Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

März 2019

Tieftraurige Abrechnung

22.03.2019. Die Feuilletons gratulieren Anke Stelling, die gestern für ihre fiebrigen "Schäfchen im Trockenen" mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet wurde. In der taz erklärt der Musikethnologe Michael E. Veal, warum Wiederveröffentlichungen von Weltmusik so billig sind. So modern hat Dresden mal gesammelt, staunt der Tagesspiegel im Albertinum. Die SZ durchlebt mit Tschaikowskys "Jungfrau von Orleans" die Exaltationen einer Frauenseele. Die FAZ durchleidet mit Alberto Ginasteras Oper "Beatrix Cenci" Machtmissbrauch und sexuelle Perversionen in einer verrohten Gesellschaft.

Polyvalente Konstellationen

21.03.2019. Im Tagesspiegel zeigt Pophistoriker Simon Reynolds, wie die Liebe zur Musik jeden Mangel der Digitalisierung ausbügeln kann. Dezeen stellt die polnische Architektin Jadwiga Grabowska-Hawrylak vor, die für ihren Brutalismus gefeiert wurde, obwohl sie Brutalismus hasste. Die Filmkritiker begeistern sich für  Jordan Peeles Horrorfilm "Wir". Der Tagesspiegel besucht die polnische Kunstsammlerin Grazyna Kulczyk in einem Schweizer Dorf, wo sie ein Museum für ihre Sammlung feministischer Kunst eröffnet hat.

Hinten der Po, sehr meta

20.03.2019. Heute Abend beginnt die Leipziger Buchmesse. Die NZZ sieht im Auftritt des Gastlands Tschechien auch die ultimative Geste der Versöhnung. In Liberation schreibt Philippe Lançon über Rembrandt. Der Tagesspiegel  erkundet mit Luk Perceval in Gent, wie kolonialistischen Verbrechen auch den eigenen Blick zerstören. Und der Guardian meldet, dass die National Portrait Gallery dankend auf eine Millionenspende der Familie Sackler verzichtet. Und was richtig gut ist: Gebrannte Mandeln, wenn man mal 'ne Ente macht.

Einbettung in den Heiligenschein

19.03.2019. Die NZZ fragt nach der Ausstellung "Fotografinnen an der Front", warum die Verklärung des Krieges nicht mehr hinterfragt wird, wenn Frauen dieses Geschäft betreiben. Die FAZ fragt dagegen das Frankfurter Museum Angewandte Kunst, ob die Unterdrückung der Frau jetzt in Ordnung geht, wenn sie in kleidsamer islamischer Mode daher kommt. Die taz erlebt mit Talal Derkis Dokumentarfilm "Fathers and Sons" den erschreckenden Grad der Verrohung in Syrien. Und die Spex berichtet, wie Erdogans Behörden jetzt auch gegen Rap und HipHop vorgehen.

Mit expressiven Zacken

18.03.2019. Die taz freut sich über den Großen Kunstpreis für Renée Gailhoustet, die ihre Bauten durch Saint Ivry sur Seine so großzügig wuchern lassen konnte. Nach Exzess und Erschöpfung in der Kunst setzt die SZ mit Walter Dahn ganz auf Bescheidenheit. Der ungarische Theatermacher Arpad Schilling erklärt in der Welt das Besondere an der Ostfremdheit. Die Nachtkritik erlebt in einer Amsterdamer Inszenierung von Don DeLillos "Falling Man" eigentlich ganze Welten fallen. Tagesspiegel und Vanity Fair trauern um die verstorbene Pionierin des lesbischen Experimentalfilms, Barbara Hammer.

So viel Schönes von den Deutschen

16.03.2019. Fasziniert reisen die KritikerInnen in der Ausstellung "bauhaus imaginista" zu Bauhaus-Keimzellen von Kyoto über Moskau bis Kalkutta. Nur die SZ stöhnt: Wann ist endlich Schluss mit diesem unkritischen Bauhaus-Wahnsinn? Was ist eigentlich gute Literatur, fragt die taz. Literatur, die einen Überschuss an Sinn bietet, antwortet die NZZ. Die Welt fragt, weshalb schlechte Filme so schamlos subventioniert werden. Ziemlich indiskret findet die SZ die große New Yorker Frida-Kahlo-Ausstellung, die ihr mehr Körper als Kunst zeigt. Und alle trauern um Okwui Enwezor.

Impulse industrieller Niedlichkeit

15.03.2019. Die Welt erkundet den Post-Cyberfeminismus in einer Bakterienschale. Die NZZ badet in Farben. Die SZ würde lieber keinen Lorbeerkranz auf dem Haupt des antisemitischen Schriftstellers Kornél Döbrentei sehen. Der Antisemitismus Theodor Fontanes war kaum weniger ausgeprägt, wenn auch widersprüchlicher, notiert die Welt. Hannelore Schlaffer beklagt in der Stuttgarter Zeitung das Genuschel auf deutschen Bühnen. Pitchfork liegt der japanischen Bubblegumpop-Band Chai zu Füßen.

Man hatte Zeit, Geduld und Muße

14.03.2019. Die Zeit feiert die Unergründlichkeit der Schauspielerin Barbara Auer, die in Christine Reponds Beziehungsdrama "Vakuum" eine HIV-infizierte Ehefrau spielt. Zu viel individuelle Befindlichkeit moniert die taz in Małgorzata Szumowskas Filmsatire "Die Maske". Die NZZ stellt den tschechischen Schriftsteller Jaroslav Rudiš vor. Die New York Review of Books staunt über den Zorn, die Wut und Sturheit im zurückgebliebenen Anatolien in den 50er Jahren, das die Fotografin Yildiz Moran festgehalten hat.

Ich muss verschwinden und die Frau sein

13.03.2019. Die SZ feiert die hervorragende Schau von Kriegsfotografinnen im Düsseldorfer Kunstpalast. Der Tagesspiegel preist Magdeburg als Pionierin des Neuen Bauens. Die NZZ sieht die neue Freiheit der Kunst in der Zensur von unten.  In der Welt fürchtet der Drehbuchautor Maciej Karpinski eine neue Selbstzensur unter polnischen Filmemachern. Die taz spürt mit der Theatergruppe Gob Squad der Düsternis von Blackpool nach. Und in der FAZ reitet Dietmar Dath eine Attacke auf die Edelkunstkritik, die vor Hatusne Miku und den gerechneten Künsten kapituliert.

Die Wörter warten auf mich

12.03.2019. Der Guardian feiert die hervorragenden Recherchen der Fotografinnen Susan Meiselas und Laia Abril. NZZ und SZ  jubeln über Kirill Serebrennikows mutige und pointierte Hamburger "Nabucco"-Inszenierung, die Verdi mit dem Krieg in Syrien kurzschließt. Reinster Agitprop, meint dagegen die Welt. In der taz erkennt der flämische Schriftsteller Jerome Olyslaegers in der Geschichte das ewige Jetzt. Und in der SZ erfreut sich Herta Müller am Reichtum und der Freiheit in ihrer Schublade.

Vor Rembrandts Licht erschauern

11.03.2019. Die Mode hat die Eleganz wieder entdeckt, erkennt die SZ in Paris und packt ihre Balenciaga-Turnschuhe in den Schrank. Der Laufsteg führt junge Frauen übrigens schon lange nicht mehr in den Olymp des Glamours, weiß die NZZ, nur noch der Nepotismus. In der Berliner Zeitung zeigt sich Christoph Hein erleichtert, nicht mehr in der Rolle des Mahners überfordert zu werden. Der Standard misstraut dem neuen Trend zum spektakulären Doppel in Gemäldegalerien. Und die FAZ erlebt mit Nathalie Djurberg in der Schirn das nackte Grauen vor Kinderschändertapete.

Ein Traum von erfüllter Liebe

09.03.2019. Die Berliner Zeitung gruselt sich mit Sasha Waltz' Choreografie "Rauschen" auf das angenehmste vor der digitalisierten Welt. In Monopol erklärt Rein Wolfs, Leiter der Bundeskunsthalle, warum er an der geplanten Michael-Jackson-Ausstellung festhält. Die FAZ fragt skeptisch, wie das kuratorisch völlig unerfahrene Künstlerkollektiv Ruangrupa die Documenta stemmen will. Die NZZ lässt sich von dem russischen Dramatiker Artur Solomonow erklären, "Wie wir Josef Stalin beerdigten". In der taz fragt Zafer Şenocak, warum die deutsche Literatur die Geschichte der Einwanderer in den 50er bis 70er Jahren ignoriert. Die Musikkritiker feiern Kirill Petrenkos Tschaikowsky.

Ein erhabener Effekt

08.03.2019. Auf Zeit online erinnert die Schriftstellerin Annett Gröschner zum heutigen Frauentag daran, dass die DDR in Sachen Frauenrechte sehr viel fortschrittlicher war als der Westen. Die SZ rümpft die Nase über den Verein Deutsche Sprache, der in einem Aufruf "Schluss mit dem Gender-Unfug!" fordert. Der Guardian besucht die polnische Fotografin Joanna Piotrowska. Die Welt fordert die Bundeskunsthalle auf, ihre geplante Michael-Jackson-Ausstellung abzusagen. Die NZZ findet es dagegen absurd, Jackson aus dem Radio zu verbannen.

Späte Ächtung

07.03.2019. Nackte Männer sind genauso Objekte der Begierde in der Kunst wie nackte Frauen, lernt die Zeit in einer Londoner Ausstellung. Der Tagesspiegel freut sich über das optimistische, fast idealisierte Bild der  Schwarzen in Amerika, das Barry Jenkins in seiner Verfilmung des James-Baldwin-Romans "Beale Street" zeichnet. Darf man Michael Jackson noch hören, fragen die Musikkritiker. In Zeit online verteidigt Igor Levit die Akustik in der Elbphilharmonie.

Korporasi und Lumbung

06.03.2019. Dezeen, NZZ und SZ freuen sich über den Pritzker-Preis für Arata Isozaki, der so leckere karamellfarbige Doppeltorten backen kann. Die SZ sieht noch lange nicht alle Vorwürfe gegen die Schwedische Akademie geklärt, die in diesem Jahr zwei Nobelpreise vergeben wird. Der Standard besucht das kollektiv Ruangrupa in einem Ruru-Haus. Die Presse lernt vom Opernkomponisten Johannes Maria Staud, dass die Schönheit einer Partitur auch im Schriftbild liegt. ZDNet meldet das Ende von Blueray.

Ein Schlag in die Luft

05.03.2019. Die NZZ ärgert sich über den neuen Elitenfeminismus des Kinos. Der Guardian feiert die große Dorothea-Tanning-Schau in der Tate Modern. Die SZ geht beim malischen Baumeister Boubacar Kourmansse in die Schule der Lehmbauweise. ZeitOnline fragt die Buchhändler nach ihrem offenen Brief zu Takis Würger, seit wann man keine Literaturdebatten mehr führen darf. Die taz hüpft mit der Mode elegant über die Pfützen des Hasses.  Und alle bringen Nachrufe auf den Prodigy-Frontmann und Musikberserker Keith Flint.

Anspruchsvoll zeitgemäß

04.03.2019. Die NZZ lernt mit den Salvatores Vitales Fotografien, dass die Errungenschaften der Schweizer Sicherheitsindustrie vor allem eines schaffen: Sie machen Angst. Die taz lernt, wie man den Klang einer Stradivari digitalisiert. In der SZ bekundet Sandra Richter, dass sich das Marbarcher Literaturarchiv künftig auch mit der Narratologie von Computerspielen beschäftigen wird. Der Tagesspiegel erkennt im Orchester das paradoxe Gefüge aus Hierarchie und Gemeinschaftssinn. SpOn und Tagesspiegel feiern die Musikerin Solange und die Lässigkeit ihres Autorensouls.

Fast schon lexikalische Tiefe

02.03.2019. In der FAZ stellt sich Rolando Villazon leidenschaftlich hinter Daniel Barenboim. Laut taz stehen Ulrich Khuon und Klaus Lederer indes plötzlich nicht mehr hinter der von ihnen präsentierten Broschüre gegen den Kulturkampf von rechts. Die Kritiker von Natascha Süder Happelmann wollen erst gar nicht genannt werden, weiß die Welt. Walter Gropius war kein Frauenfeind und auch kein Nazi, ruft der Guardian. Der Filmdienst blickt hinter die verschlossenen Türen der privaten cinephilen BitTorrent-Tracker und hebt einen Schatz. Und die Welt erkundet die tschechische Literatur.

Manchmal bekommt die Welt Risse

01.03.2019. Als Ausstellung des Jahres und Kunstpflock im Brexit-Chaos feiern Berliner Zeitung und Tagesspiegel die große Schau "Mantegna und Bellini" in der Berliner Gemäldegalerie. Im Freitag fordert der Forscher Ludwig Fischer, dass Naturbuch-Autoren statt mit Bäumen zu plaudern auch das Bedrohliche der Natur erkennen. Der Filmdienst wünscht sich einen handfesten Streit über den Zustand der deutschen Filmszene. Und Dezeen weiß, unter welchem Berg Ötzi künftig liegen wird.