Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.11.2020 - Literatur

Im Gespräch mit der Literarischen Welt verspricht Gabriele Radecke, die neue Archivleiterin der Berliner Akademie der Künste, für das kommende Heinrich-Mann-Jahr einen großen Digitalaufschlag: "Am Ende werden wir die verstreut in mehreren Ländern liegenden Teile von Manns Nachlass in einem großen Internetportal zusammenführen können." Auch das Deutsche Literaturarchiv in Marbach hat digital viel vor, berichtet Marc Reichwein in der Literarischen Welt: Mit einem Geldsegen von 74 Millionen Euro will sich das Haus als "Literaturdatenzentrum" aufstellen. Geben soll es unter anderem "ein neues Archiv für Netzliteratur und eine Implementierung neuer digitaler Erschließungsmethoden". Was auch immer notwendiger wird, erfahren wir: So wanderte von Botho Strauß ein ganzer Stapel Laptops ins Archiv und auch "einen zugestaubten PC aus dem Keller von Peter Sloterdijk habe man wieder zum Laufen gebracht - und das, obwohl der Philosoph das Passwort nicht mehr wusste."

Weitere Artikel: Für die FAZ scrollt sich Paul Ingendaay durch die schier endlose Liste an Auszeichnungen, die Mario Vargas Llosa mittlerweile angehäuft hat. Die FAZ dokumentiert Durs Grünbeins Dankesrede zum Erhalt des Literaturpreises der polnischen Zbigniew-Herbert-Stiftung.

Besprochen werden unter anderem Hinrich Schmidt-Henkels Neuübersetzung von Tarjei Vesaas' "Die Vögel" (taz), Verena Keßlers Debütroman "Die Gespenster von Demmin" (FR), Marie-Claire Blais' "Drei Nächte, drei Tage" (Tagesspiegel), Dieter Bachmanns "Unwiderruflich letzte Vorstellungen" (NZZ), Kamel Daouds "Meine Nacht im Picasso-Museum" (taz), Ralf Rothmanns Erzählungsband "Hotel der Schlaflosen" (ZeitOnline), Kurt Drawerts "Dresden - Die zweite Zeit" (Freitag), Hans Ulrich Gumbrechts Neuübersetzung von Baltasar Graciáns "Handorakel und Kunst der Weltklugheit" (FAZ) und Britt Bennetts "Die verschwindende Hälfte" (Literarische Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.11.2020 - Literatur

Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller erzählt in der SZ, wie sie sich ein Herz fasste und in Ermangelung anderer Möglichkeiten zur Autorenlesung auf einer Parkbank im Berliner Bezirk Wedding einfach drauflos las. Bald kam auch Publikum, wenngleich keines, wie man es von gewöhnlichen Lesungen her kennt: "Obdachlose, die dort kampieren, Jugendliche mit 'Wegbier'-Flasche, Frauen mit und ohne Kopftuch, Kinder, Passanten, die irgendwohin wollten. Sie verweilten den einen oder anderen Moment, schauten mich kein bisschen verwundert an, falls ich das richtig deute, denn sie trugen fast alle vorschriftsgemäß ihre 'Schnutendeckel'. ... Eine besonders unangenehme Erfahrung, kann ich sagen, war das nicht. Ich werde es wieder tun, womöglich eher in Charlottenburg. Allerdings überlege ich noch, ob ich dann zu meinen Füßen auch ein Pappschild mit der Aufschrift 'Dichterlesung' und eine Blechdose für Münzen platziere."

Weitere Artikel: Immerhin in Büchern lässt sich noch durch Paris flanieren, tröstet sich Clemens Klünemann in der NZZ. Im Tagesspiegel schreibt Bela Sobottke einen Nachruf auf den Comiczeichner Ralph Niese, der mit nur 37 Jahren gestorben ist. Außerdem hat der Bayerische Rundfunk eine vierteilige Hörspiel-Adaption von Elena Ferrantes erstem Neapel-Roman "Meine geniale Freundin" produziert und online gestellt. Dazu passend in unserem Buchladen Eichendorff21: ein Büchertisch mit Autorinnen, die Ferrante ihnen wärmstens ans Herz legt.

Besprochen werden unter anderem Barack Obamas "Ein verheißenes Land" (Freitag), die Comic-Anthologie "Sie wollen uns erzählen", die Tocotronic-Songs ins Bild setzt (Tagesspiegel), Stefanie Sargnagels "Dicht" (FR), Seraina Koblers "Regenschatten" (NZZ), Jonas Jonassons "Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte" (Standard) und Nick Hornbys "Just Like You" (SZ).
Stichwörter: Lange-Müller, Katja

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.11.2020 - Literatur

In der SZ fasst Peter Burghardt nochmal Kirsten Boies Gründe dafür zusammen, dass sie den Preis des Vereins Deutsche Sprache ablehnt: Die Kinderbuchautorin "erinnert in ihrer Absage an Zitate des VDS-Vorsitzenden Walter Krämer, der vom 'aktuellen Meinungsterror unserer weitgehend linksgestrickten Lügenpresse', der 'Überfremdung der deutschen Sprache' oder dem 'Genderwahn' sprach oder schrieb. 'Mehr noch als die verkürzte und realitätsfremde Vorstellung von Sprache', so Kirsten Boie, 'erschreckt mich, wie genau sie sich ausgerechnet in einer Zeit, in der wir mit Sorge einen Rechtsruck in Teilen der Bevölkerung beobachten müssen, in deren Argumentationsgänge einfügt.'"

"Wir sind in einem freien Land, da muss man keine Preise annehmen", sagt Krämer dazu im Gespräch auf Dlf Kultur und bekräftigt seine Kritik an den Medien und jüngeren Sprachmoden, schließlich würde die Sprachkritik auch dazu führen, "'dass das Deutsche für Ausländer nicht mehr so leicht zu lernen' sei, und dass man sich 'nicht mehr so gefühlvoll melodisch ausdrücken kann, wie das Goethe und Schiller noch durften und konnten'." Dass Deutsch für Ausländer sonderlich leicht zu lernen sei, hören wir allerdings auch zum ersten Mal.

Weitere Artikel: Anders als bei der letzten Debatte um Cesare Pavese in den 90ern reagiert die italienischen Öffentlichkeit diesmal ziemlich kühl darauf, dass der Schriftsteller in nun wiederveröffentlichten Notizen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs Sympathien für den Faschismus an den Tag legte, berichtet Franziska Meier in der NZZ. Andreas Platthaus weist in der FAZ darauf hin, dass das Thomas-Mann-Haus in Los Angeles für Ende des Monats erneute eine Onlinedebatte angekündigt hat.

Besprochen werden unter anderem Mieko Kawakamis "Brüste und Eier" (taz), Frank Schmolkes Comic "Freaks" (SZ), Enrico Marinis Comic "Die Adler Roms" (Welt) und Lorenz Justs "Am Rand der Dächer" (FAZ).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.11.2020 - Literatur

Vor fünfzig Jahren nahm sich der japanische Schriftsteller Yukio Misihima in einem öffentlichen Akt als Abschluss eines gescheiterten nationalistischen Putschversuches das Leben. "Mishimas Neugier kannte keine Moral", schwärmt Fabian Thunemann in der NZZ: "Sie schuf einen vielseitigen Extremisten, bei dem Leben und Werk zum Gesamtkunstwerk verschmolzen." Dialektischer geht Arno Widmann in der FR vor: 1970, da war er selber noch bei den 68ern und Maoisten dabei. "Mishimas Fanal hätte ich wegschieben können als reaktionären Todesrausch", doch dieser Autor "interessierte mich. Es war seine Konsequenz, seine Kompromisslosigkeit, die einen wichtigen Nerv traf in mir", denn "Mishima half mir abzurücken von der Idee, Konsequenz für eine Tugend zu halten. ... Dazu die erotische Aufladung der Aktion, indem er seinen Freund ihn töten lässt. Das stellte die 68er-Vorstellung von der Erotisierung der Politik ebenso sehr in Frage wie die Idee der Politisierung des Ästhetischen. Mishimas Aktion war ein Menetekel. Es diente als Abwehrzauber gegen die allerverrücktesten Vorstellungen, die die radikale Linke damals hegte."  

Weitere Artikel: Tagesspiegel und Berliner Zeitung melden, dass die Schriftstellerin Kirsten Boie den Preis des Vereins der Deutschen Sprache ablehnt, da deren Bundesvorsitzende Walter Krämer sich angeblich rechtspopulistisch äußere. Sabine Kebr erinnert im Freitag an die Debatten, die Elfriede Brünings Roman "Regine Haberkorn" 1955 nach sich gezogen hat. SZ-Kritiker Gustav Seibt liest in Gabriele Radeckes und Robert Rauhs Buch "Fontanes Kriegsgefangenschaft", wie Theodor Fontane in Frankreich in Gefangenschaft geriet und dem Tod entkam. In den "Actionszenen der Weltliteratur" schreibt Gisela Trahms  über das turbulente Leben von George Sand. Autor Hans Hütt berichtet in der SZ davon, wie ihm das Coronavirus redenschwingend im Schlaf erschien.

Besprochen werden unter anderem Anke Stellings Erzählband "Grundlagenforschung" (taz), der von Ilka Piepgras herausgegebene Band "Schreibtisch mit Aussicht" mit Texten von Schriftstellerinnen über ihre Arbeit (Tagesspiegel), der Band "Dichtungen und Briefe" aus der Werkausgabe Georg Trakl (Standard), Leila Aboulelas "Minarett" (NZZ), Jiro Taniguchis Manga "Benkei in New York" (Tagesspiegel), Christian Hallers "Flussabwärts gegen den Strom" (NZZ), Patricia Highsmiths Erzählband "Ladies" mit frühen Geschichten (SZ) und Anne Carsons Lyrikband "Irdischer Dunst" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.11.2020 - Literatur

Johanna-Charlotte Horst erinnert in der SZ an die Gründung der französischen Oulipo-Bewegung vor 60 Jahren, die mit ihren rigorosen Regularien und programmatischen Auflagen kühne Sprachexperimente begünstigen wollte. Diese "Arbeiterklasse unter den Poeten lehnt das Modell genialer Inspiration als bürgerlich-repressiv ab. Während das Genie nicht weiß, woher die Ideen kommen, eignen die Oulipoten sich ihre Produktionsbedingungen und -mittel an. Sie verzichten auf die scheinbare Freiheit ungehinderter Kreativität und arbeiten unter selbstgesetzten Einschränkungen. Beim Schreiben drängen sich nun Wörter auf, die unter anderen Umständen nicht in den Sinn gekommen wären." An Georges Perecs unter diesen Umständen entstandenen Roman "La disparition", der komplett auf den Vokal "e" verzichtet, schließt Alex Rühle mit seiner Hommage an, die ihrerseits kein einziges E aufweist.

Weitere Artikel: Für den Standard spricht Sebastian Borger mit Robert Harris über den Zweiten Weltkrieg und die V2, über die er gerade mit dem Roman "Vergeltung" einen historischen Thriller veröffentlicht hat. In der Berliner Zeitung schwärmt der Schriftsteller Peter Wawerzinek von Rom.

Besprochen werden unter anderem Zadie Smiths Essayband "Betrachtungen" (Standard), Margaret Atwoods Gedichtband "Dearly" (Guardian), Elvia Wilks Debütroman "Oval" (Tagesspiegel), Leanne Shaptons "Gästebuch" (Zeit), Helmut Lethens Memoiren "Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug" (FR), Nell Zinks "Das Hohe Lied" (SZ) und Emmanuelle Bayamack-Tams "Arkadien" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.11.2020 - Literatur

Der Dichter Paul Celan auf einem Passfoto aus dem Jahr 1938
Die Feuilletons erinnern an Paul Celan, der heute vor hundert Jahren geboren wurde. Helmut Böttiger begibt sich in der SZ auf Spurensuche nach Celans Sprachfarbe und -klang: Ohne Celans damals in Rumänien gelegenen Geburtsort Czernowitz ist Celans Sprache nicht zu begreifen, schreibt er. Hier "bestand das Bürgertum zum größten Teil aus Juden, die Deutsch als ihre Muttersprache empfanden. Und diese Muttersprache war bei Celan ganz konkret dadurch konnotiert, dass seine Mutter stark von der Kultur des Wiener Fin de siècle geprägt war, vom Ton des Burgtheaters. ... Die Kunst als Verheißung - in dieses Lebensgefühl ist Celan hineingewachsen", doch "der Wiener Ton der Jahrhundertwende, der spätromantische Duktus aus Verklärung und Verzicht wurde überdeckt und unmöglich gemacht durch deutsche Märsche, durch Stiefel, Schaufel und Grab." Leander F. Badura widmet sich eingehend Celans Gedicht "Todesfuge", das diese traumatische Erfahrung zu verarbeiten sucht: "In der Bundesrepublik, wo das Gedicht Schullektüre und das 'Auschwitz-Gedicht' par excellence wurde, blieb es oft unverstanden. Von Metaphern war die Rede, und mitunter versuchten Schulklassen, die Struktur des Gedichts mit jenem der musikalischen Fuge zu vergleichen. Aber Celan meinte all das wirklich. Das 'Grab in den Lüften', es war für die Jüdinnen und Juden real, 'wir schaufeln, wir schaufeln', das war Celans Tätigkeit im Arbeitslager; der Tod ist tatsächlich ein 'Meister aus Deutschland'. In diesem Gedicht gelang Celan etwas, das über Jahre hinweg der Kern seiner Lyrik bleiben sollte."

Susanna Ayoub schreibt im Standard über Celans Jahre im Wien der Nachkriegszeit. Celan sollte man nicht zu Tode zitieren und sich mit seinen Versen schmücken, wenn man Bedeutsamkeit markieren will, rät Paul Jandl in der NZZ, sondern ihn am besten einfach lesen - und zwar "wieder. Und wieder." In der FAZ erinnert Jochen Hieber an das schwierige Verhältnis zwischen Celan und Ingeborg Bachmann. An das schwierige Verhältnis der deutschen Intellektuellen zu Celan erinnert Wolf Scheller im Standard.

Hier liest er "Allerseelen":



Weitere Artikel: Für Dlf Kultur hat René Aguigah ein großes Gespräch mit Eddie S. Glaude jr über dessen James-Baldwin-Studien geführt. Mia Eidlhuber unterhält sich im Standard mit der Schriftstellerin Monika Rinck, die seit kurzem in Wien lehrt. Für die Berliner Zeitung verfolgt Cornelia Geißler am Bildschirm die Verleihung des Anna-Seghers-Preises an Hernán Ronsino und Ivna Žic. Gina Thomas schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Autorin Jan Morris.

Besprochen werden unter anderem Markus Ostermairs "Der Sandler" (taz), Verena Keßlers Debütroman "Die Gespenster von Demmin" (Berliner Zeitung), Jonas Eikas "Nach der Sonne" (online nachgereicht von der FAS), Yoko Tawadas Roman "Paul Celan und der chinesische Engel" (FR), Candice Carty-Williams' "Queenie" (Standard), Brita Steinwendtners "Gesicht im blinden Spiegel" (Standard), neue Bücher über Paul Celan (SZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Oliver Jeffers' "Die Fabel von Fausto" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Werner von Koppenfels über Keith Douglas' "Vergissmeinnicht":

"Drei Wochen schon alle Kämpfer davon
und wir kamen zurück an dem Albtraumort,
fanden die Stelle und fanden dort
..."
Stichwörter: Celan, Paul

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.11.2020 - Literatur

"Schreibtisch mit Aussicht" heißt der von Ilka Piepgras herausgegebene Band, in dem Schriftstellerinnen über das Schreiben schreiben. Das Literaturblog Nacht und Tag hat mit der Herausgeberin gesprochen. Eines der zentralen Themen des Bandes ist die Geringschätzung von Autorinnen: "Sibylle Berg schreibt, ihr erster Roman sei dafür kritisiert worden, dass ihre Sprache zu männlich sei. Da hatte sie über viele Jahre ihren eigenen Stil entwickelt, und dann kommt sie damit raus und ihr wird vorgeworfen, der sei zu männlich - das ist ja entmutigend. Haben Sie schon mal gehört, dass jemand über einen Mann sagt: Dieser Autor schreibt aber weiblich?" Entsprechend präsent sei in den Anthologietexten "der letztlich sehr sympathische Zorn" über diese Situation, "vor allem bei Elfriede Jelinek, die schreibt, ihr fehle immer nur ein Wort in der Debatte, nämlich Verachtung." Eine Besprechung des Bandes gibt es außerdem heute in der taz.

Mit einer großem Text verbeugt sich der Schriftsteller Michael Krüger in der NZZ vor dem Schriftsteller Gregor von Rezzori, der für ihn mit seinem Lebenswandel ein Musterbeispiel von Lebenskunst und Großzügigkeit darstellt: "Dieser lässige und elegante Sprachkünstler, der ganz nebenbei seinen beißenden Spott über alles und jeden ausbreiten konnte, wäre in der biederen deutschen Literaturgesellschaft tatsächlich schwer vorstellbar"

Weitere Artikel: In der NZZ staunt der Schriftsteller Cees Nooteboom darüber, wie es dem Schriftsteller und Juristen Philippe Sands gelingt, in seinem Buch "Die Rattenlinie" die chaotische Lage im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland fast schon transparent begreifbar darzustellen: Dass der Klerus den versprengten, in Waldhütten sich vor dem Zugriff der Alliierten entziehenden Nazis zur rettenden Flucht verhalf, findet er skandalös. Daniel Zylbersztajn-Lewandowski (taz) und Christan Schachinger (Standard) schreiben über Douglas Stuart, der gerade für seinen Debütroman "Shuggie Bain" den Booker-Preis erhalten hat. Im Literaturfeature von Dlf Kultur wirft Hans von Trotha einen Blick auf die britische Literatur im Zeichen von Brexit und Corona. Irmela Hijiya-Kirschnereit erinnert in der FAZ an den Suizid des japanischen Schriftstellers Yukio Mishima vor 50 Jahren.

Besprochen werden unter anderem Barack Obamas Memoir "Ein verheißenes Land" (taz, ZeitOnline), Paul Austers Essayband "Mit Fremden sprechen" (SZ), der von  Stefanie Sargnagels "Dicht" (Freitag), Clara Maria Bagus' "Die Farbe von Glück" (NZZ), Danielle de Picciottos Comic "Die heitere Kunst der Rebellion" (taz), Mikael Ross' Comic "Goldjunge" über Beethoven (Berliner Zeitung), Anna Prizkaus Erzählband "Fast ein neues Leben" (Dlf Kultur), Thomas Kings Krimi "Dunkle Wolken über Alberta" (taz), Margaret Laurence' "Der steinerne Engel" (Literarische Welt) und Volker Weidermanns "Brennendes Licht" über Anna Seghers' Jahre in Mexiko (FAZ). Außerdem bringt die FAZ heute eine Literaturbeilage, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.11.2020 - Literatur

Im Freitag findet es Charlotte Gneuß unangemessen, dass Monika Maron in der Kontroverse um sie und S.Fischers Aufkündigung der Zusammenarbeit eine Parallale zu den Repressalien sieht, die die DDR einst ausübte. Der Booker-Literaturpreis geht in diesem Jahr an den schottischen Schriftsteller Douglas Stuart. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Tilmann Krause daran, wie Hölderlin 1805 in den Wahnsinn abglitt.

Besprochen werden unter anderem Fabiano Alborghettis "Maiser" (NZZ), Marina Zwetajewas "Lichtregen" (Dlf Kultur), Helmut Lethens Autobiografie (Berliner Zeitung), Helena Adlers "Die Infantin trägt den Scheitel links" (ZeitOnline), Wolfgang Schorlaus "Kreuzberg Blues" (taz), Ali Smiths "Winter" (Standard), Monika Baarks Neuübersetzung von Margaret Laurences "Der steinerne Engel" (SZ) und Axel Schildts Studie "Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.11.2020 - Literatur

Wylie as Wylie can - der berühmt berüchtigte in New York und London ansässige Literaturagent Andrew Wylie macht seinem Spitzenamen "der Schakal" einmal mehr alle Ehre: Der in Valencia beheimatete spanische Verlag Editorial Pre-Textos, seit mehr als vierzig Jahren eine der vornehmsten und kultiviertesten Adressen für die Publikation von Lyrik in der spanischsprachigen Welt, hat, über viele Jahre hin, Übersetzungen von sieben der elf Gedichtbände der frischgebackenen Nobelpreisträgerin Louise Glück veröffentlicht und damit wohl mehr als jeder andere Verlag außerhalb des angelsächsischen Sprachraums. Nun bekam Pre-Textos Post von der Agentur Wylie: die Übersetzungsrechte für Werke Louise Glücks werden ihm nicht verlängert. Gleichzeitig bietet die Agentur sie hinter dem Rücken seiner bisherigen Verleger anderen spanischsprachigen Verlagen zur Veröffentlichung an - Kulturkapitalismus der deprimierendsten Art. El Pais hat mit einem Artikel auf den Vorgang aufmerksam gemacht, zugleich kursiert im Netz ein offener Brief an die Autorin - von der offenbar bislang keine eigene Stellungnahme zu erhalten war - und ihren Agenten. Zur Freude der Verleger aus Valencia haben diese inzwischen Solidaritätsbekundungen vieler ihrer spanischen Kollegen erhalten, denen von Wylie die Rechte am Werk Louise Glücks angeboten wurden, die sie jedoch unter diesen Umständen ablehnten. Spannend wird zu verfolgen sein, ob sich dennoch ein spanischsprachiger Verlag finden wird, der sich auf den unschönen Deal einlässt.

In seinem neuen Roman "Kein Ort ist fern genug" erzählt Santiago Amigorena von seinem Großvater, der in den Zwanzigern aus Polen nach Buenos Aires migrierte und schließlich von Schuldgefühlen geplagt wurde, als er mitansehen musste, was die Nazis in Polen anrichteten. "Ich wusste immer, dass ich eines Tages ein Buch über das Schweigen meines Großvaters schreiben würde", erzählt Amigorena im Gespräch mit dem Freitag. "Bisher hatte ich immer über mein eigenes Schweigen geschrieben. Ich wusste ja, dass er sehr verschlossen war, niemals über die Shoa redete und den Tod seiner Mutter in Treblinka. Den Tod seines Bruders. Das war kein Geheimnis, alle in der Familie wussten über das Schweigen meines Großvaters Bescheid. ... Ich erinnere mich daran, wie wir zusammen in den Straßen von Buenos Aires spazieren gegangen sind, er ist ja niemals nach Europa zurückgekehrt. Ich erinnere mich an einen sehr alten Mann. Er ist nach dem Krieg so schnell gealtert."

Weitere Artikel: Die Schriftstellerin Eva Sichelschmidt schreibt in der SZ, dass sie keine Schuldgefühle mehr plagen, weil sie wegen Corona ziemlich verschlufft. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung unterstreicht Jonathan Franzen aufs Neue, wie aussichtslos der Kampf gegen den Klimawandel seiner Ansicht nach mittlerweile geworden sei. In der FAZ berichtet Simon Strauß von Madame Nielsens Poetikvorlesung in Zürich und Hubert Spiegel an dieser Stelle von Monika Rincks Poetikvorlesung in Frankfurt.

Besprochen werden unter anderem der Band "Schreibtisch mit Aussicht" mit Texten von Schriftstellerinnen über das Schreiben (Berliner Zeitung), Wolfgang Welts "Die Pannschüppe" mit postumen Texten (Tagesspiegel), Iain Lawrences Jugendroman "Winterpony" (online nachgereicht von der FAZ) und Georg Trakls "Dichtungen und Briefe" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.11.2020 - Literatur

Im Tagesspiegel porträtiert Aleksandra Lebedowicz die Schriftstellerin Lana Lux, die 1996 aus der Ukraine nach Deutschland kam. In ihrem neuen Roman "Jägerin und Sammlerin" geht es denn auch um ähnliche Migrationserfahrungen, die selten reibungslos vonstatten gehen. Entsprechend "zuckt sie jedes Mal zusammen, wenn sie die Wohlfühl-Integrationsmythen hört von Kids, die ganz von allein Deutsch aufschnappen: Wer akzentfrei sprechen möchte, müsse verdammt viel Mühe investieren. Das gilt auch fürs Schreiben."

Besprochen werden unter anderem Marius Goldhorns "Park" (Zeit), Sara Sligars Krimi "Alles, was zu ihr gehört" (Freitag), Leander Fischers "Die Forelle" (NZZ), Stefanie Sargnagels "Dicht" (online nachgereicht von der FAZ), André Acimans "Find me" (SZ) und Ilja Leonard Pfeijffers "Grand Hotel Europa" (FAZ).