Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.08.2017 - Literatur

Kaum eine Zeitung, die in diesen Tagen ohne ein Gespräch mit dem aus Vietnam stammenden amerikanischen Autor Viet Thanh Nguyen über dessen mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman "Der Sympathisant" auskommt. Heute ist die SZ dran. Jonathan Fischer fragt unter anderem, warum der Autor in seinem Roman auch Francis Ford Coppolas New-Hollywood-Klassiker "Apocalypse Now" persifliert, der doch eigentlich auf der Seite der Guten stehe. "Ob gut oder böse, die Amerikaner spielen immer und überall die Hauptrolle", antwortet der Autor. "Alles wird durch ihre Brille gesehen und gefiltert. So schreiben im Rückblick auf diesen Krieg die Verlierer, die Amerikaner, die Geschichte - während Millionen im Krieg ermordete Vietnamesen bloßes Menschenmaterial bleiben.... Ich möchte als Schriftsteller andere Geschichten erzählen als die Hollywood-Stereotypen, mit denen Amerika der ganzen Welt seine Sicht aufdrückt."

Seit dem Erfolg von Karl Ove Knausgards Roman-Saga herrscht in Norwegen an autobiografischer Literatur kein Mangel, erfahren wir von Aldo Keel in der NZZ. Das bleibt nicht folgenlos: Zahlreiche Menschen fühlen sich bloßgestellt, ertappt oder in ein schlechtes Licht gerückt. Das Gute: Man veröffentlicht einfach einen Gegendarstellungs-Roman. So reagierte Helga Hjorth mit ihrem Debüt "Freier Wille" auf den Erfolgsroman "Erbe und Milieu" ihrer Schwester Vigdis Hjorth - ein Betriebsspektakel: "Der Rache-Roman wurde gekonnt lanciert. Er platzte aus heiterem Himmel mitten in die Sauregurkenzeit. Im Verlagskatalog war er nicht angezeigt. Frühmorgens klingelte ein Bote auf den Redaktionen und verteilte Rezensionsexemplare. Und der Coup gelang. 'Freier Wille' beherrscht seit Tagen die Feuilletons. In Oslos größter Buchhandlung wurden die beiden Romane nebeneinander aufgestapelt - das Buch und das Buch zum Buch."

In der Merkur-Debatte zu Sexismus an Schreibschulen (unser Resümee) meldet sich nun auch der ehemalige Literatur-Dozent Oliver Bukowski in der Nachtkritik zu Wort, mit einer Antwort auf einen Text von Darja Stocker: "Nun also ich. Warum erst jetzt? Weil ich, wie damals in den persönlichen Gesprächen, den direkten Kontakt zu Darja Stocker suchte. Die Idee: Vielleicht schaffen wir es, mit einander zu reden und der anscheinend so unversöhnlichen Debatte durch eine GEMEINSAME Veröffentlichung die andere Qualität zu geben. Darja Stocker hat geantwortet und denkt über meinen Vorschlag nach. Sicherlich gibt es viel zu besprechen, denn ich kenne bis heute ja nicht einmal den Wortlaut des Beschwerdebriefes an den Präsidenten der UdK; die Autorinnen wiesen an, ihn strikt vertraulich zu behandeln. Die Universitätsleitung folgte dem, und so standen wir zwar in der Kritik, nur in genau welcher?"

Weiteres: In der Welt-Sommerreihe über vom Thron gestoßene Meister spuckt Felix Stephan Charles Bukowksi ins Bier: "Er ist als literarisches Phänomen in die Geschichte der Bundesrepublik eingegangen, ohne je literarisch aufgefallen zu sein." Für die SZ besucht Tim Neshitov Anton Tschechows Villa in Jalta.

Besprochen werden Jan Wagners Essayband "Der verschlossene Raum" (NZZ), eine Ausstellung zum Spätwerk Stefan Zweigs im Literaturhaus Berlin (Tagesspiegel), Ziemowit Szczereks "Mordor kommt und frisst uns auf" (NZZ), Yasmina Rezas "Babylon" (Tagesspiegel) und Cristine Lavants "Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.08.2017 - Literatur

Georges Simenons "Maigret"-Romane verlassen den Diogenes-Verlag - schon seit einiger Zeit sind sie im Handel kaum mehr zu finden. Vor drei Tagen hat der Perlentaucher die Geschichte aufgebracht, jetzt schreiben die Zeitungen sie fort: Simenons Sohn hat die Rechte nicht verlängert, erfahren wir von Roman Bucheli in der NZZ. Den Zuschlag erhalten hat Daniel Kampa, der viele Jahre die Simenon-Ausgabe bei Diogenes zusammen mit Daniel Keel betreut hatte. Kampa hat jetzt einen eigenen Verlag gegründet, so Bucheli. "Kampa unterbreitete einen Editionsplan, der zwar auch eine Neuausgabe aller 75 Maigret-Romane sowie der bekannten Non-Maigret-Erzählungen enthielt. Daneben aber gebe es, so Kampa, noch sehr viel mehr zu entdecken: zum Beispiel frühe Kriminalerzählungen, in denen sich Simenon an den späteren Kommissar herantastet, dann die autobiografischen Schriften oder seine Fotografien und Reisereportagen." In der Welt berichtet Philipp Haibach.

Besprochen werden Colson Whiteheads "Underground Railroad" (Zeit), Marina Heibs Thriller "Drei Meter unter Null" (Welt), Miljenko Jergovics "Die unerhörte Geschichte meiner Familie" (FR), Garry B. Trudeaus Comic "Trump. Eine amerikanische Dramödie" (Tagesspiegel), Riad Sattoufs Comic "Esthers Tagebücher" (ZeitOnline) und Julia Wolfs für den Buchpreis nominierter Roman "Walter Nowak bleibt liegen" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.08.2017 - Literatur

Die Longlist für den Deutschen Buchpreis ist da. Deren Zusammensetzung mit vielen "Stammgästen" findet Jens Uthoff in der taz zwar weitgehend überraschungsarm, doch dass "endlich, endlich auch Sven Regener auf der Liste vertreten ist", freut ihn schon sichtlich. Auch Gerrit Bartels vom Tagesspiegel sieht in dieser Auflistung von Familien- und Liebesromanen "keine übermäßig großen Überraschungen", vermisst aber die neuen Bücher von Michael Köhlmeier, Nicol Ljubic, Sabrina Janesch und Marianna Leky. Sven Regeners Nominierung ist für ihn kein Anlass zum Jubel: Regeners Rückkehr ins Herr-Lehmann-Universum und damit ins Kreuzberg der 80er sei "das beste Beispiel dafür, wie klein die Welt sein kann, wie wenig darin passiert, wie wenig sich überhaupt das Kreuzberg der achtziger Jahre als Abbild von etwas viel Größerem eignet." FAZ-Redakteur Andreas Platthaus vermisst Barbara Zoekes "Die Stunde der Spezialisten". Christoph Schröder beteiligt sich auf ZeitOnline an der Buchpreis-Debatte, indem er verkündet, sich an der Buchpreis-Debatte nicht beteiligen zu wollen - als Grund nennt er seine Erfahrungen als Jurymitglied im Jahr 2016. Und verweist daher nochmals auf Dirk Knipphals tollen Text im Merkur über diese Erfahrungen.

Für die NZZ unterhält sich Angela Schader mit der senegalesischen Schriftstellerin Ken Bugul, die derzeit dank eines Stipendiums in Zürich ist. In ihrer Heimat sind ihre Bücher durchaus skandalträchtig, erfahren wir. Ihr Debüt musste daher unter Pseudonym veröffentlicht werden. "Natürlich war das Publikum perplex. Man hielt es nicht für möglich, dass eine Frau, eine Senegalesin, eine Muslimin, eine Afrikanerin vom Dorf, die einer sehr traditionellen Familie entstammte, es wagte, solche Dinge zu schreiben. ... In einer traditionellen Gesellschaft wie der unseren gibt es Rollen, die mit dem Wort einhergehen. 'Ja', 'Es geht gut', 'Danke', 'Kommt essen', 'Brauchst du etwas?': Das ist das Vokabular, das man der Frau üblicherweise zugesteht. So kann man als Frau schon Grenzen verletzen, indem man spricht; aber schreiben ist noch einmal etwas ganz anderes - das ist Subversion!"

Weiteres: In der Nachtkritik antwortet die Autorin Anna Rabe auf einen der Merkur-Text zu Sexismus an Schreibschulen und Universitäten und widerspricht erbost einer Darstellung von Darja Stocker über ihre gemeinsame Zeit an der Universität der Künste: "In diesem Text befinden sich nicht nur Verdrehungen und Verleumdungen, sondern auch ganz klare Lügen." Ralf Höller erzählt im Freitag von der Sexsucht und anderen Pathologien des Schriftstellers Géza Csáth, denen dieser mit Morphium und anderen Hilfsmitteln beikommen wollte. Die SZ blättert in Iwan Bunins Tagebucheinträgen vom August 1917. Die Welt bringt einen Auszug aus Hannes Steins Krimi "Nach uns die Pinguine".

Besprochen werden Theresia Enzensbergers "Blaupause" (Freitag), Patrick Flanerys "Ich bin niemand" (NZZ), die Wiederveröffentlichung von Andrei Bitows "Georgisches Album" (NZZ), Carmen Stephans "It's all true" (Tagesspiegel), Jörg-Uwe Albigs Novelle "Eine Liebe in der Steppe" (FR) und Colson Whiteheads Sklaverei-Roman "Underground Railroad", den FAZ-Kritikerin Sandra Kegel in höchsten Tönen lobt: Das Buch gehöre "in seiner Schonungslosigkeit zu den wichtigsten Büchern der vergangenen Jahre aus Amerika."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.08.2017 - Literatur

Michael Braun hat für die NZZ eine Lyrikertagung in der Eifel besucht, wo die Teilnehmer zahlreiche Grundsatzfragen der Gegenwartslyrik debattierten. In vielen Gedichten, die dort diskutiert wurden, zeigte sich ihm ein "Ineinander von Traditionszitat und moderner Überschreibung eines althergebrachten Stoffs". Sacha Verna (FR) und Joachim Scholl (Deutschlandfunk Kultur) sprechen mit dem Pulitzer-Preisträger Viet Thanh Nguyen. Das Boersenblatt greift Thekla Dannenbergs Perlentaucher-Artikel über das Ende von Simenon bei Diogenes auf.

Besprochen werden eine Hörbuch-Collage aus dem Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Hans Wollschläger (Standard), Mirko Bonnés "Lichter als der Tag" (Tagesspiegel), Schwartz' und Yanns Comic "Spirou und Fantasio Spezial 22: Der Meister der schwarzen Hostien" (taz), Yasmina Rezas "Babylon" (NZZ), Donato Carrisis Krimi "Der Nebelmann" (online nachgereicht von der FAZ) und Doris Runges Gedichtband "man könnte sich ins blau verlieben" (FAZ).

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Stichwörter: Viet Thanh Nguyen

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.08.2017 - Literatur

Die FAS hat Anne Ameri-Siemens' gestern im Print veröffentlichtes Gespräch mit der Schriftstellerin Zadie Smith zügig online gestellt. In dem Interview geht es unter anderem um die Debattenkultur und die jüngere Linke, die sich in erster Linie um Empfindsamkeiten und Identitätsnischen zankt, statt politisch tatkräftig zu intervenieren. So bleibe denn auch beispielsweise Theresa May nach einer Katastrophe wie dem Brand der Grenfell Tower unwidersprochen im Amt: "Ich verstehe einfach nicht, wie man politische Schriften von der Fläche ganzer Kornfelder und die zahllosen Arbeitsstunden, die damit einhergehen, in Belange wie Toiletten für Transgender investieren kann, die wahrscheinlich ein Prozent der Gesellschaft ausmacht. Und dabei geht es mir gar nicht um die moralische Frage, ob es solche Toiletten geben sollte oder nicht - ich bin mit Zahlen aufgewachsen, mit der Vorstellung von der Linken als Massenbewegung, die für alle eintreten will."

Kathrin Ohlmann spricht in der Jungle World mit dem südafrikanischen Schriftsteller Niq Mhlongo über Leben und Arbeiten in der Apartheids- und Post-Apartheids-Ära. Er selbst nehme eine Zwischenposition ein, sagt er. "Nach uns kommt die Generation, die wir die 'frei Geborenen' nennen, die um 1985 geboren wurden und nichts mehr von der Apartheid mitbekommen haben. Sie sind im Kindergarten mit weißen, indischen und schwarzen Kindern aufgewachsen. Wenn man von Rassismus spricht, fragen diese jungen Leute: '?' Sie wissen nichts davon. Das ist die zukünftige Genera­tion Südafrikas."

Im Perlentaucher betrauert Thekla Dannenberg Maigrets Verschwinden vom deutschen Buchmarkt: Der Diogenes Verlag hat die Rechte Georges Simenons Romanen abgeben müssen, der Markt ist komplett leergefegt, selbst antiquarisch bekommt man einzelne Exemplare nur noch zu Fantasiepreisen: "Geht das überhaupt? Simenon nicht bei Diogenes? Nicht mehr neben Raymond Chandler und Dashiell Hammett, Friedrich Glauser und Martin Suter, Patricia Highsmith und Margaret Millar und all den anderen Klassikern der Kriminalliteratur? Und ein Maigret ohne die Schweizer Weltläufigkeit und den Sinn für feines Handwerk?"

Weiteres: Für die Berliner Zeitung unterhält sich Suanne Lenz mit Tal Hever-Chybowski vom Pariser Haus der Jiddischen Kultur über das Jiddische in der Gegenwart, das derzeit eine starke Erneuerung erlebe, um mit den digitalen zeitenmithalten zu können. Thomas Gull erinnert in der NZZ an die biografisch jeweils einschneidenden Urlaubstage, die der Physiker Erwin Schrödinger, aber auch der Schriftsteller Thomas Mann in Arosa verbrachten. Achim Engelberg trifft sich für die NZZ mit dem Politiker Eerik-Niiles Kross, der der Sohn des estnischen Schriftstellers Jaan Kross ist. In der Zeit berichtet Marie Schmidt von ihrer Begegnungen mit dem aus Vietnam stammenden US-Schriftsteller Viet Thanh Ngyuen, der für seinen Thriller "Der Sympathisant" den Pulitzer-Preis gewonnen hat (mehr über Viet Thanh Ngyuen in unserer Kulturrundschau vom vergangenen Samstag). Die FAZ bringt Auszüge aus Briefwechsel zwischen Arthur Schnitzler und Alfred Kerr - mehr aus dieser Korrespondenz wird für die kommende Ausgabe der Literaturzeitschrift Sinn und Form angekündigt.

Besprochen werden Jürgen Beckers "Graugänse über Toronto" (taz), Néjibs Comic "Stupor Mundi" (Tagesspiegel) und Linda Boström Knausgårds Erzählung "Willkommen in Amerika" (FR).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Mathias Mayer über Gustav Mahlers "Der Abschied":

"Die Sonne scheidet hinter dem Gebirge.
In alle Täler steigt der Abend nieder
Mit seinen Schatten, die voll Kühlung sind.
..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.08.2017 - Literatur

Mit Egon Ammann ist ein echtes Originalgenie der Verlagsbranche gestorben, würdigt Roman Bucheli in seinem Nachruf in der NZZ den Schweizer Verleger: Unter den zahlreichen großen Verlegerfiguren "war Ammann mit Sicherheit der verrückteste und der leidenschaftlichste. ... Keiner tanzte verwegener auf dem Hochseil der Verlegerei als Egon Ammann; kein Abgrund schreckte ihn, je gähnender, desto willkommener. Er stürzte sich in jedes Abenteuer, manchmal fiel er, und es kümmerte ihn nicht; manchmal aber zauberte er, und es sah ganz einfach aus."

Wieland Freund erzählt in der Literarischen Welt von seiner Begegnung mit dem amerikanischen Schriftsteller Viet Thanh Nguyen, dessen mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Roman "Der Sympathisant" zu Teilen von der eigenen Lebens- und Migrationsgeschichte handelt. Im Zuge des Gesprächs erweist sich der Autor als buchstäblich subversiv: Um seine Perspektive auf die gemeinsame Geschichte von Vietnam und den USA in die Öffentlichkeit bugsieren zu können, habe er sich selbst den USA anverwandelt, sagt der als Vierjähriger mit seinen Eltern nach dem Fall von Saigon in die USA geflohene Autor: "Ein Weg, Amerikaner zu werden, war, perfektes Englisch zu sprechen. Ein Weg, die Wahrnehmung von Vietnamesen und Asiaten durch die Amerikaner zu verändern, war, ein Geschichtenerzähler zu werden, um die amerikanische Erzählung verändern zu können. Ich musste beweisen, dass ich so gut schreiben kann wie jeder andere amerikanische Schriftsteller. ... Und jetzt, wo ein Teil von mir einer ist und ich den Pulitzerpreis gewonnen habe, bin auch ich Teil des Imperiums."


Franz Kafkas "Prozess"-Manuskript (Bild: Berliner Festspiele/DLA-Marbach)

Fasziniert berichtet die Schriftstellerin Katja Petrowskaja in einem online nachgereichten FAS-Artikel von ihrem Besuch in der Kafka-Ausstellung im Berliner Gropiusbau, in der das Manuskript zu "Der Prozess" zu sehen ist: "Die Seite mit dem berühmten Anfang (...) ist dicht beschrieben (wie auch die anderen Seiten in dem Manuskript). Es gibt zwar Abstände zwischen den Zeilen, aber keine freien Ränder, als wollten diese Schrift und dieser Text nicht nur die Seite erobern, sondern die ganze Welt. Sehe ich hier das Verhängnis eines Schreibenden? Josef K. ist verhaftet, und alles gehört zu seiner Verurteilung. Ich schaue dieses Blatt lange an, im Versuch zu verstehen, wie die Totalität des Textes entsteht, was für eine optische Verwirrung aus den linearen Zeilen den Trichter des Leseprozesses erschafft."

Weiteres: In der Literarischen Welt entwirft der Schriftsteller Francis Spufford ausgehend von seinen Roman-Recherchen in New York eine Poetik des historischen Romans, den er im Zuge vor Vorwürfen, bloß kommode Lektüre zu bieten, verteidigt: "In meinen Augen ist historische Fiktion eine der zentralen Möglichkeiten im Repertoire realistischer Fiktion überhaupt." Für die FAZ porträtiert Hannes Hintermeier den bosnisch-muslimischen Schriftsteller Dževad Karahasan, der sich leidenschaftlich zu Europa bekennt: "Ich bin jederzeit bereit, das christliche Abendland zu verteidigen." Die Zeit hat ihr Gespräch mit Virginie Despentes (unser Resümee) online nachgereicht. Anlässlich neuer Veröffentlichungen von und über Andrei Platonow, schreibt Ulrich M. Schmid in der NZZ über Leben und Werk des von Stalin persönlich verfemten sowjet-russischen Schriftstellers. Die Literarische Welt bringt außerdem zwei Briefe von Charles Bukowski an Henry Miller. Deutschlandfunk Kultur bringt Carsten Huecks Feature über den litauischen Lyriker Tomas Venclova. In der NZZ denkt Paul Jandl mit Hegel, Kraus und Doderer über Lärm und Stille nach.

Besprochen werden unter anderem Emmanuel Carrères "Russischer Roman" (FR), Zadie Smiths "Swing Time" (Literarische Welt), Simon Strauß' Sieben Nächte" (taz), Zia Haider Rahmans "Soweit wir wissen" (NZZ), Dirk Kurbjuweits "Die Freiheit der Emma Herwegh" (NZZ) und Javier De Isusis Comic "Ich habe Wale gesehen" (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.08.2017 - Literatur

Tell dokumentiert die Facebookpostings der kenianischen Schriftstellerin Yvonne Adhiambo Owuor, die derzeit die Wahl in ihrem Land beobachtet. Petra Zeichner porträtiert für die FR die Schriftstellerin Ivonne Keller, die mit Selfpublishing zum Erfolg gekommen ist. In der SZ-Sommerreihe über die Sommerhäuser großer Schriftsteller schreibt Peter Richter über Kurt Vonneguts Cottage auf Long Island.

Besprochen werden Hari Kunzrus Plattensammler-Roman "White Tears" (SZ), Max Webers "Briefe 1887-1894" (NZZ), Marie NDiayes "Die Chefin" (Welt), Kerstin Preiwuss' "Nach Onkalo" (NZZ) und Lynne Sharon Schwartz' "Alles bleibt in der Familie" (FR).

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Stichwörter: Yvonne Adhiambo Owuor

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.08.2017 - Literatur

Im Interview mit der Zeit spricht die französische Autorin Virginie Despentes, die mit ihrem ersten Roman "Baise-moi" (Fick mich) 1994 einen ordentlichen Skandal ausgelöst hatte, über ihr neues Buch "Das Leben des Vernon Subutex", über Pornografie, Michel Houllebecq, ihre Vergewaltigung mit 17 und ihre Arbeit als Prostituierte danach: "Die Gesellschaft möchte, dass ein Vergewaltigungsopfer sich total zerstört fühlt. Wenn du ein gutes Mädchen bist, musst du dich danach zerstört fühlen. Indem ich als Prostituierte arbeitete, habe ich wieder Selbstvertrauen gewonnen. Dieser Körper gehört zu mir, ich kann ihn verkaufen, wieder und wieder, und er gehört noch immer mir. Ich kann dafür einen Preis verlangen, und zwar einen ziemlich hohen. ... Außerdem behandeln Männer Prostituierte mit Respekt. Mit mehr Respekt, als sie andere Frauen behandeln. ... Wenn eine Frau leicht zu haben ist, hat niemand Respekt. Aber wenn du 1000 Euro verlangst, dann haben alle Respekt vor dir. Du bringst dich in eine Machtposition, die du sonst in der Sexualität nicht hast."

Außerdem: In der FR-Sommerserie "La Phrase" sinniert Sarah Pepin in der nicht mehr vorfindbaren Einöde von Island über Sätze von Alphonse de Lamartine. Für die Zeit spricht Katrin Hörnlein mit der Schriftstellerin Cornelia Funke über Jugendliteratur und die politische Dimension von Fantasyromanen. Für die FAZ trifft sich Tilman Spreckelsen mit dem tschechisch-amerikanischen Schriftsteller Jaroslav Kalfař, der mit "Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt" gerade sein Debüt vorgelegt hat.

Besprochen werden Arundhati Roys "Das Ministerium des äußersten Glücks" (NZZ, Tagesspiegel, SZ), Lea Singers "Die Poesie der Hörigkeit" (Tagesspiegel), Wolfgang Martynkewiczs "Tanz auf dem Pulverfass. Gottfried Benn, die Frauen und die Macht" (Tagesspiegel), Theresia Enzensbergers "Blaupause" (Standard), Simone Buchholz' Krimi "Beton Rouge" (Welt) und Eva Demskis Memoiren "Den Koffer trag ich selber" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.08.2017 - Literatur

Kein gutes Haar lässt der mittlerweile in Berlin lebende, georgische Schriftsteller Zaza Burchuladze im taz-Interview an seinen Heimatland. An seiner erfrischenden Autoritätsskepsis und Unangepasstheit dürfte sich der hiesige Betrieb durchaus ein Beispiel nehmen: An der Orthodoxen Kirche in Georgien störe ihn etwa vor allem "die Dummheit. 85 Prozent der Kirchgänger in Georgien sind gehirngewaschen, die sind wie Zombies. Der Patriarch der orthodoxen Kirche in Georgien ist viel mächtiger als die ganze Regierung zusammen. Und die Menschen glauben ihm alles. Er hat zum Beispiel einmal gesagt, georgische Frauen sollen nur für ihre Männer leben. Dass sie die Füße ihrer Männer waschen sollen. Das ist völlig normal, dass er so etwas sagt.." Auf seine Glatze hat sich Burchuladze im übrigen zwei Punkte tätowieren lassen: "Das ist wie eine Steckdose. Aber jetzt habe ich noch eine bessere Version. Ich sage, dass ich einmal so hoch gesprungen bin, dass ich Gottes Eier berührt habe."

Jan Röhnert staunt in der FAZ darüber, was die junge Kunst- und Literatenszene in Teheran alles an Neuem hervorbringt: "Es speist sich aus den seltsamsten, kaum in Einklang zu bringenden Quellen und ist in seinen originellsten Hervorbringungen vor allem die Leistung Einzelner, die keiner Gruppe zuzuordnen sind, obgleich sie intensive freundschaftliche Bande untereinander pflegen. Individuelle Lebenspraxis wird in Kunst und Schreiben überführt; gleichzeitig schafft sich das Private seine eigene Öffentlichkeit." Ein Beispiel unter vielen: "Die Verse der 1976 geborenen Sara Mohammadi Ardehali haben einen neuen sachlichen Ton in die Lyrik gebracht, der vom Publikum begeistert aufgenommen wurde."

Weiteres: In der SZ-Reihe über Transiträume und Haltestellen schreibt der polnische Autor Matthias Nawrat über eine Reise mit dem Mountainbike. Der Tagesspiegel bringt einen Ausschnitt aus Otto Julius Bierbaums Anfang des 20. Jahrhunderts veröffentlichtes Buch "Eine empfindsame Reise im Automobil".

Besprochen werden Arundhati Roys "Das Ministerium des äußersten Glücks" (FR), Zoe Becks "Die Lieferantin" (online nachgereicht von der FAS), Bodo Kirchhoffs "Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt" (Zeit), J.M. Coetzees "Ein Haus in Spanien" (Tagesspiegel), Dave Eggers' "Bis an die Grenze" (NZZ), Alice Socals Comic "Cry Me A River" (Tagesspiegel), ein Band mit Radioarbeiten von Walter Benjamin (Tagesspiegel), Maxi Obexers "Europas längster Sommer" (FAZ) und neue Veröffentlichungen aus dem Bereich Nature Writing, darunter Edward Abbeys "Die Einsamkeit der Wüste" (NZZ).

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.08.2017 - Literatur

In der FAZ denkt Übersetzerin Christiane Pöhlmann über die Herausforderungen ihrer Disziplin nach. Gute Übersetzungsarbeit leistet man demnach nur mit einer gehörigen Portion Selbstmisstrauen und nicht zuletzt, was bei den Forderungen nach fremdsprachlicher Kompetenz gern vergessen wird, mit Muttersprachen-Kompetenz. "Diskussionen in Fachkreisen sind enorm wichtig: Darf bei einem Elf der Groschen fallen? Ein indischer Schlangenbeschwörer sächseln, ein englisches Blumenmädchen berlinern? Wie - man denke an Charles Dickens - mit Schludrigkeiten im Original umgehen? Kritik muss sein, doch warum bei einer schlechten Übersetzung gleich die ganze Kunst anzweifeln? Der Griff zum Original ist unbenommen. ... Übersetzungen aber haben uns die Villa Kunterbunt und Muggels, Haiku und Ghaselen, Richter Di und den Privatdetektiv Remzi Ünal, Manuskripte, die nicht brennen, und den Geschmack von Madeleines geschenkt. Wie jeder Text weisen sie kleinere Fehler auf, völlig verhunzt sind nur wenige."

Weitere: Für die Sommerreihe über die Ferienhäuser großer Schriftsteller hat Alexander Menden Roald Dahls Schreib-Domizil in Great Missenden bei London aufgesucht.

Besprochen werden Mareike Krügels "Sieh mich an" (FR), Simone Buchholz' Krimi "Beton Rouge" (Welt), Viktor Schklowskijs "Sentimentale Reise" (SZ) und Susan Krellers "Pirasol" (FAZ).

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Stichwörter: Übersetzen
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