Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Oktober, 2016

Ich bin nämlich der Heinz

31.10.2016. NZZ und FAZ jubeln über das Wunder an Klang und Offenheit, das die Bochumer mit ihrem Musikforum möglich gemacht haben. Die NZZ verliert sich auch im Fotomuseum Winterthur in den poetischen Weiten von Jungjin Lee. Die Nachtkritik bewundert Jörg Pohl am Hamburger Thalia als bösen Affen Mensch. In der SZ verrät Werner Herzog, wie die Hofer Filmtage ihre besten Beiträge akquirierten.

Von hinten durch das Zwerchfell ins Gehirn

29.10.2016. Die Welt gibt eine Liebeserklärung an Bernard Buffet ab, den schlechtesten Maler des 20. Jahrhunderts. Weiterhin überwiegend einverstanden sind die Feuilletons mit dem Zuschlag für Herzog & de Meurons Entwurf für das Museum des 20. Jahrhunderts in Berlin. Eberhard Junkersdorf appelliert in der Welt an Monika Grütters, die Murnau-Stiftung und das deutsche Filmerbe zu retten. Die taz begrüßt die Frauenquote beim Berliner Jazzfest. Und die NZZ enthüllt das Geheimnis von Dmitri Schostakowitschs Neunter Sinfonie.

Mach's gut, zärtlicher Riese

28.10.2016. Die Feuilletons trauern um den authentischen, unsentimentalen, proletarischen Volksschauspieler und Chanson-Sänger Manfred Krug. In der FAZ verteidigt der Intendant und designierte Peymann-Nachfolger Oliver Reese sich und sein Berufsbild gegen Kritik. Tagesspiegel und Berliner Zeitung sind gespannt auf das von Herzog & de Meuron zu bauende Museum des 20. Jahrhunderts. Beim ersten Live-Konzert in der Geschichte von Yello erleben die Kritiker einen Abend von geradezu spektakulärer Ranzigkeit.

Elegante Ängstlichkeit

27.10.2016. Der Guardian staunt über die bunte, eklektisch-energievolle Kunst Südafrikas. Der Freitag beklagt den Zustand der italienischen Literaturkritik. Der Standard porträtiert den neuen Booker-Preisträger Paul Beatty. Die NZZ besichtigt in den Hudson Yards die Zukunft des Wohnens. In der SZ kritisieren Marc Sinan und Markus Rindt das Auswärtige Amt, das das "Aghet"-Musikprojekt zur Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern abgesagt hat.

Bestens orientiert im Unbegreiflichen

26.10.2016. Warum produziert der Theaterbetrieb eigentlich so viele Jasager?, fragt die Nachtkritik. Die NZZ bewundert in Dessau die Rotterdamer Van-Nelle-Fabrik als radikale Antwort auf das Bauhaus. Die Berliner Zeitung erlebt im Marvel-Film "Doctor Strange" die Zusammenfaltung unseres Multiversums. Die taz erkundet auf dem Unsound-Festival in Krakau die Grenzen des Hörbaren. In der Basler Zeitung wünschte sich Edward St Aubyn, im Weltraum aufgewachsen zu sein. Und der Guardian freut sich über den Man Booker Prize für den Amerikaner Paul Beatty.

Blitz in der Nacht dieser Musik

25.10.2016. Der Tagesspiegel erlebt in Patrice Chéreaus letzter Operninszenierung "Elektra" noch einmal, wie der Regisseur die Streitaxt gegen den Klassizismus schwang. Die Berliner Zeitung ist ganz betört von den Schrunden des Klangs. Und der Guardian lässt sich von Andres Serrano die Geschichte der Folter in Nordirland erzählen. In der FAZ wird Ian McEwan in embryonaler Stellung optimistisch und pessimistisch zugleich. Die taz erinnert an die Jazzsängerin Etta Cameron. Und die NZZ reibt sich die Hände über Bob Dylans Affront gegen über der Schwedischen Akademie.

Du sollst nicht langweilen!

24.10.2016. Zum Abschluss der Buchmesse bewundert die NZZ die weltläufige Eleganz der Flamen und Niederländer. Bei ZeitOnline beklagt der Fischer-Programmleiter Oliver Vogel die neue Hasenfüßigkeit der Literaturkritik. In der Presse schneidet Christoph Ransmayr kriminellen Wertpapierhändlern die Nase ab. Der Tagesspiegel betrachtet tapfer polnisches Propagandakino. Im Freitag hält Barbara Vinken fest: "Eine gute Kollektion hat ein ähnliches Raffinement wie ein Gedicht."

Man stirbt irgendwann

22.10.2016. In der NZZ überlegen Raoul Schrott und Gerd Folkers, was sich Naturwissenschaftler und Künstler heute zu sagen haben. Die taz erforscht, wie schwer es Schriftsteller heute haben. Die NYRB stellt den Fotografen Ruddy Roye vor und seine Bilder des schwarzen Protests. In der Berliner Zeitung gibt Manuela Kay Tipps fürs kommende Pornfilmfestival. Die Zeit fordert vom Theater Mut zu echter Brisanz.

Verschmachten in der Wüste

21.10.2016. Ach wenn die Deutschen doch so gut in Dekadenz sein könnten wie Italiener und Franzosen, klagt die Welt. Die FAZ lernt in Neil LaButes Konstanzer Tschechow-Inszenierung einen Straßenhund zu lieben. Kongenial findet die NZZ Andrea Breths Amsterdamer Inszenierung von Puccinis wilder "Manon Lescaut". Die SZ schwelgt in den kantigen Grooves des Jazzmusikers Donny McCaslin. Und die Jungle World fürchtet, dass Bob Dylan aus seiner diogenes-artigen Nische nie mehr herauskommt.

Das Publikum lachte durch

20.10.2016. Auf ihrem neuen Album gelingt der schwedischen Band Meshuggah die Versöhnung von Musik und Mathematik mit den Mitteln des Metal, jubelt die Welt. Bei René Polleschs "Volksbühnen-Diskurs Teil 1" erleben die Kritiker Schrumpfen als kulturpolitischen Protest. Uneins sind sie sich in der Bewertung von Johannes Nabers düsterer Märchenverfilmung "Das kalte Herz": schaurig-schön oder lauwarm und bequem? Düsseldorf könnte sein Herz verlieren, mahnt die FAZ angesichts von Abriss- und Neubauplänen des Schauspielhauses.

Die Schande, glücklich zu sein

19.10.2016. In der Welt beweist Buchpreisträger Bodo Kirchhoff: Die besten Auszeichnungen kommen von einem selbst. In der NZZ spricht Colm Toibín über den schwulen Schriftsteller als öffentliche Person. Die taz reist mit dem Staatstheater Hannover und Heiner Müllers "Auftrag" nach Minsk. In der FAZ schwärmt David Hockney vom Speed Painting à la Rembrandt. Die NZZ erschrickt: Selbst bei den Donaueschinger Musiktagen wird jetzt gegen die Avantgarde polemisiert.

Geradezu altmeisterlich

18.10.2016. Heute eröffnet die Frankfurter Buchmesse. Vom Buchpreis für Bodo Kirchhoff erwarten sich die Kritiker nicht unbedingt eine Belebung der Literatur, dem Tagespiegel ist er sogar richtig peinlich, aber für die Welt geht er in Ordnung. Der Merkur leidet nach der jüngsten Sitzung des Literarischen Quartetts unter echtem Verachtungsstress. Die Nachtkritik erlebt mit Christine Eders Untergangsrevue "Alles Walzer, alles brennt" am Volkstheater einen echten Wiener Pallawatsch. Der Standard schlendert mit Leonard Cohen über den Zentralfriedhof.

Nichts ist Zufall, vieles ist Zerfall

17.10.2016. Nach der Ivan Panteleevs Aufführung von Goethes "Iphigenie" am Deutschen Theater klopfen sich die Kritiker viel Staub vom Revers. Die SZ empfiehlt einen Ausflug nach Konstanz, zu Neil LaButes Inszenierung von Tschechows "Onkel Wanja". Die Zeit lernt im Whitney Museum von Carmen Herera, die Akkuratesse der scharfen Linie zu lieben. Die NZZ beobachtet im Hafen von Antwerpen mit Schrecken, wie das Neue im Tigersprung das Alte überwältigt. Außerdem setzen sich die Feuilleton schon mal in die erste Reihe für den großen "Terror"-Schauprozess heute Abend in der ARD.

Wer drin ist, kann einpacken

15.10.2016. Die Niederlande und Flandern sind Schwerpunkt der Buchmesse. In der NZZ besingt Pauline de Bok in adrettem Niederländisch das fluchende, ferkelnde Flämisch. In der Literarischen Welt folgt Ernst-Wilhelm Händler der Spur des Geldes in der Kunst. Die NZZ lernt in Hamburg, wann Sport aufhörte, Chic zu sein. Der Freitag feiert das moderne, sympathische Nachkriegsdeutschland. The Quietus hätte lieber auf einen Nobelpreis für die Popmusik verzichtet. Auch die taz fragt bang: Ist Bob Dylan jetzt von gestern?

Ein einziger seiner Wimpernschläge

14.10.2016. Begeisterung allenthalben über den Litertaurnobelpreis für Bob Dylan. Heinrich Detering beschreibt Dylan in der FAZ als respektlosen Versöhner von Populär- und Bildungskultur. Nur die NY Times seufzt: Die Literaturwelt geht dieses Jahr leer aus. Die SZ ärgert sich grün und blau über Yüksel Yolcus Inszenierung von Jürgen Todenhöfers umstrittenem Reportage-Bestseller "Inside IS" am Berliner GRIPS Theater. Und die Feuilletons nehmen Abschied von Dario Fo, dem Großmeister der Hanswurstiade.

Kühler, sachlicher, frei

13.10.2016. Die Geister der Toten haben Konkurrenz bekommen, gruselt sich die SZ angesichts der Fotos, die Thomas Dworzak von Pokemon-Spielern gemacht hat. Der Freitag sorgt sich um den Bestand von historischen analogen Filmkopien, die oft nach der Digitalisierung vernichtet werden. Die FAZ erklärt dem Nobelpreis-Kommittee, warum Philip Roth wirklich kein Frauenfeind ist. In der NZZ lässt Dieter Meiers Mutter den Weihnachtsschmuck stehen.

Stoß endlich. Stärker!

12.10.2016. Der Standard vergnügt sich im Wiener MAK mit japanischen Frühlingsbildern. Die NZZ bewundert das kleine Format, in dem Barcelonas Architekten jetzt bauen. Die Tell Review verfängt sich in den Widerhaken des Mosebachschen Satzbaus. Die taz verabschiedet mit Drake die Hypermaskulinität im HipHop. Die FAZ lauscht auf dem Schwazer Klangspuren-Festival den kometenartige Geräuschschweifen harter Konsonanten. Ebenfalls in der FAZ erklärt Stephen Greenblatt den Auftsieg Donald Trumps mit Richard III.

Das Orchester keckert, funkelt, seufzt

11.10.2016. Aktualisiert: Die New York Times bringt eine erste Besprechung von Elena Ferrantes Autobiografie "Frantumaglia"  - und fällt vom Glauben ab. Die Feuilletons trauern um den großen polnischen Regisseur Andrzej Wajda. In der SZ erinnert sich Volker Schlöndorff an die Wahrheit und Wucht seiner Filme. Im ZeitMagazin erklärt der Modemacher J.W. Anderson die Ironie der Hässlichkeit. Der Tagesspiegel feiert Kirill Serebrennikovs Berliner "Barbier von Sevilla" als erste Smartphone-Oper. In der NZZ verneigt sich Neil LaBute vor europäischen Theaterschauspielern.

Tanzsieg über alle ideologische Schwerkraft

10.10.2016. Die NZZ folgt dem Fotografen Thomas Kern durch Haitis Geisterlandschaft. Lola Arias' Berliner Theaterabend "Atlas des Kommunismus stößt bei taz und FAZ auf ein geteiltes Echo, die Nachtkritik ist allerdings begeistert von Marta Malikowskas Ritt gegen Polens neue Heimatwehr. Der Tagesspiegel erlebt aufgebrachte Ballett-Mamas vor dem Berliner Staastballett. In der SZ spricht die malische Muskerin Fatoumata Diawara über ihr von Islamisten drangsaliertes Land. Und in ersten Meldungen trauern die Zeitungen um Andrzej Wajda.

Umfeld der verfeinerten Schöngeister

08.10.2016. Literaturkritiker, mehr Streit, weniger gepflegter Relativismus, ruft die NZZ ihren Kollegen zu. Die SZ besucht das Berliner Staatsballett. Die taz staunt über die Vitalität und Unbekümmertheit der Istanbuler Kunstszene. In der Welt berichtet Hans Christoph Buch vom Literaturfestival in Odessa. In der FAZ erklärt Teju Cole:  Schwarz ist immer noch die Farbe der Benachteiligung.

Unsere Körper entgleiten uns

07.10.2016. SZ und Berliner Zeitung sind begeistert: Mit dem Album "A Seat at the Table" hat Solange Knowles den Soundtrack zu diesem ganzen beschissenen Jahr vorgelegt. Die NZZ denkt über das Sterben auf der Bühne nach. Der Körper kehrt zurück in die Kunst, stellt die Zeit fest. In der SZ verweist der Ferrante-Enthüller Claudio Gatti auf die völlige Folgenlosigkeit seiner politischen Investigativgeschichten.

Aus der Form geratene Diva

06.10.2016. Der Guardian wandert über die Frieze und verliebt sich in ein paar schwankende Stühle. Der Zeit erhält eine zwanzigminütige Audienz am Hofe des Kunstsammlers François Pinault. Die Berliner Zeitung wird kategorisch: Elena Ferrante ist eine öffentliche Person und hat damit keinen Anspruch auf Anonymität.

Die Rückseite der Musik

05.10.2016. Geradezu hypnotisiert kommt der Tagesspiegel aus Daniel Barenboims Berliner "Fidelio", der den edlen Klang der Staatskapelle schön schrundig aufraut. Alles ist Musik, schwärmt auch die taz. Die Welt kapituliert vor dem Großaufmarsch abstrakter Expressionismus in der Rocal Academy in London. Die FAZ lässt sich in Frankfurt von Laure Prouvousts Fantasien verschlucken. Und Claudio Gatti antwortet auf die anhaltende Kritik an seiner Enttarnung Elena Ferrantes in der Columbia Journalism Review.

Keine nervtötende öffentliche Präsenz

04.10.2016. Ferrante verraten! Am Wochenende hat der italienische Journalist Claudio Gatti enthüllt, dass sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante die Übersetzerin Anita Raja verbirgt. Die Literaturkritik ist sauer: taz, SZ, Guardian und New Yorker sehen ihr Recht auf Nichtwissen verletzt. Im Blog der NYRB folgt Gatti bereits den Spuren von Anita Rajas deutsch-jüdischer Mutter Golda Frieda Petzenbaum. Die FAZ erkennt in Ferrante jetzt auch die Christa-Wolf-Übersetzerin. Außerdem ist auf HBO die langererwartete Meta-Science-Fiction-Serie "Westworld" gestartet. Und die NZZ verbringt einen Tanzabend in Mailand.

Im Bewegungstempo eines Gletschers

01.10.2016. Wie umgehen mit NS-belasteter Architektur? Bloß nicht im Urzustand belassen, meint die SZ mit Blick auf das Münchner Haus der Kunst. Verfremden ist auch keine Lösung, meint die Welt zu Hitlers Geburtshaus in Braunau am Inn. Unter Kritikern herrscht Konsens: Amir Reza Koohestanis Bühnenadaption von Kamel Daouds Roman "Der Fall Meursault" besteht, Woody Allens Amazon-Sitcom "Crisis in Six Scenes" fällt rasselnd durch. Die SZ erklärt, warum sich Münchner nicht für Bartók interessieren. Und Don DeLillo setzt im Gespräch mit der Welt alles auf eine Karte.