Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
September 2024
30.09.2024. Albert Serras Stierkampf-Doku "Tardes de Solidad" hat beim Filmfestival San Sebastiàn gewonnen: Die taz sieht hier sowohl den Heroismus des Torrero als auch das Leid des Stiers. Die FAZ taucht bei Eva-Maria Höckmayrs Dresdner Inszenierung der Faust-Oper "Mefistofele" ab in Arigo Boitos von "düsterer Glut" durchdrungene Musik. Die FAZ trauert in der Berliner Berkéwicz-Villa der einstigen Größe des Hauses Unseld nach. Und: Kris Kristofferson ist tot.
28.09.2024. In der FAZ denkt Maria Stepanova über ihren Versuch nach, die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zu rekonstruieren - und über Putin. Die FR bewundert die Arbeiten der Fotokünstlerin Akosua Viktoria Adu-Sanyah in Frankfurt. Der Tagesspiegel stellt die myanmarische Punkband The Rebel Riot vor. Kirill Serebrennikov inszeniert Verdis "Don Carlo" in Wien als protestgebeutelten Familienzwist, so die FAZ. Auch der Standard berichtet. Und: Maggie Smith ist gestorben. Erste Nachrufe auf eine Ikone, der nur die Queen das Wasser reichen konnte, in NZZ und Guardian.
27.09.2024. Die taz verheddert sich in den 300 Kilometern an blutroten Schnüren, die die Künstlerin Chiharu Shiota in den Stollen des KZs Ebensee aufgehängt hat. Mit Library Music von Peter Thomas begibt sich die taz auf eine Noise-Forschungsreise. Krieg wird weder besser, wenn Frauen ihn führen, noch, wenn er ästhetisiert wird, gibt die FAZ Jeanine Tesori mit auf den Weg, die mit ihrer Oper "Grounded" die Saison an der Met eröffnet hat. Standard und Zeit Online tänzeln bestens schlecht gelaunt mit The Cure durch den Herbstnebel.
26.09.2024. Zum Hundertsten von Siegfried Unseld erinnert sich Jürgen Habermas in der Zeit an einen Verleger und Freund, der wochenlang darüber nachdenken konnte, ob sich Max Frisch über einen kostbaren Teppich freuen würde. Ebenfalls in der Zeit erklärt der Lyriker Michael Lentz die Unverständlichkeit von Herbert Grönemeyers Texten: Es ist ein Morsecode. Monopol bewundert im dänischen Humblebaek Franz Gertschs monumentalen Pestwurz. Und die FR überlegt mit Alexandre Ajas Horror-Kammerspiel "Never let go", ob es die Monster im Wald wirklich gibt.
25.09.2024. Die FR erliegt in Potsdam dem farbkrachenden Frühwerk von Maurice Vlaminck. Der Tagesspiegel macht es sich derweil auf der Biennale in Lyon zwischen Gürteltieren mit Hundekopf gemütlich. Die Welt kann sich in Hamburg wieder mit Carl Orff anfreunden, wenn Calixto Bieito ihn als Tanztheater der Geschlechterkämpfe inszeniert. Im Tagesspiegel denkt Hengameh Yaghoobifarah über queere Literatur nach. Die Feuilletons gratulieren Michael Douglas, dem Trüffelschwein für Stoffe, zum Achtzigsten.
24.09.2024. Die taz begreift in Wiesbaden die Literatur in den Werken der Fluxus-Künstlerin Alison Knowles. Die SZ erfährt von der israelischen Hip-Hop-Sängerin Noga Erez, wie der Krieg in ihrer Musik alles Verspielte zersplittert. Auf Backstage Classical ruft die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv ihrem Land zu: Tschaikowsky kann nichts für Putins Gewaltorgien. Und in Frankfurt versucht Jens-Daniel Herzog einen wenig martialischen Kleist auf die Bühne zu bringen, freut sich die FR.
23.09.2024. In Calixto Bieitos Inszenierung von Carl Orffs szenischer Kantate "Trionfi" an der Hamburger Staatsoper werden Schwäne gebraten und viel gesoffen - ein Skandal ist das aber nicht, findet die SZ. In der FAZ widerspricht der Literaturagent Matthias Landwehr dem Klett-Cotta-Verleger Tom Kraushaar: Die Buchbranche ist ganz und gar nicht gesund! Außerdem amüsiert sich die FAZ beim Pariser Festival für ungewöhnliche Filme. Die taz besucht die 84-jährige Jazzmusikerin Rosemarie Förster.
21.09.2024. Die NZZ hebt ab bei Bayreuth Baroque: Countertenortriller mit nacktem Unterleib und unerhört reich kolorierten Gefühlsausbrüchen. Da kann Jan-Christoph Gockels Frankfurter "Faust"-Inszenierung nicht ganz mithalten. Die FR schwingt die Hufe zur comichaften Tanzmusik von Los Bitchos. Die Filmkritiker begutachten Francis Ford Coppolas selbstfinanziertes Alterswerk "Megalopolis" - für die Welt ein Meisterwerk des Scheiterns. Die taz besucht das das Literaturfestival Meridian Czernowitz. Die NZZ feiert mit Matisse das Glück des Lebens.
20.09.2024. Tagesspiegel und taz applaudieren Stéphanie di Giusto, die so diskret vom Leben der bärtigen Französin "Rosalie" im 19. Jahrhundert erzählt. Die Berliner Zeitung lässt sich im Potsdamer Minsk Museum von Noah Davis' gemalten Alltagsszenen verstören. Die SZ erkundet mit Eva-Maria Bertschy am Zürcher Theater in präzisen Miniaturen die Kolonialgeschichte der Schweiz. Und die Welt erliegt der ganzen Wucht von Bob Dylan in 27 Alben mit Aufnahmen aus dem Jahr 1974.
19.09.2024. Die taz beobachtet im Museum Morbroich, wie Jef Verheyen und Johanna von Monkiewitsch versuchen, das Licht einzufangen. Die Zeit lernt in fünf bisher unbekannten Briefen Kleist als konspirativen Kriegsberichterstatter kennen. Außerdem sehnt sie sich zurück nach jener Zeit, als es sich die Kunst nicht rundum im Safe Space bequem machte. Die Filmkritiker freuen sich zwar, dass Ellen Kuras die Fotografin Lee Miller würdigt, aber musste es unbedingt ein Biopic sein? Der Standard kämpft mit Manu Chao auf Eierschneidern gegen Klimawandel und Neoliberalismus.
18.09.2024. Der Perlentaucher lässt sich in den Wiener "Problembezirk" Favoriten entführen, wo Ruth Beckermann für ihren Dokumentarfilm über mehrere Jahre hinweg Schüler begleitet hat. Apropos Favoriten: Die Literaturkritiker schließen Wetten ab, wer das Rennen um den Deutschen Buchpreis macht. ZeitOnline fragt sich mit Albert Oehlen in Hamburg, wie der Computer unser Leben verändern wird. Die taz sehnt sich zurück nach den robusten Brücken der Römer. Und die SZ fiebert aufgeregt dem neuen Köchelverzeichnis entgegen.
17.09.2024. In der SZ erklärt die französische Schriftstellerin Neige Sinno, weshalb sie ihr Buch auch aus Sicht ihres Vergewaltigers geschrieben hat: Das Böse muss ausbuchstabiert werden. Der SZ fehlt außerdem Christoph Schlingensiefs "fröhliche Ideologiezerstörung", an die eine Ausstellung in Berlin erinnert. Der Tagesspiegel zieht den Hut vor Demi Moore, die in Coralie Fargeats Film "The Substance" waghalsige Jugendexperimente eingeht. Anastasia Trofimowas "Russians at War" zeigt der FAZ: Auch für russische Soldaten ist Putin der Feind. Aktualisierung: Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis ist da!
16.09.2024. Die taz erlebt bei Frank Castorfs Inszenierung von Hans Falladas Roman "Kleiner Mann - was nun?" am Berliner Ensemble "zu Brillanz aufgepeitschte" Schauspieler. Die nachtkritik findet: zu viel Ideologiekritik und zu wenig Struktur. Die FAZ empfiehlt den Machern der neuen Mafia-Serie "Tulsa King" mit Sylvester Stallone, sich voll und ganz auf den Instinkt ihres Hauptdarstellers zu verlassen. Die Welt schwebt über die Flickenteppiche des Künstlers Mark Bradford im Hamburger Bahnhof.
14.09.2024. Die Musikkritiker beugen sich über das neue Album der Antilopen Gang, die versuchen "Adorno auf eine Rap-Platte zu pressen", wie die FAS meint. Von der Choreografin Joana Tisckau lernt die FAS außerdem, was mit "Hasszination" gemeint ist. Wenn Thomas Bernhards Schimpftiraden am Burgtheater auf die Bühne kommen, sitzt der Standard gerne im Saal. Wie war eigentlich das Literaturjahr 1974, fragt sich die taz. Die FAZ blickt auf afghanische Kunst in Frankfurt und bewundert gar nicht langweilige Randkritzeleien in Bremen.
13.09.2024. Jahrmarktstimmung kommt für die FAZ in der großen Surrealismus-Ausstellung im Centre Pompidou auf. Der Standard bringt Machtmissbrauch am Theater in der Josefstadt ans Licht. Backstage Classical fragt sich, wieso der Dirigent John Eliot Gardiner trotz Skandalen so gut vernetzt ist. 54books entdeckt ostdeutsche Literatur, die sich der Ostalgie widersetzt. Die SZ gruselt sich angenehm beim Lauschen des apokalyptischen Die Nerven-Albums.
12.09.2024. Im Tagesspiegel hält Frank Castorf den AfD-Erfolg im Osten nicht nur für einen "animalischen" Akt der Rache des Ostens am Westen, sondern auch Europa für überschätzt. Der Tagesspiegel erkennt im Schinkel Pavillon außerdem: Sigmar Polke funktioniert auch hervorragend abseits des Mainstreams. Bilder, die man nicht mehr vergisst, sieht der Perlentaucher in Farahnaz Sharifis Essayfilm "My Stolen Planet", der Archivaufnahmen von tanzenden Frauen im Iran zeigt - bevor die Mullahs sie unter den Hijab zwangen. Die Zeit denkt derweil über Haare in der liberalen Gesellschaft nach. Und alle trauern um Caterina Valente, die Beyoncé ihrer Zeit, wie die taz schreibt.
11.09.2024. Darth Vader ist tot - oder zumindest seine Originalstimme James Earl Jones: Der Tagesspiegel huldigt dessen majestätischem Bariton. Die taz erfreut sich in Athen im Museum für Gegenwartskunst an Kernkompetenzen femininer Ästhetik. Das Blog Tag und Nacht blickt ins dunkle Haus der Schriftstellerin Shirley Jackson. Die Berliner Zeitung erinnert anlässlich einer Ausstellung an das Theater des Jüdischen Kulturbundes, das jüdischen Theaterleuten nach 1933 zwischenzeitig Beschäftigungsmöglichkeiten verschaffte.
10.09.2024. Monopol und Tagesspiegel lassen sich in drei Berliner Ausstellungen von den Puppen der Choreografin Gisele Vienne verstören, die in ihren Arbeiten dem Ursprung von Faschismus und Rassismus nachspürt. Der Tagesspiegel bewundert im Willy-Brandt-Haus außerdem, wie Annemarie Heinrich sich in ihren Fotografien Argentiniens Katholizismus und Machismo widersetzte. "Niemand will ein zweites Ungarn", sagt Matej Drlička, von der slowakischen Regierung geschasster Leiter des Nationaltheaters, im taz-Gespräch. Die FAZ liest der Musikkritik die Leviten. Und die NZZ lauscht gebannt dem Wettstreit zwischen Susanna Mälkki und Christian Thielemann beim Lucerne Festival.
09.09.2024. Pedro Almodóvars "The room next door" hat in Venedig den Goldenen Löwen abgeräumt: Eine "Verbeugung vor dem klassischen Schauspielkino", sieht der Tagesspiegel hier. Der FR ist selten ein klügerer und subtilerer Film über den Tod und das selbstbestimmte Sterben untergekommen. Die FAZ findet sich in Ulrich Rasches Inszenierung von Samuel Becketts "Warten auf Godot" in Bochum in einer Sphäre der "völligen Ort-und Zeitlosigkeit" wieder. Die Feuilletons trauern um die Künstlerin Rebecca Horn und den Bossa-Nova- und Samba-Musiker Sergio Mendes.
07.09.2024. Die FAZ dokumentiert die ILB-Eröffnungsrede der französisch-ruandischen Schriftstellerin Beata Umubyeyi Mairesse, die erzählt, wie sie dem Genozid der Hutu an den Tutsi entkam. Diese Rede zeigt, was Literatur vermag, erkennt der Tagesspiegel. "Kindesmissbrauch ist auch Gewalt gegen die Sprache", sagt die französische Schriftstellerin Neige Sinno, die von ihrem Stiefvater vergewaltigt wurde, im Welt-Interview. Einen gelungenen Auftakt der neuen Burgtheater-Ära unter Stefan Bachmann sehen die Theaterkritiker, wenn Karin Henkel gleich fünf Hamlets auf der Bühne spuken lässt. Der Tagesspiegel legt in den wiedereröffneten Rieckhallen mit Mark Bradford Schichten von Zuschreibungen und Lügen frei.
06.09.2024. Der Tagesspiegel erkennt in Göran Hugo Olssons Montagefilm zum Israel-Palästina-Konflikt: Geschichte wiederholt sich als Teufelskreis. Die FAZ ärgert sich, dass Aslı Özarslans Film "Ellbogen" erst ab 16 freigegeben wird. Die Welt lässt sich in den Deichtorhallen von Andrea Orejarenas und Caleb Steins Verschwörungstheorien in den Bann ziehen. Mit Bruckners Neunter legt Lahav Shani einen vielversprechenden Auftakt für die Leitung der Münchner Philharmoniker hin, freut sich die SZ. Die FAZ macht sich Gedanken zu "Farben als Distinktionsmerkmal."
05.09.2024. Es ist so weit: Heute würde Caspar David Friedrich 250 Jahre alt. In der FR erzählt Florian Illies, wie sehr Friedrich Goethe triggerte. Die Filmkritiker zündeln mit Todd Phillips und Lady Gaga zu Klassikern von Sinatra und Bacharach im Kopf des Jokers. Die Zeit erkennt in Düsseldorf: Anfangs liebte es Gerhard Richter "billig und banal". Backstage Classical sorgt sich um Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra, von dem jüngst nur noch Phrasen zu hören waren. In der taz befürchtet Helon Habila, Mitkurator des Internationalen Literaturfestivals Berlin, dass Verlage keine "ehrlichen, einfachen Geschichten" über Menschen aus Afrika wollen.
04.09.2024. Die österreichische Theaterwelt um Elfriede Jelinek und Milo Rau schlägt Alarm - die FPÖ plant im Falle eines Wahlsieges Katastrophales, auch für die Kultur, weiß die nachtkritik. Robert Longos in der Albertina ausgestellte Zeichnungen lassen Düsenjäger auf die Betrachter los, staunt der Standard. Luca Guadagninos Burroughs-Adaptation "Queer" spaltet in Venedig die Kritik: Der Tagesspiegel bejubelt Daniel Craigs verschlagene Performance, laut FR bleibt das Ganze im Illustrativen hängen. Zum 200. Geburtstag Anton Bruckners erinnern die Feuilletons an ein Werk, das laut Neues Deutschland vor allem in seiner Maßlosigkeit beeindruckt.
03.09.2024. Lars Henrik Gass verlässt nach siebenundzwanzig Jahren die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen: In der Welt spricht er über die beispiellose Hetzkampagne gegen ihn. Venedig: Der Tagesspiegel sieht in Brady Corbets Dreistünder "The Brutalist" über den Architekten László Tóth ein herausragendes "Monument des Schmerzes", der Filmdienst ist ebenfalls begeistert. Die NZZ taucht in der Albertina Wien ab in die albtraumhaften Welten des Künstlers Alfred Kubin. Die Nachtkritik freut sich, dass in Mizgin Bilmens Inszenierung von "Machbeth" in Darmstadt nicht so viel gemetzelt wird - der FR wird dafür zu viel gekreischt.
02.09.2024. SZ und FAZ entdecken in Lars Eidingers Fotografien im K21 in Düsseldorf die Absurdität des Alltäglichen. Jenny Erpenbeck wehrt sich im Standard gegen den Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der ihr "Ostdeutschtümelei" vorwirft. Der Nachtkritik werden bei Sven Holms Schönberg-Überschreibung "Ein Ermordeter aus Warschau" schwere Vorwürfe von Max Czollek und heftige Bässe um die Ohren gehauen. Die SZ hat die Nase voll vom "Dynamic Pricing" beim Konzertticket-Verkauf.