Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2018 - Literatur

Literaten in der Wildnis: Eher aufregungsarm geht es in Stefanie del Velascos von der FAS online nachgereichtem Bericht von der Trüffelsuche zu, von der sie sich Inspirationen für einen Roman erhoffte, "eine Art psychosomatischen Gewinn fürs Schreiben, ein tieferes Eintauchen in das, was mich beim Schreiben suchen lässt." Demgegenüber deutlich existenzieller fallen die Epiphanien aus, von denen (der auf Deutsch noch noch übersetzte Schriftsteller) Maxim Loskutoff in der NZZ berichtet: 2012 in Montana sah er sich unversehens von einem Bären zur Beute auserkoren und entdeckte darob das Tier in sich selbst. "Auf unserer trampelnden, überstürzten Flucht, irgendwo unter der wilden Panik, lag - daran erinnere ich mich - ein spürbarer, pikanter Kitzel. Nicht von der suizidalen Art (ich war zu verängstigt, um auch nur den Kopf zu drehen, und ganz sicher hatte ich keine Lust, die Zähne der Bärin im Nacken zu spüren), sondern eher im Sinn eines Perspektivwechsels. ... Etwas von der Erfahrung mit dem Bären ist in mir geblieben, ein Geschenk dieses Augenblicks aus purem Schrecken. Es ist das Wissen um mein tierisches Selbst. Diese instinktgetriebene, verängstigte, klarsichtige Kreatur unter meinen Kleidern. Und es ist das beruhigende Gefühl, Teil der natürlichen Welt zu sein, und nicht von ihr abgespalten, wie wir es so oft empfinden."

Weitere Artikel: In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus dem Lyriker Les Murray zum 80. Geburtstag. Außerdem: Der Man-Booker-Preis geht in diesem Jahr an Anna Burns für ihren Roman "Milkman", meldet unter anderem ZeitOnline.

Besprochen werden unter anderem "Erinnerungen eines Mädchens" von Annie Ernaux (NZZ), Isak Samokovlijas "Der Jude, der am Sabbat nicht betet" (SZ) und Bergsveinn Birgissons "Die Landschaft hat immer recht" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2018 - Literatur

Das hiesige Feuilleton entdeckt die französische Schriftstellerin Annie Ernaux. Vor kurzem reiste SZ-Kritiker Alex Rühle zu ihr nach Cergy (unser Resümee), wo auch Iris Radisch im Auftrag der Zeit an der Türe ihrer Wohnung klingelte. Jetzt hat die Zeit den Text online nachgereicht: Ähnlich wie Didier Eribon ist auch Ernauxs Biografie eine Geschichte des sozialen Aufstiegs, erfahren wir: In Frankreich, wo Literatur einer Sache der höheren Bevölkerungsschichten ist, mitunter eine Provokation. "Die Schule und das Studium haben sie von ihren Eltern und ihrer Herkunft weiter und weiter entfernt. Mit jedem neuen Buch versucht sie, in ihre Ursprungswelt wieder einzutauchen" - ein schwieriges Unterfangen, da ihr Bildungsstand sie von ihrem früheren Selbst mittlerweile sehr entfernt hat. "In ihrem neuen Buch versucht Annie Ernaux dennoch genau das: den beschwerlichen Weg der Versöhnung mit sich selbst zurückzulegen. Sie versetzt sich in das 18-jährige Mädchen zurück, das sie im Jahr 1958 gewesen ist, als sie in einer Ferienkolonie ihre ersten sexuellen Erfahrungen machte. Der Gedanke, sie könnte sterben, ohne über dieses fremde Mädchen, das sie selbst war, geschrieben zu haben, ließ ihr keine Ruhe. Dieses Mädchen wiederzufinden bedeutete, den ranzigen Geschmack der Fünfzigerjahre noch einmal zu kosten."

Was wissen wir über Ungarn, fragt sich in der NZZ die Schriftstellerin und Übersetzerin Christina Viragh, auf dem Gellért-Hügel in Buda stehend: "Jetzt erinnere ich mich, ich hatte es jahrzehntelang vergessen, dass mir als Kind an solchen strahlenden Herbsttagen die Dinge von weit weg zu kommen schienen, die Töne, das Licht, die scharf gezeichneten Schatten. Es waren Signale aus einem nicht auszulotenden, vielleicht irgendwo in die Schwärze des Weltalls übergehenden Raum, wie ich jetzt auf dem Gellért-Hügel stehend wieder fühle, als hinter mir eine deutsche Touristin sagt, der Blick wäre ja schön, wenn man nicht an den Rest denken würde. Der Rest, ja, wir wissen es. Die Frage ist nur, was wir wissen."

In einem epischen Rückblick in der FR erinnert der Schriftsteller Artur Becker an die polnische dissidente Exil-Zeitschrift Kultura, deren Geschichte Bernard Wiaderny in einer großen Studie (hier eine große Leseprobe als pdf) aufgeschrieben hat: Die in Paris erstellten Hefte "mussten über die Grenze geschmuggelt werden, und die Buch- und Magazinausgaben in der Samisdat-Form waren so klein wie Taschenkalender, sodass man die eng bedruckten Seiten nur mit einer Lupe lesen konnte."

Weitere Artikel: Für den Freitag porträtiert Angelique Chrisafis die französische Schriftstellerin Virginie Despentes. Cornelia Geißler gratuliert in der Berliner Zeitung dem Dichter Gerhard Wolf zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden Elena Ferrantes in neuer Übersetzung vorliegender Debütroman "Lästige Liebe" (NZZ), Bücher von Gabriela Adamesteanu (NZZ), Kapka Kassabovas "Die letzte Grenze Am Rande Europas, in der Mitte der Welt" (Berliner Zeitung), Nino Haratischwilis "Die Katze und der General" (Tagesspiegel), eine Neuauflage von Hans Ostwalds "Vagabunden" (Berliner Zeitung), eine Ausstellung im Badischen Kunstverein in Karlsruhe über die Literatrin Kathy Acker (taz), Richard Powers' "Die Wurzeln des Lebens" (Welt), Thomas Hürlimanns "Heimkehr" (online nachgereicht von der FAZ), Christian Lorenz Müllers "Ziegelbrennen" (Standard), Mick Herrons "Slow Horses" (Standard) und Marjana Gaponenkos "Der Dorfgescheite" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2018 - Literatur

Das war eine schöne Buchmesse mit vielen interessanten Momenten und Erlebnissen, resümiert taz-Kritiker Dirk Knipphals die letzten Tage in Frankfurt. Aufgefallen ist ihm bei all den Groß- und Kleinereignissen ein Thema am Rande, auf dass immer wieder die Sprache kam: Wer sich heute als Schriftsteller etablieren will, darf nicht mehr auf schnellen Erfolg dank einschlägiger Strategien hoffen: "Debüt, Skandalaufregung, Genieverdacht und, zack, fertig ist die Aufmerksamkeit. Genau so aber läuft es eben keineswegs mehr. ... Für Inger-Maria Mahlke kam der Erfolg erst mit dem vierten Roman. Für eine Autorin wie Lucy Fricke und ihren Bestseller 'Töchter' auch. Anke Stelling, die mit 'Schäfchen im Trockenen' so etwas wie den heimlichen Erfolgsroman dieses Herbstes geschrieben hat, musste ebenfalls erst Durststrecken überwinden, bevor sie mit ihren Themen durchkam." Die SZ-Autoren halten ebenfalls Rückschau auf die großen und kleinen Themen der letzten Tage. Axel Weidemann von der FAZ erlebte eine Buchmesse der allseits verfestigten Meinungen, bei der das Gespräch im Grunde gar nicht mehr vorgesehen war.

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung empfiehlt Susanne Lenz georgische Bücher. Magnus Rust (FR) und Burkhard Müller (SZ) gratulieren der Schriftstellerin Marie-Luise Scherer zum 80. Geburtstag. Besprochen werden Nick Drnasos für den Man Booker Prize nominierter Comic "Sabrina" (Tagesspiegel), Archil Kikodzes "Der Südelefant" (Tell-Review, Standard), Gabriele Tergits Erinnerungsband "Etwas Seltenes überhaupt" (Tagesspiegel), Magdalena Jagelkes "Ein gutes Verbrechen" (taz), Paul Beattys "Der Verräter" (FR) und neue Hörbücher, darunter Hannes Messemers wiederveröffentlichte Lesung aus dem Jahr 1979 von "Berlin Alexanderplatz" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Joachim Sartorius über Konstantinos Kavafis' "Zur Ruhe kommt":

"Es war wohl ein Uhr
In der Nacht oder halb zwei.
..."
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2018 - Literatur

Die aus 126 Personen zusammengesetzte "Neue Akademie" hat den nach den Skandalen um die Schwedische Akademie ausgerufenen Alternativen Nobelpreis an die 1937 in Guadeloupe geborene Schriftstellerin Maryse Condé verliehen. Eine gute Wahl, meint Angela Schader in der NZZ. Condé ist "eine Weltbürgerin, die sich nie scheute, gegen den Strom zu schwimmen. ... Die Hinwendung zur Négritude trübte aber nie Condés Blick für die Missstände in Afrika, das nach der Heirat mit einem guineischen Schauspieler zu ihrer zweiten Heimat wurde - oder hätte werden sollen. Denn in Guinea rief man sie 'toubabesse', weiße Frau; es sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass sie sich als Schwarze unter Schwarzen ausgegrenzt fühlte."

Dazu gewissermaßen passend: Noch nie haben so viele afrikanische Verlage auf einer Frankfurter Buchmesse ausgestellt wie in diesem Jahr, berichtet Felix Stephan in der SZ. Feierlaune ist dennoch nicht zu beobachten - was insbesondere am Erfolg afrikanisch-stämmiger Autoren liegt, mit denen sich die Stände der Großverlage schmücken: "Diese afrikanischen Autoren haben allesamt an der Columbia, der Sorbonne oder in Oxford studiert und verkörpern deshalb genau jenes Verhältnis, das Frantz Fanon in seinem Buch 'Schwarze Haut, weiße Masken' beschrieben hat: Obwohl sie in Ghana, Nigeria oder Kenia geboren wurden, werden sie von den europäisch-amerikanischen Kolonialherren erst dann wahrgenommen, wenn sie sich auszudrücken wissen wie sie."

Elena Ferrantes erster Neapel-Band "Meine geniale Freundin" wurde in Italien als Mini-Serie verfilmt. Angelo Carotenuto hat aus diesem Grund ein Interview mit der Schriftstellerin und Übersetzerin geführt, das La Repubblica und die Literarische Welt gemeinsam veröffentlichen. Dass es männliche Drehbuchautoren und Regisseure sind, die ihren Stoff umsetzen, verändere die Sache durchaus: "Einer anderen Frau hätte ich nie erklärt: Du darfst diesen Film nur innerhalb der Grenzen meines Buches drehen. Da ich davon ausgehe, dass eine andere Frau genauso viel über unser Geschlecht weiß wie ich oder sogar noch mehr, hätte ich es zugelassen, dass sie sich gegen diese Grenzen stemmt und sie ganz nach ihren Bedürfnissen auch verändert."

Außerdem eine schöne Geste der Literarischen Welt, die sich dieser ganze Woche ganz den Schriftstellerinnen widmet: Die Welt-Redakteure empfehlen zahlreiche Autorinnen, die man gelesen haben muss, und zwar (verlinkt mit unseren Rezensionsnotizen): Maria Sibylla Merian, Lucia Berlin, Ricarda Huch, Agota Kristof, Rebecca Saint, Gabriele Tergit, Marie-Luise Scherer, Sophie von La RocheMargarete Cavendish, Iris Murdoch, Irmgard Keun und Clarice Lispector. Außerdem bringt die Welt Notizen von Schriftstellerinnen, welche ihrer Kolleginnen sie dem Lesepublikum unbedingt ans Herz legen: Unter anderem empfiehlt Nora Bossong Judith Shklar und Sibylle Lewitscharoff Christine Lavant.

In der NZZ meditiert die ägyptische Schriftstellerin Mansura Eseddin über die unterschiedlichen Klangtexturen von Kairo und München. Während die bayerische Stadt in ihrer Erinnerung ungewöhnlich still ist, wird sie von Kairo nachts in ihren Träumen heimgesucht: "In meiner Vorstellung hatte sich meine wunderbare Stadt mit ihrer großen Geschichte und glänzenden Vergangenheit in Stöhnen und Schreie voll Todesnot aufgelöst. Dieses Stöhnen, diese Schreie waren keine Auswüchse meiner Fantasie, sie waren wahrer als das Leben selbst. Sie verfolgten mich, versuchten - vielleicht - mir das Leiden unsichtbarer anderer in den Sinn zu rufen. Es gibt Dinge, die keine Spur in der Erinnerung hinterlassen, und andere, die einen verfolgen. Mein Traum verfolgte mich. Ich fühlte mich, als hätten sich jene Geräusche für immer in meiner Seele und meinem Geist festgesetzt."

Weitere Artikel: Maik Novotny und Tex Rubinowitz plaudern im Standard entspannt über das Internetforum "Wir höflichen Paparazzi", in dem zahlreiche Schriftsteller sich ausprobierten. Schade findet es Tim Niendorf im FAZ-Blog, dass es auf einer Buchmessen-Veranstaltung über die Literaturen Lateinamerikas viel zu wenig Zeit für die viel zu vielen Gesprächsgäste gab. Für die Berliner Zeitung hat Susanne Lenz das Buchmessen-Gastland Georgien besucht. Mit der georgischen Schriftstellerin Ruska Jorjoliani hat sich Charlotte von Bernstorff für die FR zum Gespräch getroffen. Die Welt bringt einen Auszug aus Christian Berkels "Der Apfelbaum". Im literarischen Wochenend-Essay der FAZ gibt der Schriftsteller Stanisław Strasburger Einblick in seine Arbeit in Reykjavík, wo er in den Archiven für seinen neuen Roman recherchiert.

Besprochen werden Kenzaburo Ões "Der nasse Tod" (Standard), Burghart Klaußners "Vor dem Anfang" (SZ), Kolja Mensings "Fels" (Tagesspiegel), Alessandro Totas und Pierre van Hoves Comic "Der Bücherdieb" (taz), Emma Glass' Debüt "Peach" (FR), Jennifer Clements "Gun Love" (taz), Friedo Lampes "Septembergewitter" (Tagesspiegel) und Dmitry Glukhovskys "Text" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2018 - Literatur

Eine Sensation versprach der Rowohlt-Verlag bei der Frankfurter Buchmesse: Das Geheimnis wurde gelüftet - im Frankfurter Hof präsentierte Alexander Fest dem Publikum eine Edition von Rudolf Borchardts vor 80 Jahren verfasstem pornografischen Nachlass-Roman "Weltpuff Berlin", gegen dessen Veröffentlichung sich die Erben lange gesträubt hatten, der nun aber wegen des auslaufenden Urheberrechts veröffentlicht werden konnte. Bei der Präsentation des Buches war es manchem Zuhörer im Publikum allerdings zum Fremdschämen zumute: Von herrenabendartigen Zuständen berichtet etwa Marie Schmidt in der SZ, gerade so, als hätte es keine MeToo- und ähnliche Debatten gegeben: "Der 'Weltpuff' sagte Gerhard Schuster zu Beginn, habe durchaus 'frauenfreundliche Seiten', und wer ihn verschenke, 'muss damit rechnen, dass unsere Freundinnen ganz neue Intensitäten einfordern'. Es passiert einem in letzter Zeit gar nicht mehr so oft, dass man erlebt, wie über Frauen in einem Ton gesprochen wird, als seien keine im Saal. Keinesfalls darf man sich natürlich den Fehler erlauben, solche Stilprobleme dem im Januar 1945 verstorbenen Rudolf Borchardt anzulasten. Dessen 'Weltpuff' wird im Kontext seiner Zeit und Ästhetik hoch interessant zu lesen sein. Die Geheimnis-Sause des Rowohlt-Verlags machte indes einen bizarr aus der Zeit gefallenen Eindruck."

Der Abend war "ganz schlimm", sagt auch Kolja Mensing im Dlf Kultur: Geschwärmt wurde "von einem 'saftigen Porno', von 'deftigen Details' und - das Schlimmste dann - von einer angeblich 'berührenden Deflorationsszene', die man doch bitte alleine lesen möge. Das war tatsächlich schlimmer als alles, was Karasek und Reich-Ranicki in ihren schlechtesten Momenten in den 80er-Jahren zusammenfantasiert haben." Gregor Dotzauer möchte im Tagesspiegel differenzieren: Zwar gilt Borchardts "wahre Aufmerksamkeit doch dem sexuellen Detail. Der Glanz seiner Satzperioden konkurriert immer wieder mit glitschigen Land- und Meeresmetaphern, die Abwechslung im Immergleichen schaffen sollen." Doch "nur eine sorgfältige Lektüre kann entscheiden, ob unter der historischen Firnis dieses Kuriosums etwas liegt, an das sich heute noch anknüpfen lässt. Gibt es womöglich ein reicheres Frauenbild, als es das Genre nahelegt? Oder hat eine derartige Form der sprachlichen Imagination irgendeinen Vorzug gegenüber YouPorn-Videos? Es ist zu früh, darüber jetzt den Stab zu brechen."

In der Welt porträtiert Inga Pylypchuk den georgischen Dichter Zviad Ratiani, der, nachdem er selbst im vergangenen Jahr Opfer eines brutalen Polizeiübergriffs war, die Missstände in seinem Land geißelt: "Wie die meisten georgischen Künstler hält er die aktuelle Regierung für schwach, weil diese unter direktem Einfluss des georgischen Oligarchen Bidsina Iwanischwili steht. Die Kirche sieht die Regierung als ihren Verbündeten. Darauf habe auch Russland einen großen Einfluss, meint der Dichter. 'Die georgische orthodoxe Kirche ist praktisch eine Filiale des Moskauer Patriarchats, sie ist ein sehr regressives Element in der georgischen Gesellschaft.'" Mehr zu Ratiani in unserer Lyrikkolumne "Tagtigall".

Weitere Artikel: Clemens J. Setz staunt im Logbuch Suhrkamp darüber, wie sehr die Übertragung der Landung einer Sojus-Kapsel in der kasachischen Steppe einem "von alteuropäischer Bildsymbolik geprägten Jahreszeiten-Mysterienspiel" gleicht. Die FAS hat Tobias Rüthers Lektüre von Nabokovs "Lolita" unter den Eindrücken der #MeToo-Debatte online nachgereicht. Für die SZ hat sich Roswitha Budeus-Budde einen Überblick über die georgische Kinderbuchszene verschafft. Stefan Scholl zeichnet in seiner FR-Reportage ein Stimmungsbild des Gastlandes der Frankfurter Buchmesse. Die NZZ meldet, dass der Schweizer Schriftsteller Jonas Lüscher zu Demonstrationen gegen Nationalismus aufgerufen hat. Für die taz schlendert Nina Apin über das Buchmessengelände und sammelt Eindrücke.

Besprochen werden Dima Wannous' "Die Verängstigten" (NZZ), William T. Vollmanns "Arme Leute" (Intellectures), Heinz Strunks "Das Teemännchen" (FR), Eduard von Keyserlings Erzählband "Landpartie" (Tagesspiegel), Steffen Menschings "Schermanns  Augen" (FR) und Iunona Gurulis "Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2018 - Literatur

In Frankfurt ist natürlich immer noch Buchmesse: Sandra Kegel ist für die FAZ durch Georgien gereist, wo sich die Frauen zunehmend gegen rückwartsgewandte Bestrebungen zur Wehr setzen müssen. Andreas Fanizadeh (taz), Claus-Jürgen Göpfert (FR) und Julia Bähr (FAZ-Blog) berichten von einer Diskussion zwischen der kroatischen Schriftstellerin Ivana Sajko, dem belgischen Schriftsteller Stefan Hertmans und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier über Literatur und Politik. Fridtjof Küchemann stattet dem georgischen Pavillon einen Besuch ab.

Weitere Artikel: "Das Leben in Russland ist viel fantastischer als in jedem Fantasy-Roman", sagt der russische Schriftsteller Dmitry Glukhovsky im Standard zu seiner Entscheidung, sich nach Science-Fiction-Romanen nun dem Genre des realistischen Polit-Thrillers zuzuwenden: "Die politische und soziale Realität ist viel bizarrer, als ich mir das jemals hätte ausdenken können." Gerrit Bartels berichtet im Tagesspiegel von seinem staunenden Besuch im Simenon-Archiv in Lausanne, wo ihm John Simenon "immer neue Trouvaillen" präsentiert. Oliver Ristau hat für den Tagesspiegel das Comicfestival in Hamburg besucht, das sich erfreulich klischeefrei präsentierte - auch wenn sich in den Geschichten weiterhin hauptsächlich männliche Protagonisten in Abenteuer stürzen. Für die NZZ blättert Andrea Köhler nach, wie Schriftsteller den Herbst beschreiben.

Besprochen werden die gesammelten Essays von David Foster Wallace (Berliner Zeitung), Nino Haratischwilis "Die Katze und der General" (Welt), die Neuauflage von Jörg Schröders "Siegfried" (Tagesspiegel), Tamar Tandaschwilis "Löwenzahnwirbelsturm in Orange" (Tagesspiegel), Wolf Haas' "Junger Mann" (Tagesspiegel), eine Victor-Hugo-Ausstellung in Paris (FAZ) und Christoph Heins "Verwirrnis" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2018 - Literatur

Großen Beifall hat Chimamanda Ngozi Adichie für ihre Eröffnungsrede zur Frankfurter Buchmesse geerntet. Ihr flammender Appell für mehr Frauenrechte weltweit "war in einer Phase, in der die Ratlosigkeit angesichts sinkender Buchverkaufszahlen mit Händen zu greifen ist, ein Paradebeispiel dafür, wie Literatur und das Sprechen darüber Bedeutung und Relevanz erlangen können", schreibt Christoph Schröder in der SZ und zitiert die nigerianische Schriftstellerin: "'Es ist an der Zeit, beim Geschichtenerzählen Mut zu zeigen. Es ist an der Zeit zu sagen, dass wirtschaftliche Überlegenheit nicht moralische Überlegenheit bedeutet. Es ist an der Zeit für Männer, Bücher von Frauen zu lesen.'"

Dazu passend kommt Marie Schmidt in der SZ auf die im Rahmen der Buchmesse vorgestellte Studie "Sichtbarkeit von Frauen in Medien und Literaturbetrieb" zu sprechen, deren Fazit besagt, dass in der Literaturkritik mehr Bücher von männlichen Autoren besprochen werden, mehr Männer als Frauen Kritiker sind, Bücher von Frauen eher selten von Männern besprochen werden und dass männliche Kritiker obendrein noch im Schnitt längere Texte verfassen als ihre Kolleginnen. Vorschnelle Schlüsse sollte man daraus allerdings nicht ziehen, meint Schmidt: Es könne ja etwa "sein, dass Frauen seltener als Männer schwere, Epochen und Geistesgrößen in ihrer Totalität darstellende Monografien oder Romane schreiben. Und warum mag das so sein, und werden solche Bücher womöglich selbstverständlicher als seriös und relevant wahrgenommen als andere?"

Im FR-Gespräch erklärt der georgische Autor Davit Gabunia, warum er sich mit der Homophobie in seinem Land auseinandersetzt: Für ihn "ist sie Ausdruck einer Männlichkeitskrise. Und wenn wir tiefer graben, führt das zu einer allgemeinen Misogynie, einem Hass auf Frauen. ... Ich meine die Männlichkeit in einem patriarchalen Sinn, diese traditionelle, brutale, machohafte Männlichkeit, die besagt, dass der Mann der Kopf und der Ernährer der Familie ist. Diese Art von männlicher Identität zerbricht gerade. Und das wollte ich zeigen, nicht als Katastrophe, sondern indem ganz normale Leute etwas Außergewöhnliches tun."

Weitere Artikel: Dirk Knipphals freut sich in der taz noch einmal über den Deutschen Buchpreis für Inger-Maria Mahlke, "weil damit ein Autorinnenleben gewürdigt wird, das in schönster Eigensinnigkeit und offenbar jenseits literarischer Moden voranschreitet". Auf Tell Review unterzieht Sieglinde Geisel den preisgekrönten Roman dem berüchtigten Page-99-Test: "Deutlich spürbar ist der Wille zum Stil", lautet der Befund mit vorsichtiger Skepsis. Arno Widmann hat sich für die FR mit dem Verleger Ingo Držecnik getroffen, dessen Berliner Elfenbein Verlag mit dem Kurt-Wolff-Preis ausgezeichnet wurde. Andrea Dernbach porträtiert im Tagesspiegel die italienische Bestsellerautorin Francesca Melandri. Claus-Jürgen Göpfert führt in der FR durch den georgischen Pavillon der Frankfurter Buchmesse. Alex Rühle führt in der SZ ein "zumindest denkbares" Interview mit zwei Angestellten über ihr Dasein als Nicht-Schriftsteller: "Ich schweige ja nun schon seit 48 Jahren", erklärt ein gewisser Herr Parzmann,  "und denke, wenn man genau hinhört, kann man mein Schweigen in Epochen unterteilen: Desinteresse. Kritische Apathie. Kampfesmut. Momente der Hoffnung."

Besprochen werden Wolf Haas' "Junger Mann" (Welt), Adolf Endlers "Kleiner kaukasischer Divan. Von Georgien erzählen" (FR), Vincenzo Todiscos "Das Eidechsenkind" (NZZ), Ursula Krechels "Geisterbahn" (FR), Steffen Menschings "Schermanns Augen" (Berliner Zeitung), Peter Neumanns "Jena 1800" (SZ), Delphine de Vigans "Loyalitäten" (FAZ) und eine Ausstellung im Frankfurter Struwwelpeter-Museum zum georgischen Märchen "Tsikara" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.10.2018 - Literatur

Inger-Maria Mahlke hat für ihren Roman "Archipel" den Deutschen Buchpreis erhalten. "Ein kleines Literaturbetriebspolitikum", meint dazu Gerrit Bartels im Tagesspiegel, schließlich verdeutliche die Auszeichnung nochmals die Qualitäten der von Rowohlt geschassten Verlegerin Barbara Laugwitz, der Mahlke denn auch ihre Dankesrede widmete. Schade findet es Bartels nur, dass Maxim Billers Roman "Sechs Koffer" nicht ausgezeichnet wurde: Vielleicht sprach "das Geschlechterverhältnis dieser Shortlist dagegen (bei vier Frauen und zwei Männern den Roman eines Mannes wählen?); vielleicht auch die Angst, Biller würde in seiner Dankesrede (die er bestimmt vorbereitet hatte) auf die deutschsprachige Gegenwartsliteratur und den Literaturbetrieb schimpfen." (Biller freilich nahm es gelassen und tröstete nach der Verleihung seinen Verleger.)

Von Mutmaßungen in Richtung Gender-Parität hält Mara Delius in der Welt nichts: "Schon vor der Preisvergabe war der Smalltalk im Frankfurter Römer, dass nun gerade 'in Zeiten von MeToo' aber 'mal eine Frau dran' sei, was natürlich so naheliegend wie unfair war. Inger-Maria Mahlke ist nun erstens eine Frau und zweitens eine, die schreiben kann, was sich in 'Archipel' weniger in der von der Gegenwart rückwärts in die Vergangenheit erzählten Geschichte als in mikroskopisch gearbeiteten Bildern bemerkbar macht." Dennoch: Gerade diese rückwärts ablaufende Chronologie findet FR-Kritikerin Judith von Sternburges "virtuos".

Im Leitartikel der FAZ fragt Andreas Platthaus, warum sich deutsche SchriftstellerInnen politisch so zurückhalten? Die Diskussion über den Populismus etwa bestreitet Bundespräsident Frank-Walter Steinmeiner mit der kroatischen Autorin Ivana Sajko und dem Belgier Stefan Hertmans. Liegt es an der neuen moralischen Unübersichtlichkeit? "Eine Neuorientierung aber ist mit Hilfe der Literatur einfacher möglich als mit der Politik, weil literarische Aussagen unverbindlicher sind als politische, ohne dabei weniger anregend oder bisweilen auch abstoßend zu sein. Die Entlastung der Literatur liegt in ihrer Fiktionalität, die allerdings schon immer eine Schutzbehauptung war: Unpolitisches Schreiben gibt es so wenig, wie es nichtmenschliches gibt; noch in der Verweigerung einer Haltung liegt eine solche. Wie generell in unserer Gesellschaft ist das bedrückendste Symptom nicht der Hass, von welcher Seite auch immer, sondern die Gleichgültigkeit ihm gegenüber. Sie scheint in Deutschland ausgeprägter als in den Nachbarländern und -literaturen, in denen es jeweils schon länger brodelt."

Weitere Artikel: Ein beträchtlicher Teil georgischer Literatur wurde erst in den vergangenen acht Jahren ins Deutsche übertragen, hat sich Tilman Spreckelsen erkundigt. Umso interessanter der Blick in dieses literarische Land, versichert er in der FAZ. Der Freitag hat Expertinnen und Experten um Einschätzungen und Buchtipps gebeten. Unseren Überblick über Literatur aus und über Georgien finden Sie hier. Gerrit Bartels spricht im Tagesspiegel mit María Cecilia Barbetta ausführlich über deren Roman "Nachtleuchten" und die Geschichte ihres Heimatlandes Argentinien, insbesondere die Jahre vor dem Militärputsch 1976, in denen auch ihr Roman angesiedelt ist. Krimi-Autorin Simone Buchholz berichtet im Logbuch Suhrkamp, wie sie in Schottland ihre Seele in einem Kebab-Laden erst vergaß und dann wiederfand.

Besprochen werden unter anderem Romane von Naira Gelaschwili und Davit Gabunia (taz), Dirk Knipphals' Roman "Der Wellenreiter" (Tell), J.G. Ballards im Original bereits 2003 erschienener, jetzt auf Deutsch vorliegender Terrorismus-Roman "Millennium People" (SZ), dazu passend eine englisch-sprachiger Aufsatzsammlung über Ballard (SZ), Michael Chabons "Moonglow" (NZZ), W. S. Merwins Gedichtband "Nach den Libellen" (NZZ), George Pelecanos' Krimi "Das dunkle Herz der Stadt" (Tagesspiegel), Susanne Röckels "Der Vogelgott" (Standard), Bücher von Lina Wolff (Intellectures) und Dawit Kldiaschwilis "Samanischwilis Stiefmutter" (FAZ).

Zur Frankfurter Buchmesse bringen SZ und taz außerdem ihre Literaturbeilagen, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten. In der taz besprochen werden unter anderem Bücher aus dem Gastland Georgien, Anke Stellings "Schäfchen im Trockenen", Heinz Helles "Die Überwindung der Schwerkraft", Karen Duves "Fräulein Nettes kurzer Sommer" und Leonard Cohens Gedichtband "Die Flamme".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.10.2018 - Literatur

"Um nicht weniger als die Welt geht es in vielen Büchern der Saison", fällt NZZ-Kritiker Paul Jandl auf: Erstaunlich viele Romane handeln davon, wie sich Gesellschaft in eine Vielzahl sozialer Milieus im Kampf um die Ressourcen aufsplittert. Es gehe mithin "um ein soziales System, das apokalyptischen Zeiten entgegenzugehen scheint, in denen der Einzelne immer unwichtiger wird. Nachdem das Ich in der Literatur für ein paar Jahre Furore gemacht hat, lässt sich mit ihm offenbar nicht mehr viel Staat machen. Vielleicht ist das Ich in andere Kanäle ausgewandert. Es führt auf Instagram ein Dasein in farbenfroher Traurigkeit, während es in den Romanen oft gerade noch als blutleerer Schattenriss auftritt. Als großes und theatralisches Selbstgespräch."

Die FAS befasste sich gestern in einem großen Schwerpunkt mit Literatur und Sex. Die Schriftstellerin Leïla Slimani spricht im Interview etwa über die Motivation, warum ihr im Mai auf Deutsch nachgereichter Debütroman "All das zu verlieren" von einer Nymphomanin handelt, von Sexualität, Patriarchat und Sexismus im arabischen Raum. "In Marokko ist eine Frau immer die Frau von jemandem. Sie ist die Tochter, die Schwester oder die Cousine oder die Ehefrau. Sie ist nie nur sie selbst, ihr Körper gehört ihr nicht. Man will die Leute glauben lassen, dass eine freie Sexualität, freie Frauen, das Ende einer gewissen arabischen Kultur bedeuten würde oder, wie der türkische Schriftsteller Zülfü Livaneli schreibt: 'Im Mittelmeerraum liegt die Ehre zwischen den Beinen der Frau.' Aber es werden überhaupt alle Kämpfe an ihr ausgetragen. Der Körper der Frau ist ein Schlachtfeld."

Weitere Artikel: Im Feature für Dlf Kultur führt Volker Dittrich durch die Literatur Georgiens. Die FAZ hat Thomas Davids Porträt des ungarischen Schriftstellers László Krasznahorkai von Anfang September online nachgereicht. Die Welt dokumentiert Philipp Haibachs Nachwort zu Georges Simenons neu aufgelegtem Roman "Der Uhrmacher von Everton". In der FR steht Arno Widmann ratlos vor der Mamutt-Aufgabe, sich durch die rund 11.000 Seiten der Peter-Handke-Ausgabe des Suhrkamp Verlags zu arbeiten. Und Stephan Wackwitz spricht im Interview mit der FR über seine Zeit als Goethe-Leiter in Osteuropa.

Besprochen werden unter anderem Petros Markaris' Krimi "Drei Grazien" (taz), Maria Cecilia Barbettas "Nachtleuchten" (Standard), Stephan Thomes "Gott der Barbaren" (Standard), Nino Haratischwilis "Die Katze und der General" (Standard), Roberto Bolaños "Der Geist der Science-Fiction" (online nachgereicht von der FAZ) und Thomas Hürlimanns "Heimkehr" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Jan Volker Röhnert über Pierre Reverdys "Gedächtnis":

"Kaum eine Minute
Und ich bin wieder da
Keinen Schimmer mehr von allem was geschah
..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.10.2018 - Literatur

Die NZZ wirft in ihrer Beilage "Literatur und Kunst" einen Blick nach Georgien, dem Gastland der Frankfurter Buchmesse. Der georgische Schriftsteller Aka Morchiladze entwirft eine kurze Geschichte seines Heimatlandes, an dem als Knotenpunkt widerstrebender geopolitischer Interessen immer wieder gezerrt wurde. "Georgien schaffte es in den langen Zeiten der Unterwerfung durch Imperien immer wieder, bei diesen höhere Machtpositionen zu besetzen. Es kam sogar vor, dass man georgischen Königen den Schah-Titel in Persien angeboten hat. Der Berühmteste unter diesen Herrschern war Josef Stalin. ... Für Georgien war die Position des unterdrückten, aber beliebten Exoten äußerlich gesehen vielleicht angenehm, aber dahinter verbarg sich ein dramatisches Innenleben. Die georgischen Eliten gewöhnten sich im Laufe der Geschichte daran, ein Doppelleben zu führen: Unter dem Islam trugen sie ein Kreuz, gegen die imperialen Gesetze hielt man georgische Regeln. Das hatte zur Folge, dass sich die Eliten verbiegen mussten. In den letzten Jahrzehnten der Sowjetunion war aber das gesamte Volk zu diesem Doppelleben gezwungen."

Claudia Mäder hat sich mit dem einstigen Dissidenten Lewan Berdsenischwili getroffen, der für sein Engagement für ein unabhängiges Georgien einst in den Gulag gesperrt wurde und dessen Erinnerungen an diese Erfahrungen unter dem Titel "Heiliges Dunkel: Die letzten Tage des Gulag" jetzt ins Deutsche übertragen wurden. Ulrich M. Schmid skizziert das schwierige georgisch-russische Verhältnis und Judith Leister liest aktuelle Romane der georgischen Schriftstellerinnen Tamta Melashvili, Anna Kordsaia-Samadaschwili und Nana Ekvtimishvili.

Im taz-Interview erklärt Nana Ekvtimishvili, warum ihr Roman "Das Birnenfeld" in einem Internat für lernbehinderte Kinder angesiedelt ist: "Diese Schule ist für mich wie ein Relikt der Sowjetunion. Was dort passiert, ist eine Fortsetzung der Unmenschlichkeit totalitärer Systeme. ... Es war mir wichtig, diesen Ort konkret zu benennen. Denn: Das ist Georgien, das ist Tbilissi, das ist ein Randbezirk von Tbilissi. In Georgien kämpfen wir uns nicht nur physisch an den Hinterlassenschaften der Sowjetunion ab, sondern auch mit den Werten, die dageblieben sind." Außerdem zu Georgien: Für die Welt hat Richard Kämmerlings aktuelle Übersetzungen georgischer Literatur zur Hand genommen, darunter Lasha Bugadzes "Der erste Russe" und Archil Kikodzes "Der Südelefant", der eine Art "Ulysses" für Tiflis darstellt. In einer "Langen Nacht" für den Dlf Kultur befassen sich Brigitte Baetz und Uli Hufen mit der Geschichte und Kultur des Landes.

Urs Büttner erinnert im literarischen Wochenend-Essay der FAZ an die Studentenproteste, als der französische Dichter und senegalesische Staatspräsident Léopold Sédar Senghor 1968 den Friedensnobelpreis verliehen bekam: Der SDS hatte sich bereits im Vorfeld dazu entschlossen, die Preisverleihung als Bühne für den Protest zu nutzen, wurde dann aber "von dieser Wahl überrumpelt. Sie mussten erst recherchieren, wer der Preisträger überhaupt war. Die Protestaktionen richteten sich daher auch kaum gegen das Programm der Négritude, sondern nahmen vor allem die Realpolitik im Senegal aufs Korn."

Im großen taz-Interview zieht der Krimi-Autor Friedrich Ani - der Wert darauf legt, Münchner, aber kein Bayer zu sein - unter anderem sehr hübsch über Bayern und dessen Verwurstung im Fernsehen her: "Das Bayerische hat einen Unterhaltungswert wie kaum eine andere Region inklusive der Sprache, die natürlich Fernsehbayerisch ist. So viel Kuhfladen kann man gar nicht werfen, so bescheuert sind die meisten dieser bayerischen Polizei-Serien. Das Bayerische und das damit verbundene Ausgestellte, Touristische gilt halt als exotisch: Dem Bayer geht es gut, da hinten sind die Berge, die Sonne scheint. ... Bayern schaut immer gleich aus, egal, wie viele Weltkriege darüber hinweggingen. Es ist nun mal eine von der Landschaft geprägte Gegend. Das hat etwas Unerschütterliches und sieht immer gut aus, dieses hübsche, weiß-blaue, gut ausgeleuchtete Bild vom Leben." 

Weitere Artikel: In der Literarischen Welt würdigt Mara Delius die französische Schriftstellerin Virginie Despentes, die mit dem Welt-Literaturpreis ausgezeichnet wird. In der "Bad Reading"-Kolumne des Freitag ärgert sich Andreas Merkel über die "Leichenfledderei", die Roberto Bolaño mit der postumen Veröffentlichung von "Der Geist der Science-Fiction" angetan wird: Dieser Text "ist im Leben kein Roman." Im Literatur-Feature des Dlf Kultur porträtiert Paul Stänner den ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai. Die FAZ meldet, dass mit dem Juristen Eric M. Runesson und der Schriftstellerin Jila Mossaed zwei neue Mitglieder für die Schwedische Akademie berufen wurden.

Besprochen werden unter anderem Nino Haratischwilis "Die Katze und der General" (NZZ, Berliner Zeitung, Welt), Stephan Thomes "Der Gott der Barbaren" (taz), Leonard Cohens Gedichtband "Die Flamme" (SZ), Kathleen Collins' Storyband "Nur einmal" (SZ), Ulf Erdmann Zieglers "Schottland und andere Erzählungen" (Tagesspiegel), Friedrich Anis "Der Narr und seine Maschine" (online nachgereicht von der FAZ) Yuri Slezkines "Haus der Regierung" (Welt), die "Peter Handke Bibliothek" (Welt) und Heinz Helles "Die Überwindung der Schwerkraft" (Dlf Kultur, FAZ).

Außerdem bringt die FAZ heute ihre Beilage zur Frankfurter Buchmesse, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten.