wichtigsten Songs der zehner Jahre. Und: Sigourney Weaver wird siebzig, die Feuilletons feiern den Appeal ihrer Intelligenz

Kostüme des Nonkonformismus

07.10.2019. Die FAZ besichtigt die Osmolowskis in der sozialistischen Mustermetropole Minsk. Im Freitag erklärt Michi Strausfeld das lateinamerikanische Genre der Crónicas zum Gegenstück des magischen Realismus. Die Welt sehnt sich nach einer Wiederbelebung der Deutschen Spieloper. Und die SZ genießt Ingmar Bergmans "Sehnsucht der Frauen" in Karlsruhe wie einen Serienmarathon.

Denken, Schwitzen, Wahnsinn

05.10.2019. Kafka und Trakl hätten gemalt wie Richard Gerstl, staunt die FAZ im Wiener Leopoldmuseum. Hyperallergic bewundert in San Francisco afrikanische Kunst jenseits eurozentrischer Stereotype. Zeit Online rauft sich nach einer neuen Studie zu Frauen im Film die Haare. Der Standard lässt sich von Nick Caves "narbenreichem Optimismus" anstecken. Verhalten applaudieren die Kritiker David Böschs "Lustigen Weibern von Windsor" in der Staatsoper. Immerhin Daniel Barenboim war ungewohnt freundlich, wundert sich die Berliner Zeitung. Und die NZZ erkundet die Brandlöcher in Schriftsteller-Schreibtischen.

Alles, was so rosarot war

04.10.2019. Die New York Times begutachtet die junge Gesellschaft, in der sich Picassos "Demoiselles" im neuen Moma befindet. Der Tagesspiegel zuckt entsetzt zurück vor Ang Lees mit digitalen Tricks aufgemotztem Actionfilm "Gemini Man": Fernsehästhetik, schimpft er. Die SZ würdigt den türkischen Schriftsteller Ahmet Altan, der den Geschwister-Scholl-Preis nicht entgegen nehmen kann, weil er im Hochsicherheitsgefängnis von Silivri sitzt. Die Musikkritiker trauern um den letzten Schlagerstar: Karel Gott.

Mode-Frohsinn à la Gucci

02.10.2019. Mit zitternden Knien stehen Guardian und SZ vor Kara Walkers Brunnenallegorie Fons Americanus, bei der einer afrokaribischen Venus das Blut aus der Kehle spritzt. Monopol beobachtet, wie sich der Boykott-Virus im Kunstbetrieb ausbreitet. Die Zeit bewundert die planen Flächen in der Mode des Künstlers Sterling Ruby. Die taz geht zur Post aufs Anti-Mietwucher-Festival. Außerdem trauern die Feuilletons um Jessye Norman, erinnern aber auch daran, dass sie erst 1983 an der New Yorker Met singen durfte.

Welche Abwehrstrategien sind akut?

01.10.2019. Netlix hat das Lösegeld für einen König bezahlt, kommentiert Variety Martin Scorseses erste Produktion für den Streamingdienst, das Mafia-Epos "The Irishman". Milo Rau erkundet mit dem Aktivisten Yvan Sagnet in Matera die moderne Sklaverei unter dem biopolitischen Diktat der Mafia. In der Nachtkritik fordert Silvia Stolz eine größere Teilhabe der Provinz am Theater. Die SZ versucht in Nürnberg herauszufinden, mit welcher Zauberkraft die Dirigentin Joana Mallwitz den Klang aus dem  Orchester herauszieht. Die FR verehrt ungebrochen Rembrandts Mut zu Melancholie und Hässlichkeit. Und: Jessye Norman ist tot.