Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2018 - Literatur

Für die NZZ hat sich Angela Schader zum Gespräch mit Teju Cole getroffen, dessen neues Buch "Blinder Fleck" - eine Collage aus Text und Fotos - dieser Tage auch auf Deutsch erscheint. Der Schriftsteller und Essayist verspricht uns darin einiges: "Die Idee, dass eine Geschichte durch eine Art assoziativer Digression erzählt werden kann, hatte ich in 'Open City' bis zu einem gewissen Grad entwickelt, aber in 'Blinder Fleck' habe ich etwas Radikaleres daraus gemacht - als hätte ich den Roman in Stücke geschnitten und zwei Drittel davon weggeworfen.  ... Es ist ein Netzwerk, ohne Cyber zu sein."

In der Jungle World spricht Philipp Idel ausführlich mit Hannes Bajohr über dessen Projekt einer tatsächlich digitalen Literatur, das man vielleicht als eine Art digitalen Materialismus beschreiben könnte. Unter anderem geht es in dem großen, sehr anregenden Gespräch um das gemeinsam mit Gregor Weichbrodt konzipierte Buch "Glaube Liebe Hoffnung", das ausschließlich Facebook-Kommentare empörter Pegidisten nicht nur archiviert, sondern auch nach den Satzanfängen "ich glaube", "ich liebe" und "ich hoffe" kompiliert: "Gregor schrieb ein Skript, das die Kommentare zweimal am Tag in einer immer weiter anwachsenden Datei speicherte. Am Ende waren das dann etwa 80 MB reiner Text. Dieser Korpus war so groß, dass er schon zur empirischen Analyse taugt, und in der Tat gibt es inzwischen einige soziolinguistische Studien zu Pegida, die auf Gregors Korpus beruhen. Der Nutzen hier ist offensichtlich. Aber wissenschaftliche Analyse ist nur eine Möglichkeit, sich solchen Textmengen zu nähern. Man kann 'Glaube Liebe Hoffnung' als literarische Aufbereitung eines Forschungsergebnisses verstehen, das darin bestand, die Verteidiger des christlichen Abendlandes mit den christlichen Tugenden zu konfrontieren. Auch das ist eine Form von Realismus, der digital ermöglicht worden ist und eine digitale Wirklichkeit darstellt." Auf der Website von Weichbrodts und Bajohrs Textkollektiv 0x0a kann man das Buch als pdf herunterladen.

Das mit der "politischen Korrektheit" sei aus dem Ruder gelaufen, meint Schriftstellerin und Reisereporterin Tina Uebel in der Zeit: Autoren zensieren sich, Verleger nehmen Abstand von Büchern, von denen sie meinen, dass sie mit Gegenwind zu rechnen haben, Reportagen werden nicht veröffentlicht, weil das darin gezeichnete Bild einer fremden Kultur nicht positiv genug sei: "Wir haben ein Problem, dürfen wir nicht mehr über die Welt, die wir erleben, berichten, sondern nur über eine, wie sie sein sollte. ... Wer eine Idee hat, wie sich andere Kulturen verstehen und lieben lassen, wenn man von ihnen nur ein Zerrbild haben darf, dass unseren kulturellen Präferenzen entspricht, möge es uns mitteilen."

Apropos politische Korrektheit: Penguin Random House UK hat auf seiner Webseite angekündigt, eine größere Vielfalt im Hinblick auf "Ethnie, Gender, Sexualität, sozialer Mobilität und Behinderung" bei seinen Autoren erreichen zu wollen. Daraufhin fragte Autorin Lionel Shriver im Spectator erbost, ob Penguin Bücher verkaufen wolle oder Moral. Hanif Kureishi interpretierte ihre Reaktion im Guardian hämisch als Zähneklappern der "master race". Gestern nun erinnerte Kenan Malik im Observer daran, dass Vielfalt nicht zwangsläufig zu mehr Gleichheit führt: "Kritik an Vielfalt wird meist als konservatives Projekt gesehen. Aber wie [der afroamerikanische Aktivist Adolph] Reed (oder, im britischen Kontext, der verstorbene A Sivanandan) zeigen, gibt es auch eine radikale Tradition, die dem Diversity-Ansatz skeptisch gegenübersteht, weil er an die Stelle eines sinnvollen Kampfes für Gleichheit tritt." Vielleicht würde ja eine größere Diversität im Management-Team von PRH ganz automatisch zu mehr Vielfalt bei den Autoren führen?

Weitere Artikel: In der taz würdigt Eva Behrendt in einem ganzseitigen Porträt den Journalisten Robin Detje als Übersetzer von unter anderem Joshua Cohens Roman "Buch der Zahlen". Deutschlandfunk Kultur erinnert mit einem Feature von Helmut Böttiger an die "neue Subjektivität" der deutschen Literatur in den Siebzigern. Besprochen werden Connie Palmens Essayband "Die Sünde der Frau" (SZ), Joyce Carol Oates' "Der Mann ohne Schatten" (FR), Linn Ullmanns Roman "Die Unruhigen" über ihre Eltern Ingmar Bergman und Liv Ullmann (FR), Brit Bennetts "Die Mütter" (ZeitOnline) und neue Hörbücher, darunter Jan Wagners Hörspiel "Gold.Revue" (FAZ).

In der online nachgereichten "Frankfurter Anthologie" schreibt Ralph Dutli über Joachim Du Bellays "Glücklich, wer wie Odysseus":

"GLÜCKLICH, wer wie Odysseus eine schöne Reise
Machte oder der Mann, der einst das Vlies errang
..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.06.2018 - Literatur

Die Literaturkritik trauert um Dieter Wellershoff. Sein Werk gehört mit zu den wichtigsten der alten Bundesrepublik - gerade weil es zum üblichen Auftreten altbundesrepublikanischer Schriftsteller so quer steht, schreibt Dirk Knipphals im taz-Nachruf. "Tod, Überleben, Gelingen, Scheitern, das alles behält in den Büchern Dieter Wellershoffs etwas Zufälliges, wobei den vulkanischen Glutkern seines Schreibens ausmacht, dass die Lebensentwürfe seiner Figuren stets von innen her bedroht sind, seien sie Projektemacher, die in die Falle ihrer eigenen Fantasien gehen, oder auch Liebende, die sich in ihre eigenen Projektionen verstricken."

In der FR erklärt Frank Olbert Wellerhoffs Schreiben aus dessen Kriegserfahrungen heraus: "Die Illusionslosigkeit des jungen Mannes, der ernüchterte Blick auf eine Wirklichkeit, die aller Versprechen und Lügen entkleidet vor ihm liegt - diese Perspektive des Zweiflers, Kritikers und Skeptikers ist es, aus der heraus das gesamte Werk dieses großen Entzauberers erzählt ist." Nach Auffassung von Marc Reichwein in der Welt "kann Deutschland dankbar sein, Zeitzeugen wie Wellershoff zu haben, die denkbar offen und ungefärbt über die Zeitgeschichte, die Schuld des Zweiten Weltkrieges und die Entwurzelung in der unmittelbaren Nachkriegszeit Auskunft gegeben haben." Weitere Nachrufe in Tagesspiegel, ZeitOnline, FAZ und SZ.

Zum heutigen Bloomsday erinnert Willi Winkler in der SZ an die Entstehung nicht nur von James Joyce' kryptischem Meisterwerk, sondern auch der "Joyce-Industrie", die sich seitdem damit beschäftigt, das Werk zu durchleuchten und ausgefuchste Philologie zu betreiben. Auch auf den mysteriösen Fall von John Kidd kommt Winkler dabei zu sprechen: Der gelehrte Autodidakt hatte eine als gültig erachtete Ausgabe vom Thron gestoßen, "die Bostoner Universität hatte ihm Fördermittel und ein ganzes Institut zur Verfügung gestellt, ein Verlag wartete geduldig auf die neue, die bessere, die zuverlässige, die Ausgabe von Kidds letzter Hand, aber der Mann war zu beschäftigt, er musste die Tauben auf dem Campus füttern und sich um verletzte Tiere kümmern." Die New York Times hat ihn mittlerweile ausfindig gemacht und erzählt in dieser Reportage davon. Außerdem bringt Lothar Müller in der SZ nochmal Hintergründe zur aufwändigen Revision von Hans Wollschläger, die nach einem Veto von Gabriele Gordon jetzt nur in einer wenige Exemplare umfassenden Sonderausgabe jenseits des Handels erscheinen darf.

Weiteres: Schriftsteller Hans Maarten van den Brink erinnert sich in der NZZ an eine prägende Autopanne aus seiner Kindheit. tazler Martin Reichert speist vorzüglich in Triest und kommt im Zuge auch auf die Rolle zu sprechen, die die Stadt in der Literaturgeschichte einnimmt, brachten "deren permanente Identitätskrise" doch unter anderem Italo Svevo, Umberto Saba und Scipio Slataper hervor. Für Deutschlandfunk Kultur hat sich Dorothea Westphal zu einem großen Gespräch mit Margriet de Moor getroffen. Die FAZ dokumentiert Daniel Kehlmanns Dankesrede zur Verleihung des Hölderlin-Preises (hier als PDF). Außerdem bringt die Literarische Welt Auszüge aus Hans Falladas Briefen an seine Familie, die heute im Aufbau Verlag erscheinen.

Besprochen werden Siri Hustvedts Langessay "Die Illusion der Gewissheit" (taz, Welt), Teju Coles "Blinder Fleck" (Welt), Kurt Steinmanns Neuübersetzung von Homers "Ilias" (FR), "Pik Bube" von Joyce Carol Oates, die heute ihren 90. Geburtstag begeht (Tagesspiegel), Hideo Yokoyamas Krimi "64" (taz), Jürgen Teipels "Unsere unbekannte Familie" (FR), Jan Böttchers "Das Kaff" (taz), die Ausstellung "Die Erfindung von Paris" im Literaturmuseum der Moderne in Marbach (Welt, SZ), die ebenfalls in Marbach gezeigte Ausstellung "Beckett in Deutschland" (FR), Marcel Prousts erstmals gesammelt auf Deutsch vorliegende Gedichte (FAZ). Außerdem gibt es eine neue Ausgabe des CrimeMag - hier der Überblick über alle Rezensionen und Essays. Unter anderem bespricht Perlentaucher-Kritikerin Kartin Doerksen Riad Sattoufs Comic "Esthers Tagebücher 2: Mein Leben als Elfjährige".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.06.2018 - Literatur

"Es braucht mehr Playmobil-Schriftsteller", ruft Paul Jandl in der NZZ mit Grüßen aus dem Sommerloch, nachdem er darauf gestoßen ist, dass der namhafte Plastikspielzeug-Hersteller im August einen Theodor Fontane in 25.000er Auflage in die Läden bringt. Die Tatsache, dass die Fontaniana-Details an der Figur abnehmbar sind, weckt Jandls Kreativität: Man könne sich ja "vielleicht ganz neue Dichter bauen. Schon im Hinblick auf solches Material aus Künstleraccessoires sollte man sich bei Playmobil nicht lumpen lassen. Es braucht die Blusen der Ingeborg Bachmann, Günter Grassens Pfeife, die Brille von Max Frisch und die Augenbrauen von Martin Walser."

Weitere Artikel: Am Montag wird das von der Bundesregierung gekaufte Thomas-Mann-Haus in Los Angeles für Fellows geöffnet, berichtet Thomas Ribi in der NZZ. Klaus Bartels blättert sich in der NZZ durch die antiken Quellen zum Ursprung des Wortes "elektrisch". Der Tagesspiegel bringt einen Auszug aus Judith Kerrs Autobiografie "Geschöpfe".

Besprochen werden Simone Buchholz' Kinderbuch "Johnny und die Pommesbande" (Tagesspiegel), Lore Bergers "Der barmherzige Hügel" (NZZ), Tom Callaghans Thriller "Mörderischer Sommer" (Standard), ein Comic von Voloj & Campi über die Entstehung von Superman (SZ), François Chengs "Über die Schönheit der Seele" (SZ) und der Briefwechsel 1940 bis 1968 zwischen Joseph Breitbach und Jean Schlumberger (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.06.2018 - Literatur

Im Logbuch Suhrkamp adressiert die Schriftstellerin Svenja Leiber das "weiße Hirn" und dessen Normierungssucht durch Sprachregeln, Gesetzen und Heimatministerien, dem sie die Kraft der Literatur der Minoriäten entgegenstellt: "Als Gegensatz zur homogenen Mehrheit, welche die Norm, die Macht, die Kontrolle zu ihrem Selbsterhalt dringend benötigt, ist jede Minderheit in der Lage, Lücken zu suchen und zu erschaffen, in Bewegung zu bleiben, zu werden. ... Literatur ist revolutionär, ohne engagierte Literatur sein zu müssen. In ihrem Werdecharakter behauptet sie nichts, bildet nichts ab oder nach, was du erkennen und zerstören könntest, sondern wird zum Akt, zum Sprechakt, der unzählige Abweichungen und Alternativen zur gegebenen Norm entwickelt. Die Revolution findet im Sprechen statt, das sich einer unfertigen, tastenden, offenen Sprache bedient."

Für den Tagesspiegel liest Peter von Becker, was Marcel Proust in seinen Briefen über den Ersten Weltkrieg geschrieben hat: Dessen "Diktum zeugt von einer Hellsicht, wie sie Künstler und Autoren in jener Zeit der nationalen Berauschung auf allen Seiten sehr selten hatten."

Weitere Artikel: Im Hundertvierzehn-Blog des S.-Fischer Verlags schreibt Dmitrij Gawrisch über seinen Rückzugsort nahe New York. Ebenfalls im Hundertvierzehn-Blog gestatten Sigrid Rausing und deren Übersetzerin Adelheid Zöfel Einblick in ihre Notizbücher. Rainer Merkel lässt sich im Freitext-Blog von ZeitOnline von einer Mexikanerin erklären, dass die deutsche Nationalmannschaft den schönsten Fußball spielt. Literaturwissenschaftler Jan-Christoph Hauschild lässt in der FAZ die Fußballmannschaften aus dem Kanon der Weltliteratur gegeneinander antreten - mit Marcel Reich-Ranicki als Teamchef der deutschen Mannschaft. Für die SZ hat Alexander Menden die Schriftstellerin Judith Kerr in London besucht, die heute 95 Jahre alt wird. Besprechungen von Kerrs Autobiografie "Geschöpfe" finden sich in FAZ und Berliner Zeitung.

Besprochen werden unter anderem Linn Ullmanns Roman "Die Unruhigen" über ihre Eltern Ingmar Bergman und Liv Ullmann (Berliner Zeitung), Andy Mulligans Tier-Roman "Spider" (Tagesspiegel) und Dirk Popes "Abgefahren" (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.06.2018 - Literatur

In der SZ erinnert Willi Winkler daran, wie sich die in zahlreichen Städten mit Straßennamen gewürdigte Schriftstellerin Ina Seidel im "Dritten Reich" den Nazis als Nationalschriftstellerin anpries: "Ihr Sohn Georg, der unter dem Pseudonym Christian Ferber schrieb, zitiert in seiner Familiengeschichte 'Die Seidels' die Hymne 'Lichtdom', die sie Adolf Hitler 1939 zum fünfzigsten Geburtstag schenkte: 'Der Lichtdom baut sich bläulich zu den Sternen / und seine Pfeiler stehn rings um das Reich (...) Hier stehn wir alle einig um den Einen, / und dieser Eine ist des Volkes Herz' - worauf sich 'Winterschmerz' reimt und 'berufen warst' auf 'neu gebarst'. Es ist einfach furchtbar, aber es stammt unzweifelhaft von einer deutschen Dichterin, die sich mit derlei für Höheres empfahl."

Weitere Artikel: Die NZZ meldet, dass Jean Claude Arnault, der die Krise der Schwedischen Akademie ausgelöst hat, wegen Vergewaltigung angeklagt wird.

Besprochen werden Michael Angeles Schirrmacher-Biografie (Standard), Alberto Breccias Comic-Adaotion von H.P. Lovecrafts Horrorerzählungen (Tagesspiegel), Christina Viraghs "Eine dieser Nächte" (SZ), Cees Nootebooms Gedichtband "Mönchsauge" (NZZ), T.C. Boyles Erzählband "Good Home" (NZZ), Mercedes Lauensteins "Blanca" (Tagesspiegel), Emmanuelle Pirottes "Heute leben wir" (FAZ) und die Ausstellung "Die Erfindung von Paris" im Literaturmuseum in Marbach (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.06.2018 - Literatur

Das Feld der literarischen Biografie ist im Wandel begriffen, fällt SZ-Kritiker Volker Breidecker beim Besuch des Festivals Literaturm in Frankfurt auf: "Das emphatische 'Ich', zu dessen radikaler Subjektivität sich in Frankfurt fast nur noch Karl Heinz Bohrer zu bekennen wagte, ist fragwürdig geworden, oft verschwindet es hinter einer distanzierten dritten Person oder einem plural vorgestellten 'man', um sich mit seiner sozialen Welt zu verschränken. An die Stelle lebendiger Helden, die früher im Zentrum einer Erzählung standen, rücken die Schauplätze und Räume, an und in denen die Menschen sich bewegen."

Weitere Artikel: Für die FR porträtiert Susanne Lenz die US-Autorin Brit Bennett und bespricht deren Debüt "Die Mütter". In der FAZ plädiert Tilman Spreckelsen dafür, das Potenzial öffentlicher Bibliotheken als Ort der Lese- und Bildungsvermittlung schon bei Grundschülern zu nutzen. Uta Grossmann wirft für die FR einen Blick in die Schülerakte von Else Lasker-Schülers Sohn. Jessie Burton gibt im Logbuch Suhrkamp Schreibtipps.

Besprochen werden die neue Ausgabe der Zeitschrift Wespennest, die dankenswerterweise "mehr leistet als eine Phänomenologie des Schwachsinns der Gegenwart", indem sie etwa auch "an die hellsichtige Kehrseite der Idiotie erinnert" (taz), David Grossmans Reden- und Essaysammlung "Eine Taube erschiessen" (NZZ), Gaito Gasdanows "Nächtliche Wege" (Tagesspiegel), Roland Sprangers Krimi "Tiefenscharf" (Tagesspiegel), François-René de Chateaubriands "Atala" (SZ) und Henry James' Erzählband "Vier Begegnungen" (FAZ).
Stichwörter: Biografien

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.06.2018 - Literatur

Anlässlich des Todes des Unternehmers Karl Ignaz Hennetmair, viele Jahre Thomas Bernhards Nachbar und Freund, veröffentlicht der Standard ein großes, 1989 geführtes und ziemlich anekdotenreiches Gespräch mit ihm. Unter anderem geht es darum, wie Bernhard nicht nur die Reinigungskräfte auf seinem Hof, sondern auch seine Schreibmaschinen drangsalierte: "Die neueren hat der Thomas immer zusammengehauen, die haben das nicht ausgehalten, weil er so reingehauen hat. Im Dorotheum haben sie viele so alte Schreibmaschinen von der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, die damals alle in den Büros verwendet wurden. Die waren noch massiv. Also sage ich zu ihm: Damit du nicht dauernd die Maschine herumschleppen musst, kauf dir gleich mehrere und lass in jedem Haus so eine Maschine stehen. In Nathal, da hat er zwei oder drei aufgestellt gehabt, damit, falls eine kaputt ist, es dann gleich weitergehen kann. Wenn er in Fahrt ist, dann braucht er eine neue Maschine."

Weitere Artikel: Die freie Szene Berlins kritisiert den gerade erst vom Kultursenator Klaus Lederer ausgelobten Verlagspreis, berichtet Linda Gerner in der taz. Paul Jandl folgt in der NZZ der Literatur von Thomas Bernhard bis zu Svenja Leiber durch Frost und Wüstenhitze. Hans-Peter Kunisch berichtet in der SZ von der Literaturreise, die Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit durch ihr Land unternimmt.

Besprochen werden Elfriede Jelineks unverfilmt gebliebenes Drehbuch "Eine Partie Dame" von 1981 (SZ), Serhij Zhadans "Internat" (Standard), Sigrid Damms "Im Kreis treibt die Zeit" (FR), Wioletta Gregs "Unreife Früchte" (Zeit), Yusuf Yeşilöz' "Die Wunschplatane" (NZZ), John Bergers "Ein Geschenk für Rosa" (NZZ), ein Abend mit Christophe Boltanski und Josef Winkler beim Literaturm-Festival in Frankfurt (FR), James Pattersons und Bill Clintons Thriller "The President is Missing" (Tagesspiegel), neue Comics über archaische Mythen (Jungle World) und Peter Hacks' "Marxistische Hinsichten. Politische Schriften 1955-2003" (FAZ).

In der Frankfurter Anthologie schreibt Kai Sina über Paul Maars "Viele Fragen":

"Mutter hat mich geboren.
Damit gab es mich,
..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.06.2018 - Literatur

In Paris kämpfen die Bouquinisten ums Überleben, berichtet Martina Meister in der Welt. Einer davon, Callais, ein Bouquinist von altem Schrot und Korn, fordert daher Weltkultur-Status für seine Zunft. Mittlerweile "gebe es echte Sozialfälle unter den Kollegen, erzählt Callais." Und einige "haben sich deshalb längst verabschiedet vom alten Kerngeschäft. Manche verkaufen Pornohefte, andere Kochbücher. Das Geschäft mit Kochschürzen, Magneten, Eiffelturm-Schlüsselanhängern ist lukrativer. Callais blickt auf die Kollegen herab, die ihre Kisten für Nippes öffnen, er nennt es ein 'notwendiges Übel'."

Überhaupt: Paris. Im großen FAZ-Gespräch kommt der Schriftsteller und Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt auch ausführlich auf die französische Hauptstadt als Sehnsuchtsort zu sprechen, als der sie auch in seiner Erzählung "Die Befreiung" aufblitzte. Insbesondere reizte ihn in Paris die Suche nach "jener Literatur, welche neben der 'öffentlichen Literatur' nicht gelehrt wurde oder nur sehr spärlich mittels kurzer Auszüge in den Literaturgeschichten. Man munkelte auf dem Schulhof von verbotener Literatur, die die einzig interessante sei, man hörte vom 'göttlichen' Marquis de Sade, von Henry Miller und vor allem von den französischen Erotikern des achtzehnten Jahrhunderts, die unerschwinglich waren und die uns deshalb umso mehr erregten."

Weitere Artikel: Im Standard schreibt Stefan Gmünder über die indische Autorin Arundhati Roy, die gestern mit dem Bruno-Kreisky-Preis ausgezeichnet wurde. In der SZ empfiehlt Reinhard Brembeck Claudia Otts Lesungen aus ihrer gefeierten Neuübersetzung von "1001 Nacht". Judith von Sternburg berichtet in der FR vom Frankfurter Literaturm-Festival, wo unter anderem Marcel Beyer und Anthony McCarten auftraten. Julya Rabinowich erinnert sich im Standard an Kopfläuse. Denis Scheck ergänzt seinen Welt-Literaturkanon um Marcels Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". In der Langen Nacht des Deutschlandfunks Kultur widmet sich Charlotte Drews-Bernstein dem Lyriker Peter-Rühmkorf.

Besprochen werden unter anderem Alexander Schimmelbuschs "Hochdeutschland" (NZZ), Margriet de Moors "Von Vögeln und Menschen" (taz), Hans Beltings und Andrea Buddensiegs Biografie über den senegalesischen Präsidenten Léopold Sédar Senghor (taz), René Daumals "Das große Besäufnis" (taz), Ralf Rothmanns "Der Gott jenes Sommers" (NZZ), Iwan Bunins "Ein Herr aus San Francisco. Erzählungen 1914/1915" (NZZ), Brit Bennets "Die Mütter" (SZ) und Josef Winklers "Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.06.2018 - Literatur

Besprochen werden Angelika Reitzers "Obwohl es kalt ist draußen"" (NZZ), Heinrich Bölls "Der Panzer zielt auf Kafka" mit den Reisenotizen des Schriftstellers, der 1968 die Niederschlagung des Prager Frühlings aus nächster Nähe beobachten konnte (FR, hier das historische Spiegel-Interview mit Böll zum Thema), Eric Vuillards Erzählung "Die Tagesordnung" (Tagesspiegel), der Auftakt des Frankfurter Festivals Literaturm mit Felicitas Hoppe und dem Ensemble Modern (FR), die Wiederveröffentlichung von Fritz Alexander Kauffmanns erstmals 1956 erschienenem "Leonhard. Chronik einer Kindheit" (SZ), Hans-Werner Sinns Autobiografie "Auf der Suche nach der Wahrheit" (taz), James Pattersons und Bill Clintons Thriller "The President is missing" (Standard) und Carl Schmitts Tagebücher aus den Jahren 1925 bis 1929 (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.06.2018 - Literatur

Juri Sternburg verabschiedet sich in der taz vom Weltrestaurant in der Kreuzberger Markthalle, wo Sven Regeners "Herr Lehmann" seinen Schweinebraten zu verzehren pflegte und das jetzt schließen muss, weil ihm der Mietvertrag nicht verlängert wird. Gisela Kaufmann schließt zudem ihren "Librairie Buchladen" in Paris, berichtet Schriftsteller Michael Kleeberg in der FAZ. In der FR wirft Petra Kohse einen Blick darauf, wie jüngere Romane und Filme Androiden darstellen.

Besprochen werden James Pattersons und Bill Clintons Thriller "The President is missing" (SZ, Zeit), Esther Kinskys "Hain" (NZZ), Hans Platzgumers "Drei Sekunden jetzt" (Tagesspiegel) und Robert Seethalers "Das Feld" (FAZ).