Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.10.2021 - Literatur

Für die FAZ spaziert Colm Tóibín, der gerade einen Roman über Thomas Mann veröffentlicht hat, durch die Mann-Villa in Los Angeles. Das Arbeitszimmer, in dem "Doktor Faustus" entstand, gibt wenig her, doch "das mehr als fünfzig Quadratmeter große Wohnzimmer, mit Fenstern, die vom Boden bis zur Decke reichen, besitzt sehr viel mehr von der typisch kalifornischen Atmosphäre, die das Licht willkommen zu heißen scheint, auch wenn sich an der Front darüber ein freitragender Balkon befindet, der allzu viel direkte Sonneneinstrahlung verhindern soll. Dieser große Raum vermittelt ein Gefühl fließender Leichtigkeit und behaglichen Komforts. Er ist so weit von Lübeck entfernt, wie man es sich nur vorstellen kann."

Außerdem: Die taz dokumentiert ein Gespräch mit der Schriftstellerin Jasmina Kuhnke, das noch vor deren Absage ihres Auftritts auf der Frankfurter Buchmesse geführt wurde.  Im Tagesspiegel spricht die kanadische Comiczeichnerin Kate Beaton über ihre Arbeit. Im großen Gespräch mit Dlf Kultur spricht Gert Loschütz über seinen Roman "Besichtigung eines Unglücks". Anna-Sophia Lang besucht für die FAZ das "Open Books"-Festival auf der Frankfurter Buchmesse. Die Frankfurter Buchmesse findet zwar statt, aber die Atmosphäre ist deutlich luftiger als in den Jahren vor Corona, merkt Judith von Sternburg in der FR an. Auch David Hugendick fragt sich auf ZeitOnline, wo hier eigentlich das Publikum ist.

Besprochen werden unter anderem Tsitsi Dangarembgas "Überleben" (Intellectures), Julia Francks "Welten auseinander" (taz), Roberto Bolaños "Die Eisbahn" (Welt), Lorenz Jägers Heidegger-Biografie (taz), Dave Eggers' "Every" (Dlf Kultur), neue Bücher über das Ruhrgebiet (Freitag), Louise Browns "Was bleibt, wenn wir sterben" (Freitag), Hillary Clintons und Louise Pennys Thrillers "State of Terror" (FR), Lisa Taddeos "Animal" (SZ) und António Lobo Antunes' "Bis die Steine leichter sind als Wasser" (FAZ).
Stichwörter: Toibin, Colm, Mann, Thomas

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.10.2021 - Literatur

Für die taz spricht Ralph Trommer mit Jean-Yves Ferri, dem Szenaristen des neuen Asterix-Abenteuers (mehr dazu hier). Mythologische Aspekte stehen diesmal deutlich im Vordergrund, ist Trommer aufgefallen. Nähert sich der Comic der Fantasy an? "Wie René Goscinny bin ich von historischen Schriften ausgegangen, diesmal von Herodot, der aus einem heute verschollenen Epos des Aristeas von Prokonnesos zitiert. Darin erzählt Aristeas unter anderem von Amazonen, die gegen Greifen kämpfen, um an das von diesen gehütete Gold heranzukommen. Diese Quelle war die wichtigste Grundlage für die neue Geschichte. Neben paläontologischen Fossilienfunden im Eis, die möglicherweise die Vorstellung von Greifen inspiriert haben."

Außerdem: Penguin hat sich die deutschen Rechte an den Romanen des Literaturnobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah gesichert, meldet unter anderem der Standard. Die FR plaudert mit Wolf Biermann unter anderem über Gott und dessen "Bodenpersonal". Im Standard spricht Amira Ben Saoud mit dem österreichischen Schriftsteller Elias Hirschl über dessen Generalabrechnung mit dem System Sebastian Kurz (unser Resümee). Gerrit Bartels schlendert für den Tagesspiegel beim kanadischen Pavillon auf der Frankfurter Buchmesse vorbei. Für die FAZ schickt Tilmann Spreckelsen Skizzen von der Buchmesse. In der SZ gratuliert Tobias Lehmkuhl der literaturwissenschaftlichen Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter zum 60-jährigen Bestehen. Außerdem bringt ZeitOnline zur Buchmesse einen ganzen Blumenstrauß von Gedichten, Essays und Geschichten diverser Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

Besprochen werden unter anderem Simone de Beauvoirs Nachlassroman "Die Unzertrennlichen" (NZZ), Lee Lais Comic "Steinfrucht" (Tagesspiegel), Helmut Böttigers "Die Jahre der wahren Empfindung" über die deutsche Literatur der Siebziger (Freitag), Emine Sevgi Özdamars "Ein von Schatten begrenzter Raum" (FAZ), Lajos Kassáks Autobiografie (Freitag) und Michael Köhlmeiers "Matou" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2021 - Literatur

Auf in die verschneite Ukraine: "Asterix und der Greif" (Les Éditions Albert René / Goscinny - Uderzo/Egmont Ehapa)

Heute erscheint das neue Asterix-Abenteuer "Asterix und der Greif". Es ist der bereits fünfte Band des neuen Teams Jean-Yves Ferri und Didier Conrad, die ihre Helden diesmal nach Ost-Europa führen und dabei auch Michel Houellebecq einen prominenten Auftritt als Geografen spendieren. Das liegt wohl vor allem an dessen Roman "Karte und Gebiet", aber wohl auch an "Ausweitung der Kampfzone", spekuliert Andreas Platthaus in der FAZ, denn in diesem Band "dringen die römischen Legionen in Regionen vor, die nie zuvor ein antiker zivilisierter Mensch gesehen hat, weshalb sie gesammelt als Barbaricum bezeichnet wurden. Natürlich werden Asterix und seine Freunde als Widerstandskämpfer gegen Rom von einem der angegriffenen barbarischen Völker zu Hilfe gerufen, konkret den Sarmaten - als Handlungsort ist damit am ehesten die Ukraine bestimmt, aber aktuelle politische Anspielungen verkneift sich Ferri."

Und taugt der Comic denn? "Die Spannung wird unerträglich, wenn durch die klirrende Nacht Grummelgrogrumm-Töne schallen, die den Römern das Blut gefrieren lassen", versichert uns jedenfalls Stefan Brändle im Standard. "Das genaue Studieren dieses Comic-Eastern lohnt sich", schreibt Martin Zips in der SZ, dem die Augen übergehen angesichts der detaillierten Zeichnungen: "Wann entdecken auch die deutschen Pinakotheken den Wert dieser Comic-Kunst?" Im Tagesspiegel bietet uns Ralph Trommer Einblicke ins multimediale Groß-Franchise, zu dem sich auch Asterix längst ausdifferenziert hat (zu erwarten sind für die nächste Zeit ein neuer Trickfilm und eine Netflix-Serie). Zudem hat Trommer bei den beiden Machern nachgefragt, wie so ein Asterix-Band eigentlich entsteht.

Außerdem: Judith von Sternburg berichtet in der FR vom Auftakt des Festivals "Open Books". Besprochen werden unter anderem William Melvin Kelleys "Ein Tropfen Geduld" (Perlentaucher), Tsitsi Dangarembgas "Überleben" (NZZ), Terézia Moras "Fleckenverlauf" (online nachgereicht von der FAZ), Stefan Schomanns "Auf der Suche nach den wilden Pferden" (Freitag), Ferdinand Schmalz' "Mein Lieblingstier heißt Winter" (FR), Andreas Pflügers Krimi "Ritchie Girl" (Presse), Bei Daos autobiografisches Buch "Das Stadttor geht auf" (SZ) und Simone de Beauvoirs "Die Unzertrennlichen" (FAZ).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.10.2021 - Literatur

Sehr passend findet es Dirk Knipphals im taz-Kommentar, dass Antje Rávik Strubel just in dem Moment den Deutschen Buchpreis für ihren Roman "Blaue Frau" erhielt (unser Resümee), als Bild-Chef Julian Reichelt wegen Vorwürfen des Machtmissbrauchs gegenüber untergebenen Frauen entlassen wurde: "Etwas von einer Richtungsentscheidung schwingt hier schon mit. Um Missverständnisse auszuschließen: Sie besteht keineswegs darin, dass es hier und heute unbedingt ein #MeToo-Roman sein musste. Sondern vielmehr darin, dass es angesichts der Lage um so einen literarischen Ernst geht, der 'Blaue Frau' tatsächlich durchweht, und um hohe Einsätze in der literarischen Form. Die Form - die oft gleitenden Übergänge aus der Gegenwart in die Erinnerung, die genau beschriebenen Details und wie abgelauschten Dialoge -, sie lässt einen bei der Traumaverarbeitung der Hauptfigur, die die ganze Zeit über im Zentrum bleibt, stets am Ball bleiben."

Außerdem: Christoph Schröder (ZeitOnline), Gerrit Bartels (Tagesspiegel) und Miryam Schellbach (SZ) berichten vom Auftakt der Frankfurter Buchmesse. Björn Hayer (FR) und das das Feuilleton des Standard gratulieren Elfriede Jelinek zum 75. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Ulrike Draesners Langgedicht "Doggerland" (Berliner Zeitung), Sasha Marianna Salzmanns "Im Menschen muss alles herrlich sein" (online nachgereicht von der FAZ), Barbi Markovićs "Die verschissene Zeit" (Freitag), Hans-Ulrich Treichels "Schöner denn je" (Freitag), eine Albert Uderzo gewidmete Ausstellung im Musée Maillol in Paris (Welt), Maaza Mengistes "Der Schattenkönig" (SZ) und Catherine Mavrikakis' "Der Himmel über Bay City" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2021 - Literatur

Am Abend ist Antje Rávik Strubel mit dem Deutschen Buchpreis für ihren Roman "Blaue Frau" ausgezeichnet worden. In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus der Autorin zu Auszeichnung und der Jury zu dieser glänzenden Entscheidung: "Strubel erzählt über einen ganzen Kontinent hinweg und auch quer über die Grenzen unserer Sicherheiten. Das ist voraussetzungsreich, und gerade das macht die Auszeichnung so erfreulich. Hier ist eine Lanze gebrochen worden für herausfordernde Literatur. Es gab schon bequemere Entscheidungen." SZ-Kritikerin Marie Schmidt sieht hier "eine formal und ästhetisch anspruchsvolle Erzählung gewürdigt, die in einer von der Metoo-Bewegung sensibilisierten Öffentlichkeit wahrscheinlich besser verstanden wird, obwohl sie der Selbstreflexivität ihres Schreibens wegen in jüngeren Debatten nicht aufgeht." Die Zeit hat Miryam Schellbachs Rezension des Romans online nachgereicht. Gerrit Bartels (Tagesspiegel) und Dlf Kultur haben die Autorin für ein erstes Gespräch vors Mikrofon bekommen.

Thomas Hummitzsch von Intellectures findet Strubels Dankesrede sensationell: "Weil sie sich darin unmissverständlich und sprachgewandt gegen das 'Gezerre und Gezeter' wendet, das um die Sprache geführt wird. ... Sprache sei beweglicher und wandelbarer, als die Gesellschaften in ihren Gewohnheiten.'" Hier ihre Dankesrede in voller Länge:



Die deutsche Gegenwartsliteratur befasst sich wieder verstärkt mit der Elterngeneration, bemerkt Dirk Knipphals im taz-Essay zur Frankfurter Buchmesse. Insbesondere auf Sasha Marianna Salzmanns "Im Menschen muss alles herrlich sein" kommt er dabei ausführlich zu sprechen. Neu ist das natürlich an sich nicht, wohl aber, "dass viele der aktuellen Romane eine Begegnung mit den Eltern beschreiben, über alle Fremdheiten zwischen den Generationen hinweg. Es geht nicht mehr nur darum, das Leben der Eltern nachzuvollziehen. Zumindest unter ihrer Oberfläche inszenieren diese Romane vielmehr so etwas wie Gesprächsangebote an die Elterngeneration. Und sie beschreiben immer auch die Schwierigkeiten, dieses Gespräch dann aber tatsächlich auch ehrlich und offen zu führen."

Paul Jandl erinnert in der NZZ sehr kurzweilig an den Literaturbetrieb der Siebziger, als Rolf Dieter Brinkmann Mordfantasien ventilierte, auch ansonsten Radikalismen aller Art an der Tagesordnungen waren und Thomas Bernhard seinem Verlag schwer auf der Tasche lag: "Der literarische Kosmos flog in die Luft. ...  Weil es so nicht mehr weitergeht, geht in diesen Siebzigern alles."

Außerdem: In der taz bringt Simone Schlindwein dem deutschsprachigen Publikum die Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga nahe, die kommenden Sonntag mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird (siehe dazu auch unseren gestrigen Efeu oder Thekla Dannenbergs Kolumne "Wo wir nicht sind"). Im FR-Gespräch mit Judith von Sternburg macht sich die Schriftstellerin Dorothee Elmiger für eine politisch verstandene Sprachästhetik stark. Im Standard gratuliert Bert Rebhandl Elfriede Jelinek zum 75. Geburtstag, den die Schriftstellerin morgen feiert.

Besprochen werden unter anderem Te-Ping Chens Storyband "Ist es nicht schön hier" (SZ), Jenny Erpenbecks "Kairos" (taz), Richard Powers' "Erstaunen" (Tagesspiegel), Yukiko Motoyas Erzählband "Die einsame Bodybuilderin" (Freitag), Stephan Thomes "Pflaumenregen" (FR), John le Carrés postumer Thriller "Silverview (SZ) diverse Lyrikbände (Freitag) und John von Düffels "Die Wütenden und die Schuldigen" (FAZ).

Außerdem bringen SZ und taz heute ihre Literaturbeilagen zur Frankfurter Buchmesse, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2021 - Literatur

Am Sonntag erhält die Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Ihr Kollege Ilija Trojanow erinnert sich in der FAZ daran, wie er um 1990 nicht nur ihren Roman "Nervous Conditions", sondern auch Chenjerai Hoves "Bones" und damit zwei Bücher, "die exemplarisch waren für die zwei Hauptrichtungen der afrikanischen Literaturen", ins Deutsche übertrug. Während Hoves Sprache "sich am korrekten britischen Idiom rächt", repräsentiere Dangarembga "eine andere, weiter verbreitete Richtung: das Vertrauen auf die Mittel des bürgerlichen europäischen Romans samt seinen aufklärerischen Prinzipien und dem Fokus auf individuelle Schicksale. ... Als Roman steht 'Der Preis der Freiheit', wie der erste deutsche Titel lautete, durchaus in der Tradition von Jane Austen und anderen englischen Erzählerinnen. Seine Stärke liegt in der präzisen und feinfühligen Beobachtungskunst, sein Erfolg verdankt sich nicht zuletzt der Möglichkeit, sich mit der Hauptfigur zu identifizieren, selbst wenn man aus einem ganz anderen Land stammt und sogar (Wunder über Wunder) ein anderes Geschlecht hat."

Zehn Jahre Erfahrungsanhäufung, ein Medizinstudium und ein Praktikum im Botanischen Garten brauchte Julia Franck, um ihr neues Buch "Welten auseinander" zu vollenden, erzählt die Schriftstellerin im FR-Gespräch. Unter anderem setzt sie sich in dem Buch mit dem Erinnern anhand von Dokumenten auseinander: "Da sind die Tagebücher meines Vaters, auch meine eigenen. Als ich die wieder las, entdeckte ich Dinge, die ich so gar nicht in Erinnerung hatte." Auch geht es "um meine Großmutter und ihre Stasi-Verbindungen, über die sie nicht sprechen wollte. Ich musste diese Akten lesen, um zu erfahren, in welcher Weise und in welchem Zeitraum sie mit denen zusammengearbeitet hat."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel spricht Antje Rávik Strubel über ihren Roman "Blaue Frau", dem Freitag-Rezensent Michael Hametner erhebliche Chancen beim Deutschen Buchpreis ausrechnet. Für das Comicblog des Standard spricht Karin Krichmayr mit der Autorin und Zeichnerin Liv Strömquist. In der "Buchbesuch"-Reihe des Dlf Kultur findet sich die Schriftstellerin Felicitas Hoppe zum Plausch in der Küche von Wiebke Porombka ein. Hinter der spanischen Thrillerautorin Carmen Mola steckt in Wahrheit ein Dreiergespann von TV-Autoren, berichtet Karin Janker in der SZ aus Madrid. Paul Jandl meldet in der NZZ jüngste Vergehen und Ordnungsverstößte von Michel Houellebecq und Peter Handke. In der Welt berichtet Daniel Friedrich Sturm von der Ankunft von Thomas Manns Flügel im Thomas-Mann-Haus in Los Angeles. Der Schriftsteller Marcel Beyer sucht für die FAS in Sibiren nach dem deutschen Verhältnis zum Schnee.

Besprochen werden unter anderem Nicole Seiferts "Frauen Literatur" (Standard), Norbert Gstreins "Der zweite Jakob" (online nachgereicht von der FAZ), Elif Shafaks "Das Flüstern der Feigenbäume" (NZZ), Edgar Selges "Hast du uns endlich gefunden" (Tagesspiegel), Svealena Kutschkes "Gewittertiere" (Freitag), Dave Eggers' "Every (taz) und neue Hörbücher, darunter Werner Herzogs von ihm selbst gelesener Roman "Das Dämmern der Welt" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Norbert Hummelt über Arne Rautenbergs "das neue gedicht":

"ich mailte einem arrivierten
mein neuestes gedicht
er schrieb zurück
..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2021 - Literatur

Mangelnde Repräsentanz von Frauen gibt es auch im Deutschen Literaturarchiv Marbach, wie man aus dem Gespräch erfährt, das Mara Delius für die Literarische Welt mit der Leiterin des Literaturarchivs Sandra Richter führte. Es geht dabei auch um Fragen der Archivführung, was als überlieferns- und archivierenswert angesehen wird: Nur 15 Prozent der Nachlässe im DLA stammen von Frauen. "Die Zahlen dokumentieren ein seit etwa 1750 währendes Ungleichgewicht. Frauen haben aber seit der neuen Frauenbewegung" in den Siebzigern "auch für ihre eigene Entdeckung und Archivierung gesorgt." Es gelte, "diese unterschiedlichen Archive zusammenzudenken - für eine Literatur- und Ideengeschichte, in der das Geschlecht kein Diskriminierungsgrund ist." Dazu passend rezensiert Eva Behrendt in der taz Nicole Seiferts Sachbuch "Frauen Literatur", in dem die Autorin sich genau diesem Sachverhalt widmet.

Für den Freitag spricht der Schriftsteller Christoph Peters mit Nadia Wassef, die vor 20 Jahren in Kairo die feministische Buchhandlung "Diwan" eröffnet hatte (hier unser Resümee des Gesprächs, das die taz vor kurzem mit Wassef geführt hat) und über ihre Erfahrungen nun ein Buch veröffentlicht hat: "Die Tausende von Büchern, die wir ausgewählt, angeboten und verkauft haben, sind so etwas wie das Inhaltsverzeichnis unserer Suche nach Ägypten, nach uns selbst und nach Antworten auf die unendlich verzwickten Herausforderungen, vor die unser durchgedrehtes Bewusstsein uns immer wieder neu stellt. Dieses Buch - die Geschichte von Diwan - ist auch so etwas wie eine Liebeserklärung an mein Ägypten."

Salman Rushdie veröffentlicht derzeit seinen neuen Roman - und zwar auf eigene Faust in Form einer Serie via kostenpflichtigem Abo auf der Newsletterplattform Substack. Am Ende wird man zwar mehr als das Doppelte des im Handel üblichen Preises für den Roman hingelegt haben, stellt Peter Praschl in der Literarischen Welt fest. Doch dafür hat man "das Gefühl, Zeuge einer literarischen Revolution zu werden." Denn Rushdie ist ja kein Newcomer, der "Reputationsmanagement" betreiben müsste. "Deswegen war die Nachricht von seinem Newsletter-Roman so elektrisierend. Ist das eine Entmachtung der Branche? Eine Revolution des literarischen Veröffentlichens?"

Weitere Artikel: Um 1900 hat das Fahrrad seinen ersten Auftritt in der Literatur, schreibt Doris Akrap in der taz. In der "Langen Nacht" des Dlf Kultur widmet sich Elke Pressler der Schriftstellerin Marlen Haushofer. Immer mehr Sachbücher wenden sich der jüngeren Vergangenheit zu, stellt Marc Reichwein in der Literarischen Welt fest. In seiner Kolumne für die Literarische Welt erinnert sich Georg Stefan Toller an den 2007 gestorbenen Schriftsteller Jakov Lind. Die FAZ dokumentiert Ralph Dutlis Dankesrede zur Auszeichnung mit dem Deutschen Sprachpreis der Henning-Kaufmann-Stiftung.

Besprochen werden Thomas Kunsts "Zandschower Klinken" (online nachgereicht von der FAZ), Hannah Lühmanns "Auszeit" (taz), Catherine Mavrikakis' "Der Himmel über Bay City" (Dlf Kultur), Hillary Clintons und Louise Pennys "State of Terror" (Standard), PeterLichts Debütroman "Ja okay, aber" (taz), Sven Regeners "Glitterschnitter" (NZZ), Edgar Selges "Hast du uns endlich gefunden" (SZ), Simon de Beauvoirs "Die Unzertrennlichen" (Literarische Welt) und Ulf Erdmann Zieglers "Eine andere Epoche" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2021 - Literatur

Hilmar Klute erinnert in der SZ an die Zeit als die Verlage noch Mumm in den Knochen hatten und konfrontative Auseinandersetzungen nicht gescheut haben, statt vorab "sensitivity reader" ins Haus zu holen - etwa als rund um Böll noch munter die Fetzen flogen. "Die Aufregung, die damals von literarischen Texten ausging, hatte eine ähnliche Schärfe wie heute. Aber es gab einen Unterschied: Verlage und Autoren waren mutig. ... Heute hat sich in deutschen Verlagen Angst eingenistet. Lektoren und Verleger fürchten, zum Gegenstand aggressiver Identitätsdebatten zu werden. Die Fragen, die man sich stellt: Darf man eine Erzählung, in der Gewalt beschrieben wird, noch drucken? Braucht es einen Aufkleber für Leserinnen und Leser, die sensibel sind? Geht ein Roman, in dem ein Reaktionär ungefiltert reaktionäres Zeug redet, in Ordnung ohne textkritischen Anhang?"

Geschichten schreibt er nur noch für sich selbst, bekennt der Schriftsteller Tijan Sila in einer Glosse auf Facebook - denn selbst namhafte Autoren machen mit Erzählungsbänden kaum nennenswerte Auflagen. Literatur werde wohl ein Inselphänomen wie Jazz, fürchtet er: "Menschen im Literaturbetrieb sind leider irgendwann auf dem billigen Fusel der 'Aktualität' und 'Relevanz' hängengeblieben, am 'speaking to the moment'. Bücher und Schriftsteller sollten nicht mehr cool sein, sondern 'klug', und jetzt haben wir den Salat, da Twittermenschen sowie Kolumnisten und Kolumnistinnen sich als die ultimativen Schlaubischlümpfe etabliert haben, und ihren Krumen rennen Schriftsteller:innen hinterher: Ich kenne Leute, die sich vor dem nächsten Roman den Kopf darüber zerbrechen, was in 3-4 Jahren ein 'aktuelles, relevantes' Sujet hergeben wird. Dude, fuck that shit, sage ich dazu."

Das israelische Lesepublikum verpasst nichts, wenn Sally Rooneys aktueller Roman nicht ins Hebräische übersetzt werden sollte, kommentiert Julie Burchill in der Welt. Im Spiegel-Kommentar fragt sich  Samira El Ouassil, warum Rooney - wenn sie schon beteuert, dass ihr die hebräische Sprache am Herzen liege - ihren Roman nicht ins Hebräische übersetzen lässt und online frei verfügbar ins Netz stellt. Doch so "wertet sie ein ganzes Land und seine Bevölkerung ab, die mit politischen Entscheidungen der Regierung gleichgesetzt werden."

Weitere Artikel: Sehr zufrieden ist Adam Soboczynski in der Zeit mit dem Literaturnobelpreis für Abdulrazak Gurnah: Dessen "Sprache ist provozierend einfach, betont schnörkellos und unprätentiös, von einer so schlichten Schönheit, die sich nur jemand erlaubt, der sich nichts beweisen muss. Der Schrecken der Gewalt zeigt sich in diesen Romanen selten in der Gewalttat, eher in den Details, die ihr vorausgehen." Im Dlf Kultur porträtiert Sabine Adler Kira Jarmysch, Alexej Nawalnys Pressesprecherin und seit kurzem auch Romanautorin. In der Welt plaudert Golo Maurer über sein Buch über Goethes Italienreisen. Cornelius Wüllenkemper widmet sich im Literaturfeature des Dlf Kultur der indigenen Literatur Kanadas.

Besprochen werden Tsitsi Dangarembgas "Überleben" (Freitag), Roberto Bolaños "Die Eisbahn" (Dlf Kultur), Angela Lehners "2001" (Freitag), Hannelore Cayres Krimi "Reichtum verpflichtet" (Dlf Kultur), Nataša Krambergers "Verfluchte Misteln" (Freitag) sowie Hillary Clintons und Louise Pennys Thriller "State of Terror" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2021 - Literatur

"Absurd unausgewogen" findet Marion Löhndorf in der NZZ Sally Rooneys Entscheidung, ihren Roman nicht von einem israelischen Verlag ins Hebräische übersetzen zu lassen. Die Autorin steht der BDS-Bewegung nahe (hier und hier unsere Resümees). "Will sie nun aus politischen Gründen auch auf Übersetzungen ins Chinesische, Arabische und Russische verzichten? Der Zustand der Menschenrechte in vielen anderen Ländern mit ihren großen Märkten bekümmert die Autorin offenbar nicht. In einer Welt, in der sich viele Nationen vieles zuschulden kommen lassen und in der antisemitische Äußerungen und Aktionen wieder zunehmen, irritiert ihre Entscheidung: Beruht sie auf Dummheit, Bigotterie oder verdecktem Antisemitismus? Abstoßend ist sie allemal."

Ähnlich klingt es im Zeit-Kommentar von Iris Radisch: "Die politisch so empfindsame Autorin veräußert ihre Übersetzungsrechte in das Land der Ajatollahs und Dissidentenmörder, aber nicht in das Land der Holocaustopfer und ihrer Nachfahren. ... Literatur, die dazu da ist, Menschen zu verbinden, wird im scheinmoralischen Kulturkampf zur Waffe, die keinerlei erkennbaren Nutzen hat."

"Superhelden waren schon immer schwul", schreibt Matthias Heine in der Welt und lässt damit die Luft raus aus der allgemeinen Begeisterung darüber, dass Supermans Sohn sein Coming-Out als bisexuell hat. Der Unterschied: Früher arbeiteten Comics mit Codes und Anspielungen, doch Subtexte reichen heute nicht mehr aus. Ein blinder Fleck aber bleibt, schreibt Heine: Auch bei Superman bleibt die Liebe in der eigenen Klasse. "Die größere Revolution wäre gewesen, wenn Supermans Sohn sich in eine bibeltreue ungelernte Fabrikarbeiterin aus dem mittleren Westen, die gerade von ihrer Oxycontinsucht genesen ist, verliebt hätte. Aber soweit ist die Welt noch nicht."

Außerdem: In der NZZ erinnert der Schriftsteller Richard Swartz an den 2017 verstorbenen Verleger Egon Ammann. In seinem Intellectures-Blog legt uns Thomas Hummitzsch die Manga von Taiyo Matsumoto ans Herz. Für die Welt hat sich Hannes Stein in New York mit Alexander Wolff getroffen, der ein Buch über die Geschichte seines Großvaters - des Kafka-Verlegers Kurt Wolff - geschrieben hat. Die FAZ dokumentiert eine von Christoph Hein im Marbacher Literaturarchiv gehaltene Rede zu Nachworten.

Besprochen werden unter anderem Martina Hefters Lyrikband "In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen" (SZ), Julia Francks "Welten auseinander" (Dlf Kultur, Welt) und Olga Tokarczuks "Übungen im Fremdsein" mit Essays und Reden (FAZ). Der Zeit erscheint mit ihrer Buchmessenbeilage.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2021 - Literatur

In helle Aufregung versetzte gestern die Medienwelt Sally Rooneys Entscheidung, ihren dritten Roman, "Schöne Welt, wo bist Du", zumindest vorerst nicht ins Hebräische übersetzen zu lassen (unser Resümee). Die Irish Times zitiert eine Pressemitteilung, in der die Schriftstellerin ihre Beweggründe noch einmal darstellt: Ja, sie unterstütze die BDS-Bewegung, nein, sie sei nicht generell gegen eine Übersetzung ihrer Bücher ins Hebräische: "Sollte ich einen Weg finden, diese Rechte im Einklang mit den Boykottrichtlinien der BDS-Bewegung zu verkaufen, wäre ich darüber sehr froh und stolz darauf." Was dann aber wohl darauf hinauslaufen müsste, dass sie einen Verlag außerhalb Israels findet, der ihr Buch ins Hebräische übersetzt, ohne dabei irgendwas mit Israel zu tun zu haben.

Kultureller Boykott, wie Rooney ihn betreibt, "verhindert einen kulturellen Transfer, er verhindert Kommunikation und Diskurs", kritisiert Miryam Schellbach in der SZ. "Damit wird Sally Rooney interessanterweise zur Zweiflerin an ihrem eigenen Roman, dem sie nicht zutraut, dass seine Handlung, seine Sprache, seine Ideale, für eine Welt einstehen könnten, die Rooney und andere mit ihrem Kulturboykott eigentlich erreichen wollen." Zudem fragt sich Schellbach, ob es nicht vielleicht gereicht hätte, wenn Rooney ihr Buch einfach in einem israelischen "Verlag am linken Rand des politischen Spektrums" veröffentlicht hätte.

In der taz hält Nele Sophie Karsten Rooneys Entscheidung (nach etwas langem Hin und Her) letzten Endes doch für "antisemitisch", denn es liegt darin "ein ausschließendes Moment für viele Juden und Jüdinnen, denen ein Kulturgut bewusst verweigert werden soll". Ein "Doppelstandard" zeichne sich ab: "Bislang ist von keinem anderem Land, dem Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, die Rede, in dem ihr dritter Roman lieber nicht veröffentlicht werden soll."

Themenwechsel: Literaturnobelpreis. Ist Abdulrazak Gurnah, dessen Romane bislang nur wenige deutsche Kritiker gelesen haben (unser Resümee), wirklich gut, fragt Nele Pollatschek mit Blick auf die von der Schwedischen Akademie durch ihre Begründung noch befeuerte Skepsis, dass sie ihre Entscheidung weniger aus literarischen, sondern aus ideologischen Gründen getroffen hat. Pollatscheks Antwort: Ja, Gurnah ist gut - und zwar gerade und besonders nach europäischen Literaturkriterien: "Da ist der sanfte Realismus einer George Eliot, in dem auch die unsympathischste Figur noch eine psychologische Tiefe erhält - und kein noch so brutaler, sexuell-übergriffiger deutscher Offizier ohne die Erinnerung an einen verstorbenen Bruder mit poetischen Ambitionen auskommen muss. Da sind Schnurrbärte und Haartrachten und Nebenfiguren, denen eine 'Verliebtheit in den Geruch von Holz' (besotted with the smell of wood) zugeschrieben wird und deren verschwenderische Beschreibungen an Zadie Smith erinnern und damit in verlängerter Tradition an Charles Dickens. Da ist eine junge Frau, die lesen will und schreiben und wort-Virginia-Woolf-wörtlich a room of her own. Da ist diese ganze Ambivalenz, die wir modernen Europäer so vergöttern."

Außerdem: Im Dlf Kultur spricht Colson Whitehead über seinen neuen Roman "Harlem Shuffle". Peter Richter schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Literaturwissenschaftler Jost Hermand.

Besprochen werden unter anderem Marie NDiayes "Die Rache ist mein" (Dlf Kultur), Stephan Thomes "Pflaumenregen" (FAZ), Ariane Kochs Romandebüt "Die Aufdrängung" (ZeitOnline), J.K. Rowlings neues Kinderbuch "Jacks wundersame Reise mit dem Weihnachtsschwein" (SZ) und Maxim Billers "Der falsche Gruß" (FAZ).