Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.04.2017 - Literatur

In Deutschland liefern sich diverse Verlage ein wildes Kopf-an-Kopf-Wettrennen darum, wer Walt Whitmans vor kurzem entdeckten, gemeinfreien Roman "Life and Adventures of Jack Engle" als erster veröffentlicht, berichtet die NZZ. Das hat auch Folgen für die von dtv für 2018 angekündigte Übersetzung des Whitman-Experten Jürgen Brôcan: "Das Projekt, teilt der enttäuschte Übersetzer mit, sei einstweilen auf Eis gelegt."

Heikel findet es Erhard Schütz im Freitag, wenn nun allerorten in der Literaturgeschichte nach Romanen geforscht wird, die Trumps Triumph vorhergesagt haben sollen. Keines der einschlägig genannten Werke von George Orwell, Herman Meville, Philip Roth und Sinclair Lewis kriege das Phänomen Trump und dessen politische Rhetorik wirklich zu fassen. "Romane sind nun einmal weder Orakel noch Handlungsanweisungen. Wenn sie, und gerade die orakelnden, satirischen oder kontrafaktischen, etwas sind, dann Mittel zur Differenzschärfung und nicht zur Deckungssuche. ... Diejenigen, die jetzt wieder in Romanen nach Vorausbildern suchen, vertrauen der Kraft der Literatur, wie ja diese Romane selbst es taten; die Welt des Trumpismus aber liegt diesseits", schreibt Schütz: "Während Nero noch Verse verfasste, sogar Stalin, Gaddafi immerhin Erzählungen, vergnügt sich Trump mit Twittern - von nichts zu erreichen, das mehr als 140 Zeichen oder ein Argument hat."

Weiteres: Der SWR bringt eine Hörspieladaption von Aslı Erdoğans Roman "Die Stadt mit der roten Pelerine". Willi Winkler schreibt in der SZ zum Tod von Robert Pirsig. Die Heinrich-Böll-Stiftung hat einen Mitschnitt von Jens Balzers Vortrag "Superhelden - Gesellschaftsbilder eines populären Genres" online gestellt.



Besprochen werden Margaret Atwoods "Die steinerne Matratze" (NZZ), E. C. Osondus "Dieses Haus ist nicht zu verkaufen" (NZZ), der von Thilo Diefenbach herausgegebene Band "Kriegsrecht - Neue Literatur aus Taiwan" (Tagesspiegel), Jakob Noltes "Schreckliche Gewalten" (Tagesspiegel), Laurent Binets "Die siebte Sprachfunktion" (FR), der neue "Lucky Luke"-Band (Freitag), Ziemowit Szczereks "Mordor kommt und frisst uns auf" (SZ) und Lotta Lundbergs "Sternstunde" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.04.2017 - Literatur

Asterix-Erfinder Uderzo wird heute 90 Jahre alt. Die SZ widmet ihre ganze erste Feuilletonseite dem Jubilar, bzw. dessen bekanntestem Comic. Martina Koben etwa würdigt Uderzo als "großartigen Menschenzeichner - allein die Augen, die er seinen Figuren gibt, die Kinne oder diese Nasen!" In dieser "plakativen Physis" liegt auch das Geheimnis Uderzos verborgen, meint David Steinitz, der das Geburtstagskind als Meister des Slapstick feiert: "Während die Amerikaner den Slapstick eher als künstlerisch sublimierte Aggressionslust verstanden haben, steckt in Uderzos Zeichnungen auch in der wüstesten Schlägerei der Schlüssel zur Versöhnung. Weil es ihm nicht um die Befriedigung an der Erniedrigung geht, sondern um die gute alte Egalité zwischen Gallier, Römer, Wildschwein und Leser - erfahrungsgemäß bekommt jeder mal einen faulen Fisch ins Gesicht." Alle weiteren SZ-Geburtstagsgrüße hier im Überblick. (Bild: Uderzo, 2012. Foto: Georges Biard, CC BY-SA 3.0)

In der FAZ staunt Andreas Platthaus zudem über Uderzos einst legendäre Geschwindigkeit: "Sein Wochenpensum lag bei fünf Seiten, und das will bei seiner Detailversessenheit etwas heißen." Lucas Weigelmann unterhält sich in der Welt mit dem Althistoriker Michael Sommer über die historische Korrektheit der "Asterix"-Bände.

Weiteres: Der SWR bringt einen Radioessay von Reiner Niehoff über Literaturarchive. Ziemlich scheiße findet es Wolfgang Krischke in der FAZ, dass immer mehr Buchtitel auf Kot und Kraftausdrücke zurückgreifen, um sich in der Auslage des Buchhandels zu lancieren.

Besprochen werden Achim Zons Thriller "Wer die Hunde weckt" (Freitag), Toni Morrisons "Gott, hilf dem Kind" (NZZ), die Autobiografie "Farbenblind" des Daily-Show-Moderators Trevor Noah (Tagesspiegel), Arno Franks autobiografischer Roman "So, und jetzt kommst Du" (FAZ) und ein von Petra Boden und Rüdiger Zill herausgegebener Band zur Gruppe "Poetik und Hermeneutik" (SZ).
Stichwörter: Uderzo, Asterix

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.04.2017 - Literatur

Arno Widmann hat für die FR den engagierten Kleinverleger Andreas Rostek besucht, der sich mit seinem Verlag edition.fotoTAPETA insbesondere Osteuropa zuwendet. In dem Gespräch geht es auch um die kostspielige Mühsal dieser kulturellen Transferleistungen, die mit enormen wirtschaftlichen Risiken verbunden sind: "Wer eine europäische Öffentlichkeit möchte, der ist froh über die Möglichkeit, sie wenigstens auf diesem Wege bei dem einen oder anderen Autor herstellen zu können. Leichter wäre es, wenn die Kulturbeauftragte des Bundes, Monika Grütters, ein Förderprogramm für kleine, unabhängige Verlage auflegen würde - vielleicht ähnlich dem für unabhängige Buchhandlungen. Immerhin helfen die verschiedenen Buchinstitute anderer Länder wie das polnische in Krakau bei unserer Arbeit."

Der Kanon hat ausgedient, stellt Felix Philipp Ingold voller Bedauern in der NZZ fest: Kein Autor mag sich mehr Mühe machen, um in den Pantheon einzugehen. "Der literarische Olymp hat seine Attraktivität verloren, seitdem saisonaler Erfolg weithin höher veranschlagt wird als noch so beständiger Nachruhm. ... Das literarische Wollen fokussiert sich generell darauf, möglichst hohe Ratings, möglichst viele Klicks und Likes, möglichst große - punktuelle - Aufmerksamkeit zu erreichen. Demgegenüber bietet der Kanon auch im Weltmaßstab keine Anreize mehr. Sich auf ihn zu berufen oder ihm entsprechen zu wollen, gilt als inopportun, wenn nicht als lächerlich. Autoren und ihre Bücher sollen nicht 'ewig', sie müssen saisonal 'funktionieren'."

Weiteres: Der WDR bringt Ulrike Janssens Feature "Gesang der Fassungslosigkeit" über den Autor und Regisseur Thomas Harlan. Für die Welt besucht Tilman Krause das Fontane-Archiv in Potsdam, das die zahlreichen Briefe des Autors digitalisieren will. Beim Deutschlandradio Kultur unterhalten sich Gregor Dotzauer, Insa Wilke und Jan Bürger im Marbacher Literaturarchiv über neue Lyrik-Veröffentlichungen von Christine Lavant, Steffen Popp und Peter Rühmkorf. Marc Reichwein von der Welt geht der (gestrige) "Welttag des Lesens" gründlich auf den Zeiger. In China sorgen Pläne der Regierung, den Lizenzeinkauf von Bilderbüchern aus dem Ausland zu reglementieren, für enormen Unmut im Netz und unter Verlegern, berichtet Mark Siemons in der FAZ.

Besprochen werden neue Biografien über Mao Zedong (Welt), Emmanuel Carrères "Ein russischer Roman" (Tagesspiegel), neue Romane von Margaret Atwood (FR), Sarah Bakewells "Das Café der Existenzialisten" (Tagesspiegel), Anne Kuhlmeyers Krimi "Drift" (Freitag), Hartmut Günthers "Mit Feuereifer und Herzenslust - Wie Luther unsere Sprache prägte" (Welt), Oliver Diggelmanns "Maiwald" (Freitag), Szilárd Borbélys Nachlass-Fragment "Kafkas Sohn" (FR) und Toni Morrisons "Gott, hilf dem Kind" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Dirk von Petersdorff über Goethes "Talismane":

"Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Occident!
Nord- und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände.
..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2017 - Literatur

Dass der Schriftsteller Friedrich Christian Delius in einem Aufsatz in der Zeitschrift Sinn und Form Kanzlerin Merkel als für die Literatur ungeeignete Figur abtut, hält Burkhard Müller im SZ-Kommentar für einen Offenbarungseid: "Delius traut der Literatur offenbar nur dann Handlungsfähigkeit zu, wenn sie sich von der lebendigen Nähe ihres Gegenstands verabschiedet hat. ... Das Genre des Kanzlerromans, da hat Delius recht, ist bis jetzt ziemlich dünn besetzt. Das betrachtet er kleinmütig als ein Argument dagegen. Man könnte aber auch umgekehrt behaupten, es würde höchste Zeit, dass sich mal einer dranmacht."


Tolstois Haus in Jasnaja Poljana (Bild: Celest.ru, CC BY-SA 3.0)

Im literarischen Wochenendessay der FAZ berichtet die Schriftstellerin Ilma Rakusa von ihrer Reise durch Russland auf Rilkes Spuren. Unter anderem führt sie ihr Weg auch zu Lew Tolstois Haus in Jasnaja Poljana, wo die Aura des Groß-Schriftstellers sie sichtlich beeindruckt: "Alles, was hier zu sehen ist, ist authentisch und an seinem ursprünglichen Ort. Der Schreibtisch, den Tolstoi von seinem Vater, die Kommode, die er von seiner Erzieherin geerbt hatte. Der Diwan, auf dem er - und nach ihm alle seine Kinder - zur Welt gekommen ist. Der Phonograph, das Grammophon, der Fotoapparat, mit dem er schon 1862 ein Selbstporträt schoss, die Hanteln (Tolstoi war sportlich), zwei Becker-Flügel (Tolstoi spielte glänzend Klavier und komponierte Walzer), die Porträts (von Kramskoi und Repin), die Remington-Schreibmaschine, das Baumwollhemd mit einer Brusttasche für Bleistifte, ein Spazierstock, ja sogar ein Rollstuhl. Insgesamt 41.000 originale Gegenstände birgt das Haus, darunter rund 23.000 Bücher."

Weiteres: Für die taz liest Frank Schäfer Wolfgang Welts postum im Schreibheft veröffentlichtes Romanfragment "Die Pannschüppe". Marcus Müntefering hat für den Freitag den schottischen Thrillerautor Graeme Macrae Burnet besucht, den die überraschende Man-Booker-Nominierung seines zweiten Romans "Das blutige Projekt" aus der Kleinverlagsnische ins Rampenlicht der Betriebsöffentlichkeit geholt hat. FC-Bayern-Fan Friedrich Ani ärgert sich im Freitext-Blog auf ZeitOnline maßlos über das Gejammer seines Vereins. Für den Tagesspiegel trifft sich Nicole Henneberg mit taz-Redakteurin und Debütschriftstellerin Fatma Aydemir.

Besprochen werden Jérôme Leroys "Der Block" (FR, unsere Kritik hier), Zbigniew Herberts "Gesammelte Gedichte" (NZZ), die Anthologie "Von der unendlichen Ironie des Seins. Ungarische Ungereimtheiten" (NZZ), die Wiederveröffentlichung von Curt Corrinths "Potsdamer Platz oder Die Nächte des neues Messias: Ekstatische Visionen" von 1920 (ZeitOnline), Reginald Hills "Die letzte Stunde naht" (Welt), Noëlle Revaz' "Das unendliche Buch" (NZZ), Toni Morrisons "Gott, hilf dem Kind" (FAZ), Sei Shōnagons "Kopfkissenbuch" (Literarische Welt) sowie neue Hörbücher von Harry Rowohlt und Max Goldt (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.04.2017 - Literatur

Jana Volkmann porträtiert im Freitag Jürgen Schütz und dessen Wiener Kleinverlag Septime. NZZ-Autor Paul Jandl besucht die Schriftstellerin Nina Bussmann und unterhält sich mit ihr über ihren neuen Roman "Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen".

Besprochen werden Jérôme Leroys "Der Block" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Nico Bleutges Gedichtband "nachts leuchten die schiffe" (NZZ) und Nina Bußmanns "Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen" (SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2017 - Literatur

Mit journalistischen Plagiaten und Fake-Interviews hat hat Tom Kummer vor einigen Jahren für Kontroversen gesorgt. Jetzt hat Tobias Kniebe in der SZ herausgefunden, dass Kummer sich auch für seinen Debütroman "Nina & Tom" im Werk von Kollegen bedient hat. Zum Skandal will das jedoch nicht recht taugen, wie sich an Tobias Sedlmaiers heutigem NZZ-Kommentar ablesen lässt: Kummer habe diese "Technik mittlerweile in kindhafte Fischer-Technik verwandelt. ... Einer moralischen Beurteilung enthebt sich das Verfahren ohnehin, da sich der Autor die habituelle Montage zum Markenzeichen gemacht hat. Literarisch hingegen ist die Methode vollkommen unergiebig, wenn das Spiel zwischen Eigen- und Fremdtext nicht transparent wird. Allenfalls dient das Buch so einer munteren Trophäenjagd."

Eine Art geistigen Vordenker hat Kummer im übrigen in Theodor Fontane, wie sich dem heute in der FAZ veröffentlichten Gespräch mit der Germanistin Petra McGillen entnehmen lässt. Unter dem Eindruck von "Fake News" liest sie Fontane neu, denn der hatte in seinem Brotjob als Journalist mitunter auch mächtig im Stil heutiger "Fake News" geflunkert und passagenweise abgeschrieben. So hatte er in einem Bericht über das Feuer in der Londoner Tooley Street 1861 einfach Passagen aus verschiedenen Zeitungen zusammenkopiert. "Das Ganze hat er dann dramatisiert durch ausgedachte Details. Er erfand zum Beispiel einen Freund, der angeblich gute Beziehungen zur Londoner Polizei hatte und der es ihm ermöglicht hätte, näher als andere Journalisten an den Unglücksort zu kommen. Durch diesen Trick hat er seine Schilderungen gewissermaßen der Nachprüfbarkeit durch Kollegen entzogen."

Weiteres: Für die taz unterhält sich Philipp Fritz mit dem Schriftsteller Josef Haslinger über die von ihm mitherausgegebene Anthologie "Zuflucht in Deutschland - Texte verfolgter Autoren". Auf ZeitOnline stellt Michael Brake die Comicreihe um den Superhelden Captain Berlin vor, den sich der Underground-Filmemacher Jörg Buttgereit ausgedacht hat.Hermann Rudolph gratuliert dem Germanisten Conrad Wiedemann im Tagesspiegel zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden neue Romane über Hitler und Stalin von Julian Barnes und Bernd Schröder (FR), Adrian McKintys Krimi "Rain Dogs" (Freitag), Katie Kitamuras "Trennung" (FAZ) und Claudio Magris' "Verfahren eingestellt" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.04.2017 - Literatur

Krimi-Autor Frank Göhre geht im CulturMag mit reichhaltigem Material den verschiedenen Theorien nach, die noch immer zum Mord an Pier Paolo Pasolini kursieren. Ohne sich auf eine festzulegen, rekonstruiert er vor allem das Italien des Jahres 1975: "Es ist die Zeit der schlimmsten Wirtschaftskrise Italiens seit dem Zweiten Weltkrieg. Christdemokraten und Kommunisten, kämpfen um die politische und kulturelle Vorherrschaft. Neofaschisten legen Bomben. Die Roten Brigaden sind als linke Untergrundorganisation für zig Mordanschläge, Entführungen und Banküberfälle verantwortlich. Polizisten prügeln auf demonstrierende Arbeiter ein. Auf den Straßen der großen Städte fließt Blut. Die Generäle der italienischen Armee schmieden Putschpläne."

Im Zuge von Trumps Wahlerfolg sind auch einige Klassiker der dystopischen Literatur wieder diskutiert und zurate gezogen worden. Jan Wilm warnt in der NZZ allerdings davor, Werke wie Sinclair Lewis' "Das ist bei uns nicht möglich" und Philip K. Dicks "Das Orakel vom Berge" allzu leichtfertig vor der Folie von Trumps Präsidentschaft zu lesen: Zwar ist es "verständlich, dass diese Romane heute zu neuen Lesern finden - aber die Literatur ist keine Wahrsagerin, und sie hilft auch nicht auf die simple, instrumentelle Weise, die man sich dieser Tage vielleicht erhofft. Keines der vorgestellten Bücher bietet einfache Auswege an, vielleicht im Wissen, dass der Wert der Literatur nicht in Wirkungsverhältnissen greifbar ist. Man überfordert die Literatur, wenn man von ihr Lösungen erwartet."

Weiteres: Walter Benjamins unvollendet gebliebene Exzerpte- und Notizenkonvolut "Passagen-Werk" wird derzeit in New York wiederentdeckt, berichtet Konstantin Nowotny im Freitag. Gregor Dotzauer stellt im Tagesspiegel die online wiederbelebte Literaturzeitschrift Evergreen Review vor. Roman Bucheli hat für die NZZ den Rotpunktverlag besucht, in dem ein Generationenwechsel ansteht.

Besprochen werden Niroz Malek' "Der Spaziergänger von Aleppo" (Freitag), David Albaharis "Das Tierreich" (Tagesspiegel), Karl Heinz Bohrers Autobiografie "Jetzt" (Berliner Zeitung), Dominique Gobles Comic "so tun als ob heißt lügen" (Tagesspiegel), Bjarte Breiteigs "Meine fünf Jahre als Vater" (NZZ), Marlon James' "Eine kurze Geschichte von sieben Morden" (NZZ), Peter Walthers Biografie über Fallada (online nachgereicht von der FAZ) und neue Gedichtbände von Nico Bleutge, Tom Schulze, Steffen Popp und Paul-Henri Campbell (Freitag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2017 - Literatur

Annett Gröschner ist zwar "kein Fan, aber Sympathisantin" des 1. FC Union Berlin, erklärt die Schriftstellerin in der Welt. Der im tiefen Osten der Stadt gelegene Fußballverein zehrt bis heute vom Underdog-Image und kann daher ganz besonders leidenschaftlich mit dem Club verbundene Spieler vorweisen, die jegliche Kommerzialisierung mit Argusaugen beobachten. Derzeit, erfahren wir, herrscht angesichts einer Erfolgsserie, die den ewigen Zweitligisten in die erste Liga spülen könnte, geradezu Krisenstimmung: "'Akute Aufstiegsgefahr' heißt das im Jargon des vorzüglichen, ebenfalls von Fans gemachten Programmhefts. Auf der Waldseite des Stadions, bei den Ultras, macht seit der Rückrunde ein Transparent Furore: 'Scheiße, wir steigen auf!' Nach dem unglücklichen Remis in Düsseldorf hat die Mannschaft jetzt ausgerechnet ihren Angstgegner Kaiserslautern geschlagen. 'Nie mehr Zweite Liga!' Kieken wa ma." Sehr gelangweilt berichtet außerdem Welt-Kollegin Ronja von Rönne davon, jetzt ebenfalls Union-Fan zu sein.

Weiteres: Der Bayerische Rundfunk liest in zwei Lieferungen aus Niroz Maleks Buch "Der Spaziergänger von Aleppo" (hier und dort die MP3-Dateien). Für den Standard plaudert Ruth Renée Reif mit der Schauspielerin Isabella Rossellini, die ein Buch über ihre Hühner geschrieben hat.

Besprochen werden Jochen Schmidts "Zuckersand" (taz), Feridun Zaimoglus "Evangelio" (NZZ), Guy Delisles Comic "Geisel" (CulturMag), Hans Blumenbergs "Schriften zur Literatur 1945-1958" (CulturMag), Miroslav Krležas "Die Fahnen" (NZZ), Luo Guanzhongs chinesischer Klassiker "Die Drei Reiche" aus dem 14. Jahrhundert (NZZ) und der chinesische Klassiker "Die Reise in den Westen" aus dem 16. Jahrhundert (NZZ), Tom Kummers "Nina & Tom" (SZ) und neue Hörbücher, darunter eine Hörspielbearbeitung von Joseph Conrads "Der Geheimagent" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt über Angelika Overath über Inge Müllers "Wenn ich schon sterben muss":

"Will ich noch einmal
Mit euch durch den Wald gehn
Und vorbei am See in Lehnitz oder
..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.04.2017 - Literatur

Im literarischen Wochenendessay der FAZ befasst sich Christian Metz mit der Herausforderung, die sich den Evangelien bei der Schilderung von Jesu Auferstehung stellt, bei der "das Unfassbare begreiflich gemacht" werden muss: Er identifiziert eine "Poetik der Unschärfe", die eine bis in unsere Tage genutzte Ästhetik begründe. "Auf solche Weise werden alle jene Ereignisse dargestellt, die wie das Erhabene die menschliche Auffassungsgabe übersteigen. Diese Inszenierungen erleben jüngst vor allem in jener Kunst eine Hochkonjunktur, die sich mit den Terroranschlägen des 11. September 2001 auseinandersetzt. Thomas Pynchons 'Bleeding Edge', aber auch Kathrin Rögglas 'Really Ground Zero' oder Thomas Lehrs 'Fata Morgana' entwerfen Varianten dieser Poetik der Unschärfe. Sie greifen damit eine Darstellungsweise auf, wie sie zuvor schon Gerhard Richter in seinem Stammheim-Zyklus erprobt hatte. Die Provokation bei diesen Bildern bestand gerade darin, in der Unschärfe eine Bildsprache zu entwerfen, die das Unbegreifliche der Terrorakte mit dem Ominösen der Todesfälle im Hochsicherheitsgefängnis potenziert und somit zugleich auratisch aufzuwerten schien."

Weiteres: Für die NZZ unterhält sich Achim Engelberg mit dem bosnischen Schriftsteller Dževad Karahasan über literarische Utopien. Aus der Literarischen Welt: Wieland Freund würdigt den Pulitzer-Preisträger Colson Whitehead. Helene Hegemann wagt sich mit Faust im Gepäck auf den Osterspaziergang. Marc Reichwein flaniert seinerseits im Netz durch die Welt der Youtube-Leseratten und Instagram-Buchhipster. Denis Scheck fügt Tolkiens "Herr der Ringe" seinem wöchentlich ergänzten Literaturkanon hinzu. Außerdem: Eine weitere Episode aus Nadja Spiegelmans Fortsetzungsgeschichte "Ich sollte dir das eigentlich alles nicht erzählen".

Besprochen werden neue Vögel-Bücher (Berliner Zeitung), die deutsche Augabe von Antanas Škėmas in den 50ern entstandenen Roman "Das weiße Leintuch" (taz), Julia Webers "Immer ist alles schön" (NZZ), Feridun Zaimoglus "Evangelio" (Berliner Zeitung, FAZ), Fabian Hischmanns "Das Umgehen der Orte" (ZeitOnline), J.D. Vances "Hillbilly Elegie" (Literarische Welt), die japanische Comicserie "Usagi Yojimbo" (Tagesspiegel) und Marcel Beyers Essayband "Das blindgeweinte Jahrhundert" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.04.2017 - Literatur

Der Typus des Karrieristen und Testosteron-Überfliegers befindet sich auf dem absteigenden Ast, die "metrosexuelle Wende hat längst dessen Abgesang eingeleitet", schreibt Björn Hayer im Freitag. Zumindest beobachtet er dies bei der Lektüre aktueller Bücher von Daniel Wisser, Klaus Böldl und Heinz Strunk, die sich in der Dekonstruktion dieses Männlichkeitstyps üben oder gleich stark emotionale Männer behandeln. Doch "zugegeben, mit Utopien für das maskuline Wesen im 21. Jahrhundert hält sich die zeitgenössische Literatur zurück. Sie setzt (...) auf Realismus und scheut nicht davor zurück, die altbackene Version von Maskulinität im symbolischen Sinne zu kastrieren. Bezogen auf die gesellschaftliche Wirklichkeit kann diese für manch einen schmerzhafte Erfahrung jedoch nur von Vorteil sein."

Auf ZeitOnline unterhält sich Frank Schäfer mit dem Dichter F.W. Bernstein, der gerade "Frische Gedichte" (von denen er keins auswendig kann) veröffentlicht hat. Unter anderem streift die Unterhaltung "Kunstgetue" im Allgemeinen und die Kunstreligions-Aspirationen eines Gottfried Benn, denen manch jüngerer Lyriker heutzutage wieder auf den Leim zu gehen drohe. Gar so eigentlich sollte man das alles nicht auffassen, meint Bernstein: "Wenn Benn ein Gedicht anfängt in seinem Parlando, 'Hör zu, so wird der letzte Abend sein, wo du noch ausgeh'n kannst'. Und dann zählt er auf, wie viele Zigaretten er raucht und wieviel Bier er in der Kneipe hat und am Schluss hebt er noch kurz ab und macht das ganze Weltall zuständig. Dieser trockene Plauderton, den er da drauf hat, das ist eigentlich der Benn, der mir sehr nahe ist."

Weiteres: Für die NZZ porträtiert Marta Kijowska die Schriftstellerin und Auschwiz-Überlebende Zofia Posmysz. Die nordische Mythen- und Sagenwelt erlebt derzeit einen Boom auch abseits rechtsextremer Kreise, beobachtet NZZ-Autor Aldo Keel. Die FAS hat Julia Enckes großes Gespräch mit Marcel Beyer online nachgereicht. In der NZZ gratuliert Roman Bucheli dem Schriftsteller Reto Hänny zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Élisabeth Badinters Buch "Die Mach der Frau" über Maria-Theresia (FR), Konstantin Richters "Die Kanzlerin" (ZeitOnline) und Kerstin Preiwuß' "Nach Onkalo" (Tagesspiegel).

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