Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

September 2025

Helmut Kohl aus Butter

30.09.2025. Die Theaterkritiker sind allesamt begeistert von Barrie Koskys Kafka-Revue "K." am Berliner Ensemble, die zwischen Unbehagen, Witz und "talmudschem Über-Ich" schillert. Die FAZ gerät über die handwerklich brillanten Porträts des schwedischen Malers Anders Zorn in der Hamburger Kunsthalle ins Schwärmen. Als "kleines Wunder" bezeichnet außerdem die Welt eine Ausstellung über jüdische Designerinnen in Berlin, die der Nationalsozialismus ins Abseits der Geschichte drängte. Jan Böhmermanns umstrittenes Berlin-Konzert wurde abgesagt: SZ und taz finden das nicht so gut. 

Neue Formen der Wirklichkeitsauslegung

29.09.2025. Georg Stefan Troller ist im Alter von 103 Jahren gestorben: Die NZZ verneigt sich vor dem "Grandseigneur des Fernsehens", die FAZ erinnert an die "völlig selbstgewisse Stimme", mit der Troller erzählt hat. SZ und FAZ  loben das großartige Spiel der beiden Hauptfiguren in Barbara Freys Inszenierung von Ödön von Horvaths "Kasimir und Karoline" am Münchner Residenztheater. Die Gemälde Georges de la Tours überzeugen Welt und Zeit in Paris durch ihre "virtuose Lichtregie."  

Man stirbt eben nur einmal

27.09.2025. Der Standard kommt im Mumok dem Zufall auf die Spur, der den Künstler Tobias Pils leitet. Tobias Kratzer ist das Beste, was der Hamburger Oper passieren konnte, jubelt der Spiegel über den neuen Intendanten. Die NZZ staunt über die Ehrenrunde, die Claus Peymann noch um das Burgtheater drehen durfte. Die Filmkritiker trauern um Hartmut Bitomsky, der mit Harun Farocki den Filmflügel der Kritischen Theorie bildete. Die taz porträtiert den kurdischen Schriftsteller Menaf Osman, der im türkischen Gefängnis schwer gefoltert wurde. Die European Broadcast Union will ihre Mitglieder über die Teilnahme von Israel beim nächsten ESC abstimmen lassen, berichten Zeit online und die taz.

König, Kaiser will ich werden

26.09.2025. Die SZ trauert um den Berenberg Verlag, der im Frühjahr schließt. Die nachtkritik durchlebt in der Volksbühne acht Stunden Totaltheater mit Vegard Vinges Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt". Monopol stellt die Künstlerin Schirin Kretschmann vor. Im Tagesspiegel findet es Michael Barenboim total okay, den Dirigenten Lahav Shani auszuladen, weil er Israeli ist. Die taz feiert den Northern Soul. Und: Der Filmessayist Hartmut Bitomsky ist gestorben. 

Jeder tritt in den Traum des anderen ein

25.09.2025. Die Filmkritiker trauern um Claudia Cardinale: Sie war die Kino-Göttin des 20. Jahrhunderts, schreibt Zeit Online, die FAZ erinnert an ihren legendären Tanz mit Burt Lancaster in Viscontis "Der Leopard". Die taz bewundert das Spiel mit Verhüllung und Offenbarung in den Werken der iranischen Künstlerin Parastou Forouhar, die in Chemnitz ausstellt. Die FR begrüßt die philippinische Künstlerin Stephanie Comilang in der Schirn-Kunsthalle. Im Zeit-Interview skizzieren Regisseur Tobias Kratzer und der Dirigent Omer Meir Wellber ihre Pläne für die Hamburger Oper.  

Gute Nacht, Herr Direktor

24.09.2025. Das Burgtheater gedenkt in einer spektakulären Trauerfeier seines langjährigen Intendanten Claus Peymann - in der FAZ schreibt Christoph Ransmayr höchstpersönlich. Die NZZ bejubelt Paul Thomas Andersons lebendigen, unberechenbaren Film "One Battle After Another" - critic.de hingegen ist das alles nicht frei und crazy genug. Die FAZ schwelgt im Frankfurter Städel in den Farbwelten des österreichischen Malers Carl Schuch. Der Standard fühlt sich veräppelt, weil Popstars ihre Lieder immer seltener selbst schreiben. Und: Trauer um Claudia Cardinale.

Eine recht handliche Keule

23.09.2025. Mariame Cléments Frankfurter "Così fan tutte"-Inszenierung wird dem Stoff mit klugen Aktualisierungen gerecht, lobt die FAZ. Zeit Online bewundert, wie energisch Spanien zum "Hollywood Europas" avancieren will. Die taz betrachtet in Oldenburg mit Begeisterung den melancholischen Herkules des Bildhauers Ludwig Münstermann. Die Musikkritiker staunen beim Musikfest Berlin über Marc Blitzsteins im Jahr 1929 komponierte Bauhaus-Oper "Parabola and Cirula". 

Die Kreons dieser Welt

22.09.2025. Das Internationale Literaturfestival Berlin hat einen Solidaritätsabend für die Ukraine veranstaltet und der Tagesspiegel lernt von Katja Petrowskaja, Yevgeniy Breyger und Tanja Maljartschuk, dass es in Kriegszeiten eigentlich unmöglich ist, Literatur zu schreiben. Michel Friedman wird vom Literaturhaus Uwe Johnson in Klütz ausgeladen, aus Angst vor den Rechten, weiß die FAZ. Die Kritiker sind begeistert von Sophokles' "Antigone", die Selen Kara mit einem umwerfenden Ensemble auf die Bühne des Schauspiels Frankfurt bringt. Das neue Schiedsgericht wird es den Museen leicht machen, sich vom Raubkunstverdacht freizusprechen, fürchtet die SZ. Der Standard berichtet, dass das von Lahav Shani dirigierte Konzert in Wien wegen Störungen propalästinensischer Aktivisten minutenlang unterbrochen werden musste.

Kühe sind hier alle

20.09.2025. Der Guardian besucht die Calder Gardens in Philadelphia und versucht eine rein ästhetische Begegnung mit dem Künstler. Die Welt versteht nicht, warum die Deutsche Filmakademie den "Fünf-Punkte-Plan gegen den Antisemitismus" nicht mittragen will. Der Standard besucht in der Wiener Albertina eine Ausstellung über den Einfluss der Gotik auf die Moderne. In Monopol erklärt Jaime Martínez, Leiter der Artbo in Bogotá, das Hauptthema moderner kolumbianischer Kunst. Zeit online hört entgeistert das Emo-Geträller von Nina Chuba. Der italienische Autor Fabio Stassi reist für die FAZ auf den Spuren von Antonio Tabucchi nach Kreta.

Das Publikum gibt sich Mühe

19.09.2025. Das van Magazin stellt Marc Blitzsteins geometrische Oper "Parabola and Circula" vor, die 96 Jahre nach ihrer Entstehung beim Musikfest Berlin uraufgeführt wird. Die Berliner Zeitung übt im Deutschen Theater begeistert Neusinn, Quersinn, Fremdsinn oder Unsinn mit Nele Stuhlers "Leichtem Gesang". Der Standard besucht die Wiener Ausstellung der queer-feministischen Künstlerin Ashley Hans Scheirl. Selbst dem Spiegel ist unwohl beim dem von Brian Eno organisierten "Together for Palestine"-Benefizfestival: Die israelischen Opfer des 7. Oktobers wurden nicht einmal erwähnt.

Das Gefühl, nicht in Sansibar zu sein

18.09.2025. Die Filmkritiker verabschieden sich mit Christian Petzolds Film "Miroirs No. 3" vom Sommer. Die taz porträtiert die ugandische Schriftstellerin Stella Nyanzi, die sich mit den Obrigkeiten ihres Heimatlandes angelegt hat und im Exil in Berlin lebt. Die Zeit berichtet, wie Ai Wei Wei mit weißgestrichenen Uniformen für Irritation in Kiew sorgt. Die FAZ tanzt bei der Ruhrtriennale Pas de deux mit der israelischen Choreografin Sharon Eyal.

Erdbeerblonder Bilderbuchamerikaner

17.09.2025. Robert Redford ist tot; die SZ erinnert an die unbefleckte Präsenz des Stars, die Zeit trauert um einen Surferboy mit linkem Gewissen. Außerdem diskutieren die Feuilletons die Buchpreis-Shortlist, die laut FAZ von komplexen Romanen über Gewalterfahrungen dominiert wird. Zeit online findet Trost in einem Konzert von Lahav Shani und den Münchner Philharmoniker, die nach ihrer Ausladung in Gent in Berlin auftraten.

Wie schrecklich der Verlust einer Kuh ist

16.09.2025. Update: Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis ist da! Die Nachtkritik verliert sich mit Freuden in den Verfremdungseffekten von Felicitas Bruckers Bühnenadaption des Haneke-Films "Caché" am Wiener Volkstheater. Die FAZ lernt in einer Ausstellung über Ernst Ludwig Kirchner in Bern einige Schrullen des Brücke-Malers kennen. Jungle World träumt nach Michael Dwecks und Gregory Kershaws Dokumentarfilm "Gaucho Gaucho" von einem Leben als Rinderhirt in der argentinischen Prärie. Die NZZ würdigt Devonté Hynes a.ka. Blood Orange anlässlich seines neuen Albums als "Doktor Faust der Pop-Musik". 

Weltraumbahnhof für das Denken

15.09.2025. Die FAZ findet die Aussagen von Jan Briers, dem Leiter des Flanders Festival in Gent, zur Causa Lahav Shani "desaströs". Nachtkritik und FR tauchen am Schauspiel Frankfurt in die originellen Bilder der Regisseurin Luise Voigt ein. Der Tagesspiegel konstatiert, dass in Hollywood kaum noch jemand zu Israel hält. Ein Grund zu Freude und Hoffnung ist für die SZ die Wiedereröffnung der Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße.

Beim Blödsinnmachen an der Küste

13.09.2025. Die FAS ist gleichzeitig berauscht und nüchtern, wenn sie in der Julia Stoschek Foundation in Berlin Mark Leckeys sprechende Kühlschränke trifft. Die nachtkritik erlebt, wie sich in Jan Philipp Glogers Einstands-Stück am Volkstheater Wien ein Komet in die Erde verliebt. SZ und FAZ diskutieren weiter über die Ausladung der Münchner Philharmoniker und ihres israelischen Dirigenten Lahav Shani vom Flandern Festival in Gent. 

Provokation - das war in den neunziger Jahren

12.09.2025. Groß ist die Entrüstung, dass das Flandern Festival in Gent Lahav Shani abesagt hat: Eine moralische Bankrotterklärung, schimpft die Welt, ein lupenreines Beispiel für israelbezogenen Antisemitismus, meint die FAZ. Kay Voges bringt in Köln ein Nachspiel zur AfD-Recherche von Correctiv auf die Bühne: Erhellend, findet die SZ, kennt man alles schon, winkt die Welt  ab. Die NZZ lernt in Bern von Ernst Ludwig Kirchner, wie man die perfekte Ausstellung kuratiert. Ein letztes Mal brechen die Schwestern Gisela Getty und Jutta Winkelmann gemeinsam ein Tabu, erkennt der Tagesspiegel

Wir leben in dieser Welt einfach nicht mehr

11.09.2025. Die Welt legt offen, wie sich die Golfstaaten mit massiven Finanzspritzen für die Opernwelt weißwaschen. Die taz blickt in den bewölkten Himmel über Emden und entdeckt Kriegsszenen. Die Zeit porträtiert den größten deutschen Vertreter der Pop-Art: Den DDR-Maler Hans Ticha. Die NZZ lernt in Michele Ciriglianos Dokumentarfilm "Architektur des Glücks", wie ein Casino ein ganzes Dorf in den Ruin stürzte. 54books traut dem Hype um Nelio Biedermanns Roman "Lázár" nicht. Und Backstage Classical ist fassunglos, dass das Flanders Festival in Gent den designierten Chefdirigenten Lahav Shani ausgeladen hat.

Er ist ja auch berühmt, der Goetz

10.09.2025. Was ist los mit Ethan Coen, fragen die Filmkritiker nach seinem Film  "Drive-In Dolls". Kamel Daoud erklärt im Welt-Gespräch, warum er sowohl die Intellektuellen des Postkolonialismus als auch Islamisten gegen sich aufbringt. Die FAZ staunt im Städel über die skulpturalen Videos der Bildhauerin Asta Gröting. Ebenfalls die SZ erinnert an den italienischen Komponisten Luciano Berio, der in brillanter Manier die gesamte Moderne remixte.

Zwänge eines geriatrischen Literatursystems

09.09.2025. Die Kulturkritik ist zum zahnlosen Tiger geworden, ruft die SZ angesichts der Besprechungen der neuen Bücher von Caroline Wahl und Ulf Poschardt. Zeit Online stellt fest, dass auch in der Literatur die Grenzen zwischen Links und Rechts zunehmend verschwimmen. Die FAZ reist mit Max Emanuel Cenčićs Inszenierung von Francesco Cavallis Oper "Pompeo Magno" ins Venedig des Jahres 1666. Die Musikkritik trauert um den Dirigenten Christoph von Dohnányi.

Wesentliches geschieht in einem Wimpernschlag

08.09.2025. Dass Jim Jarmuschs Film in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, lässt die Kritiker einigermaßen ratlos zurück: Für die NZZ ist es "schlimmstes Boomer-Kino", die taz fragt sich, ob die Auszeichnung vielleicht als verkappter Lebenswerkpreis zu verstehen ist. Begeistert sind dafür alle Kritiker von Jens Harzers Einstand am Berliner Ensemble: In Oscar Wildes "De Profundis" sieht die FAZ einen "Künstler mit zerschlagener Seele", die Nachtkritik kommt mit Harzers Spiel so nah an den Text wie nie zuvor. Alexander Melnikov spielt Rachmaninow auf dessen Flügel so, wie die FAZ ihn noch nicht gehört hat.

Wäscheleine im Nebel

06.09.2025. Die nachtkritik feiert Antú Romero Nunes' maximal verunsichernde, genderfluide "Hamlet"-Inszenierung am Theater Basel. Der Standard erkennt eine vollkommen zeitgenössische Figur in dem Mörder aus Sartres Politdrama "Die schmutzigen Hände", das David Bösch in Wien inszeniert hat. In der SZ feiert Barbara Vinken den männlichen Körper, über den Giorgio Armani den Schimmer der ewig jungen olympischen Götter warf. Die FAZ dokumentiert Cécile Wajsbrots Rede zur Eröffnung des Via Nova Kunstfests Corvey. Die Welt lässt sich vom 98-jährigen Herbert Blomstedt das Fagottsolo aus Sibelius' Fünfter vorsingen.

Die kleinen Freuden des Lebens

05.09.2025. Die FR kürt Kaouther Ben Hanias "The Voice of Hind Rajab" über das Leid palästinensischer Kinder zum Favoriten für den Goldenen Löwen. Der Film tarnt politische Intervention als Kino, empört sich die Welt. Zeit Online gerät mit David Byrnes neuem Album in religiöse Ekstase, die taz ist indes genervt von der guten Laune. Die SZ fragt sich in Düsseldorf beim Anblick offener Ani: Was soll das? Und alle trauern um Giorgio Armani, der Frauen maskuliner und Männer femininer kleidete, wie die NZZ erinnert.

Wie das so läuft in der Kommission

04.09.2025. Im Tagesspiegel erklärt Michal Kosakowski, wie er in seinem Film "Holofiction" das Systematische des NS-Massenmords erfahrbar machen will. Die Welt kann in Marcin Wierzchowskis Dokumentarfilm "Das deutsche Volk" das ganze Ausmaß behördlichen Versagens nach dem Anschlag von Hanau nachvollziehen. Das Ende der Geschichte hat stattgefunden, aber leider nur in den liberalen demokratischen Institutionen, konstatiert Milo Rau in der nachtkritik.

In den Fressnapf gestoßen

03.09.2025. Die Filmfestspiele Venedig gehen dem Ende entgegen und haben laut critic.de einen neuen Löwen-Favoriten: Mona Fastvolds pulsierendes, formvollendetes Biopic "The Testament of Ann Lee". Die taz begeistert sich einerseits für die in Maastricht ausgestellten fräsenden und ratternden elektronischen Skulpturen Carl Chengs. Und andererseits für die walzenartige Musik der Ruhrpott-Metal-Band Kreator. Die SZ erklärt uns das erstaunliche Comeback der Musikkassette.

LSD-Charakter der messiaenschen Eucharistie

02.09.2025. Dreißig Jahre nach seiner Uraufführung ist William Kentridges Stück "Faust in Africa!" mehr ein "faszinierendes Kunstwerk" als ein aufrüttelndes Manifest, stellt die SZ beim Zürcher Theaterspektakel fest. Die FAZ schläft bei Jim Jarmuschs neuem Film "Father, Mother, Sister, Brother" beinahe auf dem Kinosessel ein. Der Guardian sieht mit den frühen Arbeiten Stephen Shores in die Gesichter New Yorks. Die Architekturwelt trauert um den Stadtplaner Hans Stimmann

Die Elegie der Oboe

01.09.2025. Die Filmfestspiele Venedig sind in vollem Gange: Guillermo del Toros "Frankenstein"spaltet die Gemüter: Die Welt staunt über den "großen Monstermacher", die SZ fragt sich, ob es wirklich noch mehr Adaptionen des Stoffs braucht. Olivier Assayas' "Der Magier im Kreml" sorgt hingegen für Enttäuschung. Der neu gestaltete Sainsbury-Flügel der Londoner National Gallery überzeugt die FAZ damit, dass er interessante Verbindungen zwischen Künstlern zeigt. Die nmz lauscht Ernst von Rezniceks Eulenspiegel-Oper in Hildesheim gebannt. Der Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker ist rundum gelungen, lobt die FAZ.