Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

1390 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 139

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.08.2018 - Literatur

Die Zeit, als Judith Herrmann empfindsame Mittelschichtskinder mit offenen Beziehungsfragen und Massive Attack Auto fahren ließ, ist auch schon wieder zwanzig Jahre her, fällt SZ-Kritikerin Marie Schmidt auf. Die Antwort auf die Frage, wie es um diese Form Literatur heute steht, will Schmidt an zwei Neuerscheinungen ermitteln: Dirk von Petersdorffs "Wie bin ich denn hierhergekommen" und "Gefährten" der dänischen Autorin Christina Hesselholdt, Romane, in denen noch immer Beziehungsfragen in eher wattierteren Lebensumständen gewälzt werden: "Ausweislich dieser beiden Romane hat das beflissene Bewusstsein der Kulturmenschen für die Konfliktträchtigkeit und Verschiedenheit der Welt am 'Wie unter Wasser'-Lebensgefühl nichts grundsätzlich geändert. Die Käseglocke des westlichen Selbstgefühls hat sich nicht gehoben, es staut sich jetzt aber schlechtes Gewissen darunter an, ein schlimmer Verdacht gegen das eigene Wohlergehen. So etwas kann sich schlimmstenfalls zu Verlustängsten auswachsen."

Weitere Artikel: Für The Quietus spricht Robert Bright ausführlich mit dem Schriftsteller John Burnside unter anderem über dessen Arbeitsweise, kindlich-romantische paganistische Sichtweisen und die Magie der Sprache. In der FAZ perspektiviert Karl Heinz Götze die französischen Cevennen als Sehnsuchtsort der deutschen Literatur, unter anderen bei Ludwig Tieck, Moritz Hartmann und Gertrud von Le Fort. Thomas Urban schreibt in der SZ zum Tod des Schriftstellers Witali Schentalinski.

Besprochen werden die Wiederveröffentlichung von James Baldwins "Beale Street Blues" (ZeitOnline), Christoph Heins "Verwirrnis" (Berliner Zeitung), Taqi Akhlaqis Erzählband "Aus heiterem Himmel" (NZZ), Martina Hefters Gedichtband "Es könnte auch schön werden" (FR), Dietmar Krugs "Die Verwechslung" (Standard), der Briefwechsel 1938 bis 1971 zwischen Ernst Kreuder und Horst Lange (Tagesspiegel), Reiner Kunzes Gedichtband "die stunde mit dir selbst" (SZ) und Verena Roßbachers "Ich war Diener im Hause Hobbs" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.08.2018 - Literatur

Die Feuilletons trauern um den im Alter von 85 Jahren verstorbenen Literaturnobelpreisträger V.S. Naipaul, der uns uns die Welt zeigte "wie sie war, nicht wie wir sie gerne hätten", schreibt etwa Arno Widmann in der FR voller Bewunderung für den Schriftsteller und Essayisten, der immer wieder auch harsch kritisiert wurde: "Warum war er nicht solidarisch mit den Erniedrigten und Beleidigten? Warum redete er von Gustave Flaubert und Joseph Conrad und nicht von indischen Autoren? Er habe, hieß es, bei seinem Aufstieg immer mehr den kolonialen Blick angenommen. Tatsächlich zeigt Naipaul nicht nur die Zerstörungen des Kolonialismus - auch nicht zuletzt die seelischen -, sondern er zeigt auch immer wieder, dass es den Menschen des einstigen britischen Empire nach dessen Zerstörung nicht besser ging. Er zeigt es, nicht indem er es behauptet, sondern indem er die Leute sprechen lässt über sich und ihre Leben. Der Plural war ihm wichtig. Naipaul verachtete Kollektive. Er verachtete nicht seine Herkunft."

Übelgenommen wurde Naipaul vor allem die Wahrheit in seiner Literatur, glaubt Burkhard Müller in der SZ: "Denn diese Wahrheit erweist sich meist als hässlich." In der FAZ bekräftigt Paul Ingendaay die sperrigen Aspekte in Naipuals Persönlichkeit: Naipaul war zwar "ein harter, kompromissloser, eitler und oft mürrischer Mann und entsprechend unbeliebt bei vielen Kollegen", doch völlig unabhängig davon ein begnadeter Autor mit "schlackenfreiem Stil": "Unübersehbar: sein rasender, durchaus uncharmanter Scharfsinn, die zähe Energie und unerschöpfliche Neugierde." Mit dem Begriff "Weltliteratur" hätte man ihm daher gar nicht kommen zu brauchen, unterstreicht Marko Martin in der Welt. "Wer verstehen will, wie es Flüchtlingen und Migranten geht, muss Naipaul lesen, diesen kauzigen, verschlossenen und schonungslosen Analysten der entwurzelten menschlichen Seele", schreibt Donimic Johnson in der taz. Wir müssen uns Naipaul "als einen verdammt tapferen Menschen" vorstellen, schließt Gregor Dotzauer seinen Nachruf im Tagesspiegel, der auch an die Kontroversen um Naipaul im postkolonialen Diskurs erinnert: "Naipaul legte sich mündlich wie schriftlich mit jedem an, der es ihm wert war. Wenn Edward Said ihm vorwarf, er sei in Bezug auf den Islam eine 'intellektuelle Katastrophe', schoss er zurück, indem er erklärte, Said habe weder Ahnung von Literatur noch entscheidende Länder der islamischen Welt wie den Iran oder Indonesien bereist."

Im Standard umkreist Karl Ove Knausgard die Frage, warum Schriftsteller so selten Hunde haben und gute Schriftsteller erst recht keinen: "Manchmal denke ich, (...) dass die Literatur ein Ort ist, an dem man sich ohne Furcht vor dem Vater und dem Gesetz des Hundes entfalten kann. Dass die Literatur die Arena der Feigen ist, das Kolosseum der Furchtsamen, dass Schriftsteller eine Art Gladiatoren der Erbärmlichkeit sind, die zu Salzsäulen erstarren, wenn ein Hund sie anbellt, aber zurückschlagen und sich behaupten und auf ihr Recht pochen, sobald sie allein sind."

Besprochen werden Maxim Billers "Sechs Koffer" (online nachgereicht von der Welt), Martin Ondaatjes "Kriegslicht" (Berliner Zeitung, Tagesspiegel, die Welt hat ihr Gespräch aus der Wochenendausgabe online nachgereicht), Kathrin Schmidts Gedichtband "waschplatz der kühlen dinge" (FR), Christoph Heins "Verwirrnis" (FR), Zülfü Livanelis "Unruhe" (SZ), Gianna Molinaris "Hier ist noch alles möglich" (Standard), Melanie Raabes Thriller "Der Schatten" (Standard) und eine Jubiläumsausgabe von Benjamin von Stuckrad-Barres Debütalbum "Soloalbum" (Tagesspiegel).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Julia Trompeter über Lina Atfahs "Lin und Leila und der Wolf":

"Zwei Mädchen aus Honig, Schlummer, Armreifrascheln.
Zwei Mädchen, deren nächtliches Lächeln das Morgenherz flaumleicht schloss.
..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.08.2018 - Literatur

Früher "lyrisches Cinemascope" im "urbanen Nirgendwo-Deutschland", heute existenzielle Hochkultur-Sensibiliät in Wien: Wolf Wondratschek wird in wenigen Tagen 75, erfährt derzeit eine Neuausgabe seiner Werke im Ullstein Verlag und wird also von Gregor Dotzauer im Tagesspiegel nicht ganz unkritisch gewürdigt. Wobei der Bruch in Werk und Habitus des Dichters für Dotzauer nur dem ersten Anschein nach so einschneidend ist, darüber hinaus gebe es aber "heimliche Kontinuitäten": "Biografisch ist es die lang eingeübte Vereinbarkeit des scheinbar Unvereinbaren. ... Literarisch liegt die Kontinuität in einem nichtauthentischen Schreiben und Sprechen, Den existenziellen Schmerz, den es verhandelt, hält es sich durch Rollen, Posen und Spiegelgestalten vom Leibe. Im breitbeinigen Western-Pathos der frühen Gedichte machte das, das drohende Ersaufen im gefühlstriefend Heroischen eingeschlossen, einen Teil seiner Modernität aus."

Weitere Artikel: Im Dlf-Feature befasst sich Birgit Morgenrath mit dem Schriftsteller Dogan Akhanli. Im "Lyriksommer" des Dlf Kultur sprechen Gunhild Kübler und Heinz Ickstadt über die Dichterin Emily Dickinson. Wieland Freund hat sich für die Literarische Welt mit Michael Ondaatje getroffen, dessen neuer Roman "Kriegslicht" in Zeit und FAZ besprochen wird. Marko Martin porträtiert in der Literarischen Welt den argentinischen Schriftsteller Marcelo Figueras. Außerdem bringen die FAZ Zinaida Lindéns Erzählung "Eine gute Europäerin", die im Zusammenhang des Freiraum-Projekts des Goethe-Instituts entstanden ist, und die Literarische Welt veröffentlicht David Foster Wallace' Essay "Über das Schreiben".

Besprochen werden unter anderem Maxim Billers "Sechs Koffer" (taz, Welt), Roberto Bolaños Romanfragment "Der Geist der Science-Fiction" (NZZ), Bastien Vivès' Comic "Eine Schwester" (taz), Anna Goldenbergs "Versteckte Jahre (Standard), die Neuauflage von Alberto Breccias Comicadaptionen von H.P. Lovecrafts Horrorgeschichten (Jungle World), Klaus-Jürgen Liedtkes "Nachkrieg" (FR), Michel Decars "Tausend deutsche Diskotheken" (taz), Albertine Sarrazins "Der Ausbruch" (NZZ), Jan Bachmanns Comic "Mühsam: Anarchist in Anführungsstrichen" (Freitag), Christine Zureichs "Garten, Baby!" (FR), Wanda Marascos "Am Hügel des Capodimonte" (SZ) und die Tolkien-Ausstellung in der Bodleian Library in Oxford (NZZ).
Stichwörter: Wondratschek, Wolf, Lyrik

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.08.2018 - Literatur

Tom Kuhn berichtet im Logbuch Suhrkamp von seiner Erfahrung, in den letzten Jahren gemeinsam mit David Constantine Betrolt Brechts Gedichte ins Englische übersetzt zu haben: "Vor uns lag die Herausforderung, uns in unterschiedlichen Formen und Stimmen zu äußern, und in unserem Versuch, an Brechts sprudelnde Kreativität, sprachlichen Erfindungsreichtum und politische Empörung heranzureichen, haben wir mit unserer eigenen poetischen Sprache gerungen. Eindringlich ist uns wieder und wieder klar geworden, wie aktuell diese Gedichte sind. Bei manchen können sich einem die Nackenhaare zu Berge stellen, als wären diese Zeilen gestern geschrieben worden."

Besprochen werden Maxim Billers "Sechs Koffer" (Tagesspiegel, SpOn, NZZ, Spex), die Wiederveröffentlichung von James Baldwins "Beale Street Blues" (Standard), Daan und Thomas Heerma van Voss' Thriller "Zeuge des Spiels" (SZ) sowie Flix' Comicalbum "Spirou in Berlin" (FAZ).
Stichwörter: Lyrik, Brecht, Bertolt

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.08.2018 - Literatur

In einem großen Dossier auf ZeitOnline äußern sich die Schriftstellerinnen und Schriftsteller Max Czollek, Özlem Özgül Dündar, Sandra Gugić , Mehdi Moradpour und Ronya Othmann im Zuge von #MeTwo über rassistische Erfahrungen im Literaturbetrieb. Max Czollek skizziert das Problem mit der "Zuweisung von Adjektiven", die oft eben auch eine Selbstzuweisung ist: "Ob Frauenliteratur oder Migrantenroman, Straßenrap oder Judenlyrik - das alles sind Labels, unter denen potenzielle Leser*innen eine Kunst erwarten, die als authentisch apostrophiert wird. Bei diesem Karneval der Kulturen spielen wir Künstler*innen häufig die Rolle, die man uns vorgibt. ... Die Adjektivliteratur wiederholt gerade jene Ausschlüsse, gegen die sich eine feministische, jüdische, migrantische, postmigrantische oder afrodeutsche Kritik ursprünglich zur Wehr setzte, als sie die Besonderheit und Nichtidentität der eigenen Perspektive betonte, um einer befürchteten 'kulturellen Aneignung' zuvorzukommen. Wenn wir mit diesem Bezug auf Identitäts- und Authentizitätsdiskurse nicht das Loch gegraben haben, in das wir mit der Adjektivliteratur fallen, dann haben wir zumindest einige Schaufeln besorgt."

In der NZZ erinnert sich der rumänische Schriftsteller Norman Manea an seinen Freund Philip Roth: "Wenn ich aus all den Qualitäten und Widersprüchlichkeiten, die Philip Roth vor seinen Zeitgenossen auszeichneten, eine auswählen müsste, dann wäre es seine hartnäckige Zurückweisung des Banalen, Gewöhnlichen, eines durch den schieren Alltag dumpf gewordenen Bewusstseins. ... Nichts darf den freien Gebrauch der Vorstellungskraft, der schöpferischen und der individuellen Freiheit hemmen - jener Kräfte, die den Erzfeinden der Kreativität die Stirn bieten und sie besiegen. Roth hat diese Energien von Anfang an ins Spiel gebracht."

Besprochen werden unter anderem Lisa McInerneys Kriminalroman "Glorreiche Ketzereien" (FR), Minetaro Mochizukis Comic "Chiisakobee" (SZ), Steffen Menschings "Schermanns Augen" (SZ) und Katharina Adlers "Ida" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.08.2018 - Literatur

In NYR Daily erinnert Francis Wade daran, wie unerschütterlich Ngugi wa Thiong'o für die Literatur in afrikanischen Sprachen kämpft und daran, wie gut es die Briten verstanden, Englisch als Instrument ihrer Herrschaft einzusetzen: 1835 plädierte der einflussreiche Whig-Politiker Thomas Babington Macaulay dafür, dass die britische Verwaltung in Indien nicht länger die Veröffentlichung von Büchern in Sanskrit und Arabisch unterstützen sollte. 'Wir müssen alles geben', schrieb er, ' eine Klasse herauszubilden, die als Übersetzer zwischen uns und den Millionen dienen kann, über die wir regieren; eine Klasse von Menschen, indisch nach Blut und Farbe, aber englisch in Geschmack, Moral und Intellekt.'"

In der FAZ trauert der Dichter Jan Wagner um seinen verstorbenen Kollegen und Freund, den irischen Dichter Matthew Sweeney, dessen Werke er ins Deutsche übertragen hat. "Alle Begegnungen mit Matthew Sweeney waren auch Audienzen bei einer schier grenzenlosen Imaginationskraft, bei der Fabulierlust eines Mannes, der wusste, dass die Welt nie ist, was sie scheint, und dass man als Dichter eingeladen ist, sie zu verwandeln, mit ihr zu spielen. ... Viele der Sweeneyschen Gedichte haben eine brillante anekdotische Qualität, auch eine dramatische Seite, denn das Schlüpfen in Rollen ist ja eines der Vergnügen dieser Lyrik." Im Dlf Kultur hat Wagner über Sweeney gesprochen.

Auf der Seite Drei der SZ porträtiert Hilmar Klute den französischen Schriftsteller Olivier Guez, dessen Roman "Das Verschwinden des Josef Mengele" in Frankreich im letzten Jahr ein großer Erfolg war und der nun auch auf Deutsch erscheint: Guez erzählt darin "die Biografie eines mittelmäßigen Charakters, der in Auschwitz zum Meister eines perversen Todeskabinetts wurde. ... Er hat seinen Mengele zu unserem Mengele gemacht, zu einem Prototypen europäischer Geschichte, die aus der Gelehrtenkammer direkt in die Hölle führte. Einer wie Mengele, der aus einer kulturell interessierten Familie stammte, dessen eine Frau Kunsthistorikerin war, ein Wissenschaftler, ein Musikliebhaber mit einem humanistischen Beruf, dem des Arztes. 'Mengele ist ein Sohn der europäischen Zivilisation', sagt Olivier Guez."

Weitere Artikel: Dass Florjan Lipus als erster slowenischsprachiger Schriftsteller mit dem österreichischen Staatspreis geehrt wird, deutet NZZ-Autor Paul Jandl als "melancholisches Signal". "Der Fontane-Leser hat gelernt, sich auf das Wort 'still' näher einzulassen, und er ist dann nie enttäuscht worden", schreibt Christian Thomas in der FR. Jan C. Behmann spricht für den Freitag mit Christian Haller über dessen Autobiografie. In Bayreuth wurde die Debatte um Eugen Gomringers Gedicht "avenidas" nochmals aufgerollt, berichtet Michael Stallknecht in der NZZ. Manuela Kalbermatten schreibt in der NZZ darüber, wie Kinder- und Jugendbücher alternative Familienmodelle aufgreifen.

Besprochen werden unter anderem Maxim Billers "Sechs Koffer" (FR), Michel Decars "Tausend deutsche Diskotheken" (SZ), Brigitte Reimanns "Post vom schwarzen Schaf. Geschwisterbriefe" (Zeit), der dritte Teil von David B.s und Jean-Pierre Filius Comic "Die Besten Feinde - Die Geschichte der Beziehungen der Vereinigten Staaten mit dem Nahen Osten" (Tagesspiegel) und Franz Fühmanns Briefe (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.08.2018 - Literatur

Im Freitext-Blog auf ZeitOnline meditiert der Schriftsteller Friedrich Ani über den Bayer in Zeiten von 30.000 Leute starken Anti-CSU-Demos in München. Christian Eger erinnert in der Berliner Zeitung an die Geschichte des Intelligenzbad Ahrenshoop, der sich die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für Ideengeschichte widmet. Der Tagesspiegel schreibt zum Tod des irischen Lyrikers Matthew Sweeney.

Besprochen werden unter anderem Maxim Billers "Sechs Koffer" (Standard), Nicole Krauss' "Waldes Dunkel" (NZZ), Manuele Fiors Comic "Die Tage der Amsel" (taz), Nick Drnasos Comic "Sabrina" (Freitag), Varujan Vosganians Erzählband "Als die Welt ganz war" (Standard), Joe Ides Thriller "Stille Feinde" (Standard), Jan Koneffkes Gedichtband "Als sei es dein" (Tagesspiegel), Matthias Heines Sprachstudie "Letzter Schultag in Kaiser-Wilhelmsland" (Tagesspiegel) und Julia von Lucadous Debütroman "Die Hochhausspringerin" (FAZ).
Stichwörter: Sweeney, Matthew

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.08.2018 - Literatur

Der Philologe Hans Richard Brittnacher durchstreift für die FAZ die Begriffswelt von "noir", mit dem im Buchhandel derzeit fast inflationär drastische Kriminalromane ausgewiesen werden. Der Krimi, schreibt er, ist längst im post-optimistischen Zeitalter angekommen, in dem gewiefte Gauner und gentlemen-artige Ermittler britischen Einschlags nur noch hausbacken wirken: "Noir-Krimis haben ihre Impulse ... auch aus den Korrekturen der literatur- und kulturgeschichtlichen Programmatiken des letzten Jahrhunderts bezogen. Die Einsicht, dass alles, was geschieht, auch anders hätte geschehen oder unterbleiben hätte können, aber sich keinesfalls zwangsläufig aus Vorangegangenem entwickelt hat, führt zur Anerkennung einer unerklärlichen, das heißt aber auch literarisch oder ästhetisch schwer erträglichen Bedrohlichkeit."

Überhaupt, der Optimismus, der sich angeblich verflüchtigt: Dass in Film und Literatur die Dystopien fröhliche Urständ' feiern, hat manchen Kommentator zuletzt befürchten lassen, dass der stete Konsum solcher Werke in Resignation münde. Alexander Sperling winkt in der FAZ ab: Wenigstens die literarischen Dystopien sind nämlich längst nicht mehr so schwarzweiß wie noch zu Orwells Zeiten. "So gesehen sind Dystopien deutlich optimistischer, als es die vorschnelle Diagnose eines 'Radikalpessimismus' vermuten ließe. Und ist dieser einseitige Boom nicht gerade Ausdruck einer Gesellschaft, die deutlich mehr zu verlieren als noch zu gewinnen hat? Immerhin entfaltet utopisches Denken jenseits der westlichen Welt nach wie vor sein großes Kraftpotential. Statuserhalt als letztmögliche Utopie des gesättigten Abendlandes?"

Weitere Artikel: Hannah Lühmann führt in einem online nachgereichten Artikel aus der Literarischen Welt durch die Welt der Online-Buchclubs, die weibliche Stars zuletzt vermehrt ins Leben rufen.

Besprochen werden unter anderem Maggie Nelsons "Bluets" (taz), Waguih Ghalis "Snooker in Kairo" (FR), das von Christoph Buchwald und Nico Bleutge herausgegebene 32. Jahrbuch der Lyrik (SZ) und Dan Chaons Thrillers "Der Wille zum Bösen" (FAZ). Außerdem präsentieren Dlf Kultur und die FAS die Krimibestenliste des Monats (an der auch Perlentaucherin Thekla Dannenberg mitwirkt).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Ralph Dutli über Welimir Chlebnikows Gedicht "Ich bin gestorben und in Lachen ausgebrochen"

"Ich bin gestorben und in Lachen ausgebrochen.
Das Große ist einfach klein, das Kleine groß geworden.
..."
Stichwörter: Noir, Dystopie

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.08.2018 - Literatur

Soll man das Internet ausdrucken und als buchstäbliche Weltliteratur anbieten? Felix Philipp Ingold winkt in der NZZ angesichts solcher und ähnlicher Plagiats- und Kopie-Experimente, wie sie unter anderem Kenneth Goldsmith vorschlägt, um eine von neuen Medientechnologien gestützte neue Avantgarde zu bilden, lustlos ab: "Die 'unkreative', mithin autorlose Herstellung eines sekundären Makrotexts bleibt ohne Sinn und Witz, solang nicht geklärt und erprobt ist, was damit zu geschehen hat, worin sein Nutzungs- und Unterhaltungspotenzial besteht, wie und wieso man ihn überhaupt rezipieren, also 'lesen' sollte. Doch dies scheint Goldsmith weniger zu kümmern als die Technik derartiger unpersönlicher Textproduktion und die dadurch bewirkte Entmächtigung des Autors als 'Schöpfer von Neuem' − ein Minuseffekt, der einerseits zur Entlastung der Literaten (Erzähler wie Dichter) beitragen und anderseits die Funktion literarischen Schreibens völlig neu definieren würde. ... Doch wo bleibt die Literatur, die dem Zeitgeist nicht adäquat ist, ihm vielmehr zuwiderläuft, sich markant von ihm absetzt, ihn souverän konterkariert − eine Literatur, die nicht unbedingt zeitgemäß sein will und somit die Chance behält, über die Gegenwart hinaus wirksam zu bleiben?"

Weitere Artikel: Im Freitext-Blog auf ZeitOnline schreibt Katerina Poladjan über ihre Eindrücke eines bislang achtmonatigen Istanbul-Aufenthalts. Für die NZZ besucht Rainer Moritz die letzte verbliebene deutschsprachige Buchhandlung in Paris. Im Standard verflucht die Schriftstellerin Julya Rabinowich die literarische Muse, die allenfalls On/Off-Beziehungen führt. Martin Reichert besucht den früheren "Tatort"-Kommissar Peter Sodann, der in einem alten Rittergut Bücher aus der DDR sammelt. Angela Schader meldet in der NZZ, dass das US-Literaturmagazin The Strand eine bislang unbekannte Kurzgeschichte von Ernest Hemingway veröffentlicht.

Besprochen werden unter anderem Cixin Lius "Der dunkle Wald" (taz), Mana Neyestanis Comic "Die Spinne von Maschhad" (Tagesspiegel), Jonathan Eigs Biografie von Muhammad Ali (Tagesspiegel), Julia von Lucadous Debütroman "Die Hochhausspringerin" (FR), Denis Johnsons Erzählband "Die Großzügigkeit der Meerjungfrau" (ZeitOnline), Walter Kaufmanns "Die meine Wege kreuzten" (Freitag), neue Editionen der Schriftstellerin Marina Zwetajewa (NZZ), Marcel Prousts "Les Poèmes / Die Gedichte" (NZZ), Francisco Cantús "No Man's Land" (SZ), der Briefwechsel zwischen Roman Jakobson und Claude Lévi-Strauss (Welt) und der von Anne-Christin Saß, Verena Dohrn und Britta Korkowsky herausgegebene Band "...die Nacht hat uns verschluckt" mit Texten jüdischer Autoren im Berlin der 20er- und 30er-Jahre (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.08.2018 - Literatur

Besprochen werden unter anderem William T. Vollmanns Reportageband "Arme Leute" (NZZ), die von Lina Muzur herausgegebene Textsammlung "Sagte sie - 17 Erzählungen über Sex und Macht" (SZ), Flix' Comic "Spirou in Berlin" (Berliner Zeitung) und neue Bücher über Alexander Humboldts Reisetagebücher (SZ).