Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.11.2022 - Literatur

Auf ZeitOnline erinnert sich Michael Krüger an Hans Magnus Enzensberger. In der Welt erinnert Marc Reichwein an Enzensberges Zeitschriftenprojekt TransAtlantik. Sergei Gerasimow schreibt in der NZZ weiter Kriegstagebuch aus Charkiw.

Besprochen werden unter anderem Roland Barthes' "Proust" (Tsp), Gün Tanks "Die Optimistinnen. Roman unserer Mütter" (SZ), Jeremy Adlers "Goethe. Die Erfindung der Moderne" (NZZ), Mariam Kühsel-Hussainis "Emil" (SZ), Benjamin von Wyls "In einer einzigen Welt" (ZeitOnline), Dinçer Güçyeters "Unser Deutschlandmärchen" (Intellectures), Norris von Schirachs "Beutezeit" (Dlf Kultur), Arnold Stadlers "Mein Leben mit Mark. Unterwegs in der Welt des Malers Mark Tobey" (FR),  und der von Ingrid Sonntag und Marie-Luise Flammersfeld herausgegebene Band "Einem Stern folgen, nur dieses..." über den Verleger Egon Ammann (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.11.2022 - Literatur

Warum kehrt der syrische Schriftsteller Khaled Khalifa immer wieder in seine von Krieg und Gewalt gezeichnete Heimat zurück, fragt sich Ronya Othmann von der FAS und stellt die Frage auch ihm selbst bei einer Begegnung in Berlin. "Der Schriftsteller, sagt er, müsse bei den Menschen sein, über die er schreibt. Er müsse seine Sprache als Umgebung haben, und die sei bei ihm nun mal Arabisch. Eine andere habe er nicht. 'Manchmal denke ich, wie froh ich doch bin, diese wunderbare Sprache zu haben. ... Ich kenne noch immer nicht all ihre Geheimnisse.'" Und "während wir uns unterhalten, frage ich mich, ob der Begriff der sogenannten inneren Emigration auch auf Khaled Khalifa zutrifft, ob er überhaupt auf die Situation in Syrien zutrifft. Spricht er vom Leben in der Diktatur, dann sagt er, 'das ist normal für uns'. Als er die Beerdigung eines ermordeten Freundes besuchte, nahmen Sicherheitskräfte ihn fest und brachen seinen Arm - 'nichts Besonderes'."

In der FAZ erklärt die Schriftststellerin Angelika Overath, warum sie nicht gendern will. Sie hält es "nicht für nötig. Denn das generische Maskulinum (die allgemeine Männlichkeitsform) benennt Frauen nicht nur 'mit', es meint Männer wie Frauen gleichermaßen: 'Frauen sind die entspannteren Bruchpiloten.' Im Deutschen sind alle Plurale weiblich: der Mann, die Männer. Da könnten sich die Männer ja auch nur 'mitgemeint' fühlen in einem weiblichen Kosmos der Vielheit. Zugegeben, der Vergleich ist schief. Aber solche Schieflagen bestimmen die Gender-Diskussion aufs Abenteuerlichste."

Weiter Trauer um Hans Magnus Enzensberger (unser Resümee der ersten Nachrufe). Für ZeitOnline hat Dirk Peitz mit Alexander Kluge über den verstorbenen Weggefährten gesprochen, mit dem er sich lange gesiezt hat und von dem er auch nach dem Tod im Präsens spricht: Enzensberger "ist jemand, der Leben um sich verbreitet. Und er ist ein Gründer, er hat das Kursbuch gegründet und die Andere Bibliothek. Und er ist auch niemand, der sich wichtig macht oder nur selber Autor ist. Er hat gedankliche und poetische Städte errichtet, da ist er sehr urban. Enzensberger ist eben ein Mensch genau unseres Jahrhunderts, gerade des 21., sogar noch mehr als des 20. Jahrhunderts. Und dennoch hat er Wurzeln im 18. Jahrhundert. Er ist ein heller Geist der Enzyklopädie."  In der FAS reicht Jürgen Kaube seinen Nachruf auf Enzensberger nach - für ihn "einer der ganze wenigen" Intellektuellen. Außerdem sammelt die FAZ weitere Stimmen aus dem Betrieb zum Tod Enzensbergers.

Weitere Artikel: Die FAZ hat Michael Kleebergs Aufschrei gegen zu niedrige Übersetzunshonorare (hier unser Resümee) online nachgereicht. Die taz dokumentiert die Laudatio von Frank-Walter Steinmeier auf die Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar zur Auszeichnung mit dem Schillerpreis. In der NZZ schreibt Sergei Gerasimow hier und dort weiter Kriegstagebuch aus Charkiw. Cornelia Geißler spricht für die FR mit dem irischen Schriftsteller John Boyne. Verena Harzer erinnert in der taz an die Dichterin Anna Louisa Karsch, die vor 300 Jahren geboren wurde. Corinne Orlowski berichtet im Literaturfeature für den Dlf Kultur vom Berliner Open Mike, bei dem unser Filmkritiker Patrick Holzapfel ausgezeichnet wurde.

Besprochen werden Elfriede Jelineks "Angabe der Person" (FAS), zwei neue Romane von Cormac McCarthy (Tsp), Rachel Kushners "Harte Leute" (FR), Norbert Gstreins "Vier Tage, drei Nächte" (Zeit), Ferdinand Schmatz' "Strand. Der Verse Lauf" (NZZ), Madame d'Oras "Tagebücher aus dem Exil" (Jungle World), Adám Bodors Endzeitroman "Die Vögel von Verhovina" (NZZ), Shirley Jacksons "Krawall und Kekse" (NZZ), Nick Drnasos Comic "Acting Class" (Tsp) und Nadia Buddes Übersetzung von Dr. Seuss' Kinderbuchklassiker "Schlummerbuch" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Heinrich Detering über Walt Whitmans "Als ich am abend hörte":

"Als ich am abend hörte wie ich im Capitol gerühmt worden war,
war die nacht doch nicht glücklich, die ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.11.2022 - Literatur

Hans Magnus Enzensberger (Bild: Mariusz Kubik, CC BY 2.5)

Hans Magnus Enzensberger ist tot. Die Feuilletons trauern um einen so großen wie wendigen, furiosen Schriftsteller, Essayisten, Interventionisten, Übersetzer, Verleger und Chronisten - "einen wie ihn gab es noch nicht und wird es wohl auch nicht wieder geben", schreibt Paul Ingendaay in der FAZ. Enzensberger hat das geistige Leben der alten Bundesrepublik nicht nur maßgeblich geprägt, sondern überhaupt erst mit aus der Taufe gehoben hat - er "war dem Zeitgeist immer eine entscheidende Bleistiftlänge voraus", schreibt Richard Kämmerlings in der Welt. "Dass er nicht zu fassen und zu fangen ist, seinen Kritikern und dem Diskurs immer eine entscheidende Finte voraus, gerann bei Enzensberger fast zum Klischee und machte ihn zum bewunderten Vorbild debattenprägender Großfeuilletonisten."

"Den Typus des Intellektuellen, der mit Hans Magnus Enzensberger in atemberaubender Geschwindigkeit heranwuchs, gab es im Nachkriegsdeutschland noch nicht", schreibt dazu passend Lothar Müller in der SZ. Enzensbergers Lyrikdebüt 1957, ein Jahr nach dem Tod Benns und Brechts, brach sich aggressiv Bahn. "Ja, es gab den Zorn und den Hohn in seinen Versen", doch "der Autor dieser aggressiven Wendung war kühl bis ins Mark. ... Er dichtete mal reimlos, in unregelmäßigen Rhythmen, setzte sich aber auf der nächsten Seite über alle Reimverbote hinweg, experimentierte hier mit diesem, dort mit jenem Metrum, stieg in ältere Sprachschichten hinab, nahm Binsenweisheiten beim Wort und auseinander. Zorn und Hohn dieses jungen Dichters waren eingebettet in ein aufreizend souveränes Formbewusstsein, eine unbändige Lust am artifiziellen Sprachspiel."

Er habe "ihn immer für den Intelligentesten unseres Jahrgangs gehalten", schreibt Jürgen Habermas in einer kurzen Notiz in der SZ. Enzensberger habe "auf literarisch einzigartige Weise die Plastizität des menschlichen Geistes verkörpert. ... Sein Tod macht mir seine anhaltende intellektuelle Präsenz bewusst."

Für Peter von Becker im Tagesspiegel war Enzensberger "einer der hellsten Köpfe im Halbdunkel der deutschen Nachkriegszeit, im Zwielicht vieler kulturpolitischer Debatten, im scharfen Glanz der internationalen Literatur- und Medienszene". Die bleierne Medienkritik, wie sie in den Sechzigern Mode war, ließ Enzensberger hinter sich, er ätzte als junger Mann, "so scharfsinnig wie spitzzüngig gegen die Sprache des Spiegels oder den 'Journalismus als Eiertanz' der damals altkonservativen FAZ. Dass Enzensberger später in beiden Medien durchaus gerne auftrat, im Spiegel sogar regelmäßig, spielte keine Rolle. Oder besser gesagt: HME spielte dabei nur seine Rolle. Zu ihr gehörte auch der intellektuelle Salto vorwärts (nie rückwärts). Er war ein quecksilbriger Kopf, ein Gedankenflieger, Formulierungstänzer."

Christian Thomas führt in der FR durch Enzensbergers bewegtes Leben zwischen Literaturbetrieb, Rundfunkredaktionen, direkter Tuchfühlung zur Studentenrevolte und späterer Aufarbeitung deren Versäumnisse und Fehlleistungen. "Die Verhältnisse mochten noch so misslich, die Anfechtungen noch so brüskierend sein: Zum Betriebsverfassungsgesetz seiner intellektuellen Zeitgenossenschaft gehörte gelenkige Lässigkeit. ... Wenn ihm etwas widerstrebte, dann einer von diesen 'schwer gekränkten Kulturkritikern' zu sein. Cool hielt er zu einem Milieu Abstand, das im bebenden Ton der Betroffenheit um Aufmerksamkeit buhlte." Paul Jandl verabschiedet sich in der NZZ von einem entspannten Individualisten: "Den 'Freuden der Inkonsequenz' hat sich der Autor eher hingegeben als der ordentlichen Buchhaltung, aber genau das hat zu einem Werk geführt, das vielseitiger kaum sein könnte." So "war in diesem langen Leben stets ein Zickzack des Tuns und Denkens".

Der Schriftsteller Jochen Schimmang erinnert in der taz an einen Literaten, den immer schon das Leichte und Wendige auszeichnete: "Seine berühmten Zeit- und Generationsgenossen, von Grass über Walser bis zu Johnson, waren doch sehr schwerblütig-deutsch, in ihrem Habitus ebenso wie in ihrer Schreibweise." Enzensberger hingegen "war ein Autor mit einem Sinn fürs Spielerische im besten Sinn". Enzensbergers Literatur wird wohl eher museal werden, glaubt hingegen Helmut Böttiger auf ZeitOnline, aber "als analysierender und beobachtender Reporter und Essayist wird Enzensberger zweifellos überdauern."

Die SZ sammelt zahlreiche Stimmen von Weggefährten und Kollegen: "Solange ich lebe, ist er nicht tot", schreibt Alexander Kluge, "einen solchen Geist wie ihn gab es in Deutschland nicht zweimal", hält Michael Krüger fest und für Durs Grünbein war Enzensberger "der einzige durch und durch vernünftig denkende Dichter, der mir im Leben begegnet ist".  Dlf Kultur hat eine Enzensberger-Aufzeichnung von 1994 aus seinem Archiv geholt. Der Dlf sprach 2018 mit Enzensberger über dessen Leben und Arbeit. Der BR präsentiert ein Radioporträt von Knut Cordsen. Der SWR hat ein Radiogespräch von 1999 in seinem Archiv entdeckt. In der ARD-Mediathek finden wir ein Porträt von 2014, daneben hier und dort zwei Archivbeiträge aus dem Jahr 1961. Außerdem hat die Zeit Moritz von Uslars "99 Fragen an Hans Magnus Enzensberger" aus dem Jahr 2010 wieder online gestellt.

In der FAZ ärgert sich der Schriftsteller und Übersetzer Michael Kleeberg darüber, dass die Honorare fürs Übersetzen seit rund 20 Jahren stagnieren - nicht nur angesichts der zuletzt rapiden Inflation also de facto eine gravierende und fortschreitende Honorarkürzung. "Entweder werde ich unterbezahlt, oder der gesamte Berufsstand der literarischen Übersetzer wird unterbezahlt oder deutlicher: schamlos ausgebeutet. ... Natürlich argumentieren die Verlage seit eh und je, solch eine Angleichung der Übersetzerhonorare an die wirtschaftliche Realität sei nicht darstellbar. In dieser Szene wird ja gerne mit der Apokalypse gearbeitet, also steht gleich die Zukunft des Buches auf dem Spiel, wenn Übersetzer einen angemesseneren Lohn verlangen. Aber die Bücherpreise haben ja halbwegs Schritt gehalten mit der Teuerung. Wenn die Übersetzer daran nicht teilhaben, wer dann? Ich weiß, dass die Buchhändler mehr als ein Drittel des Ladenpreises bekommen, Amazon angeblich sogar bis zu fünfzig Prozent, und ich weiß auch, dass ich mehr Verleger als Übersetzer kenne, die Mercedes fahren und ein eigenes Haus haben. Was tun?"

Weiteres: Sergei Gerasimow setzt in der NZZ sein Kriegstagebuch aus Charkiw fort. In seiner FR-Reihe zur ukrainischen Literatur widmet sich Christian Thomas diesmal den Erzählungen Nikolai Gogols. Thomas Hummitzsch spricht in seinem Intellectures-Blog mit Martin Zähringer, dem Begründer des Climate Cultures Festival Berlin, über Nature Writing. Der Schriftsteller Guillaume Gagnière schreibt in der NZZ über sein Jahr auf Reisen im Fernen Osten. Für das "Literarische Leben" der FAZ beugt sich Axel Weidemann über das nach 25 Jahren endlich fertiggestellte "Große japanisch-deutsche Wörterbuch". Und Erhard Schütz räumt für den Freitag Sachbücher vom Nachttisch, unter anderem Andreas Isenschmids Studie über Proust und das Jüdische. Johan Schloemann (SZ) und Andreas Platthaus (FAZ) gratulieren dem Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem zwei neue Romane von Cormac McCarthy (SZ), Charlotte Kraffts "Marlow im Sand" (ZeitOnline), Tillie Olsens "Was fehlt" (taz), Magali Le Huches Comic "Nowhere Girl" (taz) und Joshua Groß' "Prana Extrem" (FAZ).

Außerdem erscheint heute noch eine Literaturbeilage der FAZ, die wir in den nächsten Tagen auswerten werden.
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.11.2022 - Literatur

Update: Hans Magnus Enzensberger ist gestorben, meldet u.a. Zeit online. Erika Thomalla erinnert im Freitag an Hans Magnus Enzensbergers und Gaston Salvatores Zeitschrift TransAtlantik. Sergei Gerasimow schreibt in der NZZ weiter Kriegstagebuch aus Charkiw.

Besprochen werden unter anderem Julian Barnes' "Elizabeth Finch" (FR), die E.T.A.-Hoffmann-Ausstellung im Deutschen Romantik-Museum in Frankfurt (online nachgereicht von der FAZ), Monika Fagerholms "Wer hat Bambi getötet?" (Standard), Joe R. Lansdales Horrorthriller "Moon Lake" (TA), Chantal Akermans "Meine Mutter lacht" (SZ) und die Ingeborg-Bachmann-Ausstellung im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.11.2022 - Literatur

In einem Essay für Tell-Review widmet sich Karl-Josef Müller der Aktualität Nabokovs unter den Eindrücken des russischen Angriffs auf die Ukraine. Insbesondere in "Tyrannenvernichtung" und "Das Bastardzeichen" wird er fündig: "Der Erzähler definiert das Gute nicht als bewusste gute Tat, die sich von unserem alltäglichen Verhalten abhebt und so in den Fokus der Aufmerksamkeit gerät. Das Gute bildet vielmehr die unabdingbare Basis des Zusammenlebens, daher der Vergleich mit dem Atmen. Das Böse hingegen ist skandalös, es gefährdet die Grundlagen des Lebens. Beide Texte führen vor Augen, was es bedeutet, wenn genau diese so entscheidende Abgrenzung zwischen dem Guten und Bösen abhandenkommt. Geschildert werden Gesellschaften, in denen das Böse nicht mehr als Skandal begriffen wird, sondern als das neue Normale und damit quasi als das neue Gute. Um es mit den drei Hexen aus Shakespeares Macbeth zu sagen: 'fair is foul and foul is fair'."

Weiteres: Sergei Gerasimow schreibt in der NZZ weiter Kriegstagebuch aus Charkiw. Besprochen werden unter anderem die E.T.A.-Hoffmann-Ausstellung im Deutschen Romantik-Musum in Frankfurt (FR), Melanie Walz' Neuübersetzung von Virginia Woolfs "Mrs. Dalloway" (Zeit), Matthias Matschkes Romandebüt "Falschgeld" (SZ) und Zaza Burchuladzes "Zoorama" (FAZ).
Stichwörter: Nabokov, Valdimir

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.11.2022 - Literatur

Sergei Gerasimow führt in der NZZ sein Kriegstagebuch aus Charkiw weiter. Helmut Böttiger schreibt in der taz einen kurzen Nachruf auf Gunilla Palmstierna-Weiss, deren (in der FAZ besprochene) Autobiografie eben erst auf Deutsch erschienen ist.

Besprochen werden unter anderem Mohamed Mbougar Sarrs 2021 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneter Roman "Die geheimste Erinnerung der Menschen" (FR, SZ), Elfriede Jelineks "Angabe der Person" (NZZ), Lukas Bärfuss' Essay "Vaters Kiste. Eine Geschichte über das Erben" (taz), Thomas von Steinaeckers und David von Bassewitz' Comic "Stockhausen. Der Mann, der vom Sirius kam" (Standard), Seishi Yokomizos Krimi "Die rätselhaften Honjin-Morde" (online nachgereicht von der FAZ) und Steven Uhlys "Die Summe des Ganzen" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.11.2022 - Literatur

Die FAZ dokumentiert einen Brief der ukrainischen Lyrikerin Daryna Gladun an ihre deutsche Kollegin Asal Dardan - der Brief entstand im Rahmen des Projekts "Weiterschreiben", das zahlreiche solcher Briefe initiiert und dokumentiert. "Ich klammere mich an den Krieg wie an einen Faden, der mich mit meiner Familie und meinem Zuhause verbindet", schreibt Gladun über sich, ihre Flucht und ihre Habseligkeiten - vom Rucksack, über ihre Jacke bis zu ihren Schuhen, "in denen ich am Abend des 24. Februar das Haus verlassen habe. Sie waren damals so gut wie neu. In ihnen bin ich in den wahrscheinlich letzten Vorortzug aus Butscha gestiegen und bis an die Grenze der Gebiete Kiew und Schytomyr gefahren. In ihnen habe ich die lange Fahrt zu meiner Mutter nach Chmelnyzkyj unternommen. In ihnen bin ich aus Chmelnyzkyj aufgebrochen. In ihnen habe ich in einem kalten Evakuierungszug 28,5 Stunden an der ukrainisch-polnischen Grenze gestanden. ... In diesen Schuhen kam ich nach Kolbuszowa, Rzeszów, Krakau, Warschau, Frankfurt (Oder), Berlin, Potsdam, Frankfurt (Main), Brünn, Wien, Göteborg, Stockholm, Uppsala, in ihnen bin ich in die USA geflogen . . . Meine ganze Odyssee hat sich in diesen Schuhen zugetragen. In ihnen habe ich mein Zuhause verlassen, in ihnen werde ich nach Hause zurückkehren."

Wir freuen uns und gratulieren: Unser Filmkritiker Patrick Holzapfel hat beim Open Mike Wettbewerb in Berlin mit seinem Text "Gurgelgeräusche" nicht nur den Prosa-, sondern auch den Publikumspreis gewonnen. Einen "experimentellen und trotzdem vielsagenden Text" erlebte tazlerin Susanne Messmer. Es geht um den Landwirtschaftsbeauftragten einer Stadtregierung, der sich "sich seit Jahrzehnten mit einer seltsamen Erkrankung der Kehle quält. In einem irren inneren Monolog wie bei Franz Kafka philosophiert er vor sich hin, dass er eigentlich nie wieder schlucken, aber auch nicht spucken kann, sondern eben nur noch das Dazwischen beherrscht, das Gurgeln. 'Das G G Geld floss auf die Konten derer, die auch mich zum Essen einluden, ja, das gebe ich zu, G G Garnelen und G G Gehacktes, bis ich nicht mehr schlucken konnte.' Holzapfel schubst seine Zuhörer*innen gekonnt in ein Wechselbad aus Ekel und Lachreiz. Die Politik ist ein harter Job. So sehr wie in diesem Text ist einem das noch selten im Halse stecken geblieben."

Weitere Artikel: Sergei Gerasimow setzt in der NZZ sein Kriegstagebuch aus Charkiw fort. In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus dem Literaturkritiker Gert Ueding zum 80. Geburtstag. Verena Roßbacher erhält für ihren Roman "Mon Chéri und unsere demolierten Seelen" den Österreichischen Buchpreis, meldet Michael Wurmitzer im Standard. Und die Jury hat entschieden: Der Michael-Alten-Preis geht in diesem Jahr an Adam Soboczynski für seine (leider verpaywallte) Rezension in der Zeit zu Michel Houellebecqs Roman "Vernichten".

Besprochen werden unter anderem Juri Andruchowytschs "Radio Nacht" (NZZ), Andrej Kurkows "Tagebuch einer Invasion" (Standard), Gunilla Palmstierna-Weiss' Autobiografie "Eine europäische Frau" (Jungle World), Alain Claude Sulzers "Doppelleben" über die Brüder Goncourt (Tsp), das von Simon Ganahl und Katharina Prager herausgegebene "Karl Kraus Handbuch" (SZ) und Sarah Kirschs "'Ich will nicht mehr höflich sein'. Tagebuch aus der Wendezeit" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.11.2022 - Literatur

Kim de l'Horizon hat nach dem Deutschen Buchpreis (unsere Resümees hier und dort) nun "verdient" auch den Schweizer Buchpreis gewonnen, findet Nora Zukker im Tages-Anzeiger. "Selten war die Vergabe des Schweizer Buchpreises so wenig überraschend, so voraussehbar", schreibt Roman Bucheli in der NZZ. Preiswürdig findet der l'Horizons Roman "Blutbuch" aber auf jeden Fall: Er "kommt aus einer anderen Vorstellungswelt, aus einer, für die uns die Begriffe und die Sprache fehlen", er "ist ein genaues Abbild eines Menschen, der fremd im Leben steht und nach Fassung ringt - im Wissen freilich, dass es diese Fassung nie geben kann, weil dieses geschlechtsfluide Ich gerade im Zeichen der Unverfügbarkeit steht. Diese existenzielle Zerrissenheit nimmt in der Erzählweise des Romans die Form des Suchens, des Tastens an: Auch der Roman muss erst noch seine Sprache finden für eine Vorstellungswelt jenseits herkömmlicher Begrifflichkeit."

Salman Rushdie ist "wieder genauso gut gelaunt wie vorher", erfahren wir in der Zeit-Kolumne von Maxim Biller, der dies wiederum bei einem Gespräch mit Daniel Kehlmann erfahren hat, der Rushdie besucht hatte. Beide sind sich einig, dass Rushdie in diesem Jahr den Literaturnobelpreis unbedingt verdient hätte - und zumindest Biller findet, dass der Anschlag auf Rushdie "routiniert und kalt" in den Feuilletons abgehandelt worden sei und der Autor danach im Nu "wieder vergessen" worden sei. Für ihn "war 2022 kein gutes Jahr für jeden, der beim Lesen etwas darüber erfahren will, wie kompliziert, schön und sinnlos das Leben ist, und der echte Literatur von der sturen Klassenkampf-Prosa einer Annie Ernaux unterscheiden kann. ... Wenn Annie Ernaux wirklich an Gerechtigkeit glaubte, in der Welt und in der Literatur, würde sie am 10. Dezember bei ihrer Rede in Stockholm den Nobelpreis doch noch ablehnen und ihn an den berühmtesten Überlebenden der Literaturgeschichte weitergeben."

Weitere Artikel: Sergei Gerasimow setzt hier und dort in der NZZ sein Kriegstagebuch aus Charkiw fort. Chris Schinke berichtet in der taz vom Literaturfestival München, wo auch zahlreiche Autoren aus der Ukraine auftraten. Der Standard spricht mit dem Schriftsteller und Landwirt Reinhard Kaiser-Mühlecker unter anderem über dessen neuen Roman "Wilderer". Manfred Rebhandl berichtet im Standard von seinem literarischen Wellness-Urlaub im Lesehotel bei Bad Goisern.

Besprochen werden unter anderem Carole Angiers "W. G. Sebald. Nach der Stille" (Zeit), Cherie Jones' Krimi "Wie die einarmige Schwester das Haus fegt" (online nachgereicht von der FAZ) und neue Hörbücher, darunter "Vertreibung des Geistes. 35 Stimmen aus dem Exil von Hannah Arendt bis Ernst Toch" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Frieder von Ammon über Thomas Rosenlöchers "Die Verlängerung":

"Ich lag in meinem Garten in Kleinzschachwitz
in einem Grün von niegesehnem Ausmaß
und sah, nachdenkend über die Belange ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.11.2022 - Literatur

Die SZ widmet dem eben erschienenen Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch eine ganze Seite, online sind die Artikel verpaywallt. Diese Veröffentlichung ist "ein Ereignis", jubelt Helmut Böttiger in seiner Rezension. Auf das Publikum warten "etliche neue Erkenntnisse" zu einer der legendenumranktesten Liebesbeziehung in der Geschichte des deutschsprachigen Literaturbetriebs. Auch Ina Hartwig stürzt sich deshalb dankbar auf diese Veröffentlichung: Als sie vor einigen Jahren ihre große Bachmann-Biografie veröffentlichte, waren ihr diese Dokumente noch nicht zugänglich. "Das große Geheimnis" lüftet sich ihr darin zwar nicht, wohl aber muss man insbesondere die von psychischen Belastungen überschattete Trennung der beiden Literaten nach Kenntnis dieser Briefe anders bewerten: "Es gelingt Bachmann ganz offenkundig, viele in ihrem Umfeld davon zu überzeugen, dass Max Frisch für ihr Unglück allein verantwortlich sei. Diese Lesart des brachialen, eigennützigen Mannes, die Verletzbarkeit ausschließlich auf Seiten der Frau anerkennend, hat in der Bachmann-Community lange dominiert. Diese Lesart bröckelt nicht nur, wie sich nun zeigt, sie erweist sich als falsch." So "bleibt der traurige Gesamteindruck, dass in dieser von Projektionen überladenen Schriftstellerliebesgeschichte die Verletzungen stärker waren als das Glück."

Auch den Vorwurf, Frisch habe mit "Mein Name sei Gantenbein" beider Liebesbeziehung ohne Bachmanns Einverständnis literarisch ausgeschlachtet, wird mit diesem Dokument deutlich entkräftet, schreibt Judith von Sternburg in der FR: Bachmann war am Entstehungsprozess des Buches unmittelbar beteiligt. Sie "redigiert und sie streicht betreffende Stellen - teils flink, intelligent, routiniert, teils mit bittersten Vorwürfen -, und Max Frisch kommt ihr dabei vorbehaltlos entgegen, übernimmt alle Änderungswünsche, hält sie auf dem Laufenden. Der fertige Roman kann sie bei seinem Erscheinen also nicht in dem Maße überrascht und entsetzt haben, wie es (mit ihrem Zutun) in der Literaturschreibung gemeinhin angenommen wird. Das macht es nicht weniger tragisch, das stimmt, eher im Gegenteil."

Auch Andreas Bernhard hat das rund 1000 Seiten umfassende Buch, dessen Hälfte dem Kommentarteil vorbehalten ist, für die SZ gelesen, sich aber hier und da auch mal am Kopf gekratzt: "Die Doppelgestalt der Briefe zwischen persönlichem Dokument und historisch gewordener Weltliteratur aus der Mitte des 20. Jahrhunderts erzeugt in den Kommentaren stellenweise einen hölzernen, proseminarartigen Germanistenton, der in bizarrem Verhältnis zu der existenziellen Auseinandersetzung in den Briefen steht. Frisch und Bachmann bekämpfen sich auf Leben und Tod, am Rande der Vernunft, und im Kommentar heißt es versiert: 'Bei dem ausführlich diskutierten Thema denken die beiden möglicherweise an die von Hegel beschriebene Dialektik von Herr und Knecht' oder 'Die körperlichen Symptome von Angst und Panik nehmen in 'Das Buch Franza' breiten Raum ein"." Einen "Liebesbriefroman von epochaler Wucht" bezeugt derweil Richard Kämmerlings in seiner morgen in der WamS veröffentlichten Rezension.

Außerdem: Sergei Gerasimow schreibt in der NZZ weiter Kriegstagebuch aus Charkiw. Jan Feddersen hat sich für die taz für ein großes Gespräch mit dem Schriftsteller, Verleger und Gabelstaplerfahrer Dinçer Güçyeter getroffen. Paul Jandl verneigt sich in der NZZ vor Proust und seiner "Recherche". Edi Zolling schreibt in der NZZ über Prousts Inspirationen (mehr zu Prousts 100. Todestag hier). Für die Zeit porträtiert Alexander Cammann den Schriftsteller Jörg Bong. Dlf Kultur bringt ein Feature von Thomas David über die Schriftstellerin Rachel Cusk und deren Verhältnis zur Kunst. Der Schriftsteller Lukas Maisel schreibt in der NZZ über den Tod seines Vaters. ZeitOnline dokumentiert einen Brief der belarussischen Autorin Sabina Brilo an Yirgalem Fisseha Mebrahtu aus Eritrea. In Frankreich führte die Einführung eines Kulturpasses für junge Leute vor allem dazu, dass im Manga-Segment die Umsätze stiegen, beobachtet Martina Meister in der Welt. Die FAZ dokumentiert Katerina Poladjans Dankesrede zur Auszeichnung mit dem Rheingau-Literaturpreis.

Besprochen werden unter anderem Elfriede Jelineks "Angabe der Person" (taz), Roland Barthes' "Proust. Aufsätze und Notizen" (taz, Welt), Helmut Lethens "Der Sommer des Großinquisitors" (online nachgereicht von der FAZ), Jonathan Moores Krimi "Poison Artist" (taz), Sam Zamriks Gedichtband "Ich bin nicht" (FR) und Rolf Haufs' "Steinstücken" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.11.2022 - Literatur

Heute vor 100 Jahren starb Marcel Proust. FAZ-Kritiker Andreas Platthaus ist aus diesem Anlass nach Paris gereist, wo in der Bibliothèque François Mitterrand mittlerweile schon die dritte Pariser Proust-Großaustellung in diesem Jahr läuft. Mit großer Freude beugte er sich dort über Prousts Manuskripte, die wie ein Palimpsest den Entstehungsprozess seines größten Werks nachvollziehen lassen: "Was diese Ausstellung vorführt, ist die Genese der 'Recherche' durch den Raum, viel mehr als durch die Zeit. Es gab kein chronologisch lineares Schreiben an diesem Werk, aber ein ausuferndes, das über tausend Versionen der immergleichen Szenen auf der Suche war nach der einen gültigen. Die dann doch nur wieder durch einen Zwang der Zeit erreicht wurde: den Publikationstermin. Doch danach stand das Werk: keine Umarbeitung mehr durch Proust anlässlich von Nachauflagen oder Neuausgaben. ... Die eindrucksvollste Vitrine versammelt denn auch 'Späne' (wie sie hier heißen): zahllose Zettel, Papierfetzen, Marginalien, die sich unsortiert im Nachlass fanden. Jeder Span gehörte einmal zum Lebensbaum, aus dem Proust seine Geschichte herausschnitzte."

Literaturwissenschaftler Jürgen Ritte erhellt in der FAZ Prousts Verhältnis zu Tieren. Und Gerrit Bartels wirft für den Tagesspiegel einen Blick auf das Verhältnis zwischen Proust und Balzac. Lothar Müller (SZ) und Alexander Kuy (Standard) lesen Neuerscheinungen zu Proust. Dlf Kultur widmet sich mit einer Langen Nacht von Sabine Franges Proust. Mehr Proust im Audioangebot der ARD-Anstalten.

Außerdem: Sergei Gerasimow schreibt in der NZZ weiter Kriegstagebuch aus Charkiw. Erich Kästners "Konferenz der Tiere" ist im Grunde das Buch für die "Letzte Generation", findet Michael Pilz in der Welt.

Besprochen werden unter anderem eine Lesung von Constanze Becker und Matthias Brandt aus Ingeborg Bachmanns und Max Frischs eben erschienenem Briefwechsel (Tsp), dazu passend eine Bachmann-Ausstellung im Literaturmuseum Wien ("ein klarerer Fokus und kreativerer Zugang wären fruchtbarer und spannender gewesen", seufzt Michael Wurmitzer im Standard), Gusel Jachinas "Wo vielleicht das Leben wartet" (NZZ) und Andreas Isenschmids "Der Elefant im Raum. Proust und das Jüdische" (SZ).