Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2017 - Literatur

Seit einem Monat ist Ian Buruma neuer Chefredakteur der New York Review of Books - für die Literarische Welt hat sich Hannes Stein daher auf ein Gespräch mit ihm getroffen. Seine Pläne für das intellektuelle Traditionsblatt umreißt Buruma so: "Manche Dinge haben sich schon geändert. Wir sollten der zeitgenössischen Kunst viel mehr Aufmerksamkeit schenken. Wir sollten uns mehr um übersetzte Literatur kümmern. Wir sollten auf Südamerika schauen, auf Afrika. Es wird keine Revolution geben, aber Sie werden graduelle Verschiebungen entdecken. Und die größte Änderung wird - hoffe ich - sein, dass unsere Autoren jünger werden. Und damit auch unsere Leser."

In der FR spricht Arno Widmann mit Salman Rushdie über dessen neuen Roman "Golden House". Unter anderem erfahren wir auch, warum auch viele Afroamerikaner dessen Bücher lesen. Das hatte ihm nämlich der jamaikanische Schriftsteller Marlon James verraten: "Er sagte, es sei doch offensichtlich: 'Die lesen Dich, weil du ein knallhartes Arschloch bist, ein badass motherfucker.'"

Weiteres: Die FAZ hat für einen Übersetzerwettwerb eine Passage aus einem unveröffentlichten Roman Don DeLillos übersetzen lassen. Siegerin unter Hunderten anonymisierten Übersetzungen ist die Version der bekannten Übersetzerin Pociao. Sowohl den Don-DeLillo-Text auch die Übersetzung präsentiert die FAZ heute. Der Übersetzer und Organisator des Wettbewerbs Ulrich Blumenbach erklärt die Aktion im Feuilleton-Aufmacher. Laut Agenturen (hier in Zeit online) gibt es neue Indizien, dass Pablo Neruda vergiftet wurde. Eva-Christina Meier spricht in der taz mit Arnoldo Gálvez Suárez über dessen Roman "Die Rache der Mercedes Lima" und die Situation in Guatemala. Für die Welt erkundigt sich Marc Reichwein bei Klaus Jöken, wie man einen Asterix-Band übersetzt. Für die Zeit unterhält sich Ingeborg Harms mit der Schriftstellerin Catherine Millet. Die FAZ stellt in ihrem literarischen Wochenendessay eine Passage aus Don DeLillos "Great Jones Street" ihrer Übersetzung von Pociao gegenüber. Deutschlandfunk Kultur bringt eine Lange Nacht von Helmut Böttiger über die Gruppe 47.

Besprochen werden Didier Eribons "Gesellschaft als Urteil" (Tagesanzeiger, Deutschlandfunk Kultur), John le Carrés "Das Vermächtnis der Spione" (SZ), der von Tristan Marquardt und Jan Wagner herausgegebene Band "Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen" (SZ), Cecilia Ekbäcks "Im Schatten der Mitternachtssonne" (taz), Doron Rabinovicis "Die Außerirdischen" (taz), Michael Mikolajczak und Holger Kleins Comic "Blutspur" (Tagesspiegel), Vladimir Nabokovs "Briefe an Véra" (Literarische Welt), Alexandre Dumas' "Der Graf von Monte Christo" (Literarische Welt) und der Briefwechsel zwischen Ernst Jandl und Ian Hamilton Finlay (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.10.2017 - Literatur

In der taz verdreht Dirk Knipphals die Augen über den Vorstoß einer Dresdner Buchhändlerin aus dem Pegida-Umfeld, mit der "Charta 2017" gegen eine vermeintliche "Gesinnungsdiktatur" in Deutschland zu protestieren. Dass aber auch Autoren wie Uwe Tellkamp sich dem Aufruf anschließen, findet Knipphals tendenziell anrüchig: "Bevor er mit 'Der Turm' das Epos gerade des Dresdner Weißer-Hirsch-Viertels schrieb, spielte er literarisch auch schon mal mit den Motiven einer Wiedergeburt einer gegen unsere Konsensdemokratie gerichteten intellektuellen Elite. Man darf sich schon mal fragen, was ein Autor wie er nun wirklich will."

Auf einem Flügel drapierte Notizbücher, an die Wand projizierte Faksimiles: Die Übergabe von Peter Handkes Tagebüchern ans Literaturarchiv Marburg bot "maximale Objektaura", berichtet Jan Wiele in der FAZ: "Der Querschnitt eines Bandes zeigt mehrere darin eingelegte Federn. Man werde sie vorsichtig herausnehmen und konservatorisch behandeln, sagt der Archivleiter Ulrich von Bülow."

Weiteres: Anne-Sophie Schmidt besucht für den Tagesspiegel den auf Bücher vergessener jüdischer Autorinnen spezialisierten Aviva-Verlag in Berlin. Marie Schmidt (Zeit) und Axel Veiel (FR) unterhalten sich mit Texter Jean-Yves Ferri und Zeichner Didier Conrad über deren neuen (im Standard besprochenen) Asterix-Comic.

Besprochen werden unter anderem Sabrina Janeschs "Die goldene Stadt" (SZ), Lukas Holligers "Das kürzere Leben des Klaus Halm" (NZZ) und Kim Thúys "Die vielen Namen der Liebe" (NZZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2017 - Literatur

Der Flaneur auf den Straßen ist verschwunden. Aber ausgestorben ist er nicht, vielmehr ist er in neuem Gewand als Massenphänomen unterwegs, erklärt Alain Claude Sulzer in der NZZ und stimmt eine wunderbare Eloge aufs Internet an: "Der moderne Flaneur sitzt vor dem Bildschirm. Ihn schlägt nicht weniger als die Welt in ihren Bann. Bilder und Wörter halten ihn gefangen. Gierig nimmt er auf, was sich ihm bietet: Neuigkeiten, Gesichter, Körper, Aussagen jeder Art, Lügen, Wahrheiten, Dinge, die er nicht wissen will, Dinge, von denen er bisher nichts ahnte, Menschen, die er nicht kennt und niemals wirklich kennenlernen wird. Alles wird ihm unvermittelt ganz vertraut. Wie Goethes dichterisches Ich schlendert der Flaneur im Internet 'so für sich hin' und lässt die Gedanken, die an diesem oder jenem Gegenstand hängenbleiben, schweifen; vor ihm eröffnet sich eine Flut an Verknüpfungen, die in Wellen wieder über ihm zusammenschlagen."


Flott: "Asterix in Italien" von Didier Conrad und Jean-Yves Ferri

"Asterix in Italien", der mittlerweile dritte "Asterix"-Band des neue kreativen Gespanns Didier Conrad und Jean-Yves Ferri, erfreut die Feuilletons. Den beiden ist "ein richtig gelungenes Gallier-Abenteuer" geglückt, schreibt Marc Reichwein in der Welt: Sie steigen "in Sachen Plot, Ironie und Innovation zur Hochform auf." Es geht um ein Wettrennen quer durch Italien, erfahren wir von Marina Knoben in der SZ, die hier eine Hommage an die Klassiker von Uderzo und Goscinni vorliegen sieht: "Conrad hat das souverän gezeichnet, im Stil Uderzos, nur noch ein wenig dynamischer!" Auch Patrick Bahners von der FAZ stellt ein erhöhtes Erzähltempo fest, das ihm die beiden Macher auch bestätigen: "Es war der Ehrgeiz von Ferri und Conrad, 'eine Geschichte ohne Zwischenstopp' zu erzählen", schreibt er. "Symbol dafür ist die Ausrichtung des Wagens, den Obelix auf dem Markt in Vannes auf Kredit gekauft hat", der nämlich stets von links nach rechts dränge. "Erst im vorletzten Bild, nach dem Ende des Rennens, wird die Fahrtrichtung geändert." Weitere Kritiken im Tagesspiegel (hier) und in der NZZ (hier).

Wieland Freund freut sich in der Welt über den Booker-Prize für den texanischen Autor George Saunders: Er liefere "einer komplett irren Welt irre komplexe Geschichten, aber naturgemäß danken ihm dafür vor allem Künstler: Seit David Foster Wallace sich 2008 das Leben nahm, könnte Saunders in Amerika der meistbewunderte Kollege sein."

Weiteres: Benjamin Trilling besuchte für die taz von einer Berliner Veranstaltung mit Édouard Louis und Geoffroy de Lagasnerie. In Berlin sprach Orhan Pamuk über sein Museum der Unschuld, berichtet Lothar Müller in der SZ.

Besprochen werden Joe Fischlers "Veilchens Rausch" (Welt), Angie Thomas' "The Hate U Give" (FR), Thomas Medicus' "Nach der Idylle"(FR) sowie neue Bücher von und über Gerhard Roth (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2017 - Literatur

Eigentlich geht es im Standard-Gespräch, das Michael Wurmitzer mit Sibylle Berg und Franz Wenzl von der Band Kreisky führt, um das in Wien gezeigte Theaterstück "Viel gut essen". Aber dann spricht Berg natürlich auch über die Literatur: Belletristik lese sie nämlich nicht mehr, die sei "langweilig. Ich hab das Gefühl, ich muss so viel begreifen, es gibt so vieles, das mich interessiert, und ich komme gar nicht nach. Ich muss stapelweise Sachbücher lesen. Ich halt's nicht mehr durch, ein Buch zu lesen, wo einem einer eine Welt öffnet, seine Welt. Ich will Fakten. Das, was wir um uns haben, interessiert mich. Was passiert gerade? Ich bin zum Beispiel techniksüchtig, fast serverobjektophil, lese immer wieder zu Faschismusforschung. Literatur gibt mir einfach nix mehr. Houellebecq hab ich durch, ich habe kapiert, dass der alle und sich selber hasst, sehr schön, hilft mir aber nicht weiter."

Weiteres: Der Man Booker Prize geht in diesem Jahr an den Autor George Saunders - und damit zum zweiten Mal in Folge an einen Amerikaner, schreibt Sian Cain im Guardian. Ulrike Schuster berichtet in der SZ von einem Gruppe-47-Revival in Waischenfeld, wo 1967 das letzte Treffen stattfand. Dennis Scheck stellt online nachgereicht Clarice Lispectors "Der große Augenblick" in seinen Welt-Literaturkanon.

Besprochen werden Annie Ernaux' "Die Jahre" (Tagesspiegel), Klaus Böldls "Der Atem der Vögel" (SZ), Pascale Kramers "Autopsie des Vaters" (NZZ), Uwe Timms "Ikarien" (Tagesspiegel, NZZ), Durs Grünbeins famoser neuer Gedichtband "Zündkerzen" (Standard), Philippe Pujols "Die Erschaffung des Monsters. Elend und Macht in Marseille" (ZeitOnline), Gaël Fayes "Kleines Land" (FR), der von Ayelet Waldman und Michael Chabon herausgegebene Band "Oliven und Asche" (FR) und Florjan Lipušs "Seelenruhig" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2017 - Literatur

Deniz Utlu umkreist im Freitag Fragen nach der Sprache als Speicher der Zeit und Resonanzraum historischer Erfahrungen. "Der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, sowie der Ort, an dem ich mich befinde, stehen in einem Verhältnis zu mir. Wenn ich über sie nachdenke, denke ich über mich selbst nach und umgekehrt. Ich frage nach der Geschichte des Ortes, an dem ich lebe, an dem ich mich entwerfe, weil mich hier die Stränge der Vergangenheit treffen, in den Institutionen, im Alltag. Auch was die Eltern tradieren, die nicht in Deutschland geboren sind, was sie weitergeben, sickert durch die Gesteinsschichten des Ortes zu mir, an dem nun auch sie schon den größeren Teil ihres Lebens verbracht haben."

Weiteres: Sylvia Prahl besucht für die taz die Ausstellung "The Critic as Artist" in Reading, die zugleich Manifest sein will. Jakob Hayner spricht für die Jungle World mit Pedro Kadivar über Migration, Literatur und Begriffe der Fremdheit. In der FR schreibt Ingrid Müller-Münch über das Dorf Sanary-sur-Mer an der Côte d'Azur, wo in den 30ern zahlreiche aus Deutschland geflohene Schriftsteller Unterschlupf fanden. Elise Graton hat für die taz Buchmessestände frankofoner Verlage aus Afrika besucht. Anna Fastabend stellt in der FR den Binooki Verlag aus Berlin vor, der sich auf die Übersetzung türkischer Gegenwartsliteratur spezialisiert hat. Laura Meier spricht in der FR mit der Übersetzerin Lena Müller.

Besprochen werden Tanguy Viels "Selbstjustiz" (FR), Jean-Paul Krassinskys Comic "Affendämmerung" (Tagesspiegel), Péter Nádas' Memoiren "Aufleuchtende Details" (NZZ, online nachgereicht von der Zeit) und Franziska Meiforts Biografie über Ralf Dahrendorf (SZ).
Stichwörter: Deniz Utlu, Sprache

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2017 - Literatur

In Frankfurt ist Margaret Atwood mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Debatten, wie sie von den Friedenspreis-Reden von Carolin Emcke, Navid Kermani und Jaron Lanier in den letzten Jahren ausgingen, sind nach dem Auftritt der kanadischen Schriftstellerin, die ihr eigenes, politisches Schreiben ins Verhältnis zur Welt und deren Unbill setzte, wohl eher nicht zu erwarten. Die Feuilletons jedenfalls reagieren positiv lauwarm. Im Publikum in der Paulskirche wurde oft "gemütlich gelächelt" zu dieser "luftleichten, ahnungsvollen Rede", wie wir in der FAZ von Simon Strauß erfahren. "Sanft und unverfänglich wurden in ihrer Rede allerlei Gedanken angestupst - ein wirkliches Plädoyer, gar eine Konfrontation, eine Auseinandersetzung mit dem Preisthema 'Frieden' gab es nicht. Keine besonderen Vorkommnisse also. Um zwölf Uhr mittags verließ man die Paulskirche mit reinem Gewissen. Und fühlte sich frei von Harm und Gedankenschwere."

Franziska Augstein setzt in der SZ denn auch gleich mit Atwoods "bezaubend-spitzbübischem Lächeln" ein und lobt dann insbesondere Eva Menasses Laudatio auf die Preisträgerin. "Mit Bravour und Selbstironie" habe Atwood "ihre Kunst gegen die Ansprüche des Politischen verteidigt", schreibt Ulrich Gutmair im kleinen taz-Porträt und zitiert zum Beleg Atwood: "Was nach Aktivismus meinerseits aussieht, ist meist eine Art tollpatschiges Staunen. Warum hat denn der Kaiser nichts an, und warum wird es so oft als unhöflich empfunden, wenn man einfach damit herausplatzt?" Im 10nach8-Blog auf ZeitOnline porträtiert Bernadette Conrad Atwood und staunt über deren "enorme - und ungewöhnliche - Bandbreite ihrer Themen und Kenntnisse." Weitere Berichte von der Preisverleihung in der FR, in der NZZ im Tagesspiegel. Auszüge aus Menasses Laudatio und Atwoods Dankesrede kann man beim Deutschlandfunk nachhören.

Weiteres von der Buchmesse: Tania Martini berichtet in der taz von den großen intellektuellen Debatten auf der Buchmesse, zu denen Impulse vor allem von den französischen Gästen kamen - insbesondere auch auch von jenen, die, wie Jean-Christophe Bailly oder Geoffroy de Lagasnerie, die aus Protest gegen Macron entweder demonstrativ abreisten oder gar nicht erst eintrafen. "Man kann die Kritik dieser Intellektuellen überzogen, auch holzschnittartig und die Abreise gar kindisch finden. Aber die Häme, mit der sie überzogen werden, lässt auch einige Kritiker blöd aussehen: Erst hypen, dann erledigen? Sind das die Regeln ihres Diskurses? ... Es gibt eine französische Großzügigkeit der Gesten, die vielen in Deutschland nicht einleuchtet. Das weiß man in Frankreich."

Überhaupt: "Man hatte zwar Frankreich als Gastland eingeladen. Aber es kam Europa", schreibt Roman Bucheli in seinem NZZ-Fazit und spannt damit den Bogen vom Deutschen Buchpreis für Robert Menasse über Emmanuel Macrons flammendes Plädoyer zum Auftakt der Buchmesse bis hin zu Daniel Kehlmanns neuem Roman "Tyll". Es ging bei dieser Buchmesse um "die Bruchstücke einer politischen Idee, die Ruinen einer kulturellen Vision, die fiebrigen Visionen eines Staatspräsidenten. Ein schütteres Europa geisterte also verloren durch die Messehallen - und legte sich gleich ins Krankenbett. Darum herum versammelten sich die Schriftsteller, die Philosophen, die Politologen."

Nicht im Krankenbett, sondern bei Suhrkamps Kritikerempfang versammelten sich an einem Moment des Abends am Rande auch Didier Eribon, Annie Ernaux und Edouard Louis. Für Gerrit Bartels vom Tagesspiegel war dies "eines der schönsten Bilder dieser Messe, wie die drei dann, quasi als neues glamouröses Kraftzentrum der französischen Literatur, im Angesicht des riesigen Goethe-Porträts an dem einzigen Tisch in der Unseld-Bibliothek sitzen, schwatzen, lachen und sicher auch Emmanuel Macron einfach mal einen guten sein lassen." Die Welt dokumentiert Sätze, die so auf der Buchmesse gefallen sind.

Weiteres: Thomas David spricht in der NZZ mit Edna O'Brien über deren neuen Roman "Die kleinen roten Stühle".

Besprochen werden Emmanuel Carrères "Brief an eine Zoowärterin aus Calais" (Jungle World), Didier Fassins "Das Leben" (Zeit), Fouad Larouis "Im aussichtslosen Kampf zwischen dir und der Welt" (Jungle World), eine Irmgard-Keun-Werkausgabe (Welt), Alban Nikolai Herbsts "Meere" (SZ), eine Ausstellung über August Wilhelm Schlegel im Frankfurter Goethe-Museum (SZ) und neue Hörbücher, darunter eine Edition mit Film- und Tonaufnahmen von Thomas Mann (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2017 - Literatur

Die NZZ dokumentiert Jonathan Franzens Dankesrede zum Frank-Schirrmacher-Preis, in der der Schriftsteller seiner Befürchtung Ausdruck verleiht, dass Social Media und das Netz "eine Welt, in der es früher Erwachsene und Kinder gab und in der ganz klar die Erwachsenen den Takt vorgaben, in eine universale Schulcafeteria für Vierzehnjährige" verwandle.

Mehr von der Frankfurter Buchmesse: "Die Stimmung ist latent gereizt", berichtet Hannah Bethke in der FAZ von den politischen Sachbuchständen und Vorträgen. Was Verleger Achim Bergmann nur bestätigen kann: Der wurde am Stand der Jungen Freiheit, nachdem er sich bei einer Veranstaltung mit Zwischenrufen bemerkbar gemacht hatte, von einem Rechten kurzerhand niedergeschlagen, wie Andreas Fanizadeh in der taz meldet.

Außerdem: Dirk Knipphals schlendert über die Buchmesse und macht sich dabei Gedanken über die Buchbranche. Michael Wurmitzer berichtet im Standard unter anderem von einer Gesprächsrunde mit Michel Houellebecq. Jens Bisky besucht für die SZ die osteuropäischen Stände, wo ihm selbstbewusste Ukrainer und eine neue russische Lenin-Biografie begegnen.

Die taz legt ihrer Wochenendausgabe ein ausführliches Dossier über afrikanische Literaturen bei: Vorstellungen eines homogenen literarischen, kanonisierbaren Raums lehnt der kongolesische Schriftsteller und Journalist Muepu Muamba ab: "Wer bestimmt überhaupt die Bedeutung der Dinge? Jene, die sich selbst für noch wichtiger halten. Sie sind davon überzeugt, dass ihnen die Legitimität und die Autorität innewohnen, Dinge zu benennen. Dabei ist Poesie die Möglichkeit, den Konsens zu brechen, sie ist oft paradox, also jenseits der Doxa. Poesie akzeptiert weder Fesseln noch Zwang. Sie nimmt nie imperiale Diktate an. Sie sprengt sie alle fröhlich in die Luft. Sie ist eine Rebellion aus Passion und Sanftheit. Afrikanische Literaturen formen sich beim Schreiben, so wie das Afrika, das sie begleiten. Ihr Kanon wird auch und immer im Nachhinein geschmiedet."

Zum Einstieg sprechen hier die vier Autorinnen und Autoren Prinzessin Esther Kamatari, Sonwabiso Ngcowa, Amma Darko und Bontle Senne in Kurz-Interviews Auskundt über ihre Arbeit. Ilona Eveleens hat den nairobischen Schriftsteller Stanley Gazemba besucht. Daniel Zylbersztajn spricht mit der nigerianischen Verlegerin Bibi Bakara-Yusuf, die Afrikas Literaturen zum Teil des globalen Gedankenguts machen will. Hilda Twongyeirwe will mit einem Schriftstellerinnenverband die Buchkultur in Afrika festigen, erklärt sie gegenüber Simone Schlindwein. Gesa Steeger hat sich in Berlin mit dem nigerianischen Autor Elnathan John getroffen. Ilona Eveleens porträtiert James Odhiambo, der in Kenia die wichtigste Buchmesse Ostafrikas organisiert. Jahman Oladejo Anikulapo erklärt Katrin Gänsler im Gespräch, wie er für mehr Aufmerksamkeit auf die Vielfalt der Literaturen Afrikas sorgen will. Simone Schlindwein stellt die Arbeit der Lehrerin Rosey Sembatya vor, die sich in Uganda für literarische Bildung einsetzt. Katrin Gänsler hat sich mit Okechukwu Ofili getroffen, der mit einer App dem Umstand begegnen will, dass es in Nigeria kaum Buchhandlungen gibt. Außerdem bringt die taz die Kurzgeschichte "Neu-Biafra-Sperma" von Edwin Okolo. Und taz-Afrikaredakteur Dominic Johnson gibt Buchtipps.

Außerdem: Susanne Mayer führt für ZeitOnline ein ausführliches Gespräch mit der feministischen Schriftstellerin Hélène Cixous. Im Freitext-Blog auf ZeitOnline wünscht sich Nora Bossong bessere Lektoren für den auf Seifenopern-Qualität stattfindenden österreichischen Wahlkampf. Der Standard bringt Cornelia Travniceks Festrede zur Veranstaltung "Österreich liest", in der die Schriftstsllerin über das Verhältnis zwischen Literatur und Literaturverfilmungen, zwischen Schriftstellerinnen und Filmemachern nachdenkt. Elise Graton unterhält sich für die taz mit der französischen Comiczeichnerin Aude Picault.

Besprochen werden John Le Carrés neuer Smiley-Roman "Das Vermächtnis der Spione" (Perlentaucher) Margaret Atwoods und Johnnie Christmas' Comic "Angel Catbird" (Tagesspiegel), Sophie Divrys "Als der Teufel aus dem Badezimmer kam" (Tagesspiegel), Kenneth Goldsmiths "Uncreative Writing" (taz), Dany Laferrières "Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüde" (Tagesspiegel), Emmanuelle Loyers Biografie über Claude Lévi-Strauss (Tagesspiegel), Daniel Kehlmanns "Tyll" (Standard, Zeit), Michael Rutschkys' "In die neue Zeit" (Tagesspiegel) und Sven Regeners "Wiener Straße" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2017 - Literatur

Robert Menasse erhält einen der wichtigsten Literaturpreise des Landes, er schreibt und spricht über Grundsatzfragen von Europa - und die großen Fernsehsender der öffentlich-rechtlichen Sender reagieren darauf nicht, ärgert sich Mely Kiyak auf ZeitOnline. "Warum gibt es keine einzige Stunde im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die sich im Anschluss an die Preisverleihung zur besten Sendezeit in einer Runde von Denkern und Schreibern, also Intellektuellen, mit dem neuen Roman eines soeben preisgekrönten Autors beschäftigt, der, wie eben erwähnt, genau das Thema der Stunde behandelt? Das interessiert einen doch, was so jemand zu sagen hat. Der Blickwinkel eines Schriftstellers (Perspektive ist hier der Fachbegriff, der sich nicht nur auf Narration bezieht) könnte doch in einer Zeit, in der Politiker so oft 'neue Lösungen' beschwören, wenigstens inspirierend sein." Auf Tell unterzieht Sieglinde Geisel Menasses "Haupstadt" unterdessen dem gefürchteten Page-99-Test. Ob sie weiterlesen will? "Unbedingt."

Volker Breidecker berichtet in der SZ von einem Gespräch mit Aslı Erdoğan, Can Dündar und Burhan Sönmez über die Situation der literarischen Öffentlichkeit in der Türkei und über das Schreiben im Exil. Im vergangenen Jahr gab es bereits eine ähnliche Veranstaltung: "Bedrückend - ungleich bedrückender noch als im Vorjahr - war die Atmosphäre dieses Gesprächs. Was allen drei Autoren an Optimismus geblieben ist, gleicht, wie Aslı Erdoğan sagt, jener Hoffnung, die bei wachsender Verzweiflung auch Gefangene nicht aufgeben."

Roman Bucheli begutachtet für die NZZ den französischen Pavillon auf der Buchmesse. Den findet er in seiner hölzernen Ikea-haftigkeit ziemlich scheußlich: "Diese Arte-povera-Installation wirkt nicht einladend und schafft auch keine Atmosphäre der Konzentration oder Kontemplation. Da entsteht kein Denkraum und auch kein Bücher- oder Wörterlabor, eher wähnt man sich in der Werkstatt des Hobbygärtners oder im Lagerraum eines Baumarktes." Thomas Maier vom Tagesspiegel hat im französischen Pavillon unterdessen vor allem auf die Präsenz von Comics geachtet.

Weiteres: Früher schrieben Männer über scheiternde Frauen, heute schreiben Frauen über strauchelnde Männer, ist Wiebke Porombka von ZeitOnline aufgefallen. Die Übersetzerinnen Larissa Bender und Sabine Müller gaben bei der Veranstaltung "Übersetzen von Literatur aus Kriegsgebieten" Einblick in ihre Arbeit, berichtet Laura Maier in der FR. Michael Angele fordert im Freitag die Bildung von Lesezirkeln. Johan Schloemann flaniert für die SZ durch Halle 3, wo sich die Esoterik- und Ratgeber-Literatur versammelt. In der taz berichtet Elise Graton vom Auftritt Michel Houellebecqs in Frankfurt. Außerdem stellte sich Georgien als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018 vor, wie Lothar Müller in der SZ berichtet.

Besprochen werden Virginie Despentes' "Das Leben des Vernon Subutex" (Jungle World), Ingo Schulzes "Peter Holtz" (NZZ), Valérie Zenattis "Jacob, Jacob" (Tagesspiegel), Rainer Moritz' Neuübersetzung von Françoise Sagans "Bonjour Tristesse" (Tagesspiegel), Uwe Timms "Ikarien" (Zeit), Angie Thomas' "The Hate U Give" (Berliner Zeitung), John le Carrés "Das Vermächtnis der Spione" (Berliner Zeitung), Rafik Schamis "Sami und der Wunsch nach Freiheit" (SZ) und Victor Sebestyens Lenin-Biografie (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2017 - Literatur

"Was für eine Rede", staunt Jürgen Kaube in der FAZ nach dem Auftakt der Frankfurter Buchmesse mit Emmanuel Macron, in den Kaube sehr verliebt ist. Der Grund: Macrons Eingeständnis, sich erst über Walter Benjamin ein durchdringendes Verständnis von Charles Baudelaire erarbeitet zu haben. "Ist die Frage zulässig, welcher deutsche Politiker imstande wäre, auch nur zu sagen, was Macron damit meinte? ... Wenn ein Staatspräsident eine Buchmesse eröffnet, indem er kein Lippenbekenntnis zu Büchern ablegt, sondern indem er etwas darüber sagt, inwiefern Lesen eine Kulturtechnik ist und was an ihr hängt und warum er an ihr hängt, hat er (...) etwas Ungewöhnliches gemacht. Er hat nämlich zur Sache gesprochen und aus ihr heraus und nicht nur über sie."

So sieht das auch Thomas Steinfeld in der SZ: Es bestehe ein erheblicher Unterschied darin, ob man lediglich "das Buch" lobe oder tatsächlich "über Bücher" spreche. "Das Lob fällt unter die Gesetze der Reklame, insofern es auch schlechte Reklame gibt - Werbung also, die dem Werbenden schadet. Eine Rede über Bücher aber ist ohne Kritik, und das heißt: ohne Bildung nicht zu haben. Emmanuel Macron kennt diesen Unterschied." Sehr angetan von Macrons Aufritt war auch Andreas Fanizadeh in der taz.

Und, ach so, stimmt ja: Bundeskanzlerin Merkel war bei der Eröffnung auch noch da. Roman Bucheli holt die Kanzlerin in der NZZ wieder zurück ins Bild. Gut möglich nämlich, schreibt er, dass sich in Frankfurt "das zukünftige Dream-Team der europäischen Politik" gefunden hat.

Weiteres: Mirna Funk unterhält sich in der Welt mit der israelischen Schriftstellerin Julia Fermentto. Die Schriftstellerin Gila Lustiger erinnert sich im Tagesspiegel daran, wie sie zur französischen Sprache und Literatur fand. Der französische Übersetzer Alain Lance wiederum erinnert sich ebenfalls im Tagesspiegel daran, wie er zur deutschen Sprache gefunden hat. Ijoma Mangold porträtiert in der Zeit den Philosoph und Schriftsteller Tristan Garcia. Marlen Hobrack spricht im Freitag mit Britta Jürgs, die sich mit ihrem AvivA-Verlag auf Bücher von Frauen aus den 20er und 30ern spezialisiert hat. Volker Breidecker von der SZ lässt sich von den Kostbarkeiten der Antiquariatsmesse in Frankfurt verzaubern. In der Zeit versucht Thomas E. Schmidt den Wandel in der Buchkultur an Hanser Verleger Jo Lendle festzumachen.

Besprochen werden Orhan Pamuks "Die rothaarige Frau" (Tagesspiegel), Doron Rabinovicis "Die Außerirdischen" (Berliner Zeitung), Leïla Slimanis mit dem Prix Goncourt ausgezeichneter Roman "Dann schlaf auch du" (Tagesspiegel), Michel Houellebecqs "Schopenhauers Gegenwart" (FR), Édouard Louis' "Im Herzen der Gewalt" (Zeit) und Joseph Andras' Debüt "Die Wunden unserer Brüder" (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2017 - Literatur

Merkel blass, Macron charismatisch - "1:0 für Frankreich", lautet Marc Reichweins Fazit in der Welt nach dem Staatsakt zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse, bei der Frankreich Gastland ist.. Merkel hielt sich lediglich "ans Kursbuch der Keywords", wohingegen Macron von Goethe bis Ricoeur in 30 Minuten jede Menge Kultur-Pathos unterbrachte, was auch Thomas Steinfeld in der SZ bestätigt: Nachdem es in dem "intellektuellen Pamphlet" um die französische Sprache ging, die die französischen Landesgrenzen weit übersteigt, und das "Ineinander und Miteinander" der deutschen und französischen Kultur, "wiederholte Macron, mit beträchtlichem Pathos, seine Ankündigung, Europa aus dem Geist einer deutsch-französischen Kultur erneuern zu wollen."

Vor der Eröffnung sprach Macron gemeinsam mit Daniel Cohn-Bendit und dem Jihad-Forscher Gilles Kepel vor Frankfurter Studenten an der Universität, wie Sandra Kegel in der FAZ berichtet: Auch hier bekräftigte er unter Verweis auf die eigene intellektuelle Biografie "sein Eintreten für ein Europa, das sich nicht nur wirtschaftlich und juristisch definiert, sondern auch als Raum, in dem man lerne, mit kultureller Diversität zu leben: Auch deshalb müssten wir ein unleugbares Unbehagen in unseren Gesellschaften ins Visier nehmen, um einengende Identitätskonzepte aufzusprengen. Er glaube fest an die soziale Mobilität durch die Kultur", sagte er und bezeichnete dies als "Emanzipation durch Exzellenz".

Für "absolut dumm" hält unterdessen der frischgebackene Buchpreis-Träger Robert Menasse Didier Eribons gestern in der SZ veröffentliche Ankündigung, Macrons Buchmessen-Eröffnung aus politischen Gründen fernzubleiben: "Sich zu entziehen heißt, das, was man selbst wichtig findet, selbst zu begraben", sagt Menasse im Welt-Interview gegenüber Philipp Haibach. "Die Kritik an Macron wegen seiner neoliberalen Agenda könnte eine ganz normale politische Kritik sein. Nur sind die Dinge heute nicht mehr so einfach zuordenbar. Macron mag ein Neoliberalist sein, er ist aber gleichzeitig europapolitisch fortschrittlicher als alle Linken in Frankreich." Carsten Otte (taz) und Tomasz Kurianowicz (ZeitOnline) würdigen Menasse derweil als verdienten Gewinner des Deutschen Buchpreises.

Überhaupt scheine es ja so, "als sei die französischsprachige Literatur in puncto Gesellschaftsrelevanz und Globalisierung weiter als die deutschsprachige", stellt Gerrit Bartels im Tagesspiegel fest, in Deutschland sei man dagegen immer noch überrascht von den neuen Realitäten: "Huch, unser Land verändert sich!"

Außerdem: Volker Breidecker resümiert in der SZ unterdessen die Pressekonferenz der Messeleitung und des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. In der NZZ wappnet sich Paul Jandl vor den zahlreichen Lesungen, die es auf der Frankfurter Buchmesse wieder gegen wird, schließlich sei "die Geschichte des öffentlichen Lesens aus Büchern auch eine Geschichte der Katastrophen." Im Freitext-Blog auf ZeitOnline gibt Lyrikerin Nora Gomringer wichtige Überlebenstipps für die Buchmessen und rät dazu, "mal Tinder anzuschalten auf der Buchmesse. Vielleicht tindert man ja Benedict Wells, Ijoma Mangold oder Kirsten Fuchs." Wir wünschen viel Erfolg!

Weiteres: Stefan Brändle spricht in der FR mit Schriftstellerin Virginie Despentes unter anderem über den Niedergang der französischen Pornoindustrie und Prostitution in Frankreich im Wandel der Zeit.

Besprochen werden Ljudmila Ulitzkajas "Jakobsleiter" (NZZ), Thomas Glavinics "Gebrauchsanweisung zur Selbstverteidigung" (SZ), Daniel Kehlmanns "Tyll" (Berliner Zeitung, NZZ), Marion Poschmanns "Die Kieferninseln" (Freitag), Sten Nadolnys "Das Glück des Zauberers" (Tagesspiegel) und Didier Eribons "Gesellschaft als Urteil" (FAZ, SZ).
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