Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.04.2018 - Literatur

Schriftsteller Helmut Krausser hat es nochmal redlich mit Kleist versucht und ist darüber schier verzweifelt, gesteht er in der FAZ: "Ich glaube, ich habe in meinem gesamten Leben noch nie einen so durchgeknallten Schund gelesen", entfährt es ihm nach der Lektüre des "Käthchens von Heilbronn". Er hat nicht den blassesten Dunst, "warum man einem jungen Leser von heute empfehlen sollte, sich mit Kleist zu befassen." Seine Diagnose: Der deutsche Literaturkanon ist morsch geworden: Er ist "überholt, weltfremd, zufallsgeboren und ästhetisch höchst problematisch an. Belanglose Bücher bekommen bedeutende Preise, großartige Bücher werden ignoriert oder als trivial verfemt ... Die Lyrikszene ist weitestgehend gaga, praktisch jeder kann Büchnerpreisträger oder Literaturpapst werden."

Reichlich genervt zeigt sich Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg, in der Welt von der grassierenden Wellness- und Wattebausch-Rhetorik, mit der Literaturverlage das Lesen verzweifelt als Vanille-Eis für die Seele anpreisen: "Wo immer das Lesen als glücksstiftende Maßnahme gefeiert wird, bleiben störende Faktoren außen vor. Kein Wort davon, dass es sehr viele anödende, peinigende, das Unglück mehrende Bücher gibt, und keines davon, dass es in der Literatur wie im Leben zuhauf Wesen gibt, die die Literatur ins Verderben gestürzt hat."

Nachdem die Schwedische Akademie in einer Pressemitteilung die schweren Vorwürfe gegen sie implizit bestätigt hat, ist der Ruf des Literaturnobelpreises erstmal dahin, meint in der SZ Thomas Steinfeld, der sich allerdings sehr wundert, dass die Akademie dafür in erster Linie die Berichterstattung verantwortlich macht. "Es gibt einen gemeinsamen Grund für die Unregelmäßigkeiten in und in der Umgebung der Akademie: Sie muss einigen ihrer Mitglieder zunehmend als private, ihnen persönlich zugehörige Veranstaltung erschienen sein." Ziemlich eindrucksvoll zudem, was für Wellen der Skandal in Stockholm schlägt: Am 19. April wurde dort vor der Akademie demonstriert, berichtet Hannes Langendörfer in der Welt, flankiert von einer beeindruckenden Fotoaufnahme: "Etwa 2000 Frauen (und Männer) bekundeten ihre Unterstützung für Sara Danius und forderten den vollständigen Rücktritt der Akademie. Überall sah man Schleifenblusen in allen Farben und Spielarten."

Weitere Artikel: Paris ist "nicht nur die Stadt der Intellektuellen, der Existenzialisten, der Surrealisten und der vielen anderen Kunstströmungen, sondern auch die der Lateinamerikaner, die dort geschrieben haben", betont die mexikanische Schriftstellerin Guadalupe Nettel im taz-Gespräch gegenüber Eva-Christina Meier. Ihr aktueller Roman "Nach dem Winter" handelt von einer Studentin, die aus Mexiko nach Paris kommt. Im amerikanischen Literaturbetrieb etabliert sich derzeit das Jobprofil des "Sensitivity Readers", der Romane hinsichtlich unsensibler Darstellungen von Minderheiten lektoriert. Erste, von Gerüchten beflügelte Aufschreie, dass hier die Kunst bevormundet werde, hält Adrian Daub in der NZZ für überzogen. Giacomo Maihofer porträtiert im Tagesspiegel den in Berlin lebenden, nigerianischen Autor Elnathan John. In Berlin präsentierten Jan Assmann und Dieter Borchmeyer eine neue, kommentierte Gesamtausgabe von Thomas Manns Josephs-Romanen vor, berichtet Gustav Seibt in der SZ. Für die Welt spricht Wieland Freund mit dem Cartoonisten Tom Gauld. Bettine Augustin befasst sich im langen DLF-Kultur-Feature mit dem Schriftsteller Emmanuel Bove. Außerdem bringt die Welt einen Auszug aus dem einzigen Romans des frühzeitig verstorbenen Beat-Poeten Richard Fariña, der nun unter dem Originaltitel "Been down so long it looks like up to me" auf Deutsch erscheint.

Besprochen werden die Neuübersetzung von James Baldwins "Von dieser Welt" (taz), Friedrich Christian Delius' "Die Zukunft der Schönheit" (Freitag), Franziska Hausers "Die Gewitterschwimmerin" (Berliner Zeitung), Milena Michiko Flašars "Herr Kato spielt Familie" (FR), Benjamin von Stuckrad-Barres Textsammlung "Ich glaub, mir geht's nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen" (Zeit), die Neuauflage von Jack Trevor Storys Thriller "Immer Ärger mit Harry" (Freitag), neue Bücher von Amos Oz (SZ) und Sutan Takdir Alisjahbanas "Verlieren und gewinnen" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2018 - Literatur

Im Freitext-Blog auf ZeitOnline beschreibt die Schriftstellerin Lena Gorelik, 1981 im heutigen St. Petersburg geboren, 1992 nach Deutschland gekommen, ihr Ankommen in diesem Land, in dessen Sprache. Unter anderem schildert sie, wie sie letztere "aufsog, wie ein hungriges Tier schnappte ich nach Worten, hielt sie mit aller Kraft fest, ließ sie auf der Zunge zergehen: Monatelang antwortete ich mit 'meinetwegen' auf jede mir gestellte Frage. Ich wusste nicht, ob das Wort 'ja' oder 'nein' bedeutete, aber ich mochte den Klang. Als ich genug Worte gesammelt hatte, da schrieb ich ein Buch, in dem auch das Flüchtlingswohnheim eine Rolle spielte, und über das Wohnheim schrieb ich: Ein Zuhause, für das ich mich bis auf die Knochen schämte, und ich freute mich an der Sprache, die die meine geworden war."

Weiteres: In der NZZ feiert Roman Bucheli die "musikalischen Kleinode" des Dichters Pietro de Marchi. Und Hans Magnus Enzensberger widmet seine Kolumne diese Woche dem Bierdeckel. Harry Nutt schreibt in der FR zum Tod des Schriftstellers Dieter Lattmann. In der FAZ stellt Hannes Hintermeier Anne Wroe vor, die für den Economist - traditionell ohne namentliche Kennung - die Nachrufe schreibt, für die "viele Leser des Blattes als Erstes die letzte Seite aufschlagen."

Besprochen werden unter anderem Friedrich Christian Delius' "Die Zukunft der Schönheit" (taz), Yara Lees "Als ob man sich auf hoher See befände" (FR), ein Abend mit Ferdinand von Schirach (FR), Anna Sommers Comic "Das Unbekannte" (NZZ) und Hans Magnus Enzensbergers "99 Überlebenskünstler" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.04.2018 - Literatur

Den Skandal um die Schwedische Akademie nimmt Roman Bucheli in der NZZ zum Anlass, sich Peter Handkes Forderung anzuschließen: "Den Nobelpreis sollte man endlich abschaffen." Denn die Kriterien, unter denen die Akademie Literatur bewerte, seien heute doch völlig überholt, moniert er: "Der Kanon der Weltliteratur umfasste bis weit ins 20. Jahrhundert hinein von wenigen Ausnahmen abgesehen fast nur europäische Literatur. Von dieser eingeschränkten Optik hat sich die Schwedische Akademie in all den Jahrzehnten nie wirklich befreien können. Sie konnte und kann es umso weniger, als sie auf zu vielen Augen blind ist. Diese partielle Blindheit gehört gleichsam zur statuarisch festgelegten Verfasstheit der Akademie, weil sie als sektenähnliches und sich selbst konstituierendes Gremium außerhalb jeder Kontrolle tätig und nur einer Satzung verpflichtet ist, die 1786 erlassen und seither nicht mehr geändert worden ist." Der schwedische König will jetzt tatsächlich die Statuten der Akademie ändern, meldet der Standard.

Weiteres: Tilman Spreckelsen erklärt in der FAZ anlässlich des Bestsellerlisten-Erfolgs des Romans "Die Schmahamas-Verschwörung", wie Youtuber ihre Reichweite in Bucherfolge umsetzen. Besprochen werden unter anderem die Werkausgabe Irmgard Keun (FR) und der zweite Teil aus Haruki Murakamis "Die Ermordung des Commendatore"-Romanzyklus (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Stichwörter: Schwedische Akademie

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2018 - Literatur

Große Freude bei Johanna Roth in der taz über den Pulitzer-Preis für den Schriftsteller Andrew Sean Greer und dessen Roman "Mister Weniger", schließlich saß Roth vor wenigen Jahren in einem Poetikseminar des preisgekrönten Autors: Er "druckte uns Szenen aus 'Lolita' aus, die wir zerschneiden und neu zusammenpuzzeln sollten. Er zwang uns, solange denselben Satz von Proust zu lesen, bis wir darüber lachen mussten. Als wir irgendwann unsere ersten Kurzgeschichten schrieben, über Mütterzorn, Gespenster und Liebeskummer, fühlten wir uns wie kleine Nabokovs. ... Wir lasen anders."

Weiteres: Für die SZ spricht Karin Janker mit der mexikanischen Schriftstellerin Guadalupe Nettel über das Verhältnis zwischen den USA und ihrem Heimatland. Jana Volkmann porträtiert im Freitag Zoe Becks CulturBooks-Verlag.

Besprochen werden Monika Marons "Munin oder Chaos im Kopf" (Standard), Nadja Spiegelmans "Was nie geschehen ist" (Freitag), Sayaka Muratas "Die Ladenhüterin" (FR), Éric Vuillards "Die Tagesordnung" (SZ), zwei neue Übersetzungen von Giorgos Seferis' Gedichten (FAZ) und neue Comics, darunter Héctor G. Oesterhelds und Alberto Breccias "Eternauta 1969" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2018 - Literatur

Im Tagesspiegel schreibt die griechische Schriftstellerin Amanda Michalopoulou über Berlin im Wandel: "Berlin ist ein Zustand. Es ist dieser dunkle Bezirk in uns, das Schweigen, die Schwere, die Innerlichkeit. Arbeiter mit Bierflaschen in der U-Bahn, die U-Bahn selbst, die alten Waggons, gelb und dunkelrot, mit den Fernsehturmbezügen. Es ist der Staub um die Baugerüste, der immer noch riecht wie damals, als der Potsdamer Platz eine Ödnis war, mit einer roten Box in der Mitte."

In der NZZ spricht die Autorin Rachel Cusk mit Thomas David über ihren neuen Roman "Kudos", der bald erscheint. Dabei reflektiert sie, was sie aus dem Skandal um ihren autobiografisch geprägten Roman "Aftermath" gelernt hat, in dem sie ein scharfes Porträt von Mutterschaft und Ehe zeichnete: "Es ist eine unterschiedliche Herangehensweise, und ich nehme an, 'Aftermath' hat nicht richtig funktioniert, es konnte missverstanden werden. ... Meine Verwendung von persönlichem Material ähnelt der Art und Weise, wie ein Maurer Steine verwendet, ist also bedeutungslos. Jeder verfügt über persönliches Material, und mein Material ist nicht anders als das aller anderen. ... Ich meine damit die Aufforderung an den Leser, den eigenen Inhalt oder die eigene Geschichte beizusteuern."

Das heutige Interesse an Bestsellerlisten ist eine Errungenschaft der 68er, klärt Jörg Magenau im Freitag auf: Die Listen dienten mitunter "als Erkenntnisinstrument. Mit dem Interesse für Massenpsychologie und -konsum wurden sie zum Forschungsgegenstand der Germanistik. Am Geschmack der großen Leserschaft ließ sich die Stimmung im Land ablesen. Allerdings geschah das unter den Vorgaben der Ideologiekritik: oft schlecht gelaunt und besserwisserisch. 1968 hatte also durchaus Konsequenzen: Der Blick auf den Markt veränderte sich."

Weitere Artikel: In der FR deutet Harry Nutt den fortschreitenden Zerfall der Schwedischen Akademie als "Kampf um unterschiedliche Vorstellungen von Ehre und moralischer Integrität". In der taz schreibt Benno Schirrmeister zum Tod des Comicverlegers und -journalisten Bert Dahlmann.

Besprochen werden James Carlos Blakes Kriminalroman "Red Grass River" (Freitag), Lucy Frickes "Töchter" (Tagesspiegel), Nadja Spiegelmans "Was nie geschehen ist" (taz), Can Mereys Biografie "Der ewige Gast" über seinen Vater (taz), der zweite Teil aus Haruki Murakamis Trilogie "Die Ermordung des Commendatore" (SZ), Eva Müllers Comic "Sterben ist echt das Letzte" (taz) und Svenja Leibers "Staub" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.04.2018 - Literatur

Paul Ingendaay berichtet in der FAZ von einem Berliner Symposium zu Ehren von Imre Kertész. Deutschlandfunk Kultur bringt eine Lange Nacht von Christoph David Piorkowski über Jean-Paul Sartre und Albert Camus.

Besprochen werden Kazuaki Takanos Kriminalroman "13 Stufen" (taz), Balestrini Nannis "Sandokan - Eine Camorra-Geschichte" (Freitag), Helmut Lethens "Die Staatsräte" (Standard), Milena Michiko Flašars "Herr Katō spielt Familie" (SZ) und neue Hörbücher, darunter Sandra Hüllers Interpretation von Wolfgang Herrndorfs "Bilder deiner großen Liebe" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Nico Bleutge über Gunnar Ekelöfs "Das schwarze Bild":

"Das schwarze Bild
unter Silber zerküßt
..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.04.2018 - Literatur

Das Fiasko der Schwedischen Akademie, die sich in einer Art Domino-Effekt der Skandale vor den Augen der Öffentlichkeit täglich ein kleines bisschen mehr zerlegt, beschäftigt die Feuilletons auch weiterhin: Dass der durch eine #MeToo-Aufdeckung losgetretene Skandal nun ausgerechnet in einen Rücktritt der Ständigen Sekretärin Sara Danius gemündet ist, stößt in Schweden einigen besonders auf, berichtet Thomas Borchert in der FR. Überhaupt haben sich in Schweden viele Frauen mit Danius solidarisiert, erklärt Matthias Heinemann in der FAZ. Verwirrt von den vielen Namen und Interessenskonflikten? Abhilfe schafft Wieland Freund, der für die Welt online die Konfliktkonstellationen aufdröselt.

Aber wie könnte es weitergehen? Thomas Steinfeld berichtet in der SZ: "Die Verbliebenen reden davon, die Abtrünnigen zurückholen zu wollen, ohne Sara Danius. Diese denken offenbar nicht einmal im Traum an eine Rückkehr, sodass das Quorum unerreichbar bleibt. Der König erklärt, die Statuten ändern zu wollen. Dabei ist nicht einmal gewiss, ob er es vermag, denn auch die Statuten stammen aus dem Jahr 1786 und sind so vage gehalten, dass jeder Versuch einer Änderung einen endlosen Deutungsstreit nach sich ziehen muss."

Im Deutschlandfunk Kultur hatte Schriftsteller Ilija Trojanow vor wenigen Tagen angeregt, die schwedische Jury doch aufzulösen und durch eine internationale Jury zu ersetzen - schließlich habe der Preis auch weitreichende Folgen für die internationale Literatur. Bei taz-Redakteur Dirk Knipphals stößt er damit auf amüsierte Skepsis: "Wer soll die Jury bestimmen? Am besten gleich die UNO? Und nach welchen Maßstäben soll sie zusammengesetzt sein? Pro Kontinent zwei Sitze? Pro eine Million Buchverkäufe eine Stimme?" Stattdessen schlägt er gelassenen Pragmatismus als bessere Alternative vor und hofft auf Erneuerungskräfte aus dem Inneren: "Man kann sich, auch wenn man es bedauert, eine solche Institution (...) nicht einfach neu schnitzen."

Weitere Artikel: Jonas Lages berichtet im Tagesspiegel vom Auftakt der Deutsch-Israelischen Literaturtage in Berlin. Denis Scheck ergänzt seinen Literaturkanon in der Welt um Mary Shelleys "Frankenstein". Im literarischen Wochenendessay der FAZ befasst sich die Schriftstellerin Anna Katharina Hahn mit der Angst als Motor ihres Schreibens. Ralph Hammerthaler schreibt in der SZ einen Nachruf auf den mexikanischen Schriftsteller Sergio Pitol.

Besprochen werden unter anderem Ruth Klügers "Gegenwind" (Freitag), Hans Magnus Enzensbergers "Überlebenskünstler" (Welt), Emily Ruskovichs "Idaho" (Welt), Sayaka Muratas "Die Ladenhüterin" (taz), Alexander Schimmelbuschs "Hochdeutschland" (Zeit), Torsten Schulz' "Skandinavisches Viertel" (Freitag), Ahmet Altans "Wie ein Schwertstreich" (NZZ) und Botho Strauß' "Der Fortführer" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.04.2018 - Literatur

Da waren es nur noch elf: Nach den anhaltenden Skandalen rund um die für die Vergabe des Literaturnobelpreises zuständige Schwedische Akademie sind gestern auch Sara Danius, die Ständige Sekretärin, und die Lyrikerin Katarina Frostenson, deren Ehemann mit diversen Eskapaden die Skandalwelle überhaupt ausgelöst hatte, von ihren Positionen zurückgetreten, meldet unter anderem der Standard. Damit sinkt die Zahl der aktiven Mitglieder auf unter zwölf, womit die Akademie laut Satzung im Grunde blockiert ist - auch, weil ein Rücktritt formal nicht vorgesehen ist und die vakanten Plätze somit nicht aufgefüllt werden können. Es zeichnet sich ein Debakel ab, schreibt Roman Bucheli in einem online hurtig aktualisierten NZZ-Kommentar: "Das unwürdige Schauspiel muss auf dem schnellsten Weg beendet werden, wenn der Literaturnobelpreis nicht auf Dauer beschädigt werden soll. Die Akademie scheint dazu selber nicht mehr in der Lage zu sein, da sie sich in fortschreitender Auflösung befindet." Der schwedische König Carl Gustav soll es mit einem Machtwort richten: "Soll die Institution nicht einfach als überflüssiges Relikt ihrer selbst fortbestehen, könnte der Monarch kraft seines Amtes den gordischen Knoten von Satzung und verfahrener Situation zerschlagen und die Akademie auf eine neue und - warum eigentlich nicht? - internationale Grundlage stellen."

Für die SZ hat sich Andrian Kreye zum großen Gespräch mit Michael Chabon über dessen neuen Roman "Moonglow" getroffen, in dem der Schriftsteller die - allerdings absolut fiktive - Geschichte seines Großvaters erzählt, der Wernher von Braun gejagt haben soll. Eine bewusste Setzung im Zeitalter grassierender Authentizitätsbehauptungen? Chabon wiegelt ab: "Die Grenze zwischen Fiktion und Wahrheit war schon immer unscharf. Nehmen Sie die ersten modernen Romane, Defoes 'Robinson Crusoe' und Moll Flanders, Edgar Allen Poes Erzählung von Arthur Gordon Pym, die gaben immer vor, authentische Dokumente zu sein. In der Literatur ist das eigentlich eher traditionell. Auch wenn es jetzt gerade wieder sehr angesagt ist, sogenannte Autofiktion zu schreiben, Knausgård und diese ganzen neuen Autoren. Ich verstehe schon, dass man das alles als eine Art postmodernen Moment der Literaturgeschichte betrachten kann."

Hannah Bethke berichtet in der FAZ vom Auftakt der Deutsch-Israelischen Literaturtage in Berlin, bei dem Mira Magén und Clemens Meyer für ein Gespräch über soziale Gerechtigkeit gemeinsam auf der Bühne saßen. Wobei: "Ein Gespräch fand nicht statt", wie Harry Nutt den Abend in der Berliner Zeitung resümiert: "Indem Clemens Meyer munter bereit war, sich um Kopf und Kragen zu reden, lieferte er indirekt den Beweis, dass man als Schriftsteller eine sehr genaue Beschreibung der sozialen Verhältnisse liefern kann, ohne das dann in einen sozialpolitischen Jargon übersetzen zu müssen." In der Freitag-Community berichtet Jamal Tuschick von dem Abend.

Weiteres: In der Zeit schreibt Caspar Shaller über chinesische Science-Fiction. Hans Magnus Enzensberger widmet sich heute in seiner NZZ-Kolumne den Pomologen. Paul Jandl vermisst den Schrecken im Wald. Besprochen werden unter anderem Erich Kästners Kriegstagebuch "Das Blaue Buch" (Berliner Zeitung), Hideo Yokoyamas "64" (Freitag), ein Hörbuch von Christa Wolfs "Moskauer Tagebüchern" (Standard), Janet Lewis' Buch "Die Frau, die liebte" (NZZ) und Comicveröffentlichungen von Victoria Lomasko (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.04.2018 - Literatur

Die Schriftstellerin Monika Maron stellt im Gespräch mit Cornelia Geißler (Berliner Zeitung) noch einmal glasklar fest, dass sie nicht in der rechten Ecke steht: "Ich finde den Höcke furchtbar, ich finde den Poggenburg furchtbar. Aber ich finde vieles, was der Gauland im Bundestag gesagt hat, nicht falsch. Wenn er sagt, Merkels Politik habe dazu geführt, dass wir mit den Osteuropäern im Clinch liegen, weil die wegen anderer Erfahrungen auf manches anderes reagieren, dann hat er recht. Ich muss doch Grenzen ziehen zwischen Positionen, die ich absolut nicht will, und anderen, über die man reden kann."
Wenn er sagt, Merkels Politik habe dazu geführt, dass wir mit den Osteuropäern im Clinch liegen, weil die wegen anderer Erfahrungen auf manches anderes reagieren, dann hat er recht. Ich muss doch Grenzen ziehen zwischen Positionen, die ich absolut nicht will, und anderen, über die man reden kann. - Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/29996104 ©2018"

Weitere Artikel: In der FAZ bringt Andreas Platthaus Hintergründe zu dem nunmehr aufgetauchten, dritten Fragebogen mit persönlichen Geständnissen, den Marcel Proust im Alter von 15 Jahren ausgefüllt hat und der morgen in Paris versteigert werden soll. Mehr dazu auch bei Paris Match und im Fine Books Magazine.

Besprochen werden eine Neuauflage von Irene Disches "Zwischen zwei Scheiben Glück" (Tagesspiegel), Olga Martynovas Essayband "Über die Dummheit der Stunde" (SZ), Alexander Schimmelbuschs Satire "Hochdeutschland" (FAZ), Denise Minas "Blut, Salz, Wasser" (Freitag) und weitere neue Krimis, darunter Fuminori Nakamuras "Die Maske" (Freitag).
Stichwörter: Monika Maron

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.04.2018 - Literatur

Thomas Steinfeld bringt in der ein SZ ein Update zum Drama um die Schwedische Akademie: Deren Mitglieder, die gegen einen Rausschmiss der Lyrikerin Katarina Frostenson aus der Akademie votiert haben, wollen heute in Klausur gehen, "ob sie Sara Danius, der Ständigen Sekretärin der Akademie, das Vertrauen entziehen wollen. ... Sara Danius, die Frostensons Rauswurf befürwortete, traf sich wiederum auf ein langes Gespräch mit dem schwedischen König Carl XVI. Gustaf, dem Patron der Institution, in dem es vermutlich um eine Neuordnung des Gremiums ging." Matthias Hannemann von der FAZ entnimmt der schwedischen Presse unterdessen, dass der Literaturkritiker Horace Engdahl, Danius' Vorgänger im Amt, diese "als schlechtesten Sekretär seit 1786" bezeichnet hat: "Über ihre Zukunft im Amt soll offenbar am Mittwoch von den verbliebenen Mitgliedern diskutiert werden."

In Argentinien, erzählt in der NZZ der Schriftsteller Marcelo Figueras, orientieren sich die jungen Autoren derzeit mehr an dem sozialkritischen Werk Rodolfo Walshs (dem Figueras gerade in einem Roman ein Denkmal gesetzt hat) als an Borges' fantastischer Literatur: "Der noch zaghafte Boom der jungen argentinischen Literatur kommt nicht aus dem Nichts, sondern aus dem Kontext eines Landes, das sich rasend schnell verschuldet; aus einem Land, wo die Presse und das Fernsehen in den Händen einiger weniger Konzerne sind und die Meinungsfreiheit eine Chimäre ist; wo die Polizei ohne strafrechtliche Folgen Jugendliche und Kinder tötet und Kundgebungen mit Tränengas und Gummigeschossen unterbunden werden".

Mit W.S. Merwin gibt es einen "wundersamen Dinosaurier der Dichtung" zu entdecken, schreibt Nico Bleutge in der SZ: In den USA wird Merwin längst mit Preisen überhäuft, jetzt bieten zwei Neuveröffentlichungen auf dem deutschen Markt die Möglichkeit zur Entdeckung, zu der Bleutge von Herzen rät: "Von vielen seiner Verse geht eine fast meditative Ruhe aus. ... Aufstäubende Moskitos interessieren ihn ebenso wie die umfassenden Bewegungen der Zeit und der Erinnerung." Merwin plädiert "für eine offene Form. Mit einem großen Bewusstsein für Bilder und Klänge und einem ganz eigen gegliederten Rhythmus, der gleichwohl ohne jedes Satzzeichen auskommt, schafft sich Merwin seine Atemspur in der Sprache." Einen der beiden Bände besprach Bleutge auch im Deutschlandfunk Kultur.

Besprochen werden außerdem unter anderem Bernhard Sallmanns Dokumentarfilm "Rhinland" über Theodor Fontane (Welt), die Neuauflage von Frans Masereels ursprünglich 1925 veröffentlichtem Holzschnitt-Roman "Die Stadt" (Welt),  Lina Meruanes "Rot vor Augen" (Tagesspiegel), Torsten Schulz' "Skandinavisches Viertel" (FAZ) und neue Krimis, darunter Adrian McKintys "Dirty Cops" (FR). Außerdem online: Thomas Wörtches aktueller Leichenberg.
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