Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Juni, 2017

Der nackte weiße Wurm im Manierismus

30.06.2017. Mit dem im Gropius-Bau ausgestellten "Prozess"-Manuskript von Franz Kafka würde Arno Widmann am liebsten eine ganze Nacht verbringen, bekennt er in der Berliner Zeitung. Die NDW-Pioniere Der Plan melden sich nach 25 Jahren Funkstille mit einem Plädoyer für Europa zurück, freut sich die taz. In Reiner Holzemers Filmporträt "Dries" lernen die Kritiker Dries van Noten als feinsinnigen Weltverwandler kennen. FAZ und Nachtkritik staunen über die kippenden Ebenen in Michael Laubs "Fassbinder, Faust and the Animists" im Berliner HAU.

Mit Lust aufs Quatschen

29.06.2017. Die NZZ bewundert die japanische Landwirtschaft in Bürogebäuden. Die Zeit fragt anlässlich des geplanten  Museums des 20. Jahrhunderts in Berlin: Warum sind kulturpolitische Entscheidungen so intransparent? Im Standard erklärt Matthias Lilienthal die neue Kluft zwischen alten und jungen Theaterbesuchern. In der SZ erklärt Jan Wagner, warum Formzwang die Freiheit erhöht. Die Filmkritiker streiten über das Frauenbild in Sofia Coppolas "Die Verführten".

Zwischendurch viel sinnloses Zeug

28.06.2017. Der Guardian erinnert daran, wie Londons Kunstszene aussah, bevor Nicholas Serota das Tate-Imperium errichtete. Die SZ fragt, warum die Kuratoren so am unpolitischen Begriff des Südens hängen. Die NZZ bricht eine Lanze für den orgiastischen Neosurrealismus des Ersan Mondtag. Respekt ringt es ZeitOnline ab, wie sich Helene Hegemann mit ihrer Axolotl-Verfilmung aus der Umklammerung ihrer wohlmeinenden Kritiker gelöst hat.

Die Grazie dieses Denkens

27.06.2017. Die SZ überquert mit Frank Bowling den schwarzen Atlantik und entdeckt im Haus der Kunst einen ganz neuen Kontinent. Die NZZ besucht die Gärten der Kunst-Triennale in Aarhus. New Filmkritik bewundert die bösen Lichteffekte im Heimatfilm "Heiße Ernte" von 1956. Im Tagesspiegel plädiert Helene Hegemann gegen zu viel Klarheit: "Man darf auch mal was nicht verstehen." Außerdem gelingt dem Tagesspiegel die große Versöhnung von Volksbühne und Stadtschloss.

Auf erhaben unpassende Weise stimmig

26.06.2017. Geradezu betört sind Standard, Nachtkritik und FAZ von Christoph Marthalers Münchner Bodensee-Stück "Tiefer Schweb", das in wundermilden Gesängen von der geheimen Klausurdruckkammer 55b erzählt. Wim Wenders Berliner Operndebüt mit Bizets "Perlenfischer" nehmen die Zeitungen dagegen eher wohlwollend auf. Die Jungle World porträtiert die Clubmusikerin Jlin. Die SZ verspürt auf der Vienna Biennale angesichts der digitalen Zukunft die große Angst vor dem Souveränitätsverlust.

Unverschämt euphorisch

24.06.2017. Total fasziniert blickt der Guardian auf Dekadenz und Flamboyanz in der Weimarer Kunst, der die Tate Liverpool eine große Ausstellung widmet. In der Welt erklärt Jan Wagner, warum er Gedichte nicht am Monitor verfassen kann. Die NZZ blickt mit De Stijl auf eine Welt reiner Formen und Farben. Spex feiert die Südstaatenband Algier, die dem Krach Empathie und Solidarität einbläut. Und die Nachtkritik erlebte mit Ersan Mondtags NSU-Stück "Das Erbe" die Kapitulation der Kunst vor dem echten Leben.

Die Kindsköpfe unter den Kunstschaffenden

23.06.2017. In der lang erwarteten Rolle des Otello erlebt die Welt in London mit Jonas Kaufmann einen Tenor am Anschlag. NZZ und Tages-Anzeiger werden im Kunsthaus Zürich in Sachen Aktions- und Performancekunst aktiv. Die SZ berichtet von Hermann Pölkings siebenstündigem Monumental-Dokumentarfilm "Wer war Hitler", der auf dem Filmfest München Premiere hatte. Und die taz erliegt dem Wohlklang von Camilles neuem Album "OUÏ".

Sinnlos auf Kuba

22.06.2017. Die NYRB staunt über den Paragone, den der Künstler Bill Viola in Florenz mit Meisterwerken der Renaissance riskiert. Die Viennale Wien fürchtet den unmenschlichen Roboter. In London bastelt man bereits an einer Version, die nervt. Was könnte menschlicher sein? Michael Bays neuer "Transformers"-Film provoziert saftige Verrisse. Die SZ gerät mit dem Indie-Folk-Pop der Fleet Foxes in religiöse Ekstase.

Man kleidet sich blau und man leuchtet

21.06.2017. Der Büchner-Preis für Jan Wagner stößt auf einhellige Zustimmung bei den Kritikern, die den Lyriker als virtuos, lässig und jung feiern. Die taz erlebt auf dem Festival Africologne noch einmal, wie Fela Kuti seine Künstlerkommune in mitreißendes Chaos stürzte. Die Welt erkennt bei den in Bonn gezeigten frühen Gerhard-Richter-Bildern auf sinnlichen Zauber in Tateinheit mit intellektueller Kraft. Und auf Dezeen verrät der burkinische Architekt Francis Kéré, warum niemand mit seinem Sommerpavillon der Serpentine Gallery konkurrieren kann.

Unsere Rassismen, unsere Ängste

20.06.2017. In der taz pocht Regisseur Roger Vontobel auf sein Recht, eine rassistische Realität zu zeigen und zu reflektieren. In der FAZ beklagt der Literaturwissenschaftler Kai Kauffmann die Ausnüchterung des Literaturbegriffs in der Germanistik. Die Welt ahnt, warum Thomas Hengelbrock seinen Posten als Chefdirigent der Elbphilharmonie räumt. ZeitOnline beoabchtet Katy Perry im 72-Stunden-Livestream. Und der Standard hält in Münster einfach mal die Füße ins Wasser.

Sie besingen alle das Und

19.06.2017. Den Kritikern des Standard klebt nach den Wiener Festwochen noch immer furchtbar viel Diskurswatte im Mund. Winckelmanns Liebe zu Griechenland war eine zu nackten Männern. Der Tagesspiegel besucht die Film-Guerilla, die im Berliner Wedding operiert und für die Bewahrung von klassischem Filmmaterial kämpft. Und Salman Rushdie wird siebzig: Die Berliner Zeitung feiert seine Romane, die kein Entweder-Oder kennen.

Bild einer Seelenfahrt

17.06.2017. Sex und Schmerz, alles, was einen Teenager bewegt, findet Tracey Emin in den Bildern Egon Schieles. Im Standard taucht Regisseur Marco Arturo Marelli in die depressive, harte Welt von Debussys "Pelléas et Mélisande". Die taz hört vietnamesischen Beatmusik der sechziger und siebziger Jahre. Und die NZZ fragt: Warum wird die neue Intendanz des Zürcher Schauspielhauses hinter verschlossenen Türen ausgehandelt?

Wenn neue Moden das Bewusstsein sprengen

16.06.2017. Sollte Bob Dylan für seine Nobelpreis-Vorlesung plagiiert haben, wäre das weder überraschend noch empörend, meinen Zeit Online und SZ. Der Tagesanzeiger wirft mit Richard Dawsons neuem Album "Peasant" einen erbarmungslosen Blick ins englische Mittelalter. Die SZ wohnt bei Jossi Wielers Stuttgarter Inszenierung der Tschaikowsky-Oper "Pique Dame" seltsamen Ritualen bei. Die FAZ schlägt sich für eine Museumseröffnung durch den kongelesischen Dschungel. Und Diedrich Diederichsen ruft uns in der taz entgegen: Hört Barney Wilen!

Ganz schön viel Staatsgottesdienst

15.06.2017. Die taz kommt erfrischt von der Skulptur Projekte in Münster zurück. Hat Bob Dylan für seine Literaturnobelpreisrede eine Webseite mit Interpretationshilfen für Schüler geplündert? Slate findet erstaunliche Ähnlichkeiten. Die FR feiert Jeff Nichols' Rassismusdrama "Loving".  Stefan Heuckes "Deutsche Messe", in Berlin uraufgeführt, lässt Tagesspiegel und Berliner Zeitung kalt.

Wie eine alte Standuhr in einem schiefen Flur

14.06.2017. Welt und FR freuen sich sehr über den Friedenspreis für Margaret Atwood, die als gute Dystopikerin auch eine klarsichtige Spötterin sei. Wenn nicht nach Kassel, dann aber unbedingt nach Münster, ruft die Zeit und erkundet bei den Skulptur Projekten Mondlandschaften und Asia-Läden. Im Standard will die Tänzerin Louise Lecavalier den Körper aus dem Bild befreien. Die taz stellt die Jazzcellistin Helen Gillet aus New Orleans vor. Die NZZ erkundet den neuen Together-Spirit in der Architektur.

Dieses ganze Schauspielschulgedöns

13.06.2017. Die NZZ bewundert im Warschauer Zamek Ujazdowskie, mit welcher Intensität polnische Künstler Staatlichkeit und Religion infrage stellen. Die SZ begleitet den Regisseur Stefan Otteni zur "Konferenz der irakischen Vögel" ins kurdische Sulaimaniyya. ZeitOnline huldigt der verschlagenen Synthese aus Authentizität versus Literarizität. Außerdem seufzt die NZZ seufzt in Erinnerung an das Popjahr 1967: Alben sind für die Alten.

Knallhart bis verbissen

12.06.2017. Nach der Documenta wurde in Münster mit den Skulptur Projekten gleich das nächste Kunstgroßereignis eröffnet: Welt und Berliner Zeitung freuen sich über so viel entspannte und poetische Gegenwartskunst. Die SZ fordert allerdings eine Förderung der Projekte durch die Krankenkassen. Die FAS blickt erschrocken in die kulturelle Leere des New Yorker Amazon-Shops. Die taz erlebt, wie René Pollesch das Raumschiff Volksbühne im Mainstream verglühen lässt.

Höllengejauchz und Schandgetriller

10.06.2017. Ziemlich uneins sind sich die Kritiker nach dem ersten Tag der Documenta 14 in Kassel: Einen tief traurigen Bußgang erlebt der Tagesspiegel, die SZ entdeckt, wie Realismus im 21. Jahrhundert funktioniert und die NZZ lernt: Der Kurator ist Gott. FAZ und Nachtkritik schauen mit dem Belarus Free Theatre in die Unterwelt des Putin-Regimes. Auf Zeitonline erinnert sich Castorf-Biograf Robin Detje an schockierende Exzesse an der Volksbühne. Und in der FAZ verfällt Sibylle Lewitscharoff schließlich doch noch dem wollüstigen Ächzen des Teufels in Thomas Manns "Doktor Faustus".

Auseinandersetzung in Zeitlupe

09.06.2017. In der Zeit verbittet sich der Sänger Cornelius Hauptmann die Instrumentalisierung der Elbphilharmonie für Protest gegen den G20-Gipfel. Die nachtkritik amüsiert sich beim Bregenzer Frühling mit dem Stück "Ich glaube" des aktionstheater ensembles. Welt und FAZ kehren schwer enttäuscht von der Documenta aus Kassel zurück. Und das Zeit Magazin wünscht deutschen Jugendlichen einen Politiker in Turnschuhen.

Beim Verglühen

08.06.2017. Im unspektakulären Kassel kann Kunst doch noch richtig wirken, stellt der Tagesspiegel zum Documenta-Auftakt zufrieden fest. In der FAZ schreibt Olga Martynova über inoffizielle Lyrik in der Sowjetunion. Zeit online stellt einen Band über die unabhängige Theaterszene in China vor. Die SZ hört Igor Levit mit Rachmaninows "Rhapsodie über ein Thema von Paganini".

Dieses herrlich monotone Stimmkratzen

07.06.2017. Die FAZ streift kurz vor Eröffnung der Documenta in Kassel durch die Weltmusikabteilung. Dezeen erzählt, warum Banksy jetzt lieber doch nicht die britischen Wahlen ungültig machen will. Auf ZeitOnline reist Michael Kumpfmüller nach Nowosibirsk und Tomsk und Irkutsk. Auf Netzpolitik fordert die EU-Abeordnete Julia Reda eine Vereinfachung der Online-Rechte für Rundfunkanbieter. Die FR lauscht Bob Dylans von Klaviermusik unterlegter Nobelvorlesung. Und die SZ erlebt im West Village die Luxusverödung von New York. 

Wundertiere in Farbwolken

06.06.2017. Beglückt erleben die Kritiker, wie Jonathan Meese bei den Wiener Festwochen mit Wagner auf die Meta-Kacke haut. Der FAZ wird bei Adrian Villar Rojas' posthumanistischen Installationen in Bregenz ganz unbehaglich zumute. In der Zeit träumt Sandra Hüller von DDR-Filmen ohne Spreewaldgurken-Kitsch. In der FR will Kasper König Münster aufmischen. Und alle nehmen Abschied von dem spanischen Schriftsteller Juan Goytisolo.

Ach so unübersichtliche Zeiten

03.06.2017. In der SZ setzt der österreichische Regisseur Paul Poet auf die politische Sprengkraft des Schmuddelkinos. In der NZZ spricht der Kolumbianer Juan Gabriel Vásquez über politisches Engagement und den Friedensprozess. In der taz gleicht Matthias Borgmann Hans Schefczyks Roman "Das Ding drehn" mit seiner eigenen Vergangenheit bei den Revolutionären Zellen ab. Die FAZ liest die erotischen Liebesbriefe von Hanne Darboven. Der Standard tritt mit Frank Kunert in den Abgrund.

Echte oder erzwungene Tränen

02.06.2017. Die NZZ erklärt, wie das iranische Kino von Repression und Zensur profitiert. Die Zeit erklärt, warum es ein Privileg der Lyrik ist, brotlos zu sein. Die SZ erfährt bei der Münchner Ausstellung "After the Fact", was die Gegenwartskunst der Propaganda entgegenzusetzen hat. Ebenfalls in der SZ erinnert Wolf Wondratschek an Zeiten, als sich Journalisten ihre Arbeit noch mit Gold aufwiegen lassen konnten. Und alle nehmen Abschied vom großen Dramatiker Tankred Dorst.

600 Wörter pro Tag, mehr nicht!

01.06.2017. Die FAZ fürchtet um den europäischen Film, sollten alle ihn sehen dürfen. Die NZZ bewundert die Feldforschungen Peter Stamms. Die SZ lernt von Willy Fleckhaus, dass Wissen nicht grau sein muss. Der Guardian stellt die neuseeländische Künstlerin Susan Te Kahurangi King vor. Die taz besucht eine Ausstellung über Bunker.